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An American Werewolf in Paris – Haarige Biester in der Stadt der Liebe

27 Jan

An American Werewolf in Paris

Von Volker Schönenberger

Horrorkomödie // In einer regennassen Straße von Paris öffnet sich ein Gullydeckel, ein Mann (Thierry Lhermitte) kommt aus der Kanalisation empor und rennt davon. Auf einem großen Platz hebt sich plötzlich ein Gitter, über das er gerade hinwegläuft. Der Mann stürzt. Ein Taxifahrer (Nicholas Waller) will ihm noch helfen, lässt dann aber in Panik von ihm ab. Etwas zieht den bedauernswerten Mann zurück in die Kanalisation.

Andy – nach Paris, der Liebe wegen?

Der Amerikaner Andy McDermott (Tom Everett Scott) befindet sich mit seinen Kumpels Brad (Vince Vieluf) und Chris (Phil Buckman) auf Europatour. Ihr nächstes Ziel: Paris! Kaum eingetroffen, erklimmt das Trio den Eiffelturm; Andy hat sich einen nächtlichen Bungee-Sprung vorgenommen – höchst illegal. Kurz vor dem Sprung bemerken die drei eine junge Frau (Julie Delply), die sich offenbar in den Tod stürzen will. Auf halsbrecherische Weise gelingt es Andy, ihr Leben zu retten. Er zieht sich dabei eine Gehirnerschütterung zu und verliebt sich hoffnungslos in die unbekannte Schöne.

Auf dem Eiffelturm …

Keine leichte Aufgabe, einem stilbildenden Horrorfilm wie „American Werewolf“ (1981) ein adäquates Sequel folgen zu lassen. Hat es deshalb 16 Jahre gedauert, weil sich zuvor niemand getraut hat? „An American Werewolf in Paris“ kann dem Vorgänger folgerichtig nicht das Wasser reichen, geschweige denn ihn toppen. Aber unter der 1981 von John Landis denkbar hoch gelegten Messlatte ist glücklicherweise ausreichend Platz für weitere Werwolf-Späße, und Spaß bereitet der amerikanische Werwolf in der Stadt der Liebe zur Genüge. Da es sowieso weitaus weniger Werwolf- als Vampir- oder gar Zombiefilme gibt, seien wir für jeden Versuch dankbar, den haarigen Biestern Leben einzuhauchen.

… verguckt er sich in Serafine

Die Handlung folgt Andy bei seinen Versuchen, seine Flamme zu finden und ihr Herz zu gewinnen. Serafine Pigot, so ihr Name, verbirgt allerdings ein düsteres Geheimnis. Indem die drei Amerikaner ins Leben der unglücklichen jungen Frau eindringen, begeben sie sich in werwölfische Gefilde. Eine Bisswunde an seinem Knöchel verändert Andy …

Roger Ebert war nicht angetan

Wer den vorherigen Satz für einen Spoiler hält, kennt wohl „American Werewolf“ nicht und kann beim Filmtitel „An American Werewolf in Paris“ eins und eins nicht zusammenzählen. Außerdem hat Roger Ebert von der Chicago Sun Times seinerzeit in seiner Rezension weitaus mehr verraten. Ebert war gar nicht angetan, er schrieb: Here are people we don’t care about, doing things they don’t understand, in a movie without any rules. – Wir sehen Protagonisten, um die wir uns nicht scheren, dabei zu, wie sie Dinge tun, die sie nicht verstehen, in einem Film ohne irgendwelche Regeln. Damit hat er recht, zum Mitfühlen und Identifizieren laden die drei Amerikaner nicht unbedingt ein. Allerdings schreibt Ebert weiter: By the end of the film, any plot discipline (…) has been lost in an orgy of special effects and general mayhem. – Am Ende ist jede Disziplin bei der Handlung in einer Orgie von Spezialeffekten und Mord und Totschlag verlorengegangen. Wenn das mal nicht eine Empfehlung ist!

Plötzlich steht Andys Leben kopf

Es gibt einige Parallelen zu „American Werewolf“, denn das Sequel will gar nicht erst verbergen, dass es eines ist. Im Original haben wir ein bedauernswertes Opfer, das fortan zum Umherwandeln als Untoter gezwungen ist und dem Freund gut zuredet, sich doch bitte vor dem nächsten Vollmond umzubringen. Die Fortsetzung wartet sogar mit zwei solcher Figuren auf. Auch gibt es eine große Transformationsszene zu bestaunen, doch leider kann von Staunen keine Rede sein. Die visuellen Spezialeffekte inklusive Make-up wirken deutlich billiger, viel kommt obendrein aus dem Computer, und das sieht gar nicht mal so gut aus, was besonders für die Totalansichten der Werwölfe gilt.

Rave-Party oder Gottesdienst einer Werwolf-Gemeinde?

Die eine oder andere krude Szene wird manche Kinogängerinnen und Kinogänger verdutzt zurückgelassen haben, etwa wenn Serafine Andy über sein Schicksal aufklärt und ihren Worten Nachdruck verleiht, indem sie sich auf ihn setzt, ihren Oberkörper freimacht und seine Hände auf ihre entblößten Brüste presst. Hä? Aber weshalb soll ein verrückter Film keine verrückten Szenen haben? Verrückt erscheint es auch, dass die Deutsche Film- und Medienbewertung dafür das Prädikat „wertvoll“ vergab. Aus der Begründung: Ein besonderes Lob verdient die gelungene Animation der Werwölfe. Waren die besoffen?

Vom Regisseur von „Stumme Zeugin“

Regisseur Anthony Waller hatte sich mit dem Horrorthriller „Stumme Zeugin“ (1995) für höhere Aufgaben empfohlen und bekam schließlich die Regie fürs Sequel von „American Werewolf“ übertragen, nachdem das Projekt diverse Personal- und Drehbuchänderungen durchlaufen hatte. Gedreht wurde hauptsächlich in Luxemburg dazu in Amsterdam und Paris. Die Friedhofszene entstand im französischen Metz. Sein 25-Millionen-Dollar-Budget spielte „An American Werewolf in Paris“ allein an den US-Kinokassen wieder ein, wo das Werk 26,5 Millionen Dollar erzielte – internationale Kinoerlöse sind mir nicht bekannt. In Deutschland landete es mit 116.569 Zuschauern auf Platz 117 der Jahrescharts 1998.

Ob ein solcher Film eine aufwendige Sammleredition verdient hat, darüber kann man trefflich streiten. Die Mediabook-Fraktion ist da ohnehin nicht wählerisch und stellt sich jede Neuveröffentlichung ins Regal, die nicht bei drei auf den Bäumen ist – und das verschweißt. Wenn man den Film sowieso nicht anschaut, macht es auch nichts, dass er nicht ganz gelungen ist. Allerdings sind Mediabooks von Publishern wie Turbine es natürlich wert, aus der Verschweißung geholt und in Augenschein genommen zu werden. Das beginnt in diesem Fall bei der wie immer sehr guten Bild- und Tonqualität und endet beim üppigen Bonusmaterial. Zwei ausführliche Making-ofs finden sich, eines satte 73 Minuten lang, das andere mit 27 Minuten auch noch anständig. Das alternative Ende bereitet Freude, ebenso das Musikvideo von Bush – die Band steuerte mit „Mouth“ den Song zum Film bei. Das neue Mediabook mit UHD und Blu-ray – die 2017er-Varianten sind mit Blu-ray und DVD bestückt – wartet zudem mit einem ausführlichen Text von Christoph N. Kellerbach auf. Der erfahrene Autor hat allerlei Wissenswertes zur Entstehung des Films zusammengetragen und in unterhaltsame Textform gepresst. Zur vollständigen Auflistung des Bonusmaterials siehe unten.

Wer „An American Werewolf in Paris“ als Rezensent verreißt, findet dafür gute Gründe, und nicht wenige. Aber auf eine eigentümliche Weise hat mir der Streifen doch Freude bereitet. Haiko Herden schrieb vor Jahren in seiner Rezension: Es wäre für den Film wohl besser gewesen, wenn man ein paar kleine Änderungen vorgenommen hätte und das Ganze dann unter einem ganz anderen Titel veröffentlicht hätte, denn dann wäre der erdrückende Vergleich zwischen Original und Fälschung nicht so groß gewesen. Das kann man so stehen lassen. Beim Festival des fantastischen Films im nordostfranzösischen Gérardmer heimste das Werk immerhin drei Preise ein: den Großen Preis, den Publikumspreis und die Spaßtrophäe. Wenn das nichts ist! Seien wir wohlwollend.

Veröffentlichung: 21. Januar 2022 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (UHD Blu-ray & Blu-ray, 3 Covervarianten, Cover B: 555 Exemplare, Cover C: 444 Exemplare), 23. November 2018 als Limited Edition Steelbook (Blu-ray, limitiert auf 2.000 Exemplare), 16. Juni 2017 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, limitiert auf 2.000 Exemplare), 2. Oktober 2000 als DVD (Zweitauflage 2003)

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: An American Werewolf in Paris
GB/NL/LUX/USA/F/D 1997
Regie: Anthony Waller
Drehbuch: Tim Burns, Tom Stern, Anthony Waller
Besetzung: Tom Everett Scott, Julie Delply, Vince Vieluf, Phil Buckman, Julie Bowen, Pierre Cosso, Thierry Lhermitte, Tom Novembre, Maria Machado, Ben Salem Bouabdallah, Serge Basso, Charles Maquignon, Jochen Schneider, Alan McKenna, Hervé Sogne, Edgar Kohn, Nicholas Waller
Zusatzmaterial Mediabooks & Steelbook: Audio-/Videokommentar mit Regisseur Anthony Waller, deutsches Vorwort des Regisseurs Anthony Waller (53 Sek., nach Einlegen der Disc, nicht separat anwählbar), alternative Workprint-Filmfassung (98:33 Min., OmdU), alternatives Ende (2:46 Min.), Making-of von Nicholas Waller (73:20 Min.), Featurette „The Making of American Werewolf 2“ (27:16 Min.), Interviews mit Cast & Crew (17:18 Min.), Musikvideo von Bush: „Mouth“ (4:40 Min.), Making-of des Musikvideos (4:44 Min.), deutscher Trailer, US-Trailer, britischer Trailer, französischer Trailer, nur 2022er-Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach, nur Steelbook & 2017er-Mediabook: 16-seitiges Booklet mit Hintergrundinformationen, nur erste 1.200 Exemplare 2017: Framecard mit 35mm-Filmschnipsel einer echten Kinokopie des Films
Zusatzmaterial DVD: Interviews mit Cast & Crew (17:18 Min.), Musikvideo von Bush: „Mouth“ (4:40 Min.), Featurette „The Making of American Werewolf 2“ (27:16 Min.), deutscher Trailer, Bildergalerie
Label/Vertrieb Mediabooks & Steelbook: Turbine Medien
Label/Vertrieb DVD: BMG, ab 2003 umbenannt in Universum Film (heute Leonine)

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & untere 4 Packshots: © Turbine Medien

 

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