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Auf hoher See – Laurel & Hardy und die Posaune

11 Okt

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Saps at Sea

Komödie // Welch herrlicher „Double Take“: Ollie führt auf hoher See gerade das große Wort gegen den blinden Passagier Nick Grainger (Richard Cramer), als Stan ihm die Zeitung hinhält, die den Mann auf der Titelseite als gesuchten Mörder ausweist. Achtlos reicht Ollie seinem Kumpel das Blatt zurück, redet weiter auf Nick ein, bis ihm – Schluck! – ein Licht aufgeht. Dieses Wahrnehmen eines bedeutsamen Sachverhalts erst im zweiten Atemzug ist ein typisches Stilmittel des Genres Slapstick-Komödie und von Laurel und Hardy in ihren Filmen zur Perfektion getrieben worden.

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Wohin ist der Hafen verschwunden?

Es beginnt mit einem Nervenzusammenbruch: Zum vierten Mal in der Woche wird ein Arbeiter einer Hupenfabrik ins Krankenhaus eingewiesen, der der permanenten Beschallung mit Hupgeräuschen nicht gewachsen war. Auch Stan und Ollie arbeiten dort. Die Liebe steckt im Detail: Im „Horn Testing Department“ finden sich an der Wand Schilder mit den Hinweisen „Quiet Please“ und „Silence While Men Are Working“, während permanent gehupt und getrötet wird.

Zum einen Ohr rein, zum anderen raus

Stan hat damit allerdings keine Probleme: Auf Ollies Frage, ob er sich das ewig anhören könne, erwidert er: Ja, das geht ins eine Ohr rein und beim anderen raus. Ollie hingegen kann es nicht mehr ertragen und rastet aus, sodass die beiden heimgehen dürfen – was zu einer hübschen Szene mit der Verwechslung der beiden unterschiedlich großen Jacken führt, ein weiterer Running Gag, der in den Filmen des Duos häufiger noch mit ihren Hüten zu bemerken ist.

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Hätte Stan nur nicht in die Posaune geblasen

Es sind so viele göttliche Szenen, die ich anführen kann. Als Stan und Ollie ihr Auto besteigen, um nach Hause zu fahren, verklemmt sich – was sonst? – die Hupe, was zu einem Dauerton führt. Sogleich versammelt sich eine Menschenmenge samt Polizist. Stan behebt den Schaden, indem er mit einem Hammer auf den Motor klopft. Der Motor fällt daraufhin durch den Boden auf die Fahrbahn. Unter dem Gelächter der Passanten hievt Stan ihn auf den Rücksitz. Sonderbarerweise fährt das Auto immer noch, wenn auch rückwärts.

Ziegenmilch und Seeluft

Ollies Untersuchung durch den Arzt (wie immer herrlich grimassierend: James Finlayson) ist allein eine szenische Abhandlung wert, aber belassen wir es dabei. Der gute Doktor empfiehlt eine Ziegenmilchdiät und Seeluft. Weil Ollie nicht aufs Meer will, hat Stan die rettende Idee, ein Segelboot zu mieten und einfach im Hafen zu bleiben. Gesagt, getan, doch weil des Nachts die für die Ziegenmilchdiät besorgte Ziege den Tampen durchbeißt, finden sich Stan und Ollie am nächsten Tag auf hoher See wieder – noch dazu in Gesellschaft des flüchtigen Mörders Nick Grainger, der sich aufs Boot geschlichen hat.

Abschied von Hal Roach

„Saps at Sea“, so der Originaltitel, markiert den Anfang vom Ende der großen Laurel-und-Hardy-Komik. Der Vertrag der beiden mit den Hal Roach Studios lief aus, das Duo hatte kurz vor Beginn der Dreharbeiten sogar eine eigene Produktionsfirma gegründet, der allerdings kein großer Erfolg beschieden war. Es folgten noch neun gemeinsame Filme, von denen keiner an ihre Großtaten herankam. Als bestes Spätwerk mag „Die Leibköche seiner Majestät“ („Nothing But Trouble“, 1944) durchgehen. Umso besser, dass Stan und Ollie in „Auf hoher See“ ein Feuerwerk grandioser Gags abbrennen, das seinesgleichen sucht – und nur in früheren Filmen findet. Da wäre unter dem Dach der Hal Roach Studios noch einiges möglich gewesen.

Letzte Zusammenarbeit mit James Finlayson und Charlie Hall

Der Weggang von Roach bedeutete zudem das Ende der Zusammenarbeit mit lieb gewonnenen Nebendarstellern: „Auf hoher See“ ist der letzte Laurel-und-Hardy-Film mit den ewigen Gegenspielern Charlie Hall und James Finlayson, die vertraglich an die Hal Roach Studios gebunden blieben. Für zwei weitere Nebendarsteller war es gar der letzte Film überhaupt: Harry Bernard, in vielen Filmen als Polizist eine Laurel-und-Hardy-Nemesis, starb am 4. November 1940. Einen nur wenige Sekunden dauernden Cameo-Auftritt als Klempner am anderen Ende der Telefonleitung hat der Komiker Ben Turpin, dessen Stern nach Ende der Stummfilmzeit gesunken war. Er starb am 1. Juli 1940.

Bei den Dreharbeiten verliebte sich Oliver Hardy in Virginia Lucille Jones, die als Script Girl dafür zuständig war, die in den Drehbuch-Sitzungen entstandenen Ideen der Gag-Schreiber abzutippen. Sie wurde am 7. März 1940 seine dritte und letzte Ehefrau, blieb bis zu seinem Schlaganfall-bedingten Tod am 7. August 1957 an seiner Seite.

Theo Lingen leitet den Film ein

Auf der mir vorliegenden Kinowelt-DVD ist der Film in der Synchronfassung der ZDF-Reihe „Lachen Sie mit Stan und Ollie“ enthalten – inklusive der charmanten Einleitung von Theo Lingen. Lingen – respektive Joe Hembus, der Lingens Texte geschrieben hat – weist darauf hin, dass der Film „deutlich sichtbar und völlig ungeniert in zwei Teile“ zerfalle, wobei der erste Teil das Thema von Charlie Chaplins vier Jahre zuvor gedrehtem „Moderne Zeiten“ („Modern Times“, 1936) aufnehme: die zermürbenden Bedingungen der Arbeitswelt.

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Bonusfilm: „Gespenst an Bord“: Der Kapitän braucht Hilfe …

Im Zusatzmaterial finden sich die Kurzfilme „Gespenst an Bord“ („The Live Ghost“, 1934) und „Sailors Beware!“ (1927). Letztgenanntes Werk ist ein Stummfilm und zusätzlich in einer kürzeren Fassung mit dem Titel „Die Dame mit den langen Fingern“ enthalten, die von Hanns Dieter Hüsch eingesprochen und in den 70er-Jahren im Rahmen der ZDF-Reihe „Zwei Herren dick und doof“ ausgestrahlt worden ist. Schöne Boni dieser feinen Veröffentlichung des letzten Laurel-und-Hardy-Meisterwerks.

Mehr über klassische US-Filmkomiker

Abschließend ein Hinweis: Die Titelgeschichte über US-Komiker in Ausgabe #10 der Zeitschrift „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ enthält einen Beitrag über Laurel und Hardy von mir. Für alle, die sich mit dem Duo und ihren Kollegen wie Charlie Chaplin, Buster Keaton, Harold Lloyd, den Marx Brothers & Co. befassen wollen: Die Ausgabe kann hier bestellt werden – unter dem Link finden sich auch Angaben zum Inhalt.

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Bonusfilm: „Gespenst an Bord“: … und erweist sich als rabiat

Veröffentlichung: 20. Mai 2010 als DVD, 16. Oktober 2009 in der 10-DVD-Box „Dick & Doof Collection 2“

Länge: 59 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Saps at Sea
Alternativtitel: Abenteuer auf hoher See / Immer wenn er hupen hörte
USA 1940
Regie: Gordon Douglas
Drehbuch: Charley Rogers, Felix Adler, Gilbert Pratt, Harry Langdon
Besetzung: Stan Laurel, Oliver Hardy, James Finlayson, Dick Cramer, Ben Turpin
Zusatzmaterial: Kurzfilme „The Live Ghost“ und „Sailors, Beware!“ plus „Die Dame mit den langen Fingern“, Über die deutsche Synchronfassung, Starinfos, Produktionsnotizen, Fotogalerie, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

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Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2009/2010 Studiocanal Home Entertainment

 

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