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Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) – Zwischen Theater und Realität

26 Jan

Birdman-Plakat

Birdman

Kinostart: 29. Januar 2015

Von Matthias Holm

Tragikomödie // Inzwischen würde ich sagen, dass ich beim Schreiben für diesen Blog einiges an Erfahrung gesammelt habe, wenn es um Filmkritiken geht. Und ganz plötzlich kommt „Birdman“ daher. Das erste Mal seit einer Ewigkeit war ich nach der Sichtung eines Films sprachlos.

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Riggan und seine Tochter Sam

Riggan Thomson (Michael Keaton) hat seine besten Jahre als Schauspieler bereits hinter sich gebracht. In den 90ern hatte er als Star der „Birdman“-Filme großen Erfolg, doch danach kamen keine guten Rollenangebote mehr. Um nicht komplett in der Versenkung zu verschwinden, adaptiert er ein Stück für den Broadway. Leider – oder glücklicherweise? – wird sein Hauptdarsteller kurz vor der Premiere bei einem Unfall schwer verletzt. Zum Glück ist mit dem Method Actor Mike Shiner (Edward Norton) schnell Ersatz gefunden. Doch Mike schafft es mit seiner überheblichen Art, Riggan so kurz vor der Premiere an den Rande des Nervenzusammenbruchs zu drängen.

Dies ist allerdings nur eine Facette des unfassbaren Drehbuchs aus der Feder von Regisseur Alejandro González Iñárritu. So gibt es zum Beispiel noch einen Konflikt zwischen Riggan und seiner Tochter (Emma Stone), die frisch aus der Entzugsklinik gekommen ist. Für manche der Handlungsstränge brauchen andere Regisseure einen eigenen Film, um den Konflikt zu lösen. Umso höher ist es Iñárritu anzurechnen, dass keine Nebenhandlung vernachlässigt oder gar stümperhaft aufgelöst wird.

Damit kratzt man jedoch nur an der Oberfläche. Der Film selbst spielt, wie die Theaterbühne, auf der er stattfindet, sehr viel mit den Grenzen von Realität und Täuschung. Was ist wahr, was ist nur gespielt oder gar eingebildet? Hier verweigert sich „Birdman“ einer klaren Antwort. Hat Riggan wirklich übersinnliche Fähigkeiten? Und wo fängt Mike Shiner an, eine Rolle zu spielen und wo hört er auf – immerhin verhält er sich den gesamten Film über so wie seine Theaterrolle.

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Riggan (l.) will sich nicht über Mike aufregen …

Nebenbei bietet der Film einige satirische Spitzen gegen den Fortsetzungswahn Hollywoods. Gerade deswegen ist es auch so untypisch, dass der Film zusammen mit „Grand Budapest Hotel“ die Riege der Oscar-Nominierten anführt: Neun Mal hat „Birdman“ die Chance, einen Goldjungen abzuräumen. Und auch wenn die Buchmacher „Boyhood“ vorn sehen: Ich würde dem Film jeden einzelnen Preis gönnen. Alle Schauspieler sind schlichtweg grandios, angeführt von einem herausragenden Michael Keaton. Der Sound ist wunderbar gemixt, man achte auf das Schlagzeugspiel des Musikers Antonio Sanchez, der plötzlich selbst im Film auftaucht. Und vor allem will ich, dass der Film, da er schon nicht für den besten Schnitt nominiert ist, wenigstens den Oscar für die beste Kamera erhält.

„Birdman“ ist nämlich als eine einzige große Plansequenz angelegt, das heißt: Im Grunde genommen dürfte es nicht einen Schnitt geben. Dass dies natürlich unmöglich ist, ist einzusehen, doch Iñárritu spielt mit diesem Element, indem er aberwitzige Zeitsprünge einbaut – ohne dass der Zuschauer es sofort merkt. Dabei steht die Kamera nie wirklich still, sie schwebt immer nah an den Figuren dran, umkreist sie und zeigt sie aus der Nähe.

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… was nicht wirklich gut klappt

Jetzt habe ich es doch geschafft, mich in einer angemessenen Länge über den Film auszulassen. Und doch habe ich das Gefühl, noch längst nicht alles über „Birdman“ gesagt zu haben. Dafür ist der Film – im wahrsten Sinne des Wortes – zu merkwürdig, zu abgefahren. Dennoch möchte ich ihn jedem ans Herz legen. Einfach fabelhaft.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Keaton sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Birdman
USA/KAN 2014
Regie: Alejandro González Iñárritu
Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris, Armando Bo
Besetzung: Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Naomi Watts, Amy Ryan, Emma Stone, Andrea Riseborough, Lindsay Duncan, Merritt Wever
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2015 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2014 Twentieth Century Fox

 

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