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Die zehn Gebote – Nostalgische Reise in die Vergangenheit

20 Mai

The Ten Commandments

Von Sven Wedekin

Bibel-Abenteuer // Wenn es einen Film gibt, der den (typisch amerikanischen) Bibelfundamentalisten gefällt, dann ist es sicherlich Cecil B. DeMilles letzte Regiearbeit: „Die Zehn Gebote“, ein Klassiker des Monumentalfilms, den er im Jahr 1956 mit einem bis dahin beispiellosen Aufwand inszenierte. Selbst für die Verhältnisse dieses Genres hat man dafür eine Masse an Statisten, farbenprächtigen Kostümen und spektakulären Kulissen aufgefahren, die auch den modernen Betrachter staunen lässt. Vom dem dargebotenen Pomp fühlt man sich teilweise fast schon erschlagen. Auch tricktechnisch ist DeMilles Neuverfilmung seines eigenen Stummfilms von 1923 eine Klasse für sich. Vor allem die dramatische Teilung des Roten Meeres wirkt auch noch heute noch so beeindruckend, dass man fast kaum glauben mag, gerade einen Film zu sehen, der tatsächlich schon beinahe sechzig Jahre auf dem Buckel hat. Bei der 1957er-Oscarverleihung gab es dann auch den Preis für die besten Spezialeffekte. Nominiert war „Die zehn Gebote“ auch als bester Film, fürs beste Drehbuch, für Ausstattung, Kostüme, Ton und Schnitt. Die Oscars jenes Jahres dominierten aber „Der König und ich“ und „In 80 Tagen um die Welt“ mit jeweils fünf Auszeichnungen.

Glaube versus Realität

Womit ich beim Thema Glauben bin: Was dem Zuschauer in dieser Hinsicht zugemutet wird, ist leider alles andere als zeitlos. DeMille erzählt die bekannte Geschichte um die (in Wirklichkeit frei erfundene) Figur des Moses auf eine Art und Weise nach, dass der Eindruck entsteht, es handle sich um ein reales historisches Ereignis. Dass er aber zum Beispiel Pharao Ramses II. ins Spiel bringt, hat mit der Realität überhaupt nichts zu tun, da der ägyptische Herrscher mit dem biblischen Moses gar nichts zu tun hatte.

Moses begehrt die liebliche Nefretiri

Wie es sich für einen waschechten Bibelschinken gehört, setzt „Die zehn Gebote“ auf ein klares Gut-gegen-Böse-Schema, wobei die Rollen eindeutig verteilt sind: Die in Armut lebenden Frommen sind durch den Heiligen Geist von moralischer Reinheit durchweht, während die Herrscherklasse in gewaltigen Palästen residiert und vom Leid der versklavten Juden nichts mitbekommt. Die ethischen Ambivalenzen der Geschichte werden leider kaum angesprochen, was den Film gerade aus heutiger Sicht im mancherlei Hinsicht etwas naiv wirken lässt, da die Ereignisse auf eine recht verklärte Art geschildert werden. Dies wird noch durch die reichlich theatralischen Dialoge verstärkt, welche den Schauspielern von den Drehbuchautoren in den Mund gelegt wurden.

Ein fast perfekter Cast

Diese machen ihre Sache indes wirklich gut: Charlton Heston glänzt in seiner Paraderolle als heldenhafter und fast schon übermenschlich moralischer Kronprinz, der später seine wahre Berufung findet, sein Volk aus der Knechtschaft zu führen.
Yul Brynner gibt seinem Ramses Profil als ruchloser Halbbruder des Moses, dem jedes Mittel recht ist, um den Thron seines Vaters zu erben und als starker Führer zu erscheinen. Der bis dahin vor allem auf Gangsterrollen abonnierte Edward G. Robinson verkörpert Dathan, den opportunistischen Handlanger von Ramses, der sein eigenes Volk verrät, um sich selbst vor der Sklaverei zu drücken.

Moses (r.) demonstriert Pharao Ramses II. die Macht Gottes

Anne Baxter hingegen neigt in ihrer Rolle als latent eifersüchtiger „Love Interest“ von Moses zu einem gewissen Overacting, was jedoch auf eine eigentümliche Art zum Rest des Films passt. Schließlich ist alles an „Die Zehn Gebote“ eine einzige große Übertreibung. Es ist ein Werk, wie es Hollywood nur zu einer Zeit produzieren konnte, als der Kinobesuch für die Menschen noch ein Ereignis war, da man Filme sonst nur auf winzigen Schwarz-Weiß-Fernsehern sehen konnte, auf denen ausladende Technicolor-Bilder ihre Wirkung natürlich nicht entfalten konnten, während sie auf der großen Kinoleinwand voll zur Geltung kamen.

Als das Kino noch ein Abenteuer war

Ähnlich wie James Cameron in unserer heutigen Zeit, fährt Cecil B. DeMille alles auf, was damals im Kino möglich war, um dem Zuschauer ein unvergessliches Erlebnis zu bescheren, welches wohl auch belehrend, gar missionierend sein sollte. Wie sonst ist zu erklären, dass „Die zehn Gebote“ oft wie eine überlange Religionsstunde erscheint? Der Film macht kein Hehl aus seiner tiefen Frömmigkeit. Auch dies ist in unserer heutigen Zeit, in der die Helden des Kinos eher aus Comicheften als aus Geschichtsbüchern kommen, in einem Blockbuster nicht mehr denkbar.

Der Botschafter Gottes schart seine Anhänger um sich …

So ist „Die Zehn Gebote“ ein nostalgisches Relikt aus einer anderen Zeit. Einer Zeit als das Kino noch der einzige Ort war, in dem man in Epochen und Welten versetzt werden konnte, die es so nie in der Realität gab und man von den Irrungen und Wirrungen der glanzlosen Wirklichkeit abgelenkt wurde.

Beschaffungsprobleme für „Die zehn Gebote“ gibt es hierzulande nicht. Wer aber auf eine Referenz-Edition zugreifen will, muss auf deutschen Ton verzichten und über den großen Teich schauen: Warner hat 2013 eine großformatige „Ultimate Collector’s Edition“ mit sechs Discs, Buch, Postkarten und weiteren Boni veröffentlicht.

… und teilt das Rote Meer

Veröffentlichung: 5. Dezember 2013 und 5. April 2012 als Blu-ray, 6. April 2006 und 11. Januar 2001 als DVD

Länge: 231 Min. (Blu-ray), 222 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Ten Commandments
USA 1956
Regie: Cecil B. DeMille
Drehbuch: Æneas MacKenzie, Jesse Lasky Jr., Jack Gariss, Fredric M. Frank, nach Motiven aus „Prince of Egypt“ von Dorothy Clarke Wilson, „Pillar of Fire“ von J. H. Ingraham und „On Eagle’s Wing“ von A. E. Southon
Besetzung: Charlton Heston, Yul Brynner, Anne Baxter, Edward G. Robinson, Vincent Price, John Derek, Nina Foch, Debra Paget, Yvonne DeCarlo
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Paramount (Universal Pictures)

Copyright 2017 by Sven Wedekin

Fotos & Packshots: © Paramount (Universal Pictures)

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