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Don Siegel (X): Die schwarze Windmühle – Der Spion, der seine Familie liebte

The Black Windmill

Von Tonio Klein

Agententhriller // Bauklötzchen-Credits, Kindergesang und zwei fehlende Schuluniformen – bald werden zwei Kinder fehlen, entführt. Scheinbar nichts damit zu tun hat der Auftritt eines Mannes, offenbar frisch aus dem Gefängnis entlassen, der bei einer lasziven Schönen (Delphine Seyrig) einen Mann kontaktieren will, der ihm einen Job verschaffen könne. Und scheinbar noch viel weniger zu tun hat damit, dass dieser Mann eine Sitzung von hohen Tieren des britischen Geheimdienstes besucht (wobei es „den“ Dienst ja gar nicht gibt, sondern mehrere). Und scheinbar noch viel, viel weniger mit allem, dass der dort in leitender Funktion beschäftigte ältere Sir Edward (Joseph O’Connor) so offensiv von seiner deutlich jüngeren Frau (Catherine Schell) beschmust wird, dass dem an anderer Stelle als auffällig „hygienefixiert“ gezeigten Cedric Harper (Donald Pleasence) ganz blümerant wird. „Die schwarze Windmühle“ wird oft als verwirrend beschrieben, aber die genannten Dinge werden sämtlich einen Sinn ergeben, und zwar einen erschreckend banalen. Das macht die Genialität dieses unterschätzten Filmes aus, der dadurch zugleich zu einem der damals so beliebten Paranoia-Thriller wird. Schaut her, was für gänzlich unpolitische, menschlich-allzumenschliche Schwächen es sein können, die ein Verbrechen und eine mörderische Jagd auslösen, bei der sich die Geheimdienste als wichtig gerieren, sich untereinander (MI 5 und MI 6) sowie mit Scotland Yard um Kompetenzen und Prestige streiten und irgendwelche nur angedeuteten Sicherheitsinteressen sowie ihre Macht missbrauchen – bloß wegen … Aber dies sei nicht verraten.

Ex-Knacki bei der Kontaktaufnahme …

Die Nennung der Institutionen sagt es schon: Der US-Amerikaner Don Siegel, der hier Regie führte, ist nach Großbritannien gegangen. Von den oben genannten Rändern zum Zentrum, welches den Zuschauer trotz allen Kuddelmuddels immer bei der Stange halten kann: Der vermeintliche Ex-Knacki ist ein Spion, Major John Tarrant (Michael Caine), einer der entführten Jungen ist sein Sohn David. Der Erpresser (John Vernon) scheint noch einen Hintermann zu haben, zumal er am Telefon sagt, er (genauer: sein Tarnname) sei viele, sodass der bangende Vater und die mithörenden Ermittler nicht immer dieselbe Stimme am Telefon hören. Und der große Unbekannte muss ganz oben in der Geheimdienst-Hierarchie stehen, verlangen die Bösen als Lösegeld doch genau die Summe in Rohdiamanten, die Harper schon zwecks Bezahlung eines Deals zur Infiltrierung eines Waffenschmugglerrings geordert hat.

… oder Geheimagent mit Brille?

Nach vielen Hits wurde dieser Don-Siegel-Film gemischt aufgenommen. Auch der Audiokommentator Mike Siegel (!) – bei dem Namen sei erwähnt, dass es sich um einen Deutschen handelt, der natürlich in seiner Landessprache kommentiert – ist zwar wohlwollend, aber etwas reserviert. Ich bin da anderer Ansicht, was übrigens mitnichten Kritik an Siegel, Mike, sein soll. Vielmehr hat sich dieser sehr kenntnisreich mit vor allem der Entstehungsgeschichte des Filmes auseinandergesetzt, kann glaubhaft von Schwierigkeiten bei fast allem berichten (Drehbuchentstehung, Hauptdarsteller, das englische Effektteam usw.), aber enthält sich der Interpretation des Filmes, die jeder selbst vornehmen möge. Von daher habe ich berechtigte Hoffnung, dass mein Widerspruch ihm gefallen könnte.

Stringenz und Wirrniss

Erstens: Der Film sei verwirrend und enthalte Logiklöcher. Dass Ersteres durch die konsequente Haupthandlung des väterlichen Kampfes um seinen Sohn nivelliert wird, hatte ich bereits erwähnt. Dass die Banalität der Auflösung etwas Entlarvendes hat, dito. Im Übrigen handelt es sich um Wirrnisse, die meines Erachtens stark an Hitchcock erinnern, wobei Siegel, jetzt wieder Don, genau wie der Altmeister die Kunst beherrscht, unsere Aufmerksamkeit auf ganz andere Dinge zu lenken, um Logikschwächen als Mittel zu einem ganz anderen Zweck einzusetzen und sie vergessen zu machen. Das hat jedenfalls bei mir geklappt! Der Film hat eine Art „innere Logik“, bei der trotz Unwahrscheinlichkeiten am Ende eine stimmige Aussage herauskommt.

Tempo auch ohne Action

Zweitens: Der Film sei nicht spannend und nicht temporeich. Bei Siegel-Knallern wie „Dirty Harry“ (1971) und „Charley Varrick – Der große Coup“ (1973) geht es natürlich ganz anders zur Sache. Siegel hatte seinen Ruf als Action-Regisseur gerade mit diesen beiden unmittelbar vorher entstandenen Filmen nachhaltig gefestigt, um es nun etwas ruhiger anzugehen. Die klassische Hatz beginnt erst nach mehr als der Hälfte des Films – Tarrant kann die Diamanten ergaunern, ist Jäger der Entführer und Gejagter der Geheimdienstkollegen. Aber der Streifen ist schon vorher temporeich, was das Schachern, Drohen, Täuschen und Tricksen angeht. Da erzählt er zum Beispiel, wie Tarrant bei einem Telefonanruf Harper imitiert und dadurch einen Bankier dazu bringen kann, Tarrant die Diamanten zu übergeben – und nach dem Schnitt nimmt Tarrant sie bereits entgegen. Ein schwächerer Regisseur hätte gezeigt, wie Tarrant die Bank betritt, sich ausweist, dem Direktor etwas sagt wie: „Mein Chef, Mr. Harper, hat mir gesagt, ich würde erwartet. Haben Sie seinen Anruf bekommen?“ – und nach etwas Vorgeplänkel wird der Tresor geöffnet. All dies verschwindet bei Siegel in der Ellipse (er hatte übrigens als Montagen-Gestalter bei Warner Brothers ab Ende der 1930er-Jahre das Handwerk des ökonomischen Erzählens gelernt). Wo es wichtig ist, bringt Siegel allerdings Details. Harper, der sich nicht „die Finger schmutzig machen“ will, hat eine (1974 noch extremer als heute wirkende) starke Aversion gegen Zigarettenrauch und überhaupt gegen alle Gerüche und Keime. Er wischt sich sogar noch von seinem Schnurrbart den gemutmaßten Schmutz ab (jedenfalls sieht sein Herumfingern an Selbigem so aus; das ist kein klassisches, verspieltes Zwirbeln). Alles muss seine Ordnung haben und aseptisch sein, auch wenn er die Pflanzen in seinem Wintergarten ausgiebig einsprüht. Siegel weiß sehr wohl, wo er Details bringen kann und wo er aufs Tempo drücken muss!

Der Caine war des Filmes Schicksal – und Gewinn

Drittens: Michael Caine spiele mit einem Understatement, das die Angst um den Sohn nicht auf den Zuschauer übertrage. Hier nun möchte ich am heftigsten widersprechen. Caine ist natürlich ein sehr minimalistischer Darsteller und ganz anders als Siegel-(Anti-)Helden à la Clint Eastwood. Aber nicht nur ist er hier typisch Caine, sondern es passt zur Rolle. Er hatte schon in drei Filmen den von Len Deighton erdachten Agenten Harry Palmer gespielt, der gelegentlich als Anti-Bond bezeichnet wird – wohl der erste Film-Agent mit Brille (die er gelegentlich auch in „Die schwarze Windmühle“ trägt). Und dass wir uns hier fernab von Bond befinden, zeigt schon der mehr als nur vordergründige Gag, dass ein Agent einen Maulwurf mit Vornamen Sean einmal versehentlich als „Sean Connery“ bezeichnet. Zudem fügen sich zwei Szenen zu einem wohl bewusst gesetzten Bond-Kontrast zusammen: Erst führt ein Waffenmeister einen mit Schussvorrichtung ausgestatteten Aktenkoffer an einer Puppe vor, wie wir das von „Q“ aus unzähligen Bonds kennen. Dann wird das Stück schließlich zum Einsatz kommen – aber Tarrant ist nicht Bond, es geht schief, und statt des Blutes schießt nur der Wein in Strömen aus zerstörten Fässern. Tarrant ist auch insoweit nicht Bond, als er eine Familie hat: die von ihm getrennt lebende Ehefrau Alex (Janet Suzman) und eben den entführten Sohn David. Dass Tarrant äußerlich so gefasst ist, ist Teil der Geschichte – und wir merken wirklich sehr deutlich, dass dies nur äußerlich ist, da bringt Caines Minimalismus maximale Wirkung. Die Story wird so zu einem Statement über das Wesen der Geheimdienste und vor allem des Geheimdienstlers, der als Profi kühl bleiben muss und dies in vielen Berufsjahren (zu?) sehr verinnerlicht hat. Mehr John le Carré als Ian Fleming.

Paarlauf: John und Alex

Bemerkenswerterweise wird der Plot in origineller Art zur Geschichte einer echten Partnerschaft zwischen John und Alex Tarrant. Dass ein Pärchen in der Gefahr wieder zusammenrückt, ist zugegebenermaßen ein ausgetretener Pfad, aber „Die schwarze Windmühle“ geht neue Wege. Die Wendung kommt relativ spät; der Film zeigt zunächst die typische Frau, die am Beruf ihres Mannes verzweifelt, ohne den David noch so fröhlich spielen würde wie eh und je. Er verzieht keine Miene, sie hält das Schreien des Jungen am Telefon nicht aus. Dann aber ist Rettung in Sicht, nicht, weil die Tarrants vom hochprofessionellen Wirken der Spione Abstand nehmen („Das ist was Persönliches“ – und Schuss), sondern weil sie es annehmen. Sie werden das Spiel besser spielen als die Gegner, die sich schon längst verabschiedet haben vom hehren Ethos der geheimdienstlichen Tätigkeit, so es das je gab. Und zwar beide in wirklichem, gleichberechtigtem Teamwork. So kann ich dem Film abnehmen, dass Arbeitspartner auch wieder Lebenspartner werden könnten. Es ist wirklich schön, mitanzusehen, wie Alex zu einer Stärke und Cleverness zurückfindet, die offenbar nie wirklich weg war. John trickst mit den Mitteln seiner Gegner, unter anderem mit verstellten Stimmen, die eine Entsprechung in den verschiedenen Stimmen des Erpressers finden. Alex leistet am Ende Detektivarbeit beim Auffinden der titelgebenden Windmühle, in welcher der Sohn gefangengehalten wird. Und vorher benutzen die beiden Treffpunkte und Verständigungs-Geheimcodes mit großer Versiertheit. Dies ist zunächst einmal sehr anspielungsreich: Im Kino-Treffpunkt läuft „Die Luftschlacht um England“, den Harry Saltzman als Herzensprojekt neben seinem zunehmend ungeliebten Bond-Franchise produziert hatte – The Black Windmill is beyond Bond! Und der Verständigungs-Code beruht auf Alex’ Deckname Maria von Trapp. Zum einen spricht sie dies, ihren Häschern eine Falle stellend, wie „trap“ aus. Zum anderen ist das eine auf der realen Maria von Trapp basierende Figur aus dem Musical „The Sound of Music“, in dem sie mit Chuzpe vor einer Bedrohung (nämlich den Nazis) flieht und ihre Familie zusammenhält. Dass der Barpianist in der entsprechenden Szene auch noch Marias Auftrittslied aus „The Sound of Music“ (als 1965er-Verfilmung „Meine Lieder, meine Träume“ immens populär) anspielt, rundet das Ganze ab.

Doch, die Familie lässt nicht kalt

Man hat den Eindruck, unser Pärchen reise in seine Vergangenheit, und die war offenbar sehr schön, wie die Mimik und das Schwelgen in der Erinnerung an dieses Kino uns sagen. Obwohl es um Leben und Tod des Sohnes geht, haben beide auch angenehme Gefühle, Erinnerungen, wollen beide wieder zu ihren Wurzeln zurück. Und sie könnten das auch schaffen, wie ihr tatkräftiges Ziehen an endlich demselben Strang andeutet.

Saubermann Harper – nicht mehr unangetastet

Es liegt ein gelungener Film vor, der von der Kälte der Geheimdienste und der Verkommenheit der Menschen erzählt und die aus heutiger Sicht beinahe verschwörungstheoretische Paranoia des 1970er-Kinos entmythologisiert, banalisiert, entlarvt. Er zeigt gerade gegen Ende, dass Professionalismus und emotionale Nähe nebst Wiederannäherung keine Widersprüche sein müssen, sondern dass sich beides sogar wechselseitig beflügeln kann. Bei der neuen Stärke von Alex fällt auch eher gering ins Gewicht, dass Delphine Seyrig, die doch anscheinend die weibliche Hauptrolle hat, den Zuschauer arg kaltlässt. Ich gestehe dabei höchst subjektiv: Wer die GNTM-Starlets für zu dick oder genau richtig hält, könnte die gute Dame erotisch finden; für mich ist sie ein Gerippe. Davon abgesehen hat sie schlicht eine undankbare Rolle. Sie ist das Püppchen in den Händen der Schurken, bei dem jegliche Regung, auch das Erotische, auch die Komplettnacktheit in einer Szene, nur fremdbestimmtes Mittel zum bösen Zweck ist. Sie hat kein Gesicht, keine Seele – wozu ihr nicht zu verratendes Schicksal gegen Ende passt. Schade, aber wir haben ja Alex.

Nichts an, nichts dran – Delphine Seyrig

Blu-ray und DVD bieten eine hervorragende Bild- und Tonqualität sowie zahlreiche Extras, bei denen der deutsche Audiokommentar von Mike Siegel natürlich hervorsticht. Abgesehen davon, dass der obligatorische Doppelkauf von Blu-ray und DVD so überflüssig wie preistreibend ist, hat Koch Films alles richtig gemacht. Don Siegel sowieso.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Don Siegel haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Michael Caine und Donald Pleasence unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 11. Juni 2020 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 2 Covermotive), 20. Juli 2006 als DVD

Länge: 106 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Black Windmill
GB/F 1974
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Leigh Vance
Besetzung: Michael Caine, Delphine Seyrig, Donald Pleasence, John Vernon, Janet Suzman, Joseph O’Connor, Catherine Schell
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Mike Siegel, Interviews, deutscher und englischer Trailer, Radio-Spots, Bildergalerie, Booklet
Label/Vertrieb 2020: Koch Films
Label/Vertrieb 2006: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshot Mediabooks: © 2020 Koch Films, Packshot DVD: © 2006 Universal Pictures Germany GmbH

 

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Horror für Halloween (XXXII) / Dario Argento (III): Phenomena – Die Herrin der Fliegen

Phenomena

Von Volker Schönenberger

Horror // An einer Haltestelle an einer Passstraße in der Schweizer Provinz nimmt ein Postbus eine Ausflugsgruppe auf. Ein Teenager-Mädchen (Fiore Argento) hat getrödelt und bleibt zurück. Es betritt ein abgelegenes Haus, um um Hilfe zu bitten, doch dann wird die junge Frau von einem Unbekannten attackiert. Zwar gelingt es ihr, aus dem Gebäude zu fliehen, doch der Täter verfolgt sie bis zu einem Wasserfall …

Im Anschluss an diesen Prolog erfahren wir, dass ein Serienmörder in der Gegend wütet. Er bevorzugt Teenagerinnen, die er köpft. Die Köpfe werden gefunden, die Körper bleiben verschwunden. Der leitende Ermittler Inspektor Rudolf Geiger (Patrick Bauchau) und sein Assistent Kurt (Michele Soavi) ziehen den im Rollstuhl sitzenden Insektenkundler Professor John McGregor (Donald Pleasence) zu Rate. Von ihm erhoffen sie sich Aufschluss über die Todeszeitpunkte der Opfer anhand des Wachstums und Zustands der Maden und Fliegen an den verwesenden Schädeln.

Auftritt der Insektenflüsterin

Die junge Jennifer Corvino (Jennifer Connelly) trifft im „Richard Wagner“-Internat von Zürich ein. Sie liebt Insekten, wird nie von Bienen gestochen. Gleich in der ersten Nacht beginnt sie zu schlafwandeln, verlässt ihr Zimmer und wird in einem abgelegenen Trakt Zeugin eines grausamen Mordes. Ihr gelingt die Flucht in ein Waldstück, wo sie von der Schimpansin Inga gefunden wird, dem Haustier von Professor McGregor. Der zeigt sich fasziniert von Jennifers Gabe, mit den Insekten zu kommunizieren.

Dass die blutjunge Jennifer Connelly („Alita – Battle Angel“) in Dario Argentos „Phenomena“ als Protagonistin in Erscheinung tritt, hatte ich gar nicht mehr in Erinnerung. Die spätere Oscar- und Golden-Globe-Gewinnerin („A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“) war ein Jahr zuvor in Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ (1984) erstmals auf der Kinoleinwand zu sehen gewesen. Beim Dreh der finalen Szenen von „Phenomena“ biss ihr ein Schimpanse eine Fingerkuppe ab, sie wurde angenäht. Dario Argentos Regiearbeiten sind selten Schauspieler-Filme, aber Jennifer Connelly macht ihre Sache trotz ihrer Unerfahrenheit anständig, auch wenn man ihr damals sicher nicht prophezeit hätte, sie werde später zwei der wichtigsten Filmpreise der Welt gewinnen. Der Regisseur ist ja nicht unbedingt bekannt dafür, seine Darstellerinnen und Darsteller zu Höchstleistungen zu führen, da macht „Phenomena“ keine Ausnahme. Als Jennifers Schweizer Betreuerin Frau Brückner ist Daria Nicolodi zu sehen. Die jahrelange Lebensgefährtin des Regisseurs ist die Mutter von Asia Argento und tritt in ein paar seiner Filme als Nebenfigur auf, darunter „Rosso – Die Farbe des Todes“ („Profondo rosso“, 1975), „Suspiria“ (1977) und „Tenebre – Der kalte Hauch des Todes“ (1982). Die Dreharbeiten gestalteten sich für die beiden überaus konfliktträchtig, die Beziehung endete bald darauf (nachzulesen in „Dario Argento’s Phenomena“ von Alan Jones, Booklet-Text der Blu-ray von Arrow Video). Als erstes Mordopfer des Films hatte der Regisseur seine Tochter Fiore aus erster Ehe verpflichtet, die ihr Debüt als Schauspielerin aber wenig genoss und folgerichtig andere Wege einschlug.

Lieblingsarbeit von Dario Argento

Argento befand sich Mitte der 1980er-Jahre auf der Höhe seiner Filmkunst. Qualitätsschwankungen sind kaum zu bemerken, erst ein paar Jahre nach der Jahrtausendwende sank die Leistungskurve rapide nach unten. Manchen Fans gilt „Phenomena“ als ihre liebste Argento-Regiearbeit, auch Argento nennt den Film seinen Favoriten, und dafür gibt es gute Gründe. Ob Landschaftsaufnamen oder Motive im Innern, Kameramann Romano Albani findet schaurig-schöne Bilder und Einstellungen für die grausame Mär um Insekten und Serienmorde. Es verwundert, dass er danach nie wieder für Argento die Kamera geführt und dies auch vorher nur einmal getan hat – 1980 für „Horror Infernal“ („Inferno“). Die rausch- und albtraumhaften Geschehnisse um das Internatsgebäude scheren sich nicht um Fragen der Glaubwürdigkeit, es ist völlig gleichgültig, ob und wie der Täter auf realistische Weise Gelegenheit gefunden hätte, seine Morde zu verüben, die Opfer zu köpfen und ihre Leichen abzutransportieren. Das verleiht der Story eine unwirkliche Qualität, die ihr eher guttut als zu schaden. Auch Argentos Spiel mit Farben kommt gut zur Geltung.

Für die Filmmusik entschied sich Argento für ein interessantes Gemisch aus Stücken seiner Haus- und Hof-Formation Goblin, des Soundtrack-Debütanten Simon Boswell und des Rolling-Stones-Bassisten Bill Wyman. Zusätzlich bekommen wir „Flash of the Blade“ von Iron Maiden und „Locomotive“ von Motörhead auf die Ohren. In dem Kontext ist das unfreiwillig komische Fazit im „Lexikon des internationalen Films“ als Kuriosum lesenswert: Langatmiges, primitiv inszeniertes Horror-Spektakel, das mit blutrünstigen Schockeffekten und penetrant eingesetzter Heavy-Metal-Musik Spannung zu erzeugen versucht. Na ja, die katholisch geprägte Publikation hat bei Horrorfilmen oft genug mit skurrilen Beurteilungen danebengelegen. „Phenomena“ nimmt sich Zeit, Atmosphäre aufzubauen, wer das für langatmig hält, soll bei MTV-Musikvideos der 80er und 90er bleiben. Und natürlich kann man grauslich inszenierte Morde für primitiv halten, wenn man ein Weichei ist, das beim Herannahen eines Mörders die Hände vor die Augen hält. Ich nenne das kunstvoll, was Argento da abgeliefert hat. Aber was soll man auch von einem Rezensenten halten, der ganze zwei Metal-Songs für „penetrant“ hält? Die beiden Motörhead- und Maiden-Stücke erklingen jedenfalls nicht permanent, sie bilden im Gegenteil einen reizvollen Kontrast zu den Synthie-Klängen von Goblin.

Larven, Maden und anderes Kleingetier

Larven, Maden und Fliegen schrauben den Ekelfaktor in einigen Sequenzen hoch, ein paar Mal musste ich das Gesicht verziehen. Aber es passt zur Story und wirkt nicht selbstzweckhaft. Die Inspiration für die Insektenstory zog Argento aus kriminalistischen Berichten über Autopsien, bei denen die Pathologen anhand des Kleingetiers auf Leichen Rückschlüsse über den Todeszeitpunkt ziehen können. Sein Ko-Drehbuchautor Franco Ferrini („Es war einmal in Amerika“) hat gegenüber Alan Jones erwähnt (siehe oben genannter Booklet-Text), Argento wollte unbedingt eine Hauptfigur mit einer besonderen Fähigkeit haben, weil das Motiv seinerzeit in Filmen wie den beiden Stephen-King-Adaptionen „Dead Zone“ (1983) und „Der Feuerteufel“ (1984) auftauchte.

Ursprünglich sollte die junge Insekten-Flüsterin Martha heißen, was Jennifer Connelly aber überhaupt nicht gefiel. Den Wechsel zu Jennifer erleichterte der Umstand, dass es der Schimpansendame leichter fallen würde, mit Connelly zu interagieren, wenn sie in gemeinsamen Szenen mit Donald Pleasence nicht anders angesprochen würde als in den Drehpausen und beim Training mit der Menschenäffin.

Filmcrew züchtet Fliegen

Zum Finale legt der Regisseur dann eine Horror-Schippe drauf, für eine Szene daraus züchtete die Crew sogar Fliegen aus zwei Millionen Eiern, Kleidung und Maske des betroffenen Darstellers erhielten reichlich Glukosesirup als Lockmittel. Respekt an den Schauspieler David Marotta, dies ausgehalten zu haben. Die blutigen Make-up-Effekte von Sergio Stivaletti sind aller Ehren wert. Er wirkte bei einigen Argento-Filmen mit, darunter „Opera“ (1987), „Das Stendhal Syndrom“ (1996) und „Sleepless“ (2001) sowie auch den eher missratenen Argento-Spätwerken „The Mother of Tears“ (2007), „Giallo“ (2009) und „Dario Argentos Dracula“ (2012).

Noch keine FSK-Freigabe für Uncut-Fassung

Vormals indiziert, hat die ungeschnittene Fassung von „Phenomena“ seit er Listenstreichung keine Neuprüfung durch die FSK erhalten. Im Handel finden sich nach wie vor geschnittene Versionen, für eine Auflistung zensierter und unzensierter Fassungen empfiehlt sich der Blick auf Schnittberichte. Wer bereit ist, bei der Bild- und Tonqualität gegenüber neuen HD-Veröffentlichungen ein paar Abstriche zu machen, wird mit der limitierten Digipack-DVD im Schuber mit Booklet von Dragon Entertainment gut bedient (siehe die beiden unteren Fotos), zumal sie auf dem Sammlermarkt mit etwas Glück sehr preiswert zu finden ist. Gelungene Editionen hat einmal mehr das englische Label Arrow Video auf den Markt geworfen, zuletzt auch eine neue 4K-Abtastung. Mir reicht aber mein etwas älteres Arrow-Steelbook, das seinerzeit exklusiv über einen britischen Online-Händler vertrieben wurde. Löblich: Arrow packte gleich zwei englische Untertitelfassungen auf die Disc – einmal für die englische Sprachfassung, einmal für die italienische. Ich nutze englische Untertitel zur Verifizierung des Gehörten, da wäre es suboptimal, wenn ich eine englische Übersetzung der italienischen Synchronisation zu lesen bekomme. Argento drehte im Übrigen trotz einer mehrheitlich italienischen Besetzung in englischer Sprache, die italienische Fassung entstand per Nachsynchronisation.

Von der zeitgenössischen Filmkritik zwiespältig aufgenommen, hat „Phenomena“ im Lauf der Jahre den Status einer der interessantesten Regiearbeiten Argentos eingenommen. Für Fans des Italieners stellt „Phenomena“ sowieso Pflichtprogramm dar, und wer mystischem Horror im Allgemeinen und dabei den 80ern im Besonderen etwas abgewinnen kann, kommt an dem Film nicht vorbei. Ach, was rede ich: „Phenomena“ gehört zu den Sahnestücken des Horrors überhaupt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dario Argento sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Jennifer Connelly unter Schauspielerinnen, Filme mit Donald Pleasence in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: diverse als Blu-ray und DVD

Länge unzensiert: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft (zensiert auch FSK 18)
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Phenomena
IT/CH 1985
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento, Franco Ferrini
Besetzung: Jennifer Connelly, Donald Pleasence, Daria Nicolodi, Fiore Argento, Federica Mastroianni, Fiorenza Tessari, Dalila Di Lazzaro, Patrick Bauchau, Alberto Cracco, Kaspar Capparoni, Mario Donatone, Michele Soavi
Label/Vertrieb: diverse

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Horror für Halloween (XIII) / Zum 100. Geburtstag von Donald Pleasence: Die schwarze 13 – Danach kann nur noch Satan kommen

Eye of the Devil

Von Ansgar Skulme

Horror // Die Angestellten des Marquis Philippe de Montfaucon (David Niven) sind in Aufruhr – auf seinem Besitz in Belnac droht eine Missernte! Der Marquis macht sich daher auf den Weg von Paris aufs Land, wo die Menschen in einer völlig anderen, von heidnischen Ritualen und Überzeugungen geprägten Welt leben, die das Mittelalter kaum überwunden hat. Seine Frau Catherine (Deborah Kerr), verunsichert durch sein sonderbares Verhalten vor der Abreise, entschließt sich, ihm zu folgen. Was die Genießer des Pariser Lebens in Belnac an archaischer Verlorenheit bis hin zu mörderischen Opfer-Kulten erwartet, scheint aus dem Blickwinkel des modernen Großstadtlebens kaum denkbar. Selbst die kleinen Montfaucon-Kinder haben keinen Grund mehr, sich sicher zu fühlen.

„Die schwarze 13“ ist ein immens unangenehmer, verunsichernder 60er-Horrorfilm, der eine für das damalige Kino, vor allem für Produktionen dieser Größenordnung auffällig konsequente Hoffnungslosigkeit ausstrahlt. Zu keinem Zeitpunkt gibt es hier so etwas wie einen Helden, der den Eindruck vermittelt, die Sache vielleicht doch in den Griff bekommen zu können. Besonders verstörend wirkt dies gerade deswegen, weil es sich eben nicht etwa um einen Independent-Film handelt, sondern um ein MGM-Projekt mit bekannten Hollywood-Altstars in den Hauptrollen – also typischen Gesichtern einer heilen Filmwelt, die hier nun gewissermaßen wie ein Kartenhaus zerbricht. Wenn man so will, bewegt sich „Die schwarze 13“ damit ein wenig im Fahrwasser von William Castles „Er kam nur nachts“ (1964), der mit Robert Taylor und Barbara Stanwyck anstelle von David Niven und Deborah Kerr aufwartete, nur ist in „Die schwarze 13“ erst recht kein Verlass mehr auf Bezüge zu klassischen Handlungsmustern. Vielmehr startet der Film von vornherein mit irritierend wirkenden, Orientierungslosigkeit herausfordernden Kamerabewegungen und Schnitten – ein Stilmittel, das auch später immer wieder zu finden ist. Dazu viele nervenzehrende musikalische Klänge und diverse wirklich kaltblütig abgestumpfte Figuren – Menschen, an denen wenig übrig ist, was für uns moralisch noch erklärbar ist. Selbst die Opfer wirken zunehmend unnahbar und verloren, als seien sie in einer Art Trance, die hoffnungslos aufs Ende zusteuert, schon halb blutleer, seelisch leergesaugt. „Die schwarze 13“ entwickelt sich so zu einem Fleisch werdenden Albtraum.

Fanatismus, Mordlust, Menschenverachtung

Als sei der Horror auf der narrativen und visuellen Ebene nicht schon übel genug, gesellt sich dazu ein doppelter Boden: Sharon Tate, die im Zuge ihrer grausamen Ermordung 1969 – aktuell durch den Quentin-Tarantino-Film „Once Upon a Time in Hollywood“ im Kino thematisiert – zu einer der tragischsten Legenden der Filmgeschichte geworden ist, ist in „Die schwarze 13“ in ihrer (am Zeitpunkt des Drehs gemessen) ersten großen Kinorolle zu sehen, also der ersten, bei der sie auch mit ihrem Namen im Vorspann genannt wurde. Und das ausgerechnet als in Schwarz gekleidete, gefühlskalte, blutjunge Götzenanbeterin, die auf bloßes Geheiß übergeordneter Heiden hin auch vor dem Tod kleiner Kinder keinen Halt macht. Niemand konnte ahnen, wie entsetzlich diese junge Schauspielerin rund drei Jahre nach Abschluss der Dreharbeiten in der Realität von schockierend ähnlichen Gestalten eingeholt werden würde. Ein Kritiker der New York Times beanstandete die Ausdruckslosigkeit ihrer Performance in „Die schwarze 13“, aber gerade diese konsequente Abwesenheit von Emotionen, die man für angemessen halten würde, macht ihre Interpretation der Rolle doch eigentlich besonders genial und auch für das Kino visionär. Und leider sollte sich schon bald sehr deutlich zeigen, dass es solche abgestumpften, gefühlsleeren, den Weisungen eines Gurus folgenden jungen Frauen, die kein Erbarmen mit kleinen Kindern, ja sogar einem Baby haben, nicht nur im Film gibt. „Die schwarze 13“ ist spätestens dann, wenn man rückblickend um Sharon Tates Schicksal weiß, stellenweise nur noch schwer zu ertragen. Sie drehte danach lediglich fünf weitere Filme.

Bei seiner Mitwirkung an „Der schwarze 13“ ebenfalls am Beginn seiner Filmkarriere stand David Hemmings, der kurze Zeit später durch seine Hauptrolle in Michelangelo Antonionis „Blow Up“ (1966) nicht nur internationale Bekanntheit erlangte, sondern auch direkt den erfolgreichen Sprung in den Arthaus-Sektor schaffte. Da „Die schwarze 13“ eine Weile auf Eis lag und erst nach „Blow Up“, vor allem in der zweiten Hälfte des Jahres 1967, international die Runde in den Kinos machte, mag es etwas verwundern, Hemmings in einem solch brachialen, kurz nach Antonionis berühmtem Kunstgriff erschienenen Genrefilm und noch dazu in einer auf einmal wieder recht kleinen Rolle in „Die schwarze 13“ wahrzunehmen – wenngleich „Die schwarze 13“, aus heutiger Sicht, hinsichtlich experimenteller Kameraarbeit und Bildmontage durchaus auch als visionärer „Kunstfilm“ durchgeht. Aber diese Verwirrung um David Hemmings ist eben der verzögerten Veröffentlichung des Films geschuldet. In seinem eigentlichen Produktionsland Großbritannien – von dem die zwar in Hollywood populären, aber auf britischem Boden geborenen Hauptdarsteller auf den ersten Blick etwas ablenken mögen – kam der düstere Meilenstein erst 1968 ins Kino.

Verflucht sind sie alle – wenn nicht gar der gesamte Film

Während Sharon Tate für ihre Rolle offenbar die erste und einzige Wahl war, führte die größere Rolle der Catherine de Montfaucon zu recht gravierenden Problemen bei der Produktion. Zunächst wurde Kim Novak („Vertigo“) besetzt, die damals noch bei einem der Produzenten des Films, Martin Ransohoff, unter Vertrag stand. Ransohoff war es auch, der Sharon Tate aufgebaut und mit einem Sieben-Jahres-Vertrag ausgestattet hatte, welcher schließlich zu dieser ersten größeren Kinorolle führte und ihr den Weg zum Durchbruch ebnete. Im September 1965 startete der Dreh zu „Die schwarze 13“ mit Kim Novak. Nur zwei Wochen bevor sämtliche Aufnahmen abgeschlossen gewesen wären, wurde Novak bei einer Szene von einem Pferd abgeworfen und verletzte sich so schwer am Rücken, dass eine rechtzeitige Erholung, um die Dreharbeiten abzuschließen, offenbar nicht mehr gelang. Ein Versuch der Wiederaufnahme der Arbeit scheiterte nach einem Tag. Sie wurde ersetzt, somit mussten zahlreiche Szenen erneut gedreht werden. Eine andere Theorie besagt allerdings, dass Novak schließlich auch Streit mit dem Produzenten Ransohoff hatte und letztlich deswegen gefeuert wurde. Mitursächlich dafür könnte wohl eine Affäre am Set mit David Hemmings gewesen sein. So kam schließlich Deborah Kerr ins Boot, der es – ob absichtlich oder auch nicht – ziemlich gut gelang, die positivste erwachsene Figur dieses Films unangenehm unnahbar zu verkörpern, so dass man sich selbst mit ihr kaum identifizieren mag, obwohl ihre Figur weder böse noch lebensmüde ist. Wobei sich Kim Novak mit Sharon Tate, schon allein aus Typ-Gründen, zugegebenermaßen visuell vermutlich noch besser ergänzt hätte. Deborah Kerr fällt in dem Film irgendwie ein wenig aus dem Rahmen, wirkt fremd und etwas unpassend – allerdings passt das auf eine gewisse Art gerade sehr gut zu ihrer Rolle und gut zur viel Verunsicherung säenden Grundstimmung des Films. Auf dem Regiestuhl gab es ebenfalls mehrere Wechsel, allerdings offenbar im Wesentlichen schon bevor die Dreharbeiten begannen. Je nach Quellenlage scheint aber möglich, dass wenige Szenen, die in der finalen Fassung sichtbar sind, doch nicht von J. Lee Thompson inszeniert wurden.

Fachmann für fiese Figuren

„Die schwarze 13“ ist ein in allen Belangen solch düsterer Film, dass eine Flora Robson („Der Wachsblumenstrauß“), die sich beileibe gut darauf verstand, gruselige und wenig weiblich wirkende Damen mittleren Alters zu verkörpern und oft von einer recht kalten Aura umgeben ist, hier noch vergleichsweise mitleidserregend, wenn auch ziemlich hoffnungslos wirkt. Robson taugte mit ihren schauspielerischen Qualitäten und begünstigt durch markante Gesichtszüge gewissermaßen wie aus dem Bilderbuch für finstere Rollen des männerverneinenden Typs „Mutter Oberin“, aber diese Seite ihrer Kunst wurde überraschenderweise ausgerechnet in „Die schwarze 13“ nicht genutzt. Ein Horrorfilm so düster, dass selbst Flora Robson noch eine der nahbarsten Figuren darstellt – ein Kontext wie geschaffen, um für Donald Pleasence zu einem richtungsweisenden Projekt zu werden. Er wäre am 5. Oktober 2019 100 Jahre alt geworden.

Dieser Horrorfilm lief in den Kinos der Welt seinerzeit mehr oder weniger Rücken an Rücken mit „James Bond 007 – Man lebt nur zweimal“ (1967), in dem Pleasence als Ernst Stavro Blofeld den berühmtesten glatzköpfigen Narbengesicht-Schurken der Filmgeschichte verkörperte. Danach dürfte er bei vielen seinen Ruf weggehabt haben – in „Die schwarze 13“ ist er ausgerechnet ein Priester, der es aber eher mit dem Satan als sonstigen Göttern zu halten scheint, und bei Bond der Superschurke schlechthin. Das lässt einen anderes schnell vergessen und die vielseitige Begabung dieses Schauspielers, der in „Gesprengte Ketten“ (1963) wiederum so berührend freundlich agierte, womöglich unter den Tisch fallen. Mit der „Halloween“-Reihe und „Dracula“ (1979) erlebte Pleasence später einen zweiten Frühling im Horrorfilm; wohlgemerkt nicht auf Oberschurken abonniert. Er vermochte allerdings genauso, herrlich selbstironisch sein Talent für überkandidelte Fieslinge auf die Schippe zu nehmen, wie sich besonders denkwürdig in „Zwei wie Pech und Schwefel“ (1974) zeigte – an der Seite von Bud Spencer und Terence Hill in einem ihrer besten Filme.

Seine Darstellung von Emotionslosigkeit mit gefühlskalten Augen und regungsloser Mimik bei der Verkörperung von Verbrechern, hatte aus meiner Sicht durchaus einen gewissen stilbildenden Einfluss. Von Donald Pleasence gespielte Schurken wirken zum Teil einfach viel verstörender, emotional kaputter und perverser als es bis dato der Regelfall im Kino war. Allerdings auch nicht im Sinne von Klaus Kinski, sondern stattdessen auf einer weitaus ruhigeren, ziemlich leisen, schlangenähnlichen und sehr dämonischen Grundlage. Hätte es Harry Potter damals schon gegeben, wäre Donald Pleasence der ideale Lord Voldemort gewesen, zumal er auch noch Brite war. Man möchte fast meinen, er habe dieser Figur mit einigen seiner Rollen, wie besonders in „Die schwarze 13“, als emotionsverneinendes, befremdlich kahl wirkendes Vorbild gedient. Bemerkenswert auch, dass als englischer Originaltitel des Films schließlich „Eye of the Devil“ gewählt wurde, obwohl zunächst eine Verfilmung unter dem Titel der Buchvorlage „Day of the Arrow“ geplant und dann noch die Titelvariante „Thirteen“ bzw. „13“ – die für die deutsche Fassung „Die schwarze 13“ letztlich bewahrt wurde – ins Spiel gekommen war. Denn in „Eye of the Devil“ scheinen mit dem Auge des Teufels vor allem die Augen von Donald Pleasence im Titel verankert zu sein – auch wenn es vielleicht nicht so intendiert war. Augen, die irgendwie auf eine doch andersartige, unangenehme, im Kino gefühlt so noch nie dagewesene Art böse und fremd anmuten. Kritiker bezeichneten diese Augen des Donald Pleasence später hin und wieder schlichtweg als hypnotisch.

Die stillen Sieger

Kommerziell gesehen war „Die schwarze 13“ nicht das, was man sich erhofft hatte. 1968 wurde er als eine von bis dahin nur drei Ransohoff-Produktionen verschrien, die sich an den Kinokassen nicht rentiert haben. Allerdings war der Film seiner Zeit voraus – durch seinen kompromisslos abgründigen Umgang mit Okkultismus und seiner spürbaren Nähe zu Satansliebhaberei-Themen. Die Zeiten von populären Horrorfiguren wie Dracula und Frankenstein wurden mit Filmen wie diesem durch menschliche Monster abgelöst, die sich in Gruppen organisieren und ihr Unwesen treiben. Wie krank der eine oder andere Zeitgenosse unter uns wirklich ist und dass es für einen handfesten Horrorfilm keine Kunstfiguren braucht, sondern auch eine gewisse surreale Gangart bei Narration, Kameraarbeit und Schnitt genügen, hätte man im klassischen Hollywood noch nicht so fühlbar bedrückend zeigen können, im Vereinigten Königreich der 60er allerdings schon eher. Und damit es gewissermaßen gar nicht erst zu halben Sachen kommen kann, wurde sogar der Okkultist Alex Sanders, der sich als einem Geschlecht walisischer Hexen zugehörig sah, als Berater bei der Produktion von „Die schwarze 13“ beschäftigt. Ein sehr forscher Schritt, weg von prüden Kinozeiten, sich zwecks Authentizität bei der Erarbeitung eines Filmstoffs und dessen Realisierung solcher Kooperationspartner zu bedienen. Was jetzt in jedem Falle noch fehlt, wäre eine angemessene Würdigung dieses Horror-Meisterwerks fürs Heimkino in Deutschland – aber leider haben es MGM-Klassiker diesbezüglich besonders schwer. Da liegt noch vieles in der Warteschleife.

Ein kurzes Wort sollte nicht zuletzt zur deutschen Synchronfassung verloren werden, da David Niven hier von Erich Fiedler und nicht seiner charakteristischsten deutschen Stimme, Friedrich Schoenfelder, vertont wurde. Schoenfelder war zum damaligen Zeitpunkt aber einfach noch nicht so fest als Nivens deutsche Stimme etabliert, wie es schon einige Jahre später der Fall sein sollte. Fiedler macht seinen Job gewohnt präzise und weiß mit seiner sehr speziellen Stimme so oder so zu glänzen. Herausragend ist hier aber vor allem die Performance von David Niven selbst, der so wunderbar sein Gentleman-Image nutzt, um den Zuschauer mit seiner Figur in ein Loch ohne Boden stürzen zu lassen. Der schicke Niven, der immer so elegant, charmant wirkt, sein Äußeres in seinen Rollen kaum variierte. Er, der meist so rüberkommt als hätte er alles komplett im Griff, und hier sogar noch einen Franzosen spielt, obwohl er Brite war, aber im Grunde jedes Klischee eines eleganten französischen Mannes von Welt erfüllt. Ausgerechnet er wird hier von einer Bande miteinander verschworener, gemeingefährlicher Hinterwäldler destabilisiert, demontiert, geradezu entthront und bietet dem Zuschauer von vorn herein einfach nichts mehr von den Führungsqualitäten an, die er sonst ausstrahlt. Man wartet regelrecht darauf, dass die Figur aus der Depression erwacht, auf eine Wendung – aber nein! Oder doch?! Er sieht eigentlich aus wie immer, aber ist einfach nur gebrochen, kaputt, leer und seine Fans laufen ins offene Messer, mit dieser irren Besetzung gegen den Strich. Eine starke Darbietung, die man würdigen sollte, gerade weil der Film absichtlich irritierend, sehr ungewöhnlich und sowieso aus einem Genre ist, für das Schauspieler meist keine großen Preise gewinnen. Erst durch die verlorene Seele des David Niven kommt das verstörende Potenzial von „Die schwarze 13“ in vollen Zügen zur Geltung. Chapeau, Marquis!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von J. Lee Thompson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Donald Pleasence unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 21. Februar 2011 als DVD

Länge: 92 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Eye of the Devil
GB 1967
Regie: J. Lee Thompson
Drehbuch: Robin Estridge, Dennis Murphy, Terry Southern, nach dem Roman „Day of the Arrow“ von Robin Estridge
Besetzung: Deborah Kerr, David Niven, Sharon Tate, Flora Robson, Donald Pleasence, David Hemmings, Edward Mulhare, Emlyn Williams, John Le Mesurier, Robert Duncan
Verleih: Metro-Goldwyn-Mayer

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