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Howard Hawks (I): Leoparden küsst man nicht – Screwball in Perfektion

12 Jan

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Bringing up Baby

„Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Simon hat Lust verspürt, ein paar Filme dieses großen Hollywood-Regisseurs vorzustellen, da bot sich eine kleine Reihe an.

Von Simon Kyprianou

Liebeskomödie // Howard Hawks‘ „Leoparden küsst man nicht“ gilt als eine der größten Screwball-Komödien überhaupt. Allerdings war der Film trotz guter Kritiken seinerzeit an den US-Kinokassen ein veritabler Flop, was der Regisseur in der Nachbetrachtung darauf zurückführte, dass darin keine normalen Menschen vorkämen. Wie in dem zwei Jahre später entstandenen „His Girl Friday – Sein Mädchen für besondere Fälle“ geht es um Menschen, die gerade dabei sind, das gesellschaftliche Ideal zu erfüllen, sich ihrer Rolle in der Gesellschaft zu ergeben: zu heiraten und eine Familie zu gründen bzw. zu heiraten und sich gemeinsam ganz der Arbeit hinzugeben.

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Susan bringt totales Chaos in Davids Leben

In der ersten Szene von „Sein Mädchen für besondere Fälle“ berichtet die weibliche Hauptfigur ihrem Ex-Ehemann und Arbeitgeber von ihrer am nächsten Tag angesetzten Eheschließung mit ihrem Verlobten. In der ersten Szene von „Leoparden küsst man nicht“ wird von der für den Folgetag geplanten Hochzeit der Hauptfigur Dr. David Huxley (Cary Grant) mit seiner Verlobten Alice (Virginia Walker) berichtet.

Katharine Hepburn – eine Frau wie ein Orkan

Natürlich findet keine dieser Hochzeiten wirklich statt, denn beide Filme tun alles um ihre jeweilige Hauptfigur davon abzuhalten. Sie wollen die Figuren mit aller Macht daran hindern, in ein ödes gesellschaftliches, konservatives Ideal einzutreten. Einen Tag vor den bevorstehenden Eheschließungen konfrontiert Hawks seine Figuren dann jeweils mit einer anderen, einer anarchischen Figur. Im Falle von „Leoparden küsst man nicht“ ist es die kesse Susan (Katharine Hepburn), die wie eine Naturkatastrophe über Davids Leben hinwegfegt. Sie zerstört praktisch die gesamte Existenz des Erdaltertumsforschers: sein Auto, sein Lebenswerk im Museum, seine Chance auf eine Spende in Millionenhöhe, am Ende wird ihn gar seine Ehefrau in spe verlassen.

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Die beiden landen sogar hinter Gittern

Susan terrorisiert David den ganzen Film über bis zur Verzweiflung. Schließlich sitzt er in den Trümmern seiner Existenz. Als ihn Susan erneut aufsucht, äußert er, sie habe sein ganzes Leben zerstört, aber er habe noch nie soviel Spaß gehabt wie in der gemeinsamen Zeit mir ihr. Die Gagdichte ist wahnwitzig, die Bedeutung von „Leoparden küsst man nicht“ für das moderne Komödienkino ist gar nicht hoch genug zu bewerten, aber es ist auch ein herausragender Liebesfilm: Die Liebe erscheint als brutale Katastrophe, die über die Menschen hinwegfegt und alles mit sich in den Abgrund reißen kann. Sie ist etwas schier Unbegreifliches, das man selbst vielleicht als grausam empfindet, aber doch nicht mehr missen will.

Maschinengewehr-Dialoge

Die Dialoge sind fantastisch geschrieben, die Wortwitz-Dichte ist derartig hoch, dass man davon schier überrollt wird. Vor allem aber können Hawks’ Schauspieler die Dialoge auch atemberaubend schnell, laut und hart vortragen. Man liest in diesem Kontext immer wieder von den sogenannten „Maschinengewehr-Dialogen“. Eine derartige Geschwindigkeit in den Dialogen – wie man sie etwa auch in Billy Wilders Komödien („Eins, Zwei, Drei“) findet – gibt es heute kaum mehr. Auch ist die Komik extrem physisch, „Leoparden küsst man nicht“ enthält unheimlich viel Slapstick – Grant scheint häufiger hinzufallen als zu laufen – und der titelgebende Leopard selbst ist natürlich ein wunderbares Mittel visueller Komik.

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Mal wieder zu Boden gegangen

Der deutsche Regisseur Christian Petzold („Yella“) sagte in einem Interview, er würde liebend gern eine Komödie wie „Leoparden küsst man nicht“ drehen, leider sei ein solches Projekt in Deutschland gar nicht realisierbar, die notwendigen Produktionsmittel (zum Beispiel einen Writers’ Room) gebe es hierzulande einfach nicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Howard Hawks sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 17. Oktober 2008 & 12. September 2000 als DVD

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Bringing up Baby
USA 1938
Regie: Howard Hawks
Drehbuch: Hagar Wilde, Dudley Nichols
Besetzung: Cary Grant, Katharine Hepburn, Virginia Walker, May Robson, Walter Catlett
Zusatzmaterial: Starinfos, Filmdokumentation: „Ein verdammt gutes Leben – Howard Hawks“ von Hans-C. Blumenberg; Trailer, Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2016 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © Studiocanal Home Entertainment

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Eine Antwort zu “Howard Hawks (I): Leoparden küsst man nicht – Screwball in Perfektion

  1. JAH

    2017/01/12 at 18:40

    Oder 2h Gebrüll in übersteuerte Mikros. Der eine oder andere charmante Schlagabtausch war dabei, aber danach hatte ich tatsächlich übel Kopfschmerzen.

    Der Klamauk, der etwa gemeinsam mit der Polizei einsetzt, passt für mich auch nicht wirklich ins Genre. Daher kann ich schon erstehen, wie der Film gefloppt ist. 🙂

     

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