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Don Siegel (X): Die schwarze Windmühle – Der Spion, der seine Familie liebte

03 Jun

The Black Windmill

Von Tonio Klein

Agententhriller // Bauklötzchen-Credits, Kindergesang und zwei fehlende Schuluniformen – bald werden zwei Kinder fehlen, entführt. Scheinbar nichts damit zu tun hat der Auftritt eines Mannes, offenbar frisch aus dem Gefängnis entlassen, der bei einer lasziven Schönen (Delphine Seyrig) einen Mann kontaktieren will, der ihm einen Job verschaffen könne. Und scheinbar noch viel weniger zu tun hat damit, dass dieser Mann eine Sitzung von hohen Tieren des britischen Geheimdienstes besucht (wobei es „den“ Dienst ja gar nicht gibt, sondern mehrere). Und scheinbar noch viel, viel weniger mit allem, dass der dort in leitender Funktion beschäftigte ältere Sir Edward (Joseph O’Connor) so offensiv von seiner deutlich jüngeren Frau (Catherine Schell) beschmust wird, dass dem an anderer Stelle als auffällig „hygienefixiert“ gezeigten Cedric Harper (Donald Pleasence) ganz blümerant wird. „Die schwarze Windmühle“ wird oft als verwirrend beschrieben, aber die genannten Dinge werden sämtlich einen Sinn ergeben, und zwar einen erschreckend banalen. Das macht die Genialität dieses unterschätzten Filmes aus, der dadurch zugleich zu einem der damals so beliebten Paranoia-Thriller wird. Schaut her, was für gänzlich unpolitische, menschlich-allzumenschliche Schwächen es sein können, die ein Verbrechen und eine mörderische Jagd auslösen, bei der sich die Geheimdienste als wichtig gerieren, sich untereinander (MI 5 und MI 6) sowie mit Scotland Yard um Kompetenzen und Prestige streiten und irgendwelche nur angedeuteten Sicherheitsinteressen sowie ihre Macht missbrauchen – bloß wegen … Aber dies sei nicht verraten.

Ex-Knacki bei der Kontaktaufnahme …

Die Nennung der Institutionen sagt es schon: Der US-Amerikaner Don Siegel, der hier Regie führte, ist nach Großbritannien gegangen. Von den oben genannten Rändern zum Zentrum, welches den Zuschauer trotz allen Kuddelmuddels immer bei der Stange halten kann: Der vermeintliche Ex-Knacki ist ein Spion, Major John Tarrant (Michael Caine), einer der entführten Jungen ist sein Sohn David. Der Erpresser (John Vernon) scheint noch einen Hintermann zu haben, zumal er am Telefon sagt, er (genauer: sein Tarnname) sei viele, sodass der bangende Vater und die mithörenden Ermittler nicht immer dieselbe Stimme am Telefon hören. Und der große Unbekannte muss ganz oben in der Geheimdienst-Hierarchie stehen, verlangen die Bösen als Lösegeld doch genau die Summe in Rohdiamanten, die Harper schon zwecks Bezahlung eines Deals zur Infiltrierung eines Waffenschmugglerrings geordert hat.

… oder Geheimagent mit Brille?

Nach vielen Hits wurde dieser Don-Siegel-Film gemischt aufgenommen. Auch der Audiokommentator Mike Siegel (!) – bei dem Namen sei erwähnt, dass es sich um einen Deutschen handelt, der natürlich in seiner Landessprache kommentiert – ist zwar wohlwollend, aber etwas reserviert. Ich bin da anderer Ansicht, was übrigens mitnichten Kritik an Siegel, Mike, sein soll. Vielmehr hat sich dieser sehr kenntnisreich mit vor allem der Entstehungsgeschichte des Filmes auseinandergesetzt, kann glaubhaft von Schwierigkeiten bei fast allem berichten (Drehbuchentstehung, Hauptdarsteller, das englische Effektteam usw.), aber enthält sich der Interpretation des Filmes, die jeder selbst vornehmen möge. Von daher habe ich berechtigte Hoffnung, dass mein Widerspruch ihm gefallen könnte.

Stringenz und Wirrniss

Erstens: Der Film sei verwirrend und enthalte Logiklöcher. Dass Ersteres durch die konsequente Haupthandlung des väterlichen Kampfes um seinen Sohn nivelliert wird, hatte ich bereits erwähnt. Dass die Banalität der Auflösung etwas Entlarvendes hat, dito. Im Übrigen handelt es sich um Wirrnisse, die meines Erachtens stark an Hitchcock erinnern, wobei Siegel, jetzt wieder Don, genau wie der Altmeister die Kunst beherrscht, unsere Aufmerksamkeit auf ganz andere Dinge zu lenken, um Logikschwächen als Mittel zu einem ganz anderen Zweck einzusetzen und sie vergessen zu machen. Das hat jedenfalls bei mir geklappt! Der Film hat eine Art „innere Logik“, bei der trotz Unwahrscheinlichkeiten am Ende eine stimmige Aussage herauskommt.

Tempo auch ohne Action

Zweitens: Der Film sei nicht spannend und nicht temporeich. Bei Siegel-Knallern wie „Dirty Harry“ (1971) und „Charley Varrick – Der große Coup“ (1973) geht es natürlich ganz anders zur Sache. Siegel hatte seinen Ruf als Action-Regisseur gerade mit diesen beiden unmittelbar vorher entstandenen Filmen nachhaltig gefestigt, um es nun etwas ruhiger anzugehen. Die klassische Hatz beginnt erst nach mehr als der Hälfte des Films – Tarrant kann die Diamanten ergaunern, ist Jäger der Entführer und Gejagter der Geheimdienstkollegen. Aber der Streifen ist schon vorher temporeich, was das Schachern, Drohen, Täuschen und Tricksen angeht. Da erzählt er zum Beispiel, wie Tarrant bei einem Telefonanruf Harper imitiert und dadurch einen Bankier dazu bringen kann, Tarrant die Diamanten zu übergeben – und nach dem Schnitt nimmt Tarrant sie bereits entgegen. Ein schwächerer Regisseur hätte gezeigt, wie Tarrant die Bank betritt, sich ausweist, dem Direktor etwas sagt wie: „Mein Chef, Mr. Harper, hat mir gesagt, ich würde erwartet. Haben Sie seinen Anruf bekommen?“ – und nach etwas Vorgeplänkel wird der Tresor geöffnet. All dies verschwindet bei Siegel in der Ellipse (er hatte übrigens als Montagen-Gestalter bei Warner Brothers ab Ende der 1930er-Jahre das Handwerk des ökonomischen Erzählens gelernt). Wo es wichtig ist, bringt Siegel allerdings Details. Harper, der sich nicht „die Finger schmutzig machen“ will, hat eine (1974 noch extremer als heute wirkende) starke Aversion gegen Zigarettenrauch und überhaupt gegen alle Gerüche und Keime. Er wischt sich sogar noch von seinem Schnurrbart den gemutmaßten Schmutz ab (jedenfalls sieht sein Herumfingern an Selbigem so aus; das ist kein klassisches, verspieltes Zwirbeln). Alles muss seine Ordnung haben und aseptisch sein, auch wenn er die Pflanzen in seinem Wintergarten ausgiebig einsprüht. Siegel weiß sehr wohl, wo er Details bringen kann und wo er aufs Tempo drücken muss!

Der Caine war des Filmes Schicksal – und Gewinn

Drittens: Michael Caine spiele mit einem Understatement, das die Angst um den Sohn nicht auf den Zuschauer übertrage. Hier nun möchte ich am heftigsten widersprechen. Caine ist natürlich ein sehr minimalistischer Darsteller und ganz anders als Siegel-(Anti-)Helden à la Clint Eastwood. Aber nicht nur ist er hier typisch Caine, sondern es passt zur Rolle. Er hatte schon in drei Filmen den von Len Deighton erdachten Agenten Harry Palmer gespielt, der gelegentlich als Anti-Bond bezeichnet wird – wohl der erste Film-Agent mit Brille (die er gelegentlich auch in „Die schwarze Windmühle“ trägt). Und dass wir uns hier fernab von Bond befinden, zeigt schon der mehr als nur vordergründige Gag, dass ein Agent einen Maulwurf mit Vornamen Sean einmal versehentlich als „Sean Connery“ bezeichnet. Zudem fügen sich zwei Szenen zu einem wohl bewusst gesetzten Bond-Kontrast zusammen: Erst führt ein Waffenmeister einen mit Schussvorrichtung ausgestatteten Aktenkoffer an einer Puppe vor, wie wir das von „Q“ aus unzähligen Bonds kennen. Dann wird das Stück schließlich zum Einsatz kommen – aber Tarrant ist nicht Bond, es geht schief, und statt des Blutes schießt nur der Wein in Strömen aus zerstörten Fässern. Tarrant ist auch insoweit nicht Bond, als er eine Familie hat: die von ihm getrennt lebende Ehefrau Alex (Janet Suzman) und eben den entführten Sohn David. Dass Tarrant äußerlich so gefasst ist, ist Teil der Geschichte – und wir merken wirklich sehr deutlich, dass dies nur äußerlich ist, da bringt Caines Minimalismus maximale Wirkung. Die Story wird so zu einem Statement über das Wesen der Geheimdienste und vor allem des Geheimdienstlers, der als Profi kühl bleiben muss und dies in vielen Berufsjahren (zu?) sehr verinnerlicht hat. Mehr John le Carré als Ian Fleming.

Paarlauf: John und Alex

Bemerkenswerterweise wird der Plot in origineller Art zur Geschichte einer echten Partnerschaft zwischen John und Alex Tarrant. Dass ein Pärchen in der Gefahr wieder zusammenrückt, ist zugegebenermaßen ein ausgetretener Pfad, aber „Die schwarze Windmühle“ geht neue Wege. Die Wendung kommt relativ spät; der Film zeigt zunächst die typische Frau, die am Beruf ihres Mannes verzweifelt, ohne den David noch so fröhlich spielen würde wie eh und je. Er verzieht keine Miene, sie hält das Schreien des Jungen am Telefon nicht aus. Dann aber ist Rettung in Sicht, nicht, weil die Tarrants vom hochprofessionellen Wirken der Spione Abstand nehmen („Das ist was Persönliches“ – und Schuss), sondern weil sie es annehmen. Sie werden das Spiel besser spielen als die Gegner, die sich schon längst verabschiedet haben vom hehren Ethos der geheimdienstlichen Tätigkeit, so es das je gab. Und zwar beide in wirklichem, gleichberechtigtem Teamwork. So kann ich dem Film abnehmen, dass Arbeitspartner auch wieder Lebenspartner werden könnten. Es ist wirklich schön, mitanzusehen, wie Alex zu einer Stärke und Cleverness zurückfindet, die offenbar nie wirklich weg war. John trickst mit den Mitteln seiner Gegner, unter anderem mit verstellten Stimmen, die eine Entsprechung in den verschiedenen Stimmen des Erpressers finden. Alex leistet am Ende Detektivarbeit beim Auffinden der titelgebenden Windmühle, in welcher der Sohn gefangengehalten wird. Und vorher benutzen die beiden Treffpunkte und Verständigungs-Geheimcodes mit großer Versiertheit. Dies ist zunächst einmal sehr anspielungsreich: Im Kino-Treffpunkt läuft „Die Luftschlacht um England“, den Harry Saltzman als Herzensprojekt neben seinem zunehmend ungeliebten Bond-Franchise produziert hatte – The Black Windmill is beyond Bond! Und der Verständigungs-Code beruht auf Alex’ Deckname Maria von Trapp. Zum einen spricht sie dies, ihren Häschern eine Falle stellend, wie „trap“ aus. Zum anderen ist das eine auf der realen Maria von Trapp basierende Figur aus dem Musical „The Sound of Music“, in dem sie mit Chuzpe vor einer Bedrohung (nämlich den Nazis) flieht und ihre Familie zusammenhält. Dass der Barpianist in der entsprechenden Szene auch noch Marias Auftrittslied aus „The Sound of Music“ (als 1965er-Verfilmung „Meine Lieder, meine Träume“ immens populär) anspielt, rundet das Ganze ab.

Doch, die Familie lässt nicht kalt

Man hat den Eindruck, unser Pärchen reise in seine Vergangenheit, und die war offenbar sehr schön, wie die Mimik und das Schwelgen in der Erinnerung an dieses Kino uns sagen. Obwohl es um Leben und Tod des Sohnes geht, haben beide auch angenehme Gefühle, Erinnerungen, wollen beide wieder zu ihren Wurzeln zurück. Und sie könnten das auch schaffen, wie ihr tatkräftiges Ziehen an endlich demselben Strang andeutet.

Saubermann Harper – nicht mehr unangetastet

Es liegt ein gelungener Film vor, der von der Kälte der Geheimdienste und der Verkommenheit der Menschen erzählt und die aus heutiger Sicht beinahe verschwörungstheoretische Paranoia des 1970er-Kinos entmythologisiert, banalisiert, entlarvt. Er zeigt gerade gegen Ende, dass Professionalismus und emotionale Nähe nebst Wiederannäherung keine Widersprüche sein müssen, sondern dass sich beides sogar wechselseitig beflügeln kann. Bei der neuen Stärke von Alex fällt auch eher gering ins Gewicht, dass Delphine Seyrig, die doch anscheinend die weibliche Hauptrolle hat, den Zuschauer arg kaltlässt. Ich gestehe dabei höchst subjektiv: Wer die GNTM-Starlets für zu dick oder genau richtig hält, könnte die gute Dame erotisch finden; für mich ist sie ein Gerippe. Davon abgesehen hat sie schlicht eine undankbare Rolle. Sie ist das Püppchen in den Händen der Schurken, bei dem jegliche Regung, auch das Erotische, auch die Komplettnacktheit in einer Szene, nur fremdbestimmtes Mittel zum bösen Zweck ist. Sie hat kein Gesicht, keine Seele – wozu ihr nicht zu verratendes Schicksal gegen Ende passt. Schade, aber wir haben ja Alex.

Nichts an, nichts dran – Delphine Seyrig

Blu-ray und DVD bieten eine hervorragende Bild- und Tonqualität sowie zahlreiche Extras, bei denen der deutsche Audiokommentar von Mike Siegel natürlich hervorsticht. Abgesehen davon, dass der obligatorische Doppelkauf von Blu-ray und DVD so überflüssig wie preistreibend ist, hat Koch Films alles richtig gemacht. Don Siegel sowieso.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Don Siegel haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Michael Caine und Donald Pleasence unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 11. Juni 2020 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 2 Covermotive), 20. Juli 2006 als DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Black Windmill
GB/F 1974
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Leigh Vance
Besetzung: Michael Caine, Delphine Seyrig, Donald Pleasence, John Vernon, Janet Suzman, Joseph O’Connor, Catherine Schell
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Mike Siegel, Interviews, deutscher und englischer Trailer, Radio-Spots, Bildergalerie, Booklet
Label/Vertrieb 2020: Koch Films
Label/Vertrieb 2006: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshot Mediabooks: © 2020 Koch Films, Packshot DVD: © 2006 Universal Pictures Germany GmbH

 

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