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Zum 100. Geburtstag von Dirk Bogarde: Die Brücke von Arnheim – Alliiertes Fiasko in den Niederlanden

29 Mrz

A Bridge Too Far

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Mitte September 1944 starteten die Westalliierten die Operation Market Garden. Innerhalb weniger Tage wurden fast 40.000 Fallschirmjäger aus britischen und US-amerikanischen Luftlandedivisionen in zwei niederländischen Provinzen hinter den feindlichen Linien abgesetzt. Dahinter steckte die Absicht, in den Niederlanden Rheinübergänge zu erobern, um den Westwall zu umgehen. Gemäß Plan „Market“ sollten die Luftlandetruppen Brücken über den nördlichen Rheinarm Nederrijn besetzen, dazu auch Überführungen ein paar anderer Flüsse und Kanäle. Alliierte Landstreitkräfte sollten diese dann laut Plan „Garden“ zügig überschreiten, um das Gebiet zu halten und den Weg ins deutsche Kernland zu öffnen.

Der irischstämmige US-Journalist und Schriftsteller Cornelius Ryan (1920–1974) verarbeitete die Ereignisse der Operation Market Garden zu seinem 1974 veröffentlichten militärhistorischen Buch „A Bridge Too Far“, in Deutschland unter dem Titel „Die Brücke von Arnheim“ erschienen. Sein 1959er-Werk „The Longest Day“ („Der längste Tag“) über die Landung der Westalliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 hatte bereits die Vorlage zu dem gleichnamigen Film von 1962 gebildet. Der fuhr satte fünf Regisseure und eine große Schar von Top-Stars im Cast auf. „Die Brücke von Arnheim“ hatte 1977 mit Richard Attenborough („Gandhi“) nur einen Regisseur zu bieten, steht gegenüber „Der längste Tag“ an Starpower aber kaum zurück.

Der Plan von Feldmarschall Montgomery

„Die Brücke von Arnheim“ beginnt anhand von Archivaufnahmen mit einem kurzen historischen Abriss der Kriegsereignisse in Westeuropa kurz vor Beginn des Geschehens. Nach der Invasion in der Normandie befreiten die Alliierten im August Paris, die deutsche Wehrmacht wurde allerorten zum Rückzug gezwungen. Mit dem Vorrücken der alliierten Streitkräfte verlängerten sich aber auch die Versorgungswege, weshalb die Operation Market Garden gestartet wurde, die der britische Feldmarschall Bernard Montgomery, Oberkommandierender der britisch-kanadischen 21st Army Group, ausgearbeitet hatte (im Film sind Montgomery und weitere historische Persönlichkeiten in Archivaufnahmen zu sehen).

Hart umkämpft: die Brücke von Arnheim

Auf Seiten der Wehrmacht ist Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt (Wolfgang Preiss) gerade erneut zum Oberbefehlshaber der deutschen Weststreitkräfte ernannt worden. Er sieht sich mit gewaltigen Problemen konfrontiert, da seine Armeen aus dem letzten Loch pfeifen. In England hat Lieutenant General Frederick Browning (Dirk Bogarde) in seinem Hauptquartier die Offiziere Major General Robert Urquhart (Sean Connery), Major General Maxwell Taylor (Paul Maxwell), Brigadier General James Gavin (Ryan O’Neal) und Major General Stanisław Sosabowski (Gene Hackman) versammelt. Er teilt ihnen ihre Einsatzgebiete in der Operation Market Garden zu. Die Aufgabe, die fürs Gelingen der Operation bedeutsamste Brücke von Arnheim zu erobern und zwei Tage lang zu halten, kommt dabei Urquhart zu, der dafür immerhin die Unterstützung von Sosabowski und dessen Luftlandebrigade der polnischen Streitkräfte im Westen erhält. Dennoch beschleicht einige der Soldaten das Gefühl, zu einem Himmelfahrtskommando aufzubrechen. Speziell Sosabowski äußert gegenüber Browning Bedenken. Dieser beschwichtigt ihn mit der Aussage, die Deutschen hätten dort lediglich zweitklassige Streitkräfte stehen. Browning erfährt zwar von seinem Adjutanten Major Fuller (Frank Grimes), dass die Deutschen wider Erwarten Panzer in der Gegend platziert haben, tut diese Information aber ab. Eine der gewaltigsten Luftlandeoperationen in der Geschichte des Krieges nimmt ihren Lauf – sie wird im Fiasko enden. Die Brücke von Arnheim erweist sich als eine Brücke zu weit (Originaltitel des Films: „A Bridge Too Far“), womit gemeint ist, dass es Scheitern verurteilt war Major General Urquhart mit Nachschub und Unterstützung zu versorgen, sodass er die Brücke hätte halten können.

Topstars hüben wie drüben

Michael Caine, Edward Fox, Elliott Gould, Anthony Hopkins, Robert Redford, Denholm Elliott – weitere namhafte Darsteller, die alliierte Offiziere verkörpern. Als Staff Sergeant Eddie Dohun ist James Caan in einem recht eigenständigen Nebenstrang zu sehen, der nicht immer glaubwürdig wirkt, dem Vernehmen nach aber belegt ist. Auf Seite der Deutschen schlüpften unter anderem Hans von Borsody, Hardy Krüger und Maximilian Schell in die Uniformen der Wehrmacht und der Waffen-SS. Als niederländische Zivilpersonen sind Laurence Olivier und Liv Ullmann zu sehen. Aus Authentizitätsgründen sprachen die Darsteller in ihren Rollen die korrekten Sprachen ihrer Figuren, also Englisch, Deutsch und Niederländisch.

Himmelfahrtskommando: Major Cook überquert mit seinen Männern einen Fluss

Acht Oscar-Preisträger plus fünf -Nominierte sind schon eine Hausnummer. Diese Ansammlung von Starpower führt dazu, dass dem einzelnen Darsteller wenig Raum bleibt, seiner Figur Profil zu verleihen. Das gelingt am ehesten noch einigen zu Beginn, etwa bei der erwähnten Zusammenkunft der höchsten Offiziere der Operation bei Lieutenant General Browning. Die Nonchalance, mit der sich Browning über Bedenken hinwegsetzt, gehört zu den nicht allzu vielen schauspielerisch bemerkenswerten Momenten. Allerdings löste die Porträtierung des zum Zeitpunkt der Entstehung des Films bereits verstorbenen Lieutenant Generals eine große Kontroverse aus. Darsteller Dirk Bogarde, der Browning aufgrund seines Kriegsdienstes als Mitglied des Stabs von Feldmarschall Montgomery persönlich gekannt hatte, war das dem Vernehmen nach auch sehr unangenehm.

Dirk Bogarde

Der in London geborene Bogarde wäre am 28. März 2021 100 Jahre alt geworden. Zu seinen prägendsten Kriegserlebnissen als Nachrichtendienst-Offizier der britischen Streitkräfte gehörte im April 1945 das Betreten des Konzentrationslagers Bergen-Belsen wenige Tage nach dessen Befreiung. Ausführliche Erinnerungen daran gab er 1986 in einem TV-Interview preis, in welchem er auch bekundete: Nach dem Krieg wusste ich, dass nichts jemals so schlimm werden konnte. (…) Nichts würde mich mehr in Furcht versetzen können, kein Mensch würde mich mehr in Furcht versetzen können, auch kein Regisseur. Nichts konnte so schlimm sein wie der Krieg oder das, was ich im Krieg gesehen habe. Trotz einer aus seinen Kriegserfahrungen resultierenden Abneigung gegen die Deutschen spielte er 1974 in der italienischen Produktion „Der Nachtportier“ sogar einen ehemaligen SS-Offizier und KZ-Wächter. Bogarde starb am 8. Mai 1999 im Alter von 78 Jahren in seiner Heimatstadt. Er hatte stets seine Hauptrolle in Luchino Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung „Tod in Venedig“ (1971) als Karrierehöhepunkt bezeichnet. „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Tonio Klein hat sich in seiner Rezension des Thrillerdramas „Teufelskreis“ (1961) etwas ausgiebiger mit ihm befasst. Auch auf einer Bogarde gewidmeten Webseite findet sich viel Wissenswertes über den Schauspieler.

Gedreht auf der Wilhelminabrücke

Sein für die 1970er-Jahre stattliches Budget von 22 Millionen US-Dollar spielte „Die Brücke von Arnheim“ eher in Westeuropa wieder ein als in Nordamerika, wobei die Kosten für die Produzenten durch den Verkauf von Verleihrechten bereits vor dem Kinostart mehr als ausgeglichen waren. Gedreht wurde hauptsächlich in den Niederlanden. Da die Umgebung der heutigen John-Frost-Brücke in Arnheim, Hauptstadt der Provinz Gelderland, in den 1970er-Jahren modern bebaut war, eignete sie sich nicht als Drehort. Für sie hielt die Wilhelminabrücke in Deventer in der Provinz Overijssel her, die die IJssel überspannt, den nördlichsten Mündungsarm des Rheins.

Der Kampf tobt auch in der Luft

Mit Filmen wie „Die Brücke von Arnheim“ lässt Hollywood die Muskeln spielen. Als Leistungsschau mit viel Kriegsgerät vermag das Kriegsdrama zu beeindrucken. Vom Absprung der Fallschirmjäger über einige Panzer- und Artilleriegefechte bis hin zu Straßenkämpfen wartet die Produktion mit etlichen Bestandteilen martialischer Kriegs-Action auf, die Fans solcher Filme gefallen dürften. Natürlich stürzen sich Kriegs- und Militärexperten gern auf diese Werke, um Ungereimtheiten und Fehler zu entdecken, was oft und auch in diesem Fall gelingt. Da das Gros des Kinopublikums aber nicht über derlei Fachwissen verfügt, mögen das lässliche Mankos sein. Einige Teilnehmer der Operation Market Garden standen dem Regisseur während der Dreharbeiten als militärische Berater zur Verfügung.

Das Leid der Zivilpersonen

Immerhin gelingt es Regisseur Richard Attenborough, kleine Szenen einzubauen, die etwas von der Tragik des Krieges vermitteln, etwa wenn der von Robert Redford verkörperte Major Julian Cook den Maas-Waal-Kanal überquert und sich die bei Tageslicht ablaufende Unternehmung zum Massaker ausweitet, weil die US-Soldaten in ihren Ruderbooten auf dem Wasser perfekte Zielscheiben abgeben. Sequenzen, in denen uniformierte oder zivile Opfer des Krieges ein menschliches Gesicht bekommen, nehmen insgesamt aber zu wenig Raum ein; meist dominiert der Blick auf das strategische Geschehen und den Kampf um die wichtigen Brücken. Der allerdings ist präzise, in der Hinsicht hat „Die Brücke von Arnheim“ große Qualität. Verschiedene kleinere Handlungsfäden laufen zusammen und ergeben ein stimmiges Bild, so beispielsweise auch Szenen mit niederländischen Zivilisten, die teils im Widerstand aktiv sind. Einige von ihnen wird der Krieg aufreiben. Die letzte Szene des Films setzt der Zerstörung ihrer Heimat ein Andenken.

Roland Emmerichs liebster Kriegsfilm

Kein Geringerer als der deutsche Hollywood-Regisseur Roland Emmerich („The Day After Tomorrow“) outete sich 2019 in einem Interview anlässlich des Kinostarts seines Weltkriegsdramas „Midway – Für die Freiheit“ als großer Fan von „Die Brücke von Arnheim“. Dies sei sein Lieblingskriegsfilm. Man sehe, wie eine Militäroperation entsteht, was damit bezweckt wird und wie das umgesetzt wird. Mit dieser Charakterisierung des Geschehens liegt Emmerich richtig. Gegen die Proklamation eines Lieblingsfilms lässt sich obendrein nichts anführen, dies ist völlig legitim. Als eines der besten Kriegsdramen überhaupt geht „Die Brücke von Arnheim“ aber nicht durch, gehört meines Erachtens auch nicht in eine solche Auflistung. Gleichwohl eine beeindruckende Großproduktion mit hohen Schauwerten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Dirk Bogarde, James Caan, Michael Caine, Sean Connery, Gene Hackman, Anthony Hopkins, Hardy Krüger, Laurence Olivier, Ryan O’Neal, Robert Redford, Maximilian Schell und Fred Williams haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. Juni 2018 als Blu-ray im Mediabook, 6. Juni 2014 als Blu-ray, 11. April 2014 als DVD, 15. September 2003 als 2-Disc Special Edition DVD und DVD

Länge: 176 Min. (Blu-ray), 160 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch/Deutsch/Niederländisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: A Bridge Too Far
USA 1977
Regie: Richard Attenborough
Drehbuch: William Goldman, nach einer Vorlage von Cornelius Ryan
Besetzung: Sean Connery, Ryan O’Neal, Michael Caine, Gene Hackman, Anthony Hopkins, Dirk Bogarde, Hans von Borsody, Edward Fox, James Caan, Maximilian Schell, Hardy Krüger, Laurence Olivier, Robert Redford, Hartmut Becker, Frank Grimes, Paul Maxwell, Walter Kohut, Peter Faber, Siem Vroom, Marlies van Alcmaer, Erik van ’t Wout, Liv Ullmann, Elliott Gould, Ben Cross, Denholm Elliott, Fred Williams
Zusatzmaterial Blu-ray: Original-Kinotrailer
Zusatzmaterial Mediabook: Booklet, Kinoplakat
Zusatzmaterial Special Edition DVD: Audiokommentar von Drehbuchautor William Goldman, 3 Dokumentarfilme („Heroes from the Sky“, „A Distant Battle – Memories of Operation Market Garden“, „Richard Attenborough – A Filmmaker Remembers“), Fotogalerie, Original Kinotrailer
Label/Vertrieb Mediabook: FilmConfect Home Entertainment
Label/Vertrieb Blu-ray & DVD: Twentieth Century Fox Home Entertainment (MGM)

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot Mediabook: © 2018 FilmConfect Home Entertainment, Packshots deutsche Blu-ray & DVDs: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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