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Die brennenden Augen von Schloss Bartimore – Hammers erstes Frauenmonster

11 Jan

The Gorgon

Von Volker Schönenberger

Horror // Das deutsche Örtchen Vandorf wird vom mächtigen Schloss Bartimore überschattet (im Original Castle Borski). Um die Jahrhundertwende herum nistete sich dort ein todbringendes Monstrum aus uralter Zeit ein, das ständig auf neue Opfer lauerte.

In Vandorf residiert der Kunstmaler Bruno Heitz (Jeremy Longhurst), dem seine Verlobte Sascha (Toni Gilpin) für Aktbilder Modell sitzt. Als sie ihm eines Abends offenbart, von ihm schwanger zu sein, stürmt er hinaus, um ihren Vater zu sehen. Sascha folgt ihm ins Dunkel der Nacht.

Ein zu Stein erstarrter Leichnam

Anderntags bringt Inspector Kanof (Patrick Troughton) Saschas Leichnam zum Arzt und Rechtsmediziner Dr. Namaroff (Peter Cushing). Dessen Assistentin Carla Hoffmann (Barbara Shelley) bemerkt entsetzt, dass die Tote zu Stein erstarrt ist. Nicht der erste mysteriöse Todesfall, der sich in der Gegend um Vandorf in der jüngeren Vergangenheit ereignet hat. Kurz darauf wird Bruno Heitz erhängt im Wald entdeckt. Das Gericht kommt in Anwesenheit von Brunos Vater Professor Jules Heitz (Michael Goodliffe) zu dem Schluss, der Maler habe seine Freundin ermordet und daraufhin Selbstmord begangen. Der Professor will sich damit nicht abfinden und telegrafiert an Professor Karl Meister (Christopher Lee) von der Leipziger Universität, bei dem sich sein zweiter Sohn Paul Heitz (Richard Pasco) aufhält. Treibt eine der Gorgonen aus der griechischen Mythologie auf Schloss Bartimore ihr Unwesen?

Hammer Films!

Gedreht in den Bray Studios in der südenglischen Grafschaft Berkshire, weist „Die brennenden Augen von Schloss Bartimore“ alle Ingredienzien auf, welche die Filme der ruhmreichen Produktionsfirma Hammer Films in den 50er- und 60er-Jahren auszeichneten. Etwa die sorgfältig arrangierten Kulissen, die ihr Studiodasein nie verbergen können und so eine wunderbar artifizielle Atmosphäre erzeugen. Wir haben eine schöne Schauermär, die dem Hammer-Portfolio eine außergewöhnliche Kreatur hinzufügt. Sie stellt kein Rätsel dar, weshalb ich meine am Ende des vorherigen Absatzes formulierte Frage auch guten Gewissens als Aussage hätte formulieren können, ohne damit nennenswert zu spoilern. Immerhin trägt der Film den entlarvenden Originaltitel „The Gorgon“.

Peter Cushing und Christopher Lee wieder vereint

Und dann sind da natürlich auch die Hammer-Films-Stars Peter Cushing und Christopher Lee in ihrem ersten gemeinsamen Film seit vier Jahren, wobei Letztgenannter erst nach 50 Minuten ins Geschehen eingreift und insgesamt deutlich weniger Leinwandzeit hat als sein Kollege Cushing. Nicht zu vergessen Barbara Shelley, die auch einige Hammer-Gastspiele in ihrer Filmografie hat, darunter „Rasputin – Der wahnsinnige Mönch“ und „Blut für Dracula“ (beide 1966).

Mit Meisters Eintreffen in Vandorf nimmt das Geschehen Fahrt auf, und es kommt zu einer überraschenden Enthüllung. Ihre erste gemeinsame Szene haben Cushing und Lee erst nach 70 Minuten, auf dem Weg zum großartigen Showdown, der alles hat, was man von einem Endkampf gegen eine Gorgone erwarten kann. Nur leider keine besonders ansprechend gestaltete Gorgone, um einen kleinen Wermutstropfen bei Hammers erstem weiblichen Monster zu erwähnen. Speziell die Schlangen im Haupthaar der Gorgone lassen visuell sehr zu wünschen übrig.

Gorgonen und Erinnyen

Drehbuchautor John Gilling hat in Bezug auf die Gorgonen schlampig gearbeitet: In einer Szene nennt Carla Hoffmann ihre Namen – Tisiphone, Medusa und Megaera. Jedoch ist nur Medusa eine der Gorgonen, bei den anderen beiden handelt es sich um Erinnyen, griechische Rachegöttinnen, auch Furien genannt. Die deutsche Synchronisation immerhin korrigierte diesen Lapsus (damals machte unser Bildungssytem eben noch etwas her). Nicht auszuschließen ist allerdings, dass der Fehler gar nicht von Gilling stammt, da das Skript anschließend vom Hammer-Produzenten und -Autor Anthony Hinds noch modifiziert wurde. Es basierte ohnehin auf einer Storyidee des kanadischen Hammer-Films-Fans J. Llewellyn Devine.

Viel Hammer-Erfahrung auf dem Regiestuhl

Mit Terence Fisher saß einer der großen Hammer-Stammregisseure auf dem Regiestuhl. Er hatte zuvor bereits einige der großen Klassiker der Produktionsfirma inszeniert, etwa „Frankensteins Fluch“ (1957), „Dracula“ (1958), „Dracula und seine Bräute“ (1960) und „Der Fluch von Siniestro“ (1961). Diese Routine sieht man „Die brennenden Augen von Schloss Bartimore“ an, und das im besten Sinne. Bemerkenswert sind einige Anspielungen auf den Handlungsort Deutschland. So ist tatsächlich einmal von „Police State“ (Polizeistaat) die Rede, und die Demokratie wird angezweifelt. Ob es diese Bemerkungen in die deutsche Synchronisation geschafft haben, weiß ich allerdings nicht, da mir zur Sichtung die englische Blu-ray vorlag.

Wo bleibt eine deutsche Blu-ray?

Apropos Blu-ray: Höchste Zeit, dass der längst vergriffenen und gesuchten deutschen DVD eine Neuauflage auch auf Blu-ray folgt. Anolis Entertainment, übernehmen Sie! Nun gut, die Wege der Lizenzgeber sind unergründlich, daher vermag ich nicht zu beurteilen, ob Anolis dereinst zum Zuge kommen kann. Aber immerhin gibt es das Werk bereits seit 2017 in hervorragender Qualität auf einer Blu-ray des englischen Labels Powerhouse Films, die zudem ein üppiges Booklet mit feinem Text über die Entstehung des Films enthält. Von dort zu einer vorbildlichen Edition für den deutschen Markt kann es kein so großer Weg sein. Verdient hätte es diese nicht ganz so bekannte Hammer-Perle auf jeden Fall, ausreichend Fans haben die Werke der Produktionsfirma hierzulande.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terence Fisher haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Barbara Shelley unter Schauspielerinnen, Filme mit Peter Cushing und Christopher Lee in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 6. Juli 2012 und 15. Januar 2009 als DVD

Länge: 83 Min. (Blu-ray), 80 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Gorgon
GB 1964
Regie: Terence Fisher
Drehbuch: John Gilling
Besetzung: Christopher Lee, Peter Cushing, Richard Pasco, Barbara Shelley, Michael Goodliffe, Patrick Troughton, Joseph O’Conor, Prudence Hyman, Jack Watson, Redmond Phillips, Jeremy Longhurst, Toni Gilpin, Joyce Hemson, Alister Williamson, Michael Peake
Zusatzmaterial (nur Erstauflage): Trailer, Trailer zu „Hancock“
Label/Vertrieb: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Unterer Packshot: © 2009 Sony Pictures Entertainment

 

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