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November – Faszinierende Horrormärchen aus Estland

13 Apr

November

Von Andreas Eckenfels

Fantasy-Horror // Es ist wohl eine der kuriosesten Eröffnungssequenzen der Filmgeschichte: Ein dreibeiniges Gestell mit einem Tierskelettkopf in der Mitte wandert durch eine karge, herbstliche Landschaft. An seinen Enden befinden sich scharfe Sicheln. Es begibt sich quietschend zu einem Stall und schnappt sich das Kalb, dass darin sein Dasein fristet. Das Tier wird an der Kette ins Freie gezogen. Dann beginnen die drei Beine zu rotieren. Wie ein Helikopter erhebt sich das Gestell in die Lüfte – das Kalb weiterhin im Schlepptau. Schließlich wird es vor einem kleinen Hof abgeladen. Ein Bauer tritt aus dem Haus, hoch erfreut darüber, dass das Kalb heil eingetroffen ist, schließt er es in seine Arme.

Der Kratt geht um

Wie wir erfahren, handelt es sich bei diesem grotesken, dreibeinigen Wesen um einen sogenannten Kratt, ein magisches Geschöpf aus der estnischen Mythologie, welches für seinen Besitzer auf Raubzüge geht. Vorher muss dieser aber einen Bund mit dem Teufel eingehen. „Die Idee ist, dass man durch das Blutopfer seine Habseligkeiten zum Leben erwecken kann. Dies kann alles sein: Äste, Gartengeräte, altes Eisen; man benennt es. Wer sein Blut gibt, bläst eine Seele in das Material. Die Kreatur, die daraus hervorgeht, arbeitet dann für einen. Obwohl es nie so läuft wie geplant“, erklärt der estnische Regisseur Rainer Sarnet im Interview, welches im beiliegenden Booklet zusammen mit einem lesenswerten Essay von Falk Straub über den Film in der Heimkino-Veröffentlichung von „November“ abgedruckt ist. Wer „The Witch“ (2016) und „Hagazussa – Der Hexenfluch“ (2017) etwas abgewinnen konnte, sollte auch hier einen Blick riskieren.

Der Kratt macht sich auf den Weg

Sarnet verfilmte mit seinem dritten Langfilm den Roman „Rehepapp ehk November“ seines langjährigen Freunds Andrus Kivirähk, der in Estland zum Bestseller avancierte. Ich habe keine deutsche Übersetzung für den Titel gefunden. Aber anders als das Backcover des Blu-ray-Schubers behauptet, reden alle anderen Quellen nicht von „Der Scheunenvogel“, sondern von „Der Tennenwart“, was die gleiche Bedeutung wie die am häufigsten genannte Übersetzung „Der Scheunenvogt“ hätte. Wohl ein kleiner Schönheitsfehler, einer sonst wunderbaren Veröffentlichung dieser kleinen Filmperle. Dem estnischen Wikipedia-Eintrag zum Roman zufolge handelt es sich beim „Rehepapp“ um einen vom Gutshof angeheuerten Bauern oder einfachen Arbeiter, dessen Aufgabe es war, das Getreide zu dreschen, den Dreschstall zu heizen, das Getreide dort zu trocknen und auf das Getreide aufzupassen. Der „Rehepapp“ kam aus dem Dorf und hat im Dreschstall gearbeitet. „Rehepapp“ waren meisten schmutzig und staubig von der Arbeit, hatten zottelige Haare, waren eher tollpatschig, aber auch ein bisschen unheimlich, waren ungläubige Heiden und wurden wegen ihres Äußeren oft als Teufel bezeichnet. In dem Kontext sei auch der „Vanapagan“ erwähnt, eine Figur aus der estnischen Mythologie. Für diese Erläuterungen bedanke ich mich bei einem mit Blogger Volker befreundeten deutsch-estnischen Ehepaar. Wie dem auch sei: In „Rehepapp ekh November“ verknüpft Kivirähk zahlreiche Märchen, Folklore, und Mythen aus seiner Heimat zu einer fantastischen Geschichte, die im 19. Jahrhundert angesiedelt ist und an einem 1. November ihren Anfang nimmt.

Liebe, Hunger und Tod

Der Herbst legt sich wie ein trister Schleier über ein kleines estnisches Dorf, in dem die Armut regiert. Die Bewohner versuchen die spärlichen Essensvorräte vor den nahenden Wintermonaten noch zu füllen. Doch viel Nahrhaftes findet sich nicht, weder auf den abgewirtschafteten Feldern noch im Wald mit seinen dürren Bäumen. Sie müssen wohl doch wieder mit Weidenrinde und Schlick vorliebnehmen. Zum Sattwerden reicht dies nicht aus. Vielleicht wissen die Toten, die an Allerseelen durch die Landschaft wandeln, wo der legendäre Silberschatz einer reichen Familie vergraben ist?! Die Pest geht um und nimmt verschiedene Formen an – zunächst als schöne Frau. Als sie von einem Mann übers Wasser getragen wird, erhält er dafür zum Dank den Todeskuss. Die Seuche nimmt auch die Gestalt einer Ziege und eines Schweines an. Die Dorfbewohner wissen jedoch, wie man die Krankheit täuscht und mit ihr verhandeln kann. Auch wenn ihre Gier und Lust sie manchmal übermütig werden lässt.

Aus Eifersucht will Liina (r.) die Tochter …

Eine tragische Liebesgeschichte verbindet die episodenhaften Erzählungen, die wie fremdartige Träume wirken. Das Bauernmädchen Liina (Rea Lest) ist in den Bauernjungen Hans (Jörgen Liik) verliebt. Doch der hat nur Augen für die hübsche Tochter (Jette Loona Hermanis) des deutschen Barons (Dieter Laser), die nachts schlafwandelnd auf dem Dach ihres prunkvollen Hauses herumbalanciert. Um Hans für sich zu gewinnen, vollzieht Liina ein Hexenritual, nach dem sie ihre Rivalin umbringen soll. Doch bringt sie die Tat auch übers Herz?

Expressionistische Gesichter in Schwarz-Weiß

Regisseur Rainer Sarnet dienten Fotografien von Johannes Pääsuke (1892–1918) als Inspiration für seine beeindruckend-poetischen Schwarz-Weiß-Bilder, die er mit einem stimmungsvollen Sounddesign verbindet. Mal erklingen bedrohliche, mal ruhige Chöre, verzerrte Streicher oder sphärische Ambient-Musik. Mit Dieter Laser („Human Centipede – Der menschliche Tausendfüßler“, 2009) findet sich immerhin ein hierzulande bekanntes Gesicht unter den Darstellern – sein Auftritt fällt allerdings kurz aus. Seine markante Physiognomie fügt sich bestens ins Ensemble ein, die meisten Schauspieler wurden wohl genau wegen ihrer expressionistischen Gesichtszüge ausgewählt, die allein schon Bände sprechen. Somit ist „November“ trotz aller märchenhaft-verstörender Elemente und der symbolisch aufgeladenen Bildsprache auch eine authentisch wirkende Zeitreise ins 19. Jahrhundert, in der das einfache, mit einem großen Sack voller Aberglaube beladene Volk sich gegenseitig faszinierende Geschichten erzählt hat, um die dunklen, kalten und hungrigen Zeiten zu überstehen.

… des Barons töten

Veröffentlichung: 22. Februar 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Estnisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: November
EST/NL/IT 2017
Regie: Rainer Sarnet
Drehbuch: Rainer Sarnet, nach einem Roman von Andrus Kivirähk
Besetzung: Rea Lest, Jörgen Liik, Arvo Kukumägi, Jette Loona Hermanis, Dieter Laser, Meelis Rämmeld, Taavi Eelmaa, Heino Kalm
Zusatzmaterial: Der Kratt-Testdreh, deutscher Trailer, Originaltrailer, Bildergalerie, Kurzfilm „Eine Reise durch Setomaa“ (1913), Booklet
Label: donau film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Zwischen Leben und Tod: Seltsame Gestalten bevölkern das estnische Dorf

Szenenfotos: © 2019 donau film

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Eine Antwort zu “November – Faszinierende Horrormärchen aus Estland

  1. Stepnwolf

    2019/04/26 at 15:04

    Die paar Bilder hier sehen schon ziemlich gut aus. Den Film muss ich mir mal merken.

     

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