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William Friedkin (V): Das Kindermädchen – Mein Freund, der Baum

18 Jul

The Guardian

Von Andreas Eckenfels

Horror // 17 lange Jahre sollte es dauern, bis William Friedkin nach seinem Meisterwerk „Der Exorzist“ wieder einen Horrorfilm inszenierte. Eigentlich war Sam Raimi der erste Kandidat, den Roman „Satans Frau“ von Dan Greenburg zu verfilmen. Doch der „Tanz der Teufel“-Regisseur sagte ab und drehte stattdessen „Darkman“. Also bat Produzent Joe Wizan seinen alten Bekannten darum, einen Blick in das Drehbuch zu werfen. Aus alter Verbundenheit zu seinem früheren Agenten sagte Friedkin schließlich zu, den Regieposten bei „Das Kindermädchen“ zu übernehmen – und das obwohl ihm das Skript komplett missfiel.

Camilla erhält bei den Sterlings einen Job als Kindermädchen

So setzte sich Friedkin gemeinsam mit Stephen Volk an einen Tisch, um das Drehbuch zu überarbeiten. Doch offenkundig konnten sich Studio und Autoren nicht über die Ausrichtung des Films einigen. Nach einem Nervenzusammenbruch verließ Volk das Projekt. Friedkin oblag es nun, das finale Drehbuch fertigzustellen, obwohl er nach eigenen Angaben Greenburgs Roman nie gelesen hatte. Seine Geschichte entfernt sich dann auch sehr weit von der Vorlage.

Babysitterin gesucht

Nach ihrem Umzug nach Los Angeles ist das Ehepaar Phil (Dwier Brown) und Kate Sterling (Carey Lowell) auf der Suche nach einem Babysitter für ihr Söhnchen Jake. Als ihre erste Wahl Arlene (Theresa Randle) durch einen mysteriösen Fahrrad-Unfall ums Leben kommt, entscheiden sich die Sterlings schließlich für Camilla (Jenny Seagrove). Das britische Kindermädchen ist bald ein Teil der Familie, und auch Nachbar Ned (Brad Hall) hat mehr als ein Auge auf sie geworfen. Als er ihr eines Abends heimlich in den Wald folgt, beobachtet er Camilla dabei, wie sie zunächst ein Nacktbad in einem See nimmt und sich kurz später auf dem großen Ast eines uralten Baumes räkelt. Neds Pech: Er bleibt nicht unentdeckt. Auf der Flucht kann er noch eine Warnung auf Phil und Kates Anrufbeantworter hinterlassen, danach tötet ihn Camilla mit der Hilfe einiger Wölfe …

Ein düsteres Geheimnis umgibt die junge Frau

25 Jahre nach seiner Indizierung wurde diese im März 2017 aufgehoben. Einen Monat später erhielt „Das Kindermädchen“ eine Freigabe ab 16 Jahren. Nach heutigen Maßstäben geht das völlig in Ordnung. Die wenigen blutige Szenen haben es immerhin in sich – auch wenn Friedkin sofort nach dem Schock-Moment wegschneidet und die Gewalt nicht voll auskostet. Besonders hart trifft es drei mutmaßliche Vergewaltiger, die Camilla in den Wald verfolgen und schließlich von dem Baum getötet werden. Ähnlich wie Phil und Kate und später Camilla auf den kleinen Jake aufpassen, fungiert hier der Baum für seine Dienerin als Beschützer vor dem Bösen. So erhält der Originaltitel „The Guardian“ auch eine mehrfache Bedeutung.

Druidin sorgt für ihren stämmigen Beschützer

„Das Kindermädchen“ nutzt ohne große Überraschungen die üblichen Mechanismen eines Psychothrillers. Eine fremde Person nistet sich in einer heilen Familie ein, um diese Einheit zu zerstören. Dass das Skript noch während des Drehs mehrfach umgeschrieben wurde, merkt man dem holprigen Verlauf der Handlung an. Löblich ist dabei, dass Friedkin darauf verzichtet, Camilla den Ehemann verführen zu lassen. Zwar träumt Phil davon, dass er mit der Babysitterin ein Schäferstündchen eingeht, aber im Wachzustand herrscht zwischen beiden keinerlei sexuelles Prickeln. Camilla ist voll und ganz auf ihr Ziel fokussiert, den kleinen Jake ihrem Baum als Opfer darzureichen. Schon im Prolog hat der Zuschauer erfahren, was ein Druide ist und somit auch, was es mit Camillas Geheimnis auf sich hat. Damit geht natürlich frühzeitig einiges an Spannung verloren.

Mit Camillas stämmigem Freund sollte man sich besser nicht anlegen

Allerdings macht diese übernatürliche Komponente „Das Kindermädchen“ durchaus sehenswert, sofern man ein wenig Interesse für die Mythologie des Druidentums mitbringt und für die Metapher des Baumes als Sinnbild des Lebens etwas übrighat. Für alle anderen Zuschauer kann das Geschehen ansonsten schnell ins Lächerliche abdriften. Aber die Hingabe, mit der Camilla ihrem „stämmigen“ Beschützer treu ergeben ist, macht sie zu einer äußerst selten gesehenen und gleichzeitig höchst faszinierenden Figur, mit deren leidenschaftlichen Darstellung sich Jenny Seagrove einen Platz unter den großen Horrorikonen mehr als verdient hat.

Roger Ebert hasste „Das Kindermädchen“

Für Friedkin war die Rückkehr ins Horrorgenre 1990 künstlerisch wie kommerziell ein Misserfolg. „Das Kindermädchen“ wurde zerrissen, der legendäre Filmkritiker Roger Ebert setzte das Werk sogar auf seine Liste der meistgehassten Filme. Wie Seagrove im Interview erzählt, welches im Bonusmaterial zu finden ist, hatte sie sich im Angesicht der zahlreichen Skriptänderungen schon während des Drehs immer wieder gefragt, ob die Geschichte ohne die Fantasy-Elemente nicht besser funktioniert hätte. Eine Babysitterin entführt die Kinder, auf die sie aufpassen soll. Es wäre wohl in finanzieller Hinsicht die bessere Wahl gewesen: 1992 schaffte es der Psychothriller „Die Hand an der Wiege“ mit Rebecca DeMornay auf Platz 12 der erfolgreichsten Filme des Jahres in den USA.

Wird der kleine Jake ein weiteres Opfer des Baumes werden?

Welche Regiearbeiten William Friedkins sollen wir bei „Die Nacht der lebenden Texte“ noch vorstellen? Seine bis dato von uns berücksichtigten Filme sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 13. Juli 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Guardian
USA 1990
Regie: William Friedkin
Drehbuch: William Friedkin, Stephen Volk, basierend auf dem Roman „Satans Frau“ von Dan Greenburg
Besetzung: Jenny Seagrove, Dwier Brown, Carey Lowell, Brad Hall, Miguel Ferrer, Natalija Nogulich, Gary Swanson, Xander Berkeley
Zusatzmaterial: Interviews mit Cast & Crew, Making-of, Cast & Crew Profiles, englischer Trailer, TV Spots, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Wendecover
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

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