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Horror für Halloween (XXXII) / Dario Argento (III): Phenomena – Die Herrin der Fliegen

Phenomena

Von Volker Schönenberger

Horror // An einer Haltestelle an einer Passstraße in der Schweizer Provinz nimmt ein Postbus eine Ausflugsgruppe auf. Ein Teenager-Mädchen (Fiore Argento) hat getrödelt und bleibt zurück. Es betritt ein abgelegenes Haus, um um Hilfe zu bitten, doch dann wird die junge Frau von einem Unbekannten attackiert. Zwar gelingt es ihr, aus dem Gebäude zu fliehen, doch der Täter verfolgt sie bis zu einem Wasserfall …

Im Anschluss an diesen Prolog erfahren wir, dass ein Serienmörder in der Gegend wütet. Er bevorzugt Teenagerinnen, die er köpft. Die Köpfe werden gefunden, die Körper bleiben verschwunden. Der leitende Ermittler Inspektor Rudolf Geiger (Patrick Bauchau) und sein Assistent Kurt (Michele Soavi) ziehen den im Rollstuhl sitzenden Insektenkundler Professor John McGregor (Donald Pleasence) zu Rate. Von ihm erhoffen sie sich Aufschluss über die Todeszeitpunkte der Opfer anhand des Wachstums und Zustands der Maden und Fliegen an den verwesenden Schädeln.

Auftritt der Insektenflüsterin

Die junge Jennifer Corvino (Jennifer Connelly) trifft im „Richard Wagner“-Internat von Zürich ein. Sie liebt Insekten, wird nie von Bienen gestochen. Gleich in der ersten Nacht beginnt sie zu schlafwandeln, verlässt ihr Zimmer und wird in einem abgelegenen Trakt Zeugin eines grausamen Mordes. Ihr gelingt die Flucht in ein Waldstück, wo sie von der Schimpansin Inga gefunden wird, dem Haustier von Professor McGregor. Der zeigt sich fasziniert von Jennifers Gabe, mit den Insekten zu kommunizieren.

Dass die blutjunge Jennifer Connelly („Alita – Battle Angel“) in Dario Argentos „Phenomena“ als Protagonistin in Erscheinung tritt, hatte ich gar nicht mehr in Erinnerung. Die spätere Oscar- und Golden-Globe-Gewinnerin („A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“) war ein Jahr zuvor in Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ (1984) erstmals auf der Kinoleinwand zu sehen gewesen. Beim Dreh der finalen Szenen von „Phenomena“ biss ihr ein Schimpanse eine Fingerkuppe ab, sie wurde angenäht. Dario Argentos Regiearbeiten sind selten Schauspieler-Filme, aber Jennifer Connelly macht ihre Sache trotz ihrer Unerfahrenheit anständig, auch wenn man ihr damals sicher nicht prophezeit hätte, sie werde später zwei der wichtigsten Filmpreise der Welt gewinnen. Der Regisseur ist ja nicht unbedingt bekannt dafür, seine Darstellerinnen und Darsteller zu Höchstleistungen zu führen, da macht „Phenomena“ keine Ausnahme. Als Jennifers Schweizer Betreuerin Frau Brückner ist Daria Nicolodi zu sehen. Die jahrelange Lebensgefährtin des Regisseurs ist die Mutter von Asia Argento und tritt in ein paar seiner Filme als Nebenfigur auf, darunter „Rosso – Die Farbe des Todes“ („Profondo rosso“, 1975), „Suspiria“ (1977) und „Tenebre – Der kalte Hauch des Todes“ (1982). Die Dreharbeiten gestalteten sich für die beiden überaus konfliktträchtig, die Beziehung endete bald darauf (nachzulesen in „Dario Argento’s Phenomena“ von Alan Jones, Booklet-Text der Blu-ray von Arrow Video). Als erstes Mordopfer des Films hatte der Regisseur seine Tochter Fiore aus erster Ehe verpflichtet, die ihr Debüt als Schauspielerin aber wenig genoss und folgerichtig andere Wege einschlug.

Lieblingsarbeit von Dario Argento

Argento befand sich Mitte der 1980er-Jahre auf der Höhe seiner Filmkunst. Qualitätsschwankungen sind kaum zu bemerken, erst ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende sank die Leistungskurve rapide nach unten. Manchen Fans gilt „Phenomena“ als ihre liebste Argento-Regiearbeit, auch Argento nennt den Film seinen Favoriten, und dafür gibt es gute Gründe. Ob Landschaftsaufnamen oder Motive im Innern, Kameramann Romano Albani findet schaurig-schöne Bilder und Einstellungen für die grausame Mär um Insekten und Serienmorde. Es verwundert, dass er danach nie wieder für Argento die Kamera geführt und dies auch vorher nur einmal getan hat – 1980 für „Horror Infernal“ („Inferno“). Die rausch- und albtraumhaften Geschehnisse um das Internatsgebäude scheren sich nicht um Fragen der Glaubwürdigkeit, es ist völlig gleichgültig, ob und wie der Täter auf realistische Weise Gelegenheit gefunden hätte, seine Morde zu verüben, die Opfer zu köpfen und ihre Leichen abzutransportieren. Das verleiht der Story eine unwirkliche Qualität, die ihr eher guttut als zu schaden. Auch Argentos Spiel mit Farben kommt gut zur Geltung.

Für die Filmmusik entschied sich Argento für ein interessantes Gemisch aus Stücken seiner Haus- und Hof-Formation Goblin, des Soundtrack-Debütanten Simon Boswell und des Rolling-Stones-Bassisten Bill Wyman. Zusätzlich bekommen wir „Flash of the Blade“ von Iron Maiden und „Locomotive“ von Motörhead auf die Ohren. In dem Kontext ist das unfreiwillig komische Fazit im „Lexikon des internationalen Films“ als Kuriosum lesenswert: Langatmiges, primitiv inszeniertes Horror-Spektakel, das mit blutrünstigen Schockeffekten und penetrant eingesetzter Heavy-Metal-Musik Spannung zu erzeugen versucht. Na ja, die katholisch geprägte Publikation hat bei Horrorfilmen oft genug mit skurrilen Beurteilungen danebengelegen. „Phenomena“ nimmt sich Zeit, Atmosphäre aufzubauen, wer das für langatmig hält, soll bei MTV-Musikvideos der 80er und 90er bleiben. Und natürlich kann man grauslich inszenierte Morde für primitiv halten, wenn man ein Weichei ist, das beim Herannahen eines Mörders die Hände vor die Augen hält. Ich nenne das kunstvoll, was Argento da abgeliefert hat. Aber was soll man auch von einem Rezensenten halten, der ganze zwei Metal-Songs für „penetrant“ hält? Die beiden Motörhead- und Maiden-Stücke erklingen jedenfalls nicht permanent, sie bilden im Gegenteil einen reizvollen Kontrast zu den Synthie-Klängen von Goblin.

Larven, Maden und anderes Kleingetier

Larven, Maden und Fliegen schrauben den Ekelfaktor in einigen Sequenzen hoch, ein paar Mal musste ich das Gesicht verziehen. Aber es passt zur Story und wirkt nicht selbstzweckhaft. Die Inspiration für die Insektenstory zog Argento aus kriminalistischen Berichten über Autopsien, bei denen die Pathologen anhand des Kleingetiers auf Leichen Rückschlüsse über den Todeszeitpunkt ziehen können. Sein Ko-Drehbuchautor Franco Ferrini („Es war einmal in Amerika“) hat gegenüber Alan Jones erwähnt (siehe oben genannter Booklet-Text), Argento wollte unbedingt eine Hauptfigur mit einer besonderen Fähigkeit haben, weil das Motiv seinerzeit in Filmen wie den beiden Stephen-King-Adaptionen „Dead Zone“ (1983) und „Der Feuerteufel“ (1984) auftauchte.

Ursprünglich sollte die junge Insekten-Flüsterin Martha heißen, was Jennifer Connelly aber überhaupt nicht gefiel. Den Wechsel zu Jennifer erleichterte der Umstand, dass es der Schimpansendame leichter fallen würde, mit Connelly zu interagieren, wenn sie in gemeinsamen Szenen mit Donald Pleasence nicht anders angesprochen würde als in den Drehpausen und beim Training mit der Menschenäffin.

Filmcrew züchtet Fliegen

Zum Finale legt der Regisseur dann eine Horror-Schippe drauf, für eine Szene daraus züchtete die Crew sogar Fliegen aus zwei Millionen Eiern, Kleidung und Maske des betroffenen Darstellers erhielten reichlich Glukosesirup als Lockmittel. Respekt an den Schauspieler David Marotta, dies ausgehalten zu haben. Die blutigen Make-up-Effekte von Sergio Stivaletti sind aller Ehren wert. Er wirkte bei einigen Argento-Filmen mit, darunter „Opera“ (1987), „Das Stendhal Syndrom“ (1996) und „Sleepless“ (2001) sowie auch den eher missratenen Argento-Spätwerken „The Mother of Tears“ (2007), „Giallo“ (2009) und „Dario Argentos Dracula“ (2012).

Noch keine FSK-Freigabe für Uncut-Fassung

Vormals indiziert, hat die ungeschnittene Fassung von „Phenomena“ seit er Listenstreichung keine Neuprüfung durch die FSK erhalten. Im Handel finden sich nach wie vor geschnittene Versionen, für eine Auflistung zensierter und unzensierter Fassungen empfiehlt sich der Blick auf Schnittberichte. Wer bereit ist, bei der Bild- und Tonqualität gegenüber neuen HD-Veröffentlichungen ein paar Abstriche zu machen, wird mit der limitierten Digipack-DVD im Schuber mit Booklet von Dragon Entertainment gut bedient (siehe die beiden unteren Fotos), zumal sie auf dem Sammlermarkt mit etwas Glück sehr preiswert zu finden ist. Gelungene Editionen hat einmal mehr das englische Label Arrow Video auf den Markt geworfen, zuletzt auch eine neue 4K-Abtastung. Mir reicht aber mein etwas älteres Arrow-Steelbook, das seinerzeit exklusiv über einen britischen Online-Händler vertrieben wurde. Löblich: Arrow packte gleich zwei englische Untertitelfassungen auf die Disc – einmal für die englische Sprachfassung, einmal für die italienische. Ich nutze englische Untertitel zur Verifizierung des Gehörten, da wäre es suboptimal, wenn ich eine englische Übersetzung der italienischen Synchronisation zu lesen bekomme. Argento drehte im Übrigen trotz einer mehrheitlich italienischen Besetzung in englischer Sprache, die italienische Fassung entstand per Nachsynchronisation.

Von der zeitgenössischen Filmkritik zwiespältig aufgenommen, hat „Phenomena“ im Lauf der Jahre den Status einer der interessantesten Regiearbeiten Argentos eingenommen. Für Fans des Italieners stellt „Phenomena“ sowieso Pflichtprogramm dar, und wer mystischem Horror im Allgemeinen und dabei den 80ern im Besonderen etwas abgewinnen kann, kommt an dem Film nicht vorbei. Ach, was rede ich: „Phenomena“ gehört zu den Sahnestücken des Horrors überhaupt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dario Argento sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Jennifer Connelly unter Schauspielerinnen, Filme mit Donald Pleasence in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: diverse als Blu-ray und DVD

Länge unzensiert: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft (zensiert auch FSK 18)
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Phenomena
IT/CH 1985
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento, Franco Ferrini
Besetzung: Jennifer Connelly, Donald Pleasence, Daria Nicolodi, Fiore Argento, Federica Mastroianni, Fiorenza Tessari, Dalila Di Lazzaro, Patrick Bauchau, Alberto Cracco, Kaspar Capparoni, Mario Donatone, Michele Soavi
Label/Vertrieb: diverse

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Horror für Halloween (XIII) / Zum 100. Geburtstag von Donald Pleasence: Die schwarze 13 – Danach kann nur noch Satan kommen

Eye of the Devil

Von Ansgar Skulme

Horror // Die Angestellten des Marquis Philippe de Montfaucon (David Niven) sind in Aufruhr – auf seinem Besitz in Belnac droht eine Missernte! Der Marquis macht sich daher auf den Weg von Paris aufs Land, wo die Menschen in einer völlig anderen, von heidnischen Ritualen und Überzeugungen geprägten Welt leben, die das Mittelalter kaum überwunden hat. Seine Frau Catherine (Deborah Kerr), verunsichert durch sein sonderbares Verhalten vor der Abreise, entschließt sich, ihm zu folgen. Was die Genießer des Pariser Lebens in Belnac an archaischer Verlorenheit bis hin zu mörderischen Opfer-Kulten erwartet, scheint aus dem Blickwinkel des modernen Großstadtlebens kaum denkbar. Selbst die kleinen Montfaucon-Kinder haben keinen Grund mehr, sich sicher zu fühlen.

„Die schwarze 13“ ist ein immens unangenehmer, verunsichernder 60er-Horrorfilm, der eine für das damalige Kino, vor allem für Produktionen dieser Größenordnung auffällig konsequente Hoffnungslosigkeit ausstrahlt. Zu keinem Zeitpunkt gibt es hier so etwas wie einen Helden, der den Eindruck vermittelt, die Sache vielleicht doch in den Griff bekommen zu können. Besonders verstörend wirkt dies gerade deswegen, weil es sich eben nicht etwa um einen Independent-Film handelt, sondern um ein MGM-Projekt mit bekannten Hollywood-Altstars in den Hauptrollen – also typischen Gesichtern einer heilen Filmwelt, die hier nun gewissermaßen wie ein Kartenhaus zerbricht. Wenn man so will, bewegt sich „Die schwarze 13“ damit ein wenig im Fahrwasser von William Castles „Er kam nur nachts“ (1964), der mit Robert Taylor und Barbara Stanwyck anstelle von David Niven und Deborah Kerr aufwartete, nur ist in „Die schwarze 13“ erst recht kein Verlass mehr auf Bezüge zu klassischen Handlungsmustern. Vielmehr startet der Film von vornherein mit irritierend wirkenden, Orientierungslosigkeit herausfordernden Kamerabewegungen und Schnitten – ein Stilmittel, das auch später immer wieder zu finden ist. Dazu viele nervenzehrende musikalische Klänge und diverse wirklich kaltblütig abgestumpfte Figuren – Menschen, an denen wenig übrig ist, was für uns moralisch noch erklärbar ist. Selbst die Opfer wirken zunehmend unnahbar und verloren, als seien sie in einer Art Trance, die hoffnungslos aufs Ende zusteuert, schon halb blutleer, seelisch leergesaugt. „Die schwarze 13“ entwickelt sich so zu einem Fleisch werdenden Albtraum.

Fanatismus, Mordlust, Menschenverachtung

Als sei der Horror auf der narrativen und visuellen Ebene nicht schon übel genug, gesellt sich dazu ein doppelter Boden: Sharon Tate, die im Zuge ihrer grausamen Ermordung 1969 – aktuell durch den Quentin-Tarantino-Film „Once Upon a Time in Hollywood“ im Kino thematisiert – zu einer der tragischsten Legenden der Filmgeschichte geworden ist, ist in „Die schwarze 13“ in ihrer (am Zeitpunkt des Drehs gemessen) ersten großen Kinorolle zu sehen, also der ersten, bei der sie auch mit ihrem Namen im Vorspann genannt wurde. Und das ausgerechnet als in Schwarz gekleidete, gefühlskalte, blutjunge Götzenanbeterin, die auf bloßes Geheiß übergeordneter Heiden hin auch vor dem Tod kleiner Kinder keinen Halt macht. Niemand konnte ahnen, wie entsetzlich diese junge Schauspielerin rund drei Jahre nach Abschluss der Dreharbeiten in der Realität von schockierend ähnlichen Gestalten eingeholt werden würde. Ein Kritiker der New York Times beanstandete die Ausdruckslosigkeit ihrer Performance in „Die schwarze 13“, aber gerade diese konsequente Abwesenheit von Emotionen, die man für angemessen halten würde, macht ihre Interpretation der Rolle doch eigentlich besonders genial und auch für das Kino visionär. Und leider sollte sich schon bald sehr deutlich zeigen, dass es solche abgestumpften, gefühlsleeren, den Weisungen eines Gurus folgenden jungen Frauen, die kein Erbarmen mit kleinen Kindern, ja sogar einem Baby haben, nicht nur im Film gibt. „Die schwarze 13“ ist spätestens dann, wenn man rückblickend um Sharon Tates Schicksal weiß, stellenweise nur noch schwer zu ertragen. Sie drehte danach lediglich fünf weitere Filme.

Bei seiner Mitwirkung an „Der schwarze 13“ ebenfalls am Beginn seiner Filmkarriere stand David Hemmings, der kurze Zeit später durch seine Hauptrolle in Michelangelo Antonionis „Blow Up“ (1966) nicht nur internationale Bekanntheit erlangte, sondern auch direkt den erfolgreichen Sprung in den Arthaus-Sektor schaffte. Da „Die schwarze 13“ eine Weile auf Eis lag und erst nach „Blow Up“, vor allem in der zweiten Hälfte des Jahres 1967, international die Runde in den Kinos machte, mag es etwas verwundern, Hemmings in einem solch brachialen, kurz nach Antonionis berühmtem Kunstgriff erschienenen Genrefilm und noch dazu in einer auf einmal wieder recht kleinen Rolle in „Die schwarze 13“ wahrzunehmen – wenngleich „Die schwarze 13“, aus heutiger Sicht, hinsichtlich experimenteller Kameraarbeit und Bildmontage durchaus auch als visionärer „Kunstfilm“ durchgeht. Aber diese Verwirrung um David Hemmings ist eben der verzögerten Veröffentlichung des Films geschuldet. In seinem eigentlichen Produktionsland Großbritannien – von dem die zwar in Hollywood populären, aber auf britischem Boden geborenen Hauptdarsteller auf den ersten Blick etwas ablenken mögen – kam der düstere Meilenstein erst 1968 ins Kino.

Verflucht sind sie alle – wenn nicht gar der gesamte Film

Während Sharon Tate für ihre Rolle offenbar die erste und einzige Wahl war, führte die größere Rolle der Catherine de Montfaucon zu recht gravierenden Problemen bei der Produktion. Zunächst wurde Kim Novak („Vertigo“) besetzt, die damals noch bei einem der Produzenten des Films, Martin Ransohoff, unter Vertrag stand. Ransohoff war es auch, der Sharon Tate aufgebaut und mit einem Sieben-Jahres-Vertrag ausgestattet hatte, welcher schließlich zu dieser ersten größeren Kinorolle führte und ihr den Weg zum Durchbruch ebnete. Im September 1965 startete der Dreh zu „Die schwarze 13“ mit Kim Novak. Nur zwei Wochen bevor sämtliche Aufnahmen abgeschlossen gewesen wären, wurde Novak bei einer Szene von einem Pferd abgeworfen und verletzte sich so schwer am Rücken, dass eine rechtzeitige Erholung, um die Dreharbeiten abzuschließen, offenbar nicht mehr gelang. Ein Versuch der Wiederaufnahme der Arbeit scheiterte nach einem Tag. Sie wurde ersetzt, somit mussten zahlreiche Szenen erneut gedreht werden. Eine andere Theorie besagt allerdings, dass Novak schließlich auch Streit mit dem Produzenten Ransohoff hatte und letztlich deswegen gefeuert wurde. Mitursächlich dafür könnte wohl eine Affäre am Set mit David Hemmings gewesen sein. So kam schließlich Deborah Kerr ins Boot, der es – ob absichtlich oder auch nicht – ziemlich gut gelang, die positivste erwachsene Figur dieses Films unangenehm unnahbar zu verkörpern, so dass man sich selbst mit ihr kaum identifizieren mag, obwohl ihre Figur weder böse noch lebensmüde ist. Wobei sich Kim Novak mit Sharon Tate, schon allein aus Typ-Gründen, zugegebenermaßen visuell vermutlich noch besser ergänzt hätte. Deborah Kerr fällt in dem Film irgendwie ein wenig aus dem Rahmen, wirkt fremd und etwas unpassend – allerdings passt das auf eine gewisse Art gerade sehr gut zu ihrer Rolle und gut zur viel Verunsicherung säenden Grundstimmung des Films. Auf dem Regiestuhl gab es ebenfalls mehrere Wechsel, allerdings offenbar im Wesentlichen schon bevor die Dreharbeiten begannen. Je nach Quellenlage scheint aber möglich, dass wenige Szenen, die in der finalen Fassung sichtbar sind, doch nicht von J. Lee Thompson inszeniert wurden.

Fachmann für fiese Figuren

„Die schwarze 13“ ist ein in allen Belangen solch düsterer Film, dass eine Flora Robson („Der Wachsblumenstrauß“), die sich beileibe gut darauf verstand, gruselige und wenig weiblich wirkende Damen mittleren Alters zu verkörpern und oft von einer recht kalten Aura umgeben ist, hier noch vergleichsweise mitleidserregend, wenn auch ziemlich hoffnungslos wirkt. Robson taugte mit ihren schauspielerischen Qualitäten und begünstigt durch markante Gesichtszüge gewissermaßen wie aus dem Bilderbuch für finstere Rollen des männerverneinenden Typs „Mutter Oberin“, aber diese Seite ihrer Kunst wurde überraschenderweise ausgerechnet in „Die schwarze 13“ nicht genutzt. Ein Horrorfilm so düster, dass selbst Flora Robson noch eine der nahbarsten Figuren darstellt – ein Kontext wie geschaffen, um für Donald Pleasence zu einem richtungsweisenden Projekt zu werden. Er wäre am 5. Oktober 2019 100 Jahre alt geworden.

Dieser Horrorfilm lief in den Kinos der Welt seinerzeit mehr oder weniger Rücken an Rücken mit „James Bond 007 – Man lebt nur zweimal“ (1967), in dem Pleasence als Ernst Stavro Blofeld den berühmtesten glatzköpfigen Narbengesicht-Schurken der Filmgeschichte verkörperte. Danach dürfte er bei vielen seinen Ruf weggehabt haben – in „Die schwarze 13“ ist er ausgerechnet ein Priester, der es aber eher mit dem Satan als sonstigen Göttern zu halten scheint, und bei Bond der Superschurke schlechthin. Das lässt einen anderes schnell vergessen und die vielseitige Begabung dieses Schauspielers, der in „Gesprengte Ketten“ (1963) wiederum so berührend freundlich agierte, womöglich unter den Tisch fallen. Mit der „Halloween“-Reihe und „Dracula“ (1979) erlebte Pleasence später einen zweiten Frühling im Horrorfilm; wohlgemerkt nicht auf Oberschurken abonniert. Er vermochte allerdings genauso, herrlich selbstironisch sein Talent für überkandidelte Fieslinge auf die Schippe zu nehmen, wie sich besonders denkwürdig in „Zwei wie Pech und Schwefel“ (1974) zeigte – an der Seite von Bud Spencer und Terence Hill in einem ihrer besten Filme.

Seine Darstellung von Emotionslosigkeit mit gefühlskalten Augen und regungsloser Mimik bei der Verkörperung von Verbrechern, hatte aus meiner Sicht durchaus einen gewissen stilbildenden Einfluss. Von Donald Pleasence gespielte Schurken wirken zum Teil einfach viel verstörender, emotional kaputter und perverser als es bis dato der Regelfall im Kino war. Allerdings auch nicht im Sinne von Klaus Kinski, sondern stattdessen auf einer weitaus ruhigeren, ziemlich leisen, schlangenähnlichen und sehr dämonischen Grundlage. Hätte es Harry Potter damals schon gegeben, wäre Donald Pleasence der ideale Lord Voldemort gewesen, zumal er auch noch Brite war. Man möchte fast meinen, er habe dieser Figur mit einigen seiner Rollen, wie besonders in „Die schwarze 13“, als emotionsverneinendes, befremdlich kahl wirkendes Vorbild gedient. Bemerkenswert auch, dass als englischer Originaltitel des Films schließlich „Eye of the Devil“ gewählt wurde, obwohl zunächst eine Verfilmung unter dem Titel der Buchvorlage „Day of the Arrow“ geplant und dann noch die Titelvariante „Thirteen“ bzw. „13“ – die für die deutsche Fassung „Die schwarze 13“ letztlich bewahrt wurde – ins Spiel gekommen war. Denn in „Eye of the Devil“ scheinen mit dem Auge des Teufels vor allem die Augen von Donald Pleasence im Titel verankert zu sein – auch wenn es vielleicht nicht so intendiert war. Augen, die irgendwie auf eine doch andersartige, unangenehme, im Kino gefühlt so noch nie dagewesene Art böse und fremd anmuten. Kritiker bezeichneten diese Augen des Donald Pleasence später hin und wieder schlichtweg als hypnotisch.

Die stillen Sieger

Kommerziell gesehen war „Die schwarze 13“ nicht das, was man sich erhofft hatte. 1968 wurde er als eine von bis dahin nur drei Ransohoff-Produktionen verschrien, die sich an den Kinokassen nicht rentiert haben. Allerdings war der Film seiner Zeit voraus – durch seinen kompromisslos abgründigen Umgang mit Okkultismus und seiner spürbaren Nähe zu Satansliebhaberei-Themen. Die Zeiten von populären Horrorfiguren wie Dracula und Frankenstein wurden mit Filmen wie diesem durch menschliche Monster abgelöst, die sich in Gruppen organisieren und ihr Unwesen treiben. Wie krank der eine oder andere Zeitgenosse unter uns wirklich ist und dass es für einen handfesten Horrorfilm keine Kunstfiguren braucht, sondern auch eine gewisse surreale Gangart bei Narration, Kameraarbeit und Schnitt genügen, hätte man im klassischen Hollywood noch nicht so fühlbar bedrückend zeigen können, im Vereinigten Königreich der 60er allerdings schon eher. Und damit es gewissermaßen gar nicht erst zu halben Sachen kommen kann, wurde sogar der Okkultist Alex Sanders, der sich als einem Geschlecht walisischer Hexen zugehörig sah, als Berater bei der Produktion von „Die schwarze 13“ beschäftigt. Ein sehr forscher Schritt, weg von prüden Kinozeiten, sich zwecks Authentizität bei der Erarbeitung eines Filmstoffs und dessen Realisierung solcher Kooperationspartner zu bedienen. Was jetzt in jedem Falle noch fehlt, wäre eine angemessene Würdigung dieses Horror-Meisterwerks fürs Heimkino in Deutschland – aber leider haben es MGM-Klassiker diesbezüglich besonders schwer. Da liegt noch vieles in der Warteschleife.

Ein kurzes Wort sollte nicht zuletzt zur deutschen Synchronfassung verloren werden, da David Niven hier von Erich Fiedler und nicht seiner charakteristischsten deutschen Stimme, Friedrich Schoenfelder, vertont wurde. Schoenfelder war zum damaligen Zeitpunkt aber einfach noch nicht so fest als Nivens deutsche Stimme etabliert, wie es schon einige Jahre später der Fall sein sollte. Fiedler macht seinen Job gewohnt präzise und weiß mit seiner sehr speziellen Stimme so oder so zu glänzen. Herausragend ist hier aber vor allem die Performance von David Niven selbst, der so wunderbar sein Gentleman-Image nutzt, um den Zuschauer mit seiner Figur in ein Loch ohne Boden stürzen zu lassen. Der schicke Niven, der immer so elegant, charmant wirkt, sein Äußeres in seinen Rollen kaum variierte. Er, der meist so rüberkommt als hätte er alles komplett im Griff, und hier sogar noch einen Franzosen spielt, obwohl er Brite war, aber im Grunde jedes Klischee eines eleganten französischen Mannes von Welt erfüllt. Ausgerechnet er wird hier von einer Bande miteinander verschworener, gemeingefährlicher Hinterwäldler destabilisiert, demontiert, geradezu entthront und bietet dem Zuschauer von vorn herein einfach nichts mehr von den Führungsqualitäten an, die er sonst ausstrahlt. Man wartet regelrecht darauf, dass die Figur aus der Depression erwacht, auf eine Wendung – aber nein! Oder doch?! Er sieht eigentlich aus wie immer, aber ist einfach nur gebrochen, kaputt, leer und seine Fans laufen ins offene Messer, mit dieser irren Besetzung gegen den Strich. Eine starke Darbietung, die man würdigen sollte, gerade weil der Film absichtlich irritierend, sehr ungewöhnlich und sowieso aus einem Genre ist, für das Schauspieler meist keine großen Preise gewinnen. Erst durch die verlorene Seele des David Niven kommt das verstörende Potenzial von „Die schwarze 13“ in vollen Zügen zur Geltung. Chapeau, Marquis!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von J. Lee Thompson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Donald Pleasence unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 21. Februar 2011 als DVD

Länge: 92 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Eye of the Devil
GB 1967
Regie: J. Lee Thompson
Drehbuch: Robin Estridge, Dennis Murphy, Terry Southern, nach dem Roman „Day of the Arrow“ von Robin Estridge
Besetzung: Deborah Kerr, David Niven, Sharon Tate, Flora Robson, Donald Pleasence, David Hemmings, Edward Mulhare, Emlyn Williams, John Le Mesurier, Robert Duncan
Verleih: Metro-Goldwyn-Mayer

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Der Commander – Söldner-Radau im Dschungel

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Der Commander

Von Volker Schönenberger

Söldner-Action // Fünf Staffeln „Die Profis“ hatten Lewis Collins zum Star gemacht, 1982 schickte er sich mit „Das Kommando“ an, auch im Kino als Actionheld zu reüssieren. Doch der Engländer tanzte nur wenig mehr als einen Sommer, es folgten die drei Kooperationen mit dem italienischen Regisseur Antonio Margheriti: „Geheimcode Wildgänse“ (1984), „Kommando Leopard“ (1985) und „Der Commander“ (1988). Anschließend spielte er nur noch fürs Fernsehen und das auch nicht in Dauerbeschäftigung, 1988 aber immerhin als zweiter Hauptdarsteller neben Michael Caine im Zweiteiler „Jack the Ripper – Das Ungeheuer von London“. 2002 war’s mit der Filmkarriere endgültig vorbei. Am 27. November 2013 starb Lewis Collins im Alter von 67 Jahren nach langem Krebsleiden.

Lee Van Cleef zieht die Fäden

„Der Commander“ wartet mit klangvollen Namen auf: Da ist Lee Van Cleef ‚(„Zwei glorreiche Halunken“) in der Rolle des zwielichtigen Ex-Söldners Colonel Mazzarini. Der beauftragt den Elitekämpfer Major Jack Colby (Collins), ein Team zusammenzustellen, das tief im Dschungel des Goldenen Dreiecks ein großes Rauschgiftlager hochgehen lassen soll. Da ist Donald Pleasence als Vorsitzender eines internationalen Komitees zur Drogenabwehr, der aber seine ganz eigenen Pläne verfolgt. Er schleust Wild Bill Hiccock (Manfred Lehmann) in Colbys Mannschaft ein, damit der eine CD-ROM mit belastendem Material sichert.

Vor die Explosion hat der liebe Gott den Dialog gesetzt

Bis der Actionfilm wirklich zum Actionfilm wird, zieht es sich ein wenig. Ein paar kurzen Actionsequenzen zum Trotz geht es in der ersten Dreiviertelstunde doch recht dialoglastig zu – an sich nicht der Sinn eines auf Ballerei und Explosionen ausgelegten B-Films. Etwas Straffung wäre sinnvoll gewesen, aber wenigstens erhalten auf diese Weise Lee Van Cleef und Donald Pleasence ausreichend Zeit, ihren Figuren Profil zu geben. Man kann als Actionfan auch mal Handlung mitnehmen, also seien wir gnädig.

Wenn’s denn zur Sache geht, frönt Regisseur Antonio Margheriti seinem Hang zu Detonationen. Ein paar Modelle werden fachgerecht in die Luft gejagt, dazwischen wird fleißig geschossen. Das erfreut den Freund groben filmischen Kriegshandwerks, wer militärische Auseinandersetzungen lieber differenziert und anspruchsvoll gewürdigt sieht, wird sich abwenden.

Synchronsprecher unter sich

„Der Commander“ ist auch ein Stelldichein deutscher Synchronsprecher-Größen. Manfred Lehmann etwa leiht Bruce Willis, Gérard Depardieu, James Woods, Kurt Russell und Dolph Lundgren häufig die Stimme. In weiteren Rollen: Frank Glaubrecht (Stimme von Pierce Brosnan, Kevin Costner, Al Pacino und Christopher Walken), Christian Brückner (Robert De Niro) und Thomas Danneberg (Arnold Schwarzenegger, Sylvester Stallone, John Travolta, Terence Hill u. v. a.). Kuriosum am Rande: In der deutschen Synchronfassung von „Der Commander“ lieh Thomas Danneberg Lewis Collins seine Stimme, weshalb er sich selbst nicht synchronisieren durfte. Was es nicht alles gibt.

Italienische Söldner- und Kriegs-Action hat sich in den 70er- und 80er-Jahren (oder früher, bin da nicht ganz im Bilde) zu einer ganz eigenen kleinen Subgattung des Kriegsfilms entwickelt. „Der Commander“ hat nicht unbedingt mein Begehren geweckt, exzessiv dort einzutauchen, ist aber unterhaltsam genug für einen Krawall-Abend. „Geheimcode Wildgänse“ und „Kommando Leopard“ hatte ich in den 80ern sogar im Kino gesehen. Auf deren erneute Sichtung freue ich mich.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Antonio Margheriti sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Lee Van Cleef und Donald Pleasence unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 13. Mai 2014 als Blu-ray, 24. Mai 2013 als Mediabook (Blu-ray + DVD, auf 1.000 Exemplare limitiert), 5. Juli 2007 als DVD

Länge: 105 Min. (Blu-ray), 101 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Der Commander
BRD/IT 1988
Regie: Antonio Margheriti (als Anthony M. Dawson)
Drehbuch: Tito Carpi, Arne Elsholtz, Giacomo Furia
Besetzung: Lewis Collins, Lee Van Cleef, Donald Pleasence, Manfred Lehmann, Christian Brückner, Thomas Danneberg, Frank Glaubrecht, Brett Halsey, Chat Silayan, Hans Leutenegger
Zusatzmaterial: Original Kinotrailer, Fotogalerie, Trailershow, „Mädchen, Machos und Moneten“ (ROM-Teil), Wendecover, nur Blu-ray: „The Outsider – The Cinema of Antonio Margheriti“, Featurette Söldner Stories, Manfred Lehmann: Stirb langsam auf den Philippinen, Thomas Danneberg: Söldner und Synchronstar, Interview mit Bobby Rhodes
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Packshots Blu-ray & DVD: © Ascot Elite Home Entertainment / Packshot Mediabook: © NSM Records

 

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