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Swiss Army Man – Robinson trifft Leiche

12 Okt

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Swiss Army Man

Kinostart: 13. Oktober 2016

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // „Wir wollen einen Film machen, bei dem dich der erste Furz zum Lachen und der letzte Furz zum Weinen bringt.“ Mit diesen Worten überzeugte das Regie-Duo Dan Kwan und Daniel Scheinert Paul Dano („Love & Mercy“) davon, bei ihrer skurrilen Tragikomödie als Hauptdarsteller mitzumachen. Besser kann man die Wirkung des außergewöhnlichen Films nicht zusammenfassen, der bereits bei seiner Premiere auf dem Sundance Filmfestival 2016 Aufsehen erregte. Dort gewannen die Filmemacher, die sich als Team schlicht „The Daniels“ nennen, den Preis für die beste Regiearbeit. „Swiss Army Man“ eröffnete zudem das Fantasy Filmfest 2016. Schön, dass capelight pictures und Koch Films dem Film nun einen deutschen Kinostart spendieren, wohl auch, weil sich ein weitaus bekannterer Daniel im Hauptcast befindet: Daniel Radcliffe, der sich mit dieser ungewöhnlichen Rolle ein weiteres großes Stück von seinem „Harry Potter“-Image lösen kann.

Wofür Blähungen so alles gut sind

Es gibt keine Hoffnung mehr: Auf einer einsamen Insel will sich Hank (Dano) mit einem Strick das Leben nehmen. Doch gerade als sich die Schlinge zugezogen hat, wird ein Körper aus dem Wasser an Land gespült. Hank befreit sich schnell und stellt fest: Der auf den Namen Manny (Radcliffe) getaufte Leichnam verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten. In Manny schlummern jede Menge Gase, die den Körper ordentlich in Wallung bringen. Hank kann sein Glück kaum fassen. Es gelingt ihm tatsächlich, den ruhelosen Leichnam wie einen Jetski zu nutzen, um auf ihm über die Wellen in die Freiheit zu reiten.

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Gerade als sich Hank erhängen will, wird eine Leiche an den Strand gespült

Soweit der Prolog von „Swiss Army Man“, der die Zuschauer schon einmal darauf vorbereitet, dass sie weitaus mehr absurde Situationen erwarten. Hank lernt bald, dass er mit Manny noch viele andere Dinge anstellen kann. Egal ob als Wasserspender, für die Jagd oder zum Holzhacken – die Multifunktionsleiche eignet sich mit ihren Dauerblähungen perfekt zum Überleben in der Wildnis, in der die beiden nach dem irren Ritt über den Ozean gelandet sind. Sogar Mannys Erektionen dienen Hank als Kompass auf dem Weg zurück nach Hause. Schließlich beginnt die Leiche auch noch halbwegs zu sprechen.

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Mit Manny im Gepäck macht sich Hank auf den Weg zurück in die Zivilisation

Ob Manny wirklich echt ist oder nur Hanks verrückten Halluzinationen entspringt, ist völlig nebensächlich. The Daniels geht es in ihrem Langfilmdebüt um die ungewöhnliche Freundschaft, die beide Männer zunehmend zusammenschweißt – auch wenn der eine von ihnen aufgrund seiner ständigen Flatulenz und dem Verwesungsstatus ganz schön müffelt. Aber Hank stört dieser Umstand nur bedingt. Er beschließt, Mannys schwachen Erinnerungen an seine Vergangenheit auf die Sprünge zu helfen und ihm in ihrem Refugium in der Wildnis beizubringen, was das Leben lebenswert macht. Diese Lektionen sind fantasievoll inszeniert: Aus Ästen, Müll und Steinen bastelt Hank allerlei Dinge wie einen Bus, ein Kino, Handpuppen und Verkleidungen zusammen, um Manny seine Ansichten über Liebe, Sex und den Umgang mit anderen Menschen zu vermitteln. Gleichzeitig lernen die Zuschauer auch viel über Hanks Hintergrundgeschichte kennen – er führte ein recht einsames Leben als Außenseiter.

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Wann bekommt das Handy wieder ein Netz?

Wer sich auf die surreal-emotionale Reise von Hank und Manny einlässt und keine Probleme damit hat, dass ab und an mal ein paar Blähungen zu viel abgelassen werden, der wird mit einem wunderbar einfallsreichen und nachdenklich machenden Abenteuer belohnt. Für die fröhlich-lockere Stimmung sorgen die A-cappella-Töne der Band Manchester Orchestra, in die auch die Protagonisten häufig einstimmen.

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An Stricken aufgehängt lässt sich Manny wie eine Puppe bewegen

Das hervorragende Darstellerduo trägt den größten Teil des Films allein auf seinen Schultern. Paul Dano beweist ein weiteres Mal, dass er einer der unterschätztesten Schauspieler seiner Generation ist. Radcliffes auch physisch anspruchsvolle Rolle wird sicher bald in einem Atemzug mit anderen berühmten Filmleichen wie aus Alfred Hitchcocks „Immer Ärger mit Harry“ (1955) oder aus Ted Kotcheffs „Immer Ärger mit Bernie“ (1989) genannt werden. Großartig, dass sich beide Stars trotz – oder wegen? – des ungewöhnlichen Drehbuchs bereit erklärt haben, bei dieser feinen Ode auf das Leben und die Freundschaft dabei zu sein. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass man am Ende tatsächlich beim letzten Furz eine kleine Träne verdrückt.

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Zwischen Hank und Manny ist ein Feuer der Freundschaft entfacht

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Paul Dano und/oder Daniel Radcliffe sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Swiss Army Man
USA 2015
Regie: Dan Kwan, Daniel Scheinert
Drehbuch: Dan Kwan, Daniel Scheinert
Besetzung: Paul Dano, Daniel Radcliffe, Mary Elizabeth Winstead, Antonia Ribero, Timothy Eulich, Richard Gross, Marika Casteel, Shane Carruth
Verleih: capelight pictures / Koch Films

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 capelight pictures / Koch Films

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2 Kommentare

Verfasst von - 2016/10/12 in Film, Kino, Rezensionen

 

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2 Antworten zu “Swiss Army Man – Robinson trifft Leiche

  1. fraggle99

    2016/10/12 at 07:20

    Das klingt irgendwie sehr verstörend. 🙂

     

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