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Darfur – Der vergessene Krieg: Die Welt hat mal wieder nur zugeschaut

04 Jun

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Darfur

Von Volker Schönenberger

Der Darfur-Konflikt gilt als Völkermord und größte humanitäre Katastrophe des 21. Jahrhunderts. Mehr als 2,5 Millionen Zivilisten wurden vertrieben, und die Zahl der Toten beziffert sich auf über 400.000 Menschen. (Übersetzung einer Texttafel zu Beginn des Films)

Kriegsdrama // Irgendwann in der ersten Dekade unseres Jahrtausends: Um Menschenrechtsverletzungen im Darfur-Konflikt zu dokumentieren, hält sich eine Gruppe von internationalen Journalisten in der Region im Westsudan auf. Die Kriegsberichterstatter reisen ins Dorf Nabagaia, angeführt von Captain Jack Tobamke (Hakeem Kae-Kazim) von der Afrikanischen Union und ein paar Soldaten. Auf der Strecke bemerkt die Gruppe ein Massengrab. Im Dorf angekommen, befragen die Reporter die Bewohner. Nach einiger Zeit bricht man wieder auf. Kurz darauf nähert sich eine Staubwolke dem Dorf – berittene und motorisierte Dschandschawid, die ganz eindeutig keine friedlichen Absichten haben.

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Massengrab, Zeugnis eines Völkermords

Wer „Darfur – Der vergessene Krieg“ noch nicht geschaut hat und das nachholen möchte, sollte die folgenden drei Absätze aufgrund massiver Spoiler überspringen oder erst nach Sichtung des Films weiterlesen.

Ab hier wird gespoilert

Puh, das ist harte Kost. Ein Dorf wird abgeschlachtet – Vorsicht, Uwe Bolls Drama ist nichts für zartbesaitete Gemüter. Der streitbare Filmemacher erspart uns zwar einen ausufernden Splatter-Exzess, zeigt das Gemetzel aber als die Grausamkeit, die es ist. Da werden Dorfbewohnerinnen vergewaltigt, Kleinkinder abgeschlachtet, Macheten und Kalaschnikows gegen Wehrlose eingesetzt. Das lässt den Atem stocken und bei manchen Zuschauern einen Kloß im Hals entstehen.

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Zur Untätigkeit verdammt: Reporter Bob Jones

Schonungslos demonstriert Boll die ausweglose Lage der Dörfler und die Hilflosigkeit der Journalisten. Der Dschandschawid-Anführer (Sammy Sheik), ein gutaussehender Beduine, lässt sich von Anfang an auf keine Diskussion mit Captain Tobamke ein, bedeutet ihm unmissverständlich, dass dessen Gruppe umgehend das Dorf zu verlassen habe, andernfalls werde man sie als Teil der Einwohner betrachten – eine unverhohlene Drohung und Ankündigung der finsteren Absichten. Als die Reporter seiner Aufforderung nicht schnell genug Folge leisten, schießt der Anführer eiskalt einem Dorfjungen in den Kopf. Später beschließen die Reporter Freddie (David O’Hara) und Theo (Noah Danby), zum Ort des Massakers zurückzukehren, um Überlebende zu retten und Vergeltung zu üben. Tobamke schließt sich ihnen an, was alle drei schlussendlich das Leben kostet. An Freddie wird gar ein Exempel statuiert: Ein Dschandschawid übergießt ihn mit Benzin, er verbrennt bei lebendigem Leibe.

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Eiskalt: der Kommandant der Dschandschawid

„Darfur – Der vergessene Krieg“ ist nicht nur ein Fanal um Aufmerksamkeit für einen Völkermord, der vor den Augen der Weltöffentlichkeit vollzogen wurde, sondern auch eine vorzügliche Darstellung des Dilemmas, in dem sich Kriegsberichterstatter oft befinden: An sich ist ihre Aufgabe die des Chronisten, eines unbeteiligten Dokumentierers. Sie sollen sich, so sprach einst der Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs, nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Klar, niemand kann verlangen, dass sie zur Waffe greifen, wie es einige der Reporter in diesem Fall tun – sei das eine Botschaft Bolls gewesen oder in erster Linie ein Vorantreiben der Handlung; aber humanitäre Hilfe kann man an sich schon erwarten. Wann sollen Reporter den Notizblock und das Aufnahmegerät beiseite legen und tatkräftig eingreifen? Diese Frage ist erst recht dann kaum zu beantworten, wenn ein Eingreifen oder gar die pure Anwesenheit mit unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben verbunden ist wie im Dorf Nabagaia. Dort will die kleine Gruppe die Einwohner retten, indem sie sich als lebendes Schutzschild vor sie stellt. Sie scheitert auf schlimmstmögliche Weise, die Dschandschawid erweisen sich als skrupellos und blutrünstig.

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Die Beduinen metzeln die Dörfler nieder

Mit improvisierten Dialogen und Handkamera-Bildern verleiht Uwe Boll seiner Regiearbeit eine zum Teil dokumentarische Anmutung. Gelegentlich, vor allem am Ende, verlässt er diese Richtung, indem er einen getragenen Score über seine Aufnahmen legt, der gar nicht nötig gewesen wäre. Dennoch ist festzuhalten, dass der vermeintlich talentlose Schrottfilmer Uwe Boll mit „Darfur – Der vergessene Krieg“ ein gelungenes und – jawohl – wichtiges Bürgerkriegsdrama inszeniert hat. Das Werk hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, ist weit mehr als nur einer von wenigen Nach-oben-Ausreißern Bolls. Das hat seinerzeit immerhin der Rezensent von Amnesty International gewürdigt: Ein durch und durch ungewöhnlicher Menschenrechtsfilm … durchaus ernstzunehmender Film, der versucht, öffentliches Bewusstsein für die Tragödie im Sudan herzustellen. Zitiert nach Amnesty Journal 10/11 2010.

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Ein Bewohner wehrt sich

Uwe Boll ist es immer wieder gelungen, interessante Namen aus der zweiten Reihe zu verpflichten. Das gilt auch für das Reporterteam in „Darfur – Der vergessene Krieg“: Edward Furlong ist nach seinem Debüt in „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ (1991) hoch gehandelt worden und hat mit John Waters‘ Komödie „Der Pecker“ und dem Neonazidrama „American History X“ (beide 1998) weitere wertige Titel in seiner Filmografie, sich aber mit privaten Problemen selbst ins Abseits bugsiert. Der Sprung von TV- und Direct-to-Video-Produktionen auf die große Leinwand gelang Kristanna Loken 2003 für kurze Zeit mit ihrer Rolle als Terminatrix in „Terminator 3 – Rebellion der Maschinen“. Dort traf sie übrigens nicht auf Edward Furlong, der an sich erneut die Rolle des John Connor übernehmen sollte – seine erwähnten privaten Probleme verhinderten aber, dass er wieder besetzt wurde. Ebenfalls genannt sei Billy Zane als Teil des Journalistenteams. Er ist bekannt aus den ersten beiden „Zurück in die Zukunft“-Filmen (1985 und 1989) sowie aus „Titanic“ (1997). 1996 spielte er „Das Phantom“.

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Freddie greift ein

Kürzlich hat Boll das Ende seiner Regisseurs-Laufbahn verkündet und das mit dem Zusammenbruch des Markts für unabhängige Filmemacher begründet. Wiederholt hat er geäußert, dass er einigen seiner Produktionen nicht nur aus persönlicher Eitelkeit heraus mehr Erfolg gewünscht hätte, sondern weil ihm deren politische Botschaft ein Anliegen ist. Die mangelnde internationale Aufmerksamkeit für „Darfur – Der vergessene Krieg“ gehört womöglich zu Bolls größten Enttäuschungen. Wenn man sich etwa auch seinen intensiven, obgleich reißerischen Vietnamkriegs-Actioner „Tunnel Rats“ (2008) anschaut, der die damaligen Tunnelkämpfe im Dschungel abbildet, kann man es durchaus bedauern, dass Boll nicht mehr auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Da muss man gar nicht als Gegenbeispiele seine zweifellos vorhandenen missratenen Streifen auflisten. „Darfur – Der vergessene Krieg“ ist jedenfalls dafür geeignet, Bolls Kritiker zum Verstummen zu bringen. Seine stets unterhaltsamen Interviews werden uns fehlen – der Mann hat nie ein Blatt vor den Mund genommen.

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Das führt zu seinem grausamen Tod

Für all jene, die sich für den Darfur-Konflikt interessieren: Die oben verlinkten Wikipedia-Artikel enthalten zum Teil aufschlussreiche weitere Verlinkungen, ihre englischen Pendants ebenfalls. Sehenswert sind auch die beiden Dokumentarfilme „Die Todesreiter von Darfur“ („The Devil Came on Horseback“, 2009) und der von George Clooney koproduzierte „Sand and Sorrow“ (2007). Dennoch ist es vermutlich so, dass Spielfilme oft in der Lage sind, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen und damit auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen als das Dokus vermögen. Umso bedauerlicher, dass Uwe Boll nach seinen mäßigen bis unterirdischen Videospielverfilmungen einen dermaßen schlechten Ruf hat, dass ein ernsthafter und absolut sehenswerter Beitrag wie „Darfur – Der vergessene Krieg“ nicht so wahrgenommen wird, wie er es verdient hätte: als aufrüttelnder Kommentar zu einem bitteren Weltgeschehen, das die Staatengemeinschaft einmal mehr nicht verhindert hat. Der Völkermord in Ruanda lag erst wenige Jahre zurück, die Welt hätte es wissen können.

Dass wir den Völkermord nicht beendet haben, beweist, dass wir aus der Geschichte nichts gelernt haben. (Übersetzung einer Texttafel am Ende des Films)

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Die Dschandschawid brennen das Dorf nieder

Veröffentlichung: 29. Oktober 2010 als Blu-ray und DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Darfur
KAN/RSA/D 2009
Regie: Uwe Boll
Drehbuch: Uwe Boll, Chris Roland
Besetzung: Kristanna Loken, Billy Zane, Edward Furlong, David O’Hara, Noah Danby, Matt Frewer, Hakeem Kae-Kazim, Sammy Sheik
Zusatzmaterial: Deutscher und englischer Audiokommentar von Regisseur Uwe Boll, Trailershow
Vertrieb: Splendid Film / WVG Medien GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Fotos & Packshot: © 2010 Splendid Film / WVG Medien GmbH

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Eine Antwort zu “Darfur – Der vergessene Krieg: Die Welt hat mal wieder nur zugeschaut

  1. Filmschrott

    2017/06/04 at 12:53

    Das Traurigste daran, dass Boll nicht mehr Regie führt bzw. sich komplett aus der Branche verabschiedet hat ist, dass man genau solche Leute braucht, damit nicht alles zum üblichen Hollywoodeinheitsbrei verkommt. Seine Filme mögen nicht jedermanns Sache sein, aber sie heben sich ab und er war stets bemüht, etwas anderes zu versuchen und vor allem auch jüngere Talente zu fördern. Gerade jetzt wäre das wichtiger als jemals zuvor, da sich alles immer mehr in eine Richtung schiebt, die alles, was unter Blockbusterniveau angesiedelt ist, komplett ins Abseits befördert.

     

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