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Der Eid – Ein Familienvater richtet

22 Jun

Eiðurinn

Von Anja Rohde

Thrillerdrama // Schon im Jahr 2000 erfreut Baltasar Kormákur mit seiner ersten Regiearbeit „101 Reykjavik“ das Kinopublikum. Die versponnene Komödie um einen isländischen Nichtsnutz ebnet den Weg für weitere Regieerfolge, unter anderem das geniale Drama „The Deep“ um das unerklärliche Überleben eines isländischen Fischers im eiskalten Ozean und zwei Hollywood-Produktionen („2 Guns“ und „Everest“). 2015 überzeugt Baltasar mit der Kurzserie „Trapped − Gefangen in Island“: Höchst spannend und mit viel Feingefühl für die Figuren werden mysteriöse Morde in einem durch Unwetter von der Außenwelt abgeschnittenen Dorf aufgeklärt.

Finnur bei seiner Familie …

Die Erwartungshaltung für „Der Eid“, den Baltasar wieder in der isländischen Heimat drehte, ist also hoch. Aber der Film erweist sich als ausgesprochen sperrig. Trotz schöner Bilder von frostigen Landschaften und perfekter Schauspielleistung wird man nur schwer warm mit der Handlung. Oder ist das gewollt?

Vom Perfektionisten zum Kontrollfreak

Finnur (Baltasar Kormákur spielt die Hauptrolle persönlich), Familienvater und Herzchirurg, lebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter am Rand von Reykjavik. Seine ältere Tochter Anna (Hera Hilmar) aus erster Ehe ist ausgezogen, das Verhältnis zu ihr ist innig, obwohl sie mitnichten tut, was sich ein Vater wünscht. Die Ausbildung hat sie abgebrochen, sie feiert gern, pfeift auf die Regeln des Erwachsenenlebens. So erscheint sie beispielsweise zur Beerdigung ihres Großvaters deutlich verspätet und in unpassender Kleidung. Drogen gegenüber scheint sie auch nicht abgeneigt, und als sie als Freund den wenig vertrauenserweckenden Óttar (Gísli Örn Garðarsson) zuhause vorstellt, nimmt das Drama seinen Lauf. Finnur erkennt in Óttar die Person, die seiner Tochter offenbar die Drogen verschafft und sie auf die schiefe Bahn bringt. Dagegen muss er etwas unternehmen.

… und in seinem Job

Zu Beginn ein normaler Familienvater, ein perfektionistischer Arzt und ein begeisterter Radfahrer, entwickelt sich Finnur zum entschlossenen Kämpfer für das Wohl seiner Tochter – beziehungsweise das, was er für das Wohl seiner Tochter hält. Obwohl diese ihm unter Tränen versichert, sehr verliebt in Óttar zu sein, ist Finnur überzeugt, diese Liaison beenden zu müssen. Finnurs Perfektionismus, der in den Bereichen Beruf und Sport durchaus positiv zu bewerten ist, entwickelt sich im Bereich Familie zum ungesunden Kontrollzwang und zu einer massiven Selbstüberschätzung, was die Aufgaben eines sorgenden Vaters angeht.

Hippokratischer Eid kontra Vaterliebe

Es bleibt nicht bei verbalen Auseinandersetzungen zwischen Vater und Freund der Tochter, so viel kann verraten werden. Finnur greift zu Methoden, die er als Arzt und somit Menschenfreund eigentlich nicht anwenden darf. Hier kommt auch der Titel des Films ins Spiel: Mit „Der Eid“ ist der „Eid des Hippokrates“ gemeint, eine nicht mehr ganz aktuelle moralische Gebotssammlung für Mediziner, die aber auch heute noch als ethische Richtlinie dahingehend gedeutet wird, dass jeder Arzt sein Leben und seine Arbeit in den Dienst der kranken Menschen und der Menschlichkeit zu stellen hat.

Tochter Anna macht Probleme

„Wie weit würdest du gehen, um deine Familie zu schützen?“ fragt das Plakat. Finnur rutscht im Verlauf der Films in eine Abwärtsspirale und kann in seinem Kampf für das Gute nicht nur Gutes tun. Diese Zwangslage spitzt sich mehr und mehr zu, wird aber im Film zu wenig emotional ausgearbeitet. Denkt Finnur überhaupt darüber nach, was er da gerade tut, oder handelt er blind besessen? Ob es daran liegt, dass Baltasar selbst die Hauptrolle spielt, er also weiß, wie zerrissen die Person innerlich ist, aber versäumt, die moralischen Fragestellungen via Drehbuch nach außen zu transportieren? Oder ist man es als Zuseherin nicht mehr gewöhnt, auf Zwischentöne zu achten, weil es heutzutage zu viele Erklärbär-Filme gibt, die Konflikte dadurch rüberbringen, dass diese immer und immer wieder diskutiert werden?

Sie ist in den Dealer Óttar verliebt

Ist Finnurs Dilemma einfach nur extrem nüchtern inszeniert, damit sich das Publikum selbst ein Urteil über die Hauptfigur und ihr Handeln machen kann oder muss? Steht die kalte isländische Landschaft für die eiskalte Wut, die Finnur antreibt, das Richtige zu wollen, aber das Falsche zu tun?

Diese Fragen hätte ich mir im Presseheft zu „Der Eid“ gewünscht, leider bleiben sie ungestellt. Immerhin antwortet Baltasar an einer Stelle: „… mich faszinieren Thriller, die den Zuschauer in einen moralischen Zwiespalt bringen. Es muss nicht alles schwarz und weiß sein. Ich habe wirklich genug von Filmen, in denen dem Publikum die Message förmlich eingetrichtert wird und wo von vorneherein klar ist, wer gut und wer böse ist. Jeder hat eben sowohl eine helle als auch eine dunkle Seite. Das war ein Ziel meines Films, einerseits Óttar menschlicher erscheinen zu lassen und auf der anderen Seite die dunklen Seiten Finnurs hervorzubringen.“

Finnur sorgt sich um seine Tochter …

Kein schlechter Film, keine schlechte Thematik, und vielleicht dient die kritisierte Sperrigkeit auch einfach dazu, den „Eid“ eine Weile lang nicht aus den Köpfen des Publikums zu bekommen. Aber mit den eingangs erwähnten Baltasar-Kormákur-Knallern kann diese Produktion nicht mithalten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Baltasar Kormákur sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

… und legt sich mit Óttar an

Veröffentlichung: 23. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 114 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Isländisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Eiðurinn
ISL 2016
Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: Ólafur Egilsson, Baltasar Kormákur
Besetzung: Baltasar Kormákur, Hera Hilmar, Gísli Örn Garðarsson, Ingvar Eggert Sigurðsson, Guðrún Sesselja Arnardóttir, Joi Johannsson, Sigrún Edda Björnsdóttir, Margrét Bjarnadóttir, Þorsteinn Bachmann
Zusatzmaterial: Trailer, Wendecover
Vertrieb: Alamode Film

Copyright 2017 by Anja Rohde

Filmplakat, Packshot & Fotos: © 2017 Alamode Film

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