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Die Falschspielerin – Frauen regieren die Welt

30 Mai

The Lady Eve

Von Tonio Klein

Liebeskomödie // Eigentlich sind Screwball-Komödien gar nicht so mein Ding. Zu laut, zu lärmend, zu hektisch, gelegentlich auch zu böse. Das ist hier nun ganz anders. Wenngleich auch diese natürlich ein Stück weit böse ist – aber eben nicht nur. Vor allem ist „Die Falschspielerin“ gut geschrieben, gut gespielt und von ein paar Durchhängern im Mittelteil einmal abgesehen tatsächlich lustig statt nervtötend.

Henry Fonda als Naivling

Die Liebeskomödie handelt davon, wie sich die gerissene Betrügerin Jean den reichen und etwas weltfremden Softie Charles angelt (Trottel wäre ein bißchen hart gesagt, aber nicht ganz ohne Berechtigung). Henry Fonda spielt ihn, und Hellmuth Karasek hat in seinem Buch „Mein Kino“ sehr schön beschrieben, wie gut er das kann – dass Fonda mit etwas steifem Understatement auch dann noch eine gute Figur macht, wenn er diverse Male hintereineinander wörtlich wie im übertragenen Sinne auf die Schnauze fällt. Er braucht gar nicht so dick aufzutragen wie etwa ein Cary Grant 1938 in „Leoparden küsst man nicht“, er erreicht mit weniger mehr. Schade, dass er ansonsten nur wenige solcher Rollen hatte.

Barbara Stanwyck toppt Katharine Hepburn

Die Frau ist Barbara Stanwyck, und dies ist ein echter Glücksgriff. Die Frau kann einfach alles, und sie schafft eine glaubwürdige Darstellung, ohne gewisse Züge ihres bevorzugten Rollentypus völlig zu verleugnen. Das heißt hier: Stanwyck ist ein Stück weit verrucht, hat auch diese herrlich tiefe, sehr coole Stimme, mit der sie im Übrigen ein frivoles Spiel treibt, wenn sie sie in der zweiten Hälfte des Films bewusst ablegt. Damit schlägt auch die weibliche Hauptrolle diejenige in der Ur-Screwball-Comedy „Leoparden küsst man nicht“ um Längen: Während Katharine Hepburn immer eine Spur zu durchgeknallt ist, sieht man bei Stanwyck immer beides, die kühl Kalkulierende hinter der Leidenschaftlichen, Aufgeregten, und so ist das eben: Entweder stehen diese beiden Persönlichkeitsteile miteinander im Widerstreit, dann geht’s ihr schlecht, oder sie ergänzen sich, dann kann sie alles, ohne das eine oder das andere aufgeben zu müssen. Soviel darf also verraten werden: Wer meint, dass hier irgendwann die Widerspenstige noch gezähmt zu werden hat, wird gnadenlos enttäuscht werden.

Aus dieser Figurenkonstellation wird nun eine herrliche Farce gesponnen. Allein, wie sich die Stanwyck den Fonda zum ersten Mal angelt, ihm ein Bein stellt, sich den hohen Absatz abbricht und ihn dazu bekommt, mit ihr in die Schiffskabine zu gehen, sich aus einem ganzen Koffer voller Schuhe einen auszusuchen und ihr den anziehen zu dürfen … und dann gleich so heftig zu flirten und ihm auf die Pelle zu rücken, dass Karasek dies wohl zu Recht als „am Rande der Zensur“ bezeichnet. Wie betrügerischer Vater und betrügerische Tochter die Pokerkarten mehrere Male hin- und hermanipulieren, weil die eine sich tatsächlich verliebt, der andere aber nach wie vor die Knete will. Wie dann Jean verkleidet als „Lady Eve“ aus England einen giggelnden Auftritt hinlegt, bei dem sie mit fein veränderter Stimme und Aussprache wie ein neugierig-kokettes Kind über ihre ersten Eindrücke von Amerika plaudert und sogar die eine oder andere englisch-amerikanische Kommunikationsschwierigkeit gezielt in ihre Mimikry einbaut. Wie dann schließlich Charles diese Jean alias Eve heiratet und sie ihm im Zug gesteht, dass sie schon mit diversen Männern etwas hatte. Überhaupt diese Zugszene, zu einer drohenden Musik aus Wagners „Ring“, der Zug pfeift wie verrückt und fährt in Tunnels wie verrückt, und statt dass Charles auch mal (pardon) in den Tunnel kann, man hat ja Flitterwochen, muss er sich Männergeschichten anhören … Das ist göttlich, eine herrlich absurde Steigerung, wie da immer neue Männernamen aus dem Hute gezaubert werden. Da kommt einem schon der Gedanke, der gute alte Hitch habe sich womöglich davon zu der symbolischen Tunneleinfahrt am Ende von „Der unsichtbare Dritte“ (1959) inspirieren lassen.

Wenn Frauen mit Männergeschichten prahlen

Und ob Billy Wilder dies tat, der ja quasi ein Studiokollege vom „Die Falschspielerin“-Regisseur Preston Sturges und mit ihm bekannt war, und mit dessen Esprit der Film ein bisschen vergleichbar ist? Bei ihm gibt es auch einmal eine Szene, in der absurde Steigerungen erfundener Männergeschichten einen Kerl so richtig kirre machen („Ariane – Liebe am Nachmittag“, 1957). Nun denn: Alle Genannten können es …

Schließlich wird’s doch noch romantisch und beinahe etwas konservativ. Charles muss erkennen, dass ihm die verruchte Jean, um deren Verruchtheit er weiß, natürlich lieber ist als die edle Eve, in deren Vorleben abgründige Geheimnisse schlummern. Wie man das hinbiegen kann, ohne dass es kitschig wird, verrate ich nicht – nur soviel: Die Stanwyck ist hier Gewinnerin auf ganzer Linie, und wie sie dem Fonda das klar macht, hat Klasse, Chuzpe, Charme, Esprit, und es zeigt: Frauen regieren die Welt. Wenn das so gemacht wird, bitte gern!

Referenz-Edition von Criterion

Die einzige mir bekannte deutsche Heimkino-Veröffentlichung – als DVD in der SZ Cinemathek – ist mittlerweile im Handel nicht mehr erhältlich und auf dem Sammlermarkt nicht mehr ganz preiswert. Das für sorgfältig gemasterte und fein aufgemachte Editionen bekannte US-Label „The Criterion Collection“ hat „Die Falschspielerin“ für den Juli als Blu-ray und DVD angekündigt. Wer auf deutsche Synchronisation verzichten kann und über einen Codefree-Player verfügt, macht damit sicher nichts falsch. Allen anderen bleibt die Hoffnung, dass ein deutsches Label an Criterion andockt und die Liebeskomödie für unseren Markt lizenziert.

Die Stanwyck als Covergirl

Als Redaktionsmitglied der Zeitschrift „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ erlaube ich mir abschließend einen Hinweis für Fans von Barbara Stanwyck: Die jüngst erschienene Ausgabe Nr. 37 widmet sich der Schauspielerin mit einer umfangreichen Titelstory, an der auch ich mitgewirkt habe. So habe ich einen Beitrag über Barbara Stanwyck im klassischen Melodram verfasst und mich auf einer Seite über ihre Rolle als Teil des Ensembles von „Die Intriganten“ (1954) von Robert Wise ausgelassen.

Lars Johansen, geschätzter Kollege bei „Die Nacht der lebenden Texte“ und „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ gleichermaßen, hat die Stanwyck als Komödiantin gewürdigt und dabei beispielhaft „Die Falschspielerin“ und „Wirbelwind der Liebe“ (1941) analysiert. Letztgenannte Komödie lief in Westdeutschland auch unter dem Titel „Die merkwürdige Zähmung der Gangsterbraut Sugarpuss“ im Fernsehen. Weitere Autoren widmen sich beispielsweise Stanwyck im Film noir, ihren Auftritten in Western sowie ihrer letzten Kinorolle in William Castles Horrorthriller „Er kam nur nachts“ (1964) mit Robert Taylor. Nach diesem Film war Barbara Stanwyck nur noch fürs US-Fernsehen tätig, das aber immerhin noch zwei Jahrzehnte lang. Die Ausgabe Nr. 37 der Zeitschrift kann hier bestellt werden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Barbara Stanwyck haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Henry Fonda unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 21. Juli 2007 als DVD der SZ Cinemathek

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Lady Eve
USA 1941
Regie: Preston Sturges
Drehbuch: Preston Sturges, nach einer Story von Monckton Hoffe
Besetzung: Barbara Stanwyck, Henry Fonda, Charles Coburn, Eugene Pallette, William Demarest, Eric Blore, Melville Cooper, Martha O’Driscoll, Janet Beecher, Robert Greig, Dora Clement, Luis Alberni
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Süddeutsche Zeitung GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein

Packshot: © 2007 Süddeutsche Zeitung GmbH,
Zeitschriften-Cover: © 2020 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin,
Filmplakat: Fair Use

 

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