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Die wilden Engel – Peter Fondas erster Chopper-Ausflug

13 Aug

The Wild Angels

Von Volker Schönenberger

Actiondrama // Die tragen ja gar keine Motorradhelme – Skandal! Bitte nicht nachmachen, liebe Kinder! Auch sonst nimmt es die von Heavenly Blues (Peter Fonda) geführte Rockergang „Angels San Pedro“ mit Regeln und Konventionen der kalifornischen Gesellschaft der 60er-Jahre nicht allzu genau. Als Blues seinen besten Kumpel Joe „Loser“ Kearns (Bruce Dern) von dessen Arbeitsplatz in der Ölraffinerie abholt, legen sich die beiden sogleich mit Losers Vorarbeiter an. So ist der Job schnell futsch. Kurz darauf bricht die gesamte Gang mit ihren Choppern ins Hinterland auf, um Losers Motorrad zu finden, das ihm gestohlen worden war. Bald ist den Rockern die Polizei auf den Fersen.

„Angels“ oder „Hell’s Angels“?

Drei Jahre vor Dennis Hoppers „Easy Rider“ verkörperte Henry Fondas Sohn Peter in „Die wilden Engel“ erstmals ein Mitglied der amerikanischen Gegenkultur jenes Jahrzehnts. Das Actiondrama von Roger Corman („Die Verfluchten“, 1960) gilt als einer der Auslöser des Outlaw-Biker-Filmgenres. Als Vorlage der „Angels San Pedro“ dienen unverhohlen die „Hell’s Angels“ mit ihrer Aufteilung in regionale „Chapter“, wie allein am Schriftzug auf den Rücken ihrer Lederjacken und Jeanswesten zu erkennen ist. Einige Mitglieder der Rockerbande verdingten sich bei den Dreharbeiten als Statisten, was die Vereinigung nicht daran hinderte, Corman später zu verklagen, weil sie sich verunglimpfend porträtiert sahen. Angesichts dessen, was an Geschichten über die „Hell’s Angels“ im Umlauf ist, erscheint die Darstellung in „Die wilden Engel“ allerdings vergleichsweise sanftmütig. Vielleicht fanden sich die Rocker ja auch zu harmlos gezeichnet.

Coole Sau: Blues auf seinem Chopper

Eine allzu tiefgründige Erforschung des Lebensgefühls einer Jugendgeneration oder zumindest einer jugendlichen Subkultur sollte niemand erwarten, aber immerhin verherrlicht Roger Corman das Dasein der Rocker auch nicht. Ihre Perspektivlosigkeit kommt gut zum Ausdruck, wenn auch ohne Ursachenforschung. Der Regisseur inszeniert den Trip der „Angels“, ihre Raufereien und Exzesse in realistischer Anmutung. Allzu clever stellen sie sich nicht unbedingt an, vielleicht ist es ihnen auch egal, zu viel über ihr Tun und die Folgen nachzudenken.

Spoilerwarnung für die folgenden zwei Absätze

Just what is it what you want to do? Fragt der Prediger (Frank Maxwell) auf der Trauerfeier eines toten Kameraden. Blues’ Antwort auf die Frage, was er und seine Gang denn nun mit ihrem Leben anfangen wollen: Well we wanna be free. We wanna be free to do what we wanna do. We wanna be free to ride. (…) And we wanna get loaded. And we wanna have a good time. Spricht’s und läutet die Party ein, bei der die Rocker das Mobiliar der Kirche zerlegen. Diesen Dialog verwendeten übrigens sowohl die Grunge-Rocker Mudhoney aus Seattle 1988 als Sample auf ihrer Debüt-EP „Superfuzz Bigmuff“ im Song „In ’n’ Out of Grace“ als auch die schottische Rockband Primal Scream 1991 auf ihrem dritten Album „Screamadelica“ im Titel „Loaded“. Die Freiheit, die Blues für sich und die Seinen einfordert, gilt aber offenbar nicht für alle. Schon gar nicht für den Prediger, aber auch nicht für die Begleiterinnen, um nicht zu schreiben Gespielinnen der Gang. Dass die Frau des Toten auf dessen Trauerfeier einfach mal mehrfach vergewaltigt wird – geschenkt. Zugegeben: Blues hat’s nicht mitbekommen. Aber als ebenbürtige Partnerin sieht auch er seine Sozius-Lady Mike „Monkey“ (Nancy Sinatra) nicht gerade.

Sie träumen von einem freien Leben

So mag „Die wilden Engel“ ein Abbild jugendlicher Gegenkultur jener Zeit sein, was sich meinem abschließenden Urteil aufgrund der Gnade der späten Geburt natürlich entzieht; es ist jedoch kein wirklich schönes Bild, das Roger Corman da zeichnet, was ich durchaus nicht als Kritik am Regisseur verstanden haben möchte. „Die wilden Engel“ trägt zwar Exploitation-Elemente, geht aber darüber hinaus. Corman sieht den damaligen Zeitgeist zweifellos nicht mit rosaroter Brille. Selbst Blues erkennt am Ende auf dem Friedhof die Grenzen der Freiheit: There’s nowhere to go. Wo sollte er auch hin? Und während seine Gang vor der herannahenden Polizei die Flucht ergreift, greift er zur Schaufel, um seinen Freund zu begraben.

Laura Dern am Set dabei

Als Losers Ehefrau Gaysh ist Diane Ladd zu sehen, mit der Bruce Dern damals tatsächlich verheiratet war. Ladd wurde oder war während der Dreharbeiten schwanger, die Tochter der beiden kam 1967 zur Welt – eine gewisse Laura Dern. Für deutsche Heimkinos war bis dato lediglich die um etwa zweieinhalb Minuten gekürzte Kinofassung von „Die wilden Engel“ auf VHS erschienen. Nun hat Koch Films Abhilfe geschaffen und die ungekürzte Fassung in solider Qualität auf Blu-ray und DVD veröffentlicht. Die zusätzlichen Szenen sind in der deutschen Tonspur im englischsprachigen Original belassen und deutsch untertitelt worden. Löblich, dass diese klaffende Outlaw-Biker-Veröffentlichungslücke nun geschlossen ist.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Roger Corman sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Bruce Dern in der Rubrik Schauspieler.

“We wanna be free to do what we wanna do.”

Veröffentlichung: 14. Juni 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Wild Angels
USA 1966
Regie: Roger Corman
Drehbuch: Charles B. Griffith
Besetzung: Peter Fonda, Nancy Sinatra, Bruce Dern, Diane Ladd, Buck Taylor, Norman Alden, Michael J. Pollard, Joan Shawlee, Gayle Hunnicutt, Art Baker, Frank Maxwell
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit dem Filmhistoriker Mike Siegel, Featurette „On the Set with the Wild Angels“, deutsche Kinofassung, englischer Trailer, Bildergalerie
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Fotos, Packshot & Trailer: © 2018 Koch Films

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