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Dario Argento (VII): Das Stendhal-Syndrom – In jeder Hinsicht kunstvoller Psychothriller

20 Jan

La sindrome di Stendhal

Von Tonio Klein

Horrorthriller // Bilder am Rande des Vorspanns, von den alten Meistern bis zu Warhols Monroe. Eine junge Frau, die die Uffizien in Florenz besucht; schon zuvor wird sie von der ominpräsenten Bau- und Skulpturenkunst mit nicht selten phallischen Motiven förmlich erschlagen. Schließlich das wahrhafte „Eintauchen“ in ein Bild, auf dem ein Ertrinkender zu sehen ist; die Frau gleitet in die Tiefe und wird von einem Fisch geküsst. Sie ist wohl wie viele Hauptfiguren in Filmen Dario Argentos nicht so ganz von dieser Welt. Schließlich der Schrecken der Medusa; beim Anblick dieses Bildes bricht die Frau endgültig zusammen. Die herunterfliegende Handtasche öffnet sich und offenbart neben dem typisch touristischen Inhalt eine Pistole. Kurze Zeit später dasselbe Bild der halb herausguckenden Sachen, aber die Pistole ist weg. Ein junger Mann spricht die Frau an, die nicht einmal mehr genau zu wissen scheint, wer sie ist.

Blutdurst stillen

Was für ein Beginn, dialoglos, hypnotisch, von minimalistischer, aber geschickt variiert-verschachtelter Achttonmelodie Ennio Morricones begleitet. Eine Verbeugung vor großen Museumsszenen Hitchcocks („Vertigo – Aus dem Reich der Toten“, 1958) und De Palmas („Dressed to Kill“, 1980); gleichzeitig das Rätselhaft-Surreale. War bei „Mary Poppins“ (1964) das „Hüpfen durch Bilder“ ein Spaß, der Fantasien wahr werden ließ, so geht es hier um Albtraumfantasien. Noch so manche Szene wird surreal sein; gleichwohl können wir uns nach und nach die häppchenweisen Informationen zu einer Geschichte zusammenbasteln. Die junge Frau heißt Anna (Asia Argento) und ist Polizistin, die gegen einen Vergewaltiger und Mörder ermittelt. Dieser, ein Mann namens Alfredo (Thomas Kretschmann), kommt bald auf ihre Spur und erkiest sie zum nächsten Opfer, tötet sie aber nicht. Im wahrsten Sinne des Wortes wird etwas von dem Mann von nun an „in Anna“ sein …

Überwältigende (Kino-)Kunst

Das sogenannte Stendhal-Syndrom bezeichnet Ausfallerscheinungen angesichts der Überwältigung durch große Kunst. Anna erleidet dies, aber es steht für etwas ganz anderes. Von Anfang an weiß sie eigentlich nicht, wer sie ist. Dies scheint von Kindheit und Jugend herzurühren. Ihre Berufswahl entstammt dem Wunsch, ihrer Sozialisation zu entkommen. In ihrem Beruf ist sie anscheinend nicht sehr gut, obwohl ihr Chef dauernd das Gegenteil sagt. In einer Rückblende erfahren wir ganz am Rande, dass sie erst nach einer Stunde zum Tatort gekommen ist und man schon lange auf sie gewartet hat. Später wird der einzige Moment, in dem sie mal was Polizeimäßiges macht, ein missbräuchliches Vorzeigen der Marke sein. Zwar ist ihre intuitive Kombinationsgabe bestechend („He didn’t kill me. We don’t have to look for him, he will look for me“), aber der beste Feuerwehrmann ist auch nicht derjenige, der von der Psyche des Brandstifters fasziniert ist und sich perfekt in ihn hineindenken kann …

Hauptsache ungeschnitten

Und so sehen wir einem Wesen zu, das erst noch zu sich selbst finden muss; dies ist faszinierend und filmisch wie psychologisch anspruchsvoll-ansprechend umgesetzt, dabei gleichzeitig sehr böse. Am Anfang sitzt Anna verstört mit einem Insekt im Hotelzimmer, am Ende mit einem Schmetterling in ihrer Wohnung, da hat auch sie sich entpuppt als … nein, ich verrate es nicht, aber sie hat zu sich selbst gefunden.

Grenzüberschreitungen

Der Weg dahin: Regisseur Dario Argento findet immer wieder Stilmittel der Grenzüberschreitung und Zerrissenheit, die Annas Wesen und Selbstfindung ausdrücken. In der Kunst: Die Grenze der Leinwand ist aufgehoben, Anna geht dabei immer wieder durch und unter Wasser, welches sie in den Abgrund zieht. In einer späteren realen Szene vermag das Wasser nicht die dunkle Seite Annas fortzuspülen, obwohl genau das, was für diese dunkle Seite steht, den reißenden Fluten überantwortet wird. Anna sagt da noch: „Du willst also ein Bad nehmen.“ Doch die Reinigung gelingt nicht. Im Zeit-Raum-Kontinuum: Anna kann durch eine imaginäre Tür ihres Hotelzimmers von Florenz nach Rom und in der Zeit zurückgehen, wir sehen eine Plot-erklärende Rückblende als surreales Element; und Anna ist sogar noch mit der blutigen Bluse (aufgrund des Sturzes in den Uffizien) in der Vergangenheit als Polizistin zu sehen. Schließlich Grenzen zwischen Realität und Fiktion: Monstren, die nur Graffiti sind, werden lebendig und entpuppen sich als Annas innere Dämonen, die frei werden und die ihr auf eigentlich irreale Weise zur Freiheit verhelfen. Wie schon bei Kubricks „Shining“ (1980) bedeutet diese Szene vielleicht, dass die bösen Dämonen oder auch nur die höchst reale böse Seite der Hauptfigur endgültig die Herrschaft übernommen hat. Anna kann dadurch die Fesseln des Vergewaltigers lösen und … Na ja, sagen wir mal, es wird blutig und es geht voll aufs Auge – typisch in einem Film von Dario Argento, der immer auch Filme über das Sehen macht (zumal wenn es um Kunst geht). Blicke haben eine herausgehobene Bedeutung; sie können ins Innere gehen, wenn Argento mit CGI ins Körperinnere eintaucht oder in einer Fantasiesequenz der Vergewaltiger durch beide durchschossenen Wangen Annas blickt; sie können Barrieren überwinden, wenn Anna in Bilder nicht nur blickt, sondern eintaucht; sie können eben auch zerstört werden, wenn Anna ihren Dämon nicht killt, sondern sich letztlich mit ihm vereint, ihn brutal von außen nach innen verlagert und damit quasi annimmt.

Selbst- und Fremdverletzungen sind untrennbar

Anna hat seit der Vergewaltigung eine Narbe, doch ihre blonde Perücke deutet nicht nur auf den Zweck hin, die Entstellung zu verdecken, sondern nach der oben angedeutete Szene auch darauf, dass sie nun endgültig eine andere geworden ist. Und dass sie andere statt wie zuvor sich selbst verletzen wird. Ihre Erscheinung hat etwas von Neo-noir-femme-fatale (wie auch die Ausleuchtung ihres Zimmers, giftgrüner Lampenschein zu rotem Ständer, etwas von Neo-noir hat). Aber auch von dem Cross-Dressing, wie es gestört-gespaltene Persönlichkeiten gelegentlich in Filmen von Argento selbst oder von Brian De Palma („Dressed to Kill“! Letztlich steckt vieles davon schon in Hitchcocks „Psycho“, 1960) an den Tag legen. Nun ist Anna natürlich eine Frau, aber sie verbindet die Verführung der blonden Femme fatale mit dem Männlichen, welches sie nun (in jeglicher Form …) in sich hat. Ihr erstes Opfer wird ein junger, sanfter Franzose mit dem weiblichen Vornamen Marie sein. In diesen Mann hat Anna sich zwar verliebt, aber die weibliche, sanfte Seite in sich will sie offenbar auf keinen Fall mehr zulassen. Interessanterweise lernt sie Marie kennen, indem sie ihm (geringfügig) wehtut und die Finger beim Blättern in einem Ständer mit Postern zweimal einklemmt. Zweimal! Das geschieht nur vorgeblich aus Versehen! Wie gesagt, erst verletzte Anna nur sich selbst …

Psycho-Logik

„Das Stendhal-Syndrom“ ist ein brutaler Thriller, faszinierend, intelligent – aber dies eher in psychologischer statt logischer Hinsicht. Man kann schon einmal fragen, warum Annas Chef so lange zu ihr hält und das doch schwer zu kaschierende Faktum totgeschwiegen wird, dass Anna mit dem Vergewaltiger etwas so gar nicht Rechtsstaatliches gemacht hat. Oder warum dieser Mann so perfekt eine Frauenstimme nachmachen und Anna in die Uffizien locken kann, dass dies offensichtlich von einer anderen Person gesprochen wurde. Aber das alles macht nichts. Es geht halt um gespaltene Persönlichkeiten und um Grenzüberschreitungen. Alle surreal-unlogischen Elemente sind absolut berechtigt – und wunderbar. Später ist mir noch eine Parallele zu dem von Fans ungeliebten Argento-Film „Giallo“ (2009) aufgefallen, für den am Rande eine Lanze gebrochen sei. Ein dort von Adrien Brody gespielter Polizist hat ähnlich Anna das Problem, dass er nur deswegen vorgeblich so gut bei der Polizei sei, weil er sein und ihr dunkles Spiegelbild zu sehr verinnerlicht hat. Man fragt sich in beiden Fällen, wie so jemand bei der Polizei landen durfte – hanebüchen! Aber darauf kommt es nicht an. Beide Protagonisten zeigen zwei Seiten derselben Medaille – und es mag erahnbar sein, welche gewinnt.

Ins Hirn und ins Fleisch

Last but not least: Man sollte zur meines Wissens ungeschnittenen Version des US-Labels Blue Underground greifen. Die 2017 veröffentlichte 3-Disc Limited Edition enthält die Langfassung des Films in neuer 2K-Abtastung. Einen Vergleich der Lang- mit der Originalfassung findet Ihr hier.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dario Argento haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Asia Argento unter Schauspielerinnen, Filme mit Thomas Kretschmann in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 14. Mai 2012 als Blu-ray (Langfassung), 31. Januar 2010 als DVD, 27. Juni 2005 als DVD (Originalfassung)

Länge: 117 Min. (Blu-ray, Langfassung), 115 Min. (Blu-ray, Originalfassung), 115 Min. (DVD, Langfassung), 114 Min. (Originalfassung)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft (Langfassung), 18 (Originalfassung)
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: La sindrome di Stendhal
Internationaler Titel: The Stendhal Syndrome
IT 1996
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento, nach einem Roman von Graziella Magherini
Besetzung: Asia Argento, Thomas Kretschmann, Marco Leonardi, Luigi Diberti, Paolo Bonacelli, Julien Lambroschini, John Quentin, Franco Diogene, Lucia Stara, Lorenzo Crespi, Veronica Lazar
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: diverse

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshot: © 2017 Blue Underground

 

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