RSS

Weiße Frau am Kongo – Variation eines Klassikers

30 Jun

Bild

White Witch Doctor

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Kurz vor der Begründung von Belgisch-Kongo im Jahre 1908 verschlägt es die Krankenschwester Ellen Burton (Susan Hayward) an den Kongo-Fluss. Sie will zu einer Missionarin stoßen, die seit Jahren in Afrika lebt und dort auf eigene Faust den Armen, Schwachen und Kranken hilft. Da ihr Mann sie nicht mehr wie geplant auf die Reise begleiten konnte, sucht die kaum erfahrene Ellen Hilfe beim Abenteurer „Lonni“ Douglas (Robert Mitchum) und dessen Kompagnon Huysman (Walter Slezak). Lonni, der eigentlich mit Afrika Schluss machen will, lässt sich widerstrebend auf die Mission ein, doch Huysman und er interessieren sich außer dem Verkauf von Wildtieren an Zoos in aller Welt auch für die wertvollen Bodenschätze in den Gebieten der Ureinwohner. Die Tage sind gezählt, an denen man entlang des Kongo – im sogenannten Kongo-Freistaat (1885–1908) – noch beinahe alles machen kann, was man will. Belgien naht als Kolonialmacht, die Ausbeutung der Gebiete wird künftig nicht mehr so unproblematisch möglich sein: Die Gierigen stehen unter Zeitdruck.

Ab Beginn der 1930er-Jahre, nach bereits 15 Jahren Vorlauf als Requisiteur und Regie-Assistent, entwickelte sich Henry Hathaway zu einer festen Größe unter den Hollywood-Regisseuren. Er hielt sich über 40 Jahre lang stabil im Kino-Geschäft, ohne jemals ins Fernsehen ausweichen zu müssen. Von Anfang an bewegte sich Hathaway fließend durch diverse Genres. Zu seinem Werk zählen viele sehenswerte Klassiker wie der Noir „Feind im Dunkel“ (1946), der Kriegsfilm „Rommel, der Wüstenfuchs“ (1951), der Spionagefilm „Kurier nach Triest“ (1952), der farbige Noir „Niagara“ (1953), der Ritterfilm „Prinz Eisenherz“ (1954), der Rennfahrerfilm „Der Favorit“ (1955), der Einbruchsfilm „Sieben Diebe“ (1960), der Zirkusfilm „Held der Arena“ (1964) und der Western „Der Marshal“ (1969). Als sein letzter Film „Hangup“ 1974 erschien, blickte Henry Hathaway auf eine über 55-jährige Karriere zurück.

„Weiße Frau am Kongo“ war, wenn man so will, 20th Century Fox‘ Antwort auf John Hustons erfolgreiche United-Artists-Veröffentlichung „African Queen“ (1951). Ein zentraler Unterschied allerdings ist, dass die Stars nicht mit nach Afrika genommen wurden, sondern ein Second-Unit-Team mitsamt Doubles in den Kongo geschickt wurde, während alle Dialogszenen in Kalifornien entstanden. Henry Hathaway, der bei den Aufnahmen in Afrika angeblich vor Ort gewesen ist, war der richtige Mann, um aus dem Material letztlich einen Film zu machen, dem die Illusion, er sei weitestgehend in Afrika gedreht worden, über weite Strecken recht gut gelingt. Neben André De Toths „Tanganjika“ (1954) ist „Weiße Frau am Kongo“ sicherlich der überzeugendste in Farbe gedrehte und komplett in Afrika angesiedelte klassische Abenteuerfilm der 50er-Jahre, der zu großen Teilen oder gar komplett in Hollywood und nicht direkt vor Ort produziert wurde. Für 20th Century Fox und die Hauptdarstellerin Susan Hayward bewegte er sich allerdings auch eng im Windschatten von „Schnee am Kilimandscharo“ (1952) – diese Hemingway-Verfilmung spielt ebenfalls in Afrika, allerdings nicht vollständig.

Atmosphärisch dicht, dokumentarisch wertvoll, aber …

Einige Naturaufnahmen des Films – insbesondere die Wassermassen des großen Flusses und dazu die sich emsig auf Booten über das Gewässer bewegenden Ureinwohner – sind sehr beeindruckend. Im Gedächtnis bleiben zudem die ausgefallenen Tanzszenen, die man bei einheimischen Stämmen filmen durfte. Außer vielen extravaganten Trachten, Kostümen und Frisuren bekam das Second-Unit-Team auch diverse bemerkenswert kernige Gesichter vor die Kamera, die dem afrikanischen Kontinent Gestalt in Technicolor gaben. Zum damaligen Zeitpunkt waren Farbaufnahmen aus Afrika noch verhältnismäßig rar gesät, Spielfilme leisteten dahingehend wichtige Pionierarbeiten. Hinzu kommt die oft mysteriös anmutende, die fremde Welt noch exotischer und spannender erscheinen lassende Musik von Bernard Herrmann, der später durch seine Zusammenarbeiten mit Alfred Hitchcock berühmt wurde und vor „Weiße Frau am Kongo“ ebenfalls an „Schnee am Kilimandscharo“ gearbeitet hatte. Herrmanns Musik ist es unter anderem zu danken, dass die Szenen mit den einheimischen Medizinmännern – hierauf nimmt die Bezeichnung „Witch Doctor“ im Titel des Films Bezug – nicht unfreiwillig komisch wirken, obwohl diese merkwürdig gekleideten und dreinblickenden Gestalten allenthalben äußerst extrovertiert, mit großen Gesten und grobschlächtigen Blicken ihr Misstrauen sowie ihre Verachtung gegenüber der Krankenschwester zum Ausdruck bringen und ihr diverse Male ins Handwerk pfuschen.

Die Rückprojektionen, wenn man die Stars vorgeblich über das Wasser fahren sieht, haben ihren Charme und in einigen Szenen, beispielsweise beim Überqueren der Hängebrücke in Richtung des Bakuba-Landes, ist im positiven Sinne kaum zu bemerken, ob diese nun in Afrika oder doch in Hollywood gedreht wurden, da die Aufnahmen so malerisch sind, dass man eher auf Afrika tippen würde, plötzlich aber doch Susan Hayward und Robert Mitchum deutlich im Setting sichtbar werden. Dies spricht für die gute Arbeit des Regisseurs, zu dessen Assistenten hier unter anderem der Berliner Gerd Oswald gehörte, der mehrfach gemeinsam mit Hathaway arbeitete und ab 1955 schließlich hauptverantwortlich TV-Serien-Episoden und Kinofilme in Hollywood inszenierte. Der Sohn der deutschen Regie-Legende Richard Oswald blieb schwerpunktartig in Hollywood, machte um 1960 herum aber auch einen Abstecher in die Heimat, wo er „Am Tag als der Regen kam“ (1959) und „Schachnovelle“ (1960) inszenieren durfte. Wenig später führte er außerdem bei der europäischen Koproduktion „Das Todesauge von Ceylon“ (1963) Regie.

Einzig etwas enttäuschend ist, dass die beiden Dörfer in die die Protagonisten auf ihrer Reise als erste geraten, leider wirken, als hätte man sie im selben Studio in Hollywood gedreht, ohne die Kulissen großartig zu ändern. Beide Male stoßen Hayward und Mitchum auf eine verstörende Leere, auf Krankheit, Schmerz und gleichförmig anmutende Häuserreihen. Selbst die einführende Kameraperspektive wirkt in beiden Dörfern beinahe identisch. Zumal das später im Film auftauchende Bakuba-Dorf recht eng gebaut und vorteilhaft gefilmt wirkt, entsteht ein wenig der Eindruck, dass die Studio-Areale, die Hathaway für den Dreh in Hollywood zu Verfügung hatte, nicht besonders groß waren. Die in den USA entstandenen Außenaufnahmen sehen doch deutlich besser aus als die Innenaufnahmen. Nichtsdestotrotz ist der Film atmosphärisch schlüssig und die Gleichförmigkeit hat angesichts des gezeigten Leids der Kranken und Versehrten in gewisser Weise zumindest einen unterstützenden Effekt, der der Handlung hilft. Die Handlung allerdings ist im Großen und Ganzen eher sparsam, zum Glück jedoch nicht sonderlich melodramatisch.

100 Jahre Susan Hayward

Zu danken ist die positive Gesamtwirkung des Films letztlich vor allem Susan Hayward, da sie die Rolle dieser arg gebeutelten Krankenschwester mit einer starken Persönlichkeit ausfüllt. Ihre Ellen kommt als frisch gebackene Witwe und findet auch in Afrika immer wieder Leid vor, meistert die Herausforderungen aber mit großer Tapferkeit und Aufopferungsbereitschaft. Hayward gelingt es, die Emotionalität der Figur nicht weinerlich zu verkörpern, sondern impulsiv und ehrlich. Ihre Tränen scheinen echt und sie bricht zusammen, weil die Kämpferin irgendwann nicht mehr kann und nicht, weil es dramatisch aussehen soll. Hayward spielte des Öfteren sehr kämpferische Frauen, die sich Männern zwar hingaben, gleichzeitig aber auch sehr gut in der Lage waren, sich wieder zu lösen, im Alleingang zu behaupten und sich, wenn nötig, gegen die einstigen Geliebten zu stellen, wenn nicht gar mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Lohnend ist beispielsweise der aufwändig in Südafrika gedrehte „Die Unbezähmbaren“ (1955), der eine Art Kreuzung aus Familiensaga, den Siedlermotiven des Westerns und dem Ambiente Afrikas ist und die Bezeichnung Epos verdient – die insgesamt vierte und letzte Zusammenarbeit zwischen Hayward und dem Regisseur Henry King, der unter anderem auch „Schnee am Kilimandscharo“ inszeniert hatte und Gerd Oswalds letzter Film als Regisseur in der zweiten Reihe, ehe er seine eigenen Projekte machen durfte. Auch für „Die Unbezähmbaren“ wurden die Szenen mit Susan Hayward allerdings nicht in Afrika aufgenommen.

Prototypisch für die kämpferischen Rollen der Susan Hayward ist auch ihr Part in „Lasst mich leben!“ (1958), der sie als zum Tode Verurteilte zeigt, die versucht ihr Leben zu retten, und ihr ihren einzigen Oscar einbrachte. Nicht zuletzt hat auch der Western „Donner in der Sonne“ (1959) eine Hayward absolut auf den Leib geschneiderte Rolle parat, die sich hier als Teilnehmerin eines Siedlertrecks von baskischen Immigranten in Amerika durch Indianergebiet schlägt und immer wieder mit Jeff Chandler in der Rolle des angeheuerten Treckführers aneinandergerät. Die Frauen, die Susan Hayward auf der Leinwand darstellte, kämpften immer wieder bis zur Erschöpfung um ihr Recht und ihren Willen, oft so lange, bis ihr Gesicht nur noch Müdigkeit, völlige Verausgabung und emotionale Auflösung ausstrahlt. Am 30. Juni 2017 wäre Susan Hayward 100 Jahre alt geworden. Der Krebs jedoch setzte ihrem Leben bereits 1975 im Alter von nur 57 Jahren ein Ende. Sie gehörte zur Crew des John-Wayne-Films „Der Eroberer“ (1956), der in Utah in der Nähe eines Kernwaffen-Testgeländes gedreht wurde. Da von 220 Crew-Mitgliedern im Lauf der Zeit 91 an Krebs erkrankten, darunter diverse Schauspieler und der Regisseur, wurde später vermutet, dass der Drehort ursächlich für viele dieser Erkrankungen war.

100 Jahre Robert Mitchum

Robert Mitchum war nur wenige Wochen jünger als Susan Hayward und wäre am 6. August 2017 ebenfalls 100 Jahre alt geworden. Seine Rolle in „Weiße Frau am Kongo“ ist sicherlich nicht die dankbarste, sondern zunächst einmal eher ein Standard-Heldenpart, dem in diesem Fall gar von der Frau mehr oder minder die Show gestohlen wird. Manchmal ist er beinahe schon Stichwortgeber – aber ein wichtiger, ein sehr wichtiger. Man muss es ihm als Verdienst anrechnen, dass er die Rolle mit gebotener Zurückhaltung spielt und sich keineswegs in heldenhaften Posen ergeht. Mitchum scheint offenkundig absolut bewusst gewesen zu sein, dass sich die Botschaft des Films schwerpunktartig über seine Partnerin und nicht seine eigene Figur zeigt. Er bewies großes Fingerspitzengefühl, gerade auch in den vielen ruhigen und den sehr emotionalen Szenen, die unglaublich schnell ins Kitschige hätten kippen können. Statt Kitsch und Melodrama werden manche Augenblicke zu wirklich starken Momenten, die relativ schwierig glaubhaft zu spielen sind und nur funktionieren, wenn beide Seiten zusammenpassen. Beispielhaft genannt sei die Szene, in der er ihr erklärt, warum sie jetzt von den Einheimischen „Little Mama“ genannt wird, und sie danach kaum verbergen kann, wie sehr diese Ehrung sie berührt.

Und so ist der Film am Ende, trotz sparsamer Handlung und ziemlich vielen Emotionen, erstaunlicherweise nie langweilig oder zu banal. Das geht nur mit einer Hauptdarstellerin und einem Hauptdarsteller dieses Formats; mit ihnen und ihrem Zusammenspiel steht und fällt der Film in aller Gesamtheit. Ein wenig erinnert das Ganze an das Konzept, mit welchem klassische Komiker-Duos funktionierten, wo der Stichwortgeber zwar nach außen hin meist der weitaus defensivere Part des Duos war, jedoch von unverzichtbarer Wichtigkeit dafür, dass sein Partner seine Gags voll entfalten konnte. Susan Haywards Spiel würde nicht funktionieren, hätte Mitchum nicht den richtigen Tonfall ihr gegenüber – es könnte trotz allem zu melodramatisch wirken, stünde ihr da ein Partner gegenüber, der seine Rolle weniger empathisch als Mitchum spielt. Das urige Zusammenspiel zwischen Katherine Hepburn und Humphrey Bogart in „African Queen“ hat zu Recht Kultstatus erlangt, allerdings sind die Charaktere der Missionarin und des Abenteurers deutlich überzeichneter als in „Weiße Frau am Kongo“, unter anderem, weil es in Hustons Film natürlich komisch wirken soll. Interessant zu beobachten, dass diese Konstellation mit Hayward und Mitchum auch in dramatischerer Form funktioniert. Einfacher zu spielen waren die Rollen in „Weiße Frau am Kongo“ mit Sicherheit nicht. Louise Stinetorf – Autorin der Romanvorlage für „Weiße Frau am Kongo“ – war übrigens selbst als Missionarin für die Quäker in Palästina aktiv und vermochte in die Arbeit einer Figur wie der im Film von Susan Hayward verkörperten Krankenschwester entsprechend gute Einblicke zu geben, auch wenn der Film hinsichtlich Action und Liebesgeschichte gegenüber dem Buch deutlich aufgeblasen wurde.

Fürs Heimkino kaum erschlossen

Recht erstaunlich ist, dass es „Weiße Frau am Kongo“ trotz Hathaway, Hayward und Mitchum bisher selbst in den USA noch nicht auf Blu-ray, sondern nur DVD geschafft hat. Hier besteht eindeutig Nachholbedarf. In Deutschland gibt es, da es sich um eine Fox-Produktion handelt, sicherlich Hoffnung, dass wir ihn mittels Sublizenz von einem Label wie Pidax früher oder später vielleicht doch noch auf DVD spendiert bekommen. Die deutsche Synchronfassung wartet mit dem legendären Heinz Engelmann als Stimme von Robert Mitchum auf. Es gab wahrscheinlich keinen anderen Heldensprecher, der in den 50ern so häufig wie Engelmann tatsächlich zu überzeugen wusste – egal, wen er sprach. Als Stimme von Mitchum wäre natürlich auch der allerdings erst ab 1955 als sein Stammsprecher etablierte Curt Ackermann sehr zu wünschen gewesen – er sprach ihn in vielen seiner bekanntesten Rollen. Auch Eleonore Noelle ist als Stimme von Susan Hayward absolut hörenswert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Henry Hathaway sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Susan Hayward und/oder Robert Mitchum unter Schauspielerinnen bzw. Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 21. Mai 2013 als DVD

Länge: 96 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: White Witch Doctor
USA 1953
Regie: Henry Hathaway
Drehbuch: Ivan Goff, Ben Roberts, nach einem Roman von Louise A. Stinetorf
Besetzung: Susan Hayward, Robert Mitchum, Walter Slezak, Mashood Ajala, Joseph C. Narcisse, Elzie Emanuel, Timothy Carey, Otis Greene, Everett Brown, Myrtle Anderson
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat eingebettet von filmposter-archiv.de, Lobby Card: Fair Use

Advertisements
 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: