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Ruanda – The Day God Walked Away: Will man das überleben?

12 Jan

Le jour où Dieu est parti en voyage

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Die Tutsi Jacqueline (Ruth Nirere Shanel) arbeitet 1994 als Kindermädchen bei einer belgischen Familie in der Provinz von Ruanda. Als im April die mordlüsternen jungen Hutu-Männer ihr grausames Werk beginnen, flieht die Familie außer Landes. Jacqueline versteckt sich auf dem Dachboden, harrt dort still aus, während die Mörder draußen umgehen und drinnen das Haus plündern.

Flucht in den Dschungel

Nachdem die Männer weitergezogen sind, traut sich die junge Frau endlich, das Haus zu verlassen, um ihr eigenes Haus aufzusuchen und nach ihren zwei kleinen Kindern zu sehen. Doch sie findet die beiden nur noch tot auf. Während sie die Leichen wäscht, wird sie von einer Hutu-Frau entdeckt. Nicht einmal der Abschied von ihren toten Kindern wird ihr vergönnt, ihre ehemaligen Nachbarinnen verjagen sie ohne jedes Mitleid. Fotan versteckt sich Jacqueline im Dschungel, um zu überleben.

Mörder und Plünderer

Die groben Ereignisse rund um den Völkermord in Ruanda habe ich bereits in meiner Rezension von Raoul Pecks Kriegsdrama „Als das Morden begann“ (2005) dargelegt. Anders als „Hotel Ruanda“ (2004), „Als das Morden begann“ und „Shooting Dogs“ (2005), die allesamt in der Hauptstadt Kigali spielen, verlegt „Ruanda – The Day God Walked Away“ (2009) die Handlung in den ländlichen Raum. Das ist insofern löblich, als zweifellos viele wenn nicht die meisten der etwa 800.000 Opfer des Genozids in der Provinz lebten. Kigali war in den 1990er-Jahren ohnehin die einzige Stadt des ostafrikanischen Binnenstaats mit mehr als 100.000 Einwohnern.

Fokus auf eine Protagonistin

Darüber hinaus arbeitet diese Aufarbeitung der Ereignisse mit einem gegenüber den drei erwähnten Filmen deutlich kleineren Ensemble. Die Handlung konzentriert sich zu jeder Zeit auf Jacqueline, ihren Schmerz und ihren Überlebenswillen, aber auch die Todessehnsucht, die sie gelegentlich überkommt. Das steht und fällt mit der Schauspielkunst der Darstellerin, und an der ist überhaupt nichts auszusetzen. Jacqueline wird verkörpert von der nur selten als Schauspielerin tätigen ruandischen Sängerin Ruth Nirere Shanel, der man ihre mangelnde Erfahrung vor der Filmkamera zu keinem Zeitpunkt anmerkt. „Ruanda – The Day God Walked Away“ will keine historische Einordnung betreiben, keinen einzelnen Helden porträtieren wie „Hotel Ruanda“, nicht den dramatischen Konflikt zwischen Hutu und Tutsi in den Fokus stellen wie „Als das Morden begann“ und auch nicht die Tatenlosigkeit der internationalen Staatengemeinschaft anprangern wie „Shooting Dogs“. Hier geht es in erster Linie um das Überleben und den Schmerz einer Einzelperson. Er wird spürbar. So eignet sich das Kriegsdrama weniger als filmischer Einstieg, um etwas über den Völkermord zu erfahren. Wer das beabsichtigt, möge zuvor „Als das Morden begann“ schauen.

Todessehnsucht

„Ruanda – The Day God Walked Away“ markiert das Regiedebüt des belgischen Kameramanns Philippe Van Leeuw, dem er bislang lediglich eine weitere Regiearbeit folgen ließ. Ein wenig merkt man ihm die mangelnde dramaturgische Erfahrung an, wenn mal wieder eine Weile kaum etwas geschieht. Andererseits verleiht Jacquelines Ausharren im ruandischen Dschungel dem Werk eine gewisse meditative Kraft. Auch verzichtet das Kriegsdrama über weite Strecken auf musikalische Untermalung, was zur Intensität von Jacquelines Erleben beiträgt. Manchmal braucht es keinen dramatischen Score, um Dramatisches zu präsentieren. Sogar auf Action und Mordszenen verzichtet Van Leeuw. Auch das ist als gute Entscheidung zu werten, da es eben einzig um Jacquelines Leid geht.

Plakative Synchronisation der Mörder

Nicht anzulasten ist Van Leeuw die deutsche Synchronisation, die besonders bei den Dialogen der Täter arg plakativ herüberkommt. Ob die meisten Mörder 1994 wirklich in erster Linie mit ihren vergangenen Missetaten geprahlt haben? Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob die deutsche Synchronisation das von der Original-Tonspur übernommen hat. Der Umstand fällt glücklicherweise wenig ins Gewicht, da wir die Täter nur gelegentlich zu hören bekommen und der Film generell dialogarm inszeniert ist. Umso besser, dass Ruth Nirere Shanels beeindruckende Mimik und Gestik nicht durch eine missratene Synchronisation geschmälert werden.

Wird Jacqueline überleben? Will sie es überhaupt?

„Le jour où Dieu est parti en voyage“, so der Originaltitel, ist in Deutschland in der „Störkanal“-Reihe erschienen, die in der Digipack-Erstauflage auch ein Booklet mit einem Interview mit dem Regisseur sowie einen historischen Abriss des Völkermords enthält, mit digitalem Bonusmaterial aber leider geizt. Die deutsch synchronisierte Fassung des Films kann kostenlos und legal auf der Website und dem YouTube-Kanal des Internet-Streaming-Anbieters Netzkino angeschaut werden – mit einem kostenpflichtigen Abo auch werbefrei. Insgesamt haben mir „Als das Morden begann“ und „Shooting Dogs“ besser gefallen, aber „Ruanda – The Day God Walked Away“ ergänzt die Filme über den Genozid mit seinem völlig anderen Fokus und bereichert die cineastische Aufarbeitung der tragischen Ereignisse. „Als das Morden begann“ und „Shooting Dogs“ lieferten mit den letzten Einstellungen ein Minimum an Hoffnung auf ein Leben mit der Erinnerung. „Ruanda – The Day God Walked Away“ bietet mit der letzten Einstellung eher Resignation. Wie kann man auch an dem Erlebten nicht zerbrechen?

Veröffentlichung: 26. August 2011 als Blu-ray und DVD

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Le jour où Dieu est parti en voyage
F/BEL 2009
Regie: Philippe Van Leeuw
Drehbuch: Philippe Van Leeuw
Besetzung: Ruth Nirere Shanel, Lætitia Reva, Pierrick Le Pochat, Nirere Shanel, Pacifique Niyotwizera, Emmanuel Kayitaba, Ismael Dusengimana, Ruth Nirere, Mariam Mupenzi, Juliette Nsengiyumya, Lola Tuyaerts, Aphrodice Tyyizere, Afazali Dewaele
Zusatzmaterial: Trailershow, nur Digipack-Erstauflage: Booklet mit einem Interview mit Regisseur Philippe Van Leeuw sowie einem historischen Abriss des Völkermords
Label: I-On New Media GmbH (Störkanal-Edition)
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2022 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2011 I-On New Media GmbH

 
 

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2 Antworten zu “Ruanda – The Day God Walked Away: Will man das überleben?

  1. Christoph Wolf

    2022/01/13 at 21:56

    „Wie kann man auch an dem Erlebten nicht zerbrechen?“

    Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt, egal ob es dabei beispielsweise um Veteranen der verschiedenen Kriege oder Überlebende (auch Täter) der entsetzlichen Völkermorde des 20. Jahrhunderts geht. Wie kann es sein, dass irgendjemand Verdun, Stalingrad, Hamburg, Auschwitz, Srebrenica, Vertreibungen usw in der endlosen Liste seelisch ansatzweise unbeschadet überstanden hat? Wie kann ein Mensch ein ’normales‘ Leben führen, der so etwas erlebt hat? Ich bin dankbar, von solchen Erfahrungen verschont geblieben zu sein.

     
  2. Paul Hackett

    2022/01/12 at 16:34

    Der Film zeigt die Hoffnungslosigkeit und das Trauma der Menschen in Ruanda, die versuchten zu entkommen. Trotz minimalistischer Produktion geht der Film tief unter die Haut.

     

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