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Das kalte Herz – Der große Märchenauftakt der DEFA

16 Okt

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Das kalte Herz

Von Volker Schönenberger

Fantasy // Die Märchen von Wilhelm Hauff habe ich als Kind und Jugendlicher oft und gern gelesen. In meinem Elternhaus stand eine schöne illustrierte Ausgabe, die ich mir später auch selbst zulegte. Das Konzept der Erzählungen in den Erzählungen war außergewöhnlich. Die Märchen spielten mal in exotischer Ferne wie „Die Geschichte von Kalif Storch“, „Die Geschichte von dem kleinen Muck“ und „Der Zwerg Nase“, mal waren sie in deutschen Landen angesiedelt wie „Das Wirtshaus im Spessart“ und die darin eingebaute, in zwei „Abteilungen“ aufgeteilte Erzählung „Das kalte Herz“.

DEFA mit der Referenzverfilmung

Die Geschichte vom Kohlenmunk-Peter und seinen fatalen Händeln mit dem Glasmännlein Schatzhauser und dem Holländer-Michel ist über die Jahre einige Male verfilmt worden, erstmals 1924, 1978 auch in einer Inszenierung der Augsburger Puppenkiste. Die bekannteste Version entstand 1950 in der DDR unter der Regie von Paul Verhoeven, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen niederländischen Regisseur von „RoboCop“ und „Starship Troopers“. „Das kalte Herz“ markierte den ersten Farbfilm und die erste Märchenverfilmung der DEFA und war Auftakt einer langen Reihe von Märchenfilmen der staatseigenen DDR-Filmproduktionsstätte.

Der Holländer-Michel hat die Lösung

Die DEFA-Version folgt recht werkgetreu der Hauffschen Vorlage: Der junge Köhler Peter (Lutz Moik) fristet im Schwarzwald mit seiner Mutter (Lotte Loebinger) ein Dasein in Armut, ist im Ort als Kohlenmunk-Peter Zielscheibe des Spottes. Die schöne Lisbeth (Hanna Rucker) hat es ihm angetan, auch sie hat mehr als einen Blick für den schmutzigen, aber ansonsten feschen Burschen übrig. Unfähig, sein Los aus eigener Kraft zu ändern, dringt Peter eines Nachts tief in den Wald vor, um dort vom Schatzhauser (Paul Bildt) drei Wünsche zu erbitten. Nach einer beängstigenden Begegnung mit dem grausigen Holländer-Michel (Erwin Geschonneck) gelingt es Peter tatsächlich, dem Schatzhauser immerhin zwei Wünsche zu entlocken. Den dritten will das kleine Männlein Peter nur dann gewähren, wenn die ersten beiden keine törichten sind. Doch sie sind es: Peter will besser tanzen können als der Tanzbodenkönig Hannes (Hannsgeorg Laubenthal) und stets so viel Geld in der Tasche haben wie der reiche, aber eiskalte Ezechiel (Pau Esser) – beides geht sonderbarerweise als ein Wunsch durch. Außerdem will der Köhler eine Glashütte besitzen. Die Wünsche gehen in Erfüllung. In der Folge gewinnt Peter zwar anfangs Geld und Ansehen, verliert all das jedoch bald. In seiner Verzweiflung wendet er sich nun doch an den Holländer-Michel. Der ist spendabel bei der Erfüllung materieller Wünsche. Doch der Preis ist hoch: Peter tauscht sein Herz gegen eines aus Stein aus.

Ja, die Tricks sind veraltet; ja, die Moral kommt mit dem Holzhammer daher. Aber egal: Die DEFA hat mit „Das kalte Herz“ einen zwar nicht zeitlosen, aber doch farbenprächtigen Klassiker des Märchenfilms erschaffen, den man bei aller Biederkeit auch heute mit Freude schauen kann. Natürlich sind die Fantasy-Effekte nach modernen Maßstäben rückständig, aber wir schauen uns ja auch die Tricks von Ray Harryhausen in „Sindbads siebente Reise“ (1958) heute noch gern an.

Bester Farbfilm beim Filmfestival von Karlovy Vary

Wer aufpasst, wird immer wieder kurze, aber durchdachte Kameraperspektiven bemerken – hier ein Zoom, da eine außergewöhnliche Nahaufnahme, dort ein bemerkenswerter Schwenk. „Das kalte Herz“ ist vor schöner Kulisse versiert fotografiert und nicht zuletzt deshalb 1951 beim internationalen Filmfestival von Karlovy Vary als bester Farbfilm ausgezeichnet worden. Es ist aber auch einfach ein schönes Kino-Märchen.

Die anlässlich dieser Rezension erfolgte Sichtung brachte mir keine Erkenntnisse darüber, ob ich den Film als Kind oder Jugendlicher bereits gesehen hatte – Alter und Gedächtnis, Ihr wisst schon. Aufgrund einiger gruseliger Szenen und Motive hätten meine Töchter womöglich keinen rechten Spaß dran gehabt, „Das kalte Herz“ mit mir zu schauen. So recht Lust hat die DEFA-Version nicht auf die aktuelle Neuverfilmung von Johannes Naber („Zeit der Kannibalen“) gemacht, die immerhin mit Moritz Bleibtreu als Holländer-Michel aufwartet. Die DEFA hat alles gesagt, was filmisch über das kalte Herz zu sagen ist. Aber mal wieder als Leser in Hauffs Märchen zu versinken – das wäre was.

Veröffentlichung: 19. September 2011 als Blu-ray, 13. September 2010 und 30. Oktober 2001 als DVD

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Das kalte Herz
DDR 1950
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: Paul Verhoeven, Wolff von Gordon, Marieluise Steinhauer, nach einem Märchen von Wilhelm Hauff
Besetzung: Lutz Moik, Hanna Rucker, Paul Bildt, Paul Esser, Lotte Loebinger, Erwin Geschonneck, Alexander Engel, Hannsgeorg Laubenthal, Karl Hellmer, Walter Tarrach, Eva Probst, Herbert Kiper, Karl Heinz Deickert
Zusatzmaterial: Trailershow, Schuber
Vertrieb: Icestorm Entertainment GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Packshots: © Icestorm Entertainment GmbH

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