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The Player – Altman dekonstruiert Hollywood

17 Jun

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The Player

Gastrezension von Simon Kyprianou

Tragikomödie // Der Einstieg ist legendär: eine Kamerafahrt von acht Minuten ohne einen Schnitt, in dem zudem noch über Filme mit genau solchen langen schnittlosen Passagen wie Orson Welles’ „Im Zeichen des Bösen“ und Alfred Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ gesprochen wird. 15 Takes waren dem Vernehmen nach dafür erforderlich. Bei „PopMatters“ ist dazu 2012 ein schöner Text erschienen. Jüngst hat ausgerechnet ein deutscher Regisseur die Technik auf die Spitze getrieben: Sebastian Schippers Thriller „Victoria“, frisch bei uns im Kino, ist ohne einen einzigen Schnitt entstanden.

Produzent am Abgrund

Zurück zu „The Player“: Produzent Griffin Mill (Tim Robbins) steckt in der Klemme: Seine letzten Filme waren Flops und er fürchtet, dass ihn der neue große Mann im Studio loswerden will. Zusätzlich bekommt er Drohbriefe geschickt, vermutlich von einem enttäuschten Drehbuchschreiber, dessen Idee er abgelehnt hat. Mill meint herausgefunden zu haben, wer der verprellte Schreiber ist: ein gewisser David Kahane (Vincent D’Onofrio). Er sucht ihn auf und bringt ihn in einer spontanen Handgreiflichkeit versehentlich um.

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Mills Leben gerät aus den Fugen

Prompt liegt am nächsten Tag wieder ein Drohbrief auf seinem Schreibtisch. Von den Drohungen verzweifelt, von der Polizei rund um die Ermittlerin Susan Avery (Whoopie Goldberg) langsam in die Enge getrieben, vom beruflichen Druck gestresst, rastet Mill langsam aus. Zu allem Überfluss verfällt er der ehemaligen Freundin des von ihm getöteten Autors, der wunderschönen Malerin June Gudmudsdottir (Greta Scacchi). Er versucht sein Blatt zu wenden.

Hollywood über Hollywood

Robert Altmans „The Player“ ist einer von so vielen Film über das Kino selbst, über das Filmemachen, über Hollywood, aber kaum ein Film hat dem „Hollywood-System“ mit mehr Bitterkeit, Radikalität und Wut den Todesstoß versetzt. Mit bitterer Ironie entblößt Altman die Funktionalismen, die Abgründe und die Lügen dieser Welt, nur um am Ende selbst Teil von ihr zu werden. Denn entkommen kann man ihr nicht, ein Leben ohne sie ist unmöglich, es bleibt einem am Ende nur übrig, sich von Geld und Ruhm korrumpieren zu lassen – eine Lüge zu Leben ist immer besser, profitabler als die Wahrheit zu sagen.

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Cop Avery macht ihm das Leben schwer

Hollywood ist ein Ort der berechnenden Geschäftsmänner, kein Ort der Künstler, ein Gefühl das Robert Altman zweifellos bekannt war – hat er seine ganze Karriere über doch selbst mit den Studios erbitterte Kämpfe ausgetragen. Virtuos legt der Regisseur seinen Film als Spiel mit den Genres an: Mal ist es Satire, mal fiebriger Neo-noir-Thriller, mal großes Drama.

Zwei Köpfe beim Sex

Altmans leichtfüßige, elegante Inszenierung führt herrlich lustvoll durch den Film und zum Ende gibt es eine der besten Sex-Szenen überhaupt zu sehen. Wir sehen nur die Köpfe der Liebenden, sie füllen das Bild vollends aus, schreien sich unentwegt an, untermalt von hitzig pochenden Paukenschlägen.

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Auch Bruce Willis ist unentspannt

Dabei kommt es einem beinahe schon grotesk vor, wie Altman diesen bitterbösen Film mit Stars vollstopft, geradezu übersättigt: Bruce Willis, Julia Roberts, Peter Falk, Jack Lemmon, Scott Glenn, Robert Wagner, Nick Nolte, Burt Reynolds, Cher, Sydney Pollack, Patrick Swayze, John Cusack, Malcolm McDowell, um nur einige zu nennen, spielen sich selbst in Altmans Hollywood-Dekonstruktion.

Ohne Happy End geht es nicht

Schließlich findet der Film zu einem herrlich überhöhten amerikanischen Happy End. Denn das, so haben wir erfahren, braucht ein Film, um produziert werden zu können. Altman fügt sich den Regeln vollends, er dreht einen mit Stars geradezu gespickten Film, mit Gewalt, Sex, Crime und Happy End, also all dem, was ein Film braucht, um ein großer Hit zu werden. Damit führt er das System ad absurdum, er überhöht es in den Exzess – indem er es übersättigt, lässt er es an sich selbst zerbrechen. Hollywoods Auslandspresse war das Golden Globes für Regisseur Altman und Hauptdarsteller Robbins wert, beide wurden auch in Cannes prämiert. Insgesamt 32 Auszeichnungen heimste „The Player“ ein, doch bei den Oscars ging der Film leer aus – Zufall?

Längst überfällig ist „The Player“ jetzt zum ersten Mal in Deutschland auf DVD und Blu-ray erschienen. Meiner Sichtung zugrunde lag die Blu-ray, Bild und Ton sind einwandfrei, man kann bedenkenlos zugreifen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit John Cusack und/oder Bruce Willis sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

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Aber Griffin weiß das Blatt wieder zu wenden

Veröffentlichung: 15. Juni 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Player
USA 1992
Regie: Robert Altman
Drehbuch: Michael Tolkin, nach seinem Roman
Besetzung: Tim Robbins, Greta Scacchi, Fred Ward, Whoopi Goldberg, Peter Gallagher, Brion James, Cynthia Stevenson, Vincent D’Onofrio, Dean Stockwell, Richard E. Grant, Sydney Pollack, Lyle Lovett, Dina Merrill, Bruce Willis, Julia Roberts, Peter Falk, Jack Lemmon, Scott Glenn, Robert Wagner, Nick Nolte, Burt Reynolds, Cher, Sydney Pollack, Patrick Swayze, John Cusack, Malcolm McDowell
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Robert Altman und Michael Tolkin, Interview mit Robert Altman, Deleted Scenes, Original-Trailer, Bildergalerie, Trailer
Vertrieb: KSM

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots: © 2015 KSM

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