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Imperium – Cupcakes mit Hakenkreuz-Glasur

06 Dez

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Imperium

Von Andreas Eckenfels

Thriller // Nach dem Ende der „Harry Potter“-Abenteuer sucht sich Daniel Radcliffe seine Projekte gewissenhaft aus. Seine Rollenwahl ist dabei durchaus ungewöhnlich: In „Horns“ macht er eine diabolische Verwandlung durch, in „Swiss Army Man“ spielt er eine furzende Leiche. Nun gibt Radcliffe im Langfilm-Regiedebüt von Daniel Ragussis einen Neonazi bzw. einen FBI-Mann, der als verdeckter Ermittler vorgibt, einer zu sein.

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FBI-Agent Nate Foster soll …

„Imperium“ ist von der Geschichte des echten FBI-Agenten Michael German inspiriert, der 20 Monate lang verdeckt unter den radikalen „Weißen Suprematisten“ ermittelte. Radcliffe wird als introvertierter US-Geheimdienstagent Nate Foster von seiner Vorgesetzten Angela Zamparo (Toni Collette) als perfekter Kandidat ausgewählt, um den riskanten Undercover-Job bei der ultrarechten Gruppierung zu übernehmen. Sie vermutet, dass das Neonazi-Netzwerk rund um Washington, DC einen Terroranschlag mit einer schmutzigen Bombe plant.

Dabei soll der rechtsextreme Radiomoderator Dallas Wolf (Tracy Letts) als Drahtzieher eine wichtige Rolle spielen. Foster nimmt den Auftrag an, rasiert sich die Haare ab, wälzt zur Vorbereitung die Turner-Tagebücher, Hitlers „Mein Kampf“ und diverse rassistisch geprägte Webseiten. Ein Informant schleust ihn schließlich als vermeintlichen Ex-Marine in die Bewegung ein. Nach und nach taucht Nate immer tiefer in die Szene ein.

Worte als Waffe

Zugegeben, mit seinem Milchbubi-Gesicht fällt es anfangs schwer, Radcliffe den Skinhead abzunehmen. Doch in „Imperium“ geht es nicht um das tumbe Fußvolk, dass mit Fäusten seinem Hass Ausdruck verleiht. Es geht um die Menschen im Hintergrund, die die Geschicke leiten und gezielt eingesetzte Worte als Waffen nutzen. Um das Gedankengut zu verbreiten, braucht man keine Muskeln, sondern den nötigen Intellekt, über den diese Menschen durchaus verfügen, wie uns der Film in beängstigender Weise zeigt. Sie arbeiten im Geheimen an der Vorherrschaft der „weißen Rasse“ und sind mit ihrem Fanatismus für die USA ebenfalls so eine Gefahr wie islamistische Terroristen.

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… undercover in einer rechtsradikalen Bewegung ermitteln

Die besondere Stärke von Ragussis vielschichtigem Debüt: Es zeigt nicht nur, wie diese rassistische Bewegung organisiert ist, sondern auch, dass die unterschiedlichen Gruppierungen der Subkultur nicht unbedingt positiv aufeinander zu sprechen sind. So hält Skinhead-Anführer Vince (Pawel Szajda) nichts vom religiösen Wahn von Andrew (Chris Sullivan), dem militanten Anführer der Arischen Allianz, die in der Öffentlichkeit sogar als christliche Organisation gilt. Doch für das große Ziel müssen sie eben zusammenhalten.

Dies wird am deutlichsten in der Figur von Gerry Conway (Sam Trammel), den Nate bei einem Grillfest in dessen Haus kennenlernt. Gerry ist treusorgender Familienvater, von außen würde man nie vermuten, dass er ein Rassist ist. Doch bereits seine Kinder hat Gerry indoktriniert. Stolz zeigen sie Nate ihr Baumhaus, welches sie beschützen soll, falls die „Untermenschen“ einmal die Herrschaft übernehmen. Seine Frau backt Cupcakes mit Hakenkreuz-Glasur. Gerry verabscheut die Ausdrucksweise und den Alkohol- und Zigarettenkonsum der ebenfalls eingeladenen Skinheads, dennoch sieht er diese „Kinder“ als wichtigen Bestandteil der Bewegung.

Fehlende Radikalität

Während „Imperium“ also ein überaus differenziertes und authentisches Bild der rechten Szene zeichnet, schwächelt der Thriller ausgerechnet im Spannungsbereich. Die Gefahr, dass Nate enttarnt wird, ist nicht wirklich gegeben, was auch daran liegt, dass so gut wie keine eskalierende Gewalt im Film gezeigt wird. Seine Selbstzweifel entstehen nicht dadurch, dass der FBI-Agent sich vielleicht zu stark mit dem rechten Gedankengut zu identifizieren beginnt, sondern weil er glaubt, dass seine Undercover-Bemühungen umsonst sind, und er zunehmend von seinen Vorgesetzten unter Druck gerät, den Fall abschließen zu müssen. Das Ganze endet dann in einem enttäuschend unspektakulären Finale.

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Nate will heimlich seine Vorgesetzte erreichen

Am stark aufspielenden Daniel Radcliffe liegt es nicht, dass „Imperium“ nur phasenweise überzeugt. Bei dem Thema hätte der Geschichte etwas mehr Radikalität gutgetan, so wie sie etwa der „Harry Potter“-Star in seiner Rollenwahl derzeit an den Tag legt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Daniel Radcliffe sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 9. Dezember 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Imperium
USA 2016
Regie: Daniel Ragussis
Drehbuch: Daniel Ragussis, Michael German
Besetzung: Daniel Radcliffe, Tracy Letts, Toni Collette, Sam Trammel, Nestor Carbonell, Chris Sullivan, Seth Numrich, Pawel Szajda
Zusatzmaterial: Interview mit Daniel Radcliffe, Impressionen von der Gala-Premiere auf dem Zürich Filmfestival 2016, Trailer, Wendecover
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2016 Ascot Elite Home Entertainment

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