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Michael Cimino (III): Heaven’s Gate – Das Tor zum Himmel: What One Loves About Life Are the Things that Fade

23 Mrz

Heaven’s Gate

Von Simon Kyprianou

Western // Am Anfang wird ausgelassen getanzt, viel getrunken und es werden idealistische Reden gehalten, wenn James Averill (Kris Kristofferson) und Billy Irvine (John Hurt) 1870 ihren Abschluss in Harvard machen. Ein Schnitt und zwanzig Jahre später, 1890, ist in ihnen nicht mehr viel vom jugendlichen Idealismus geblieben. Averill ist Sheriff von Johnson County in Wyoming, Irvine Mitglied der großen Ranchervereinigung Wyoming Stock Growers, die einen Krieg gegen die polnischen Einwanderer führt, die dort eine neue Heimat gefunden haben. Auf der Seite der Rinderbarone steht der Killer Nathan (Christopher Walken).

Averill hat als Sheriff alle Hände voll mit den Viehzüchtern zu tun

Cimino erzählt im Kern seines großen, langen, durchaus auch ausufernden Films ganz intim über eine ergreifende Dreiecks-Liebesgeschichte: Sowohl Averill als auch Nathan sind in die Bordell-Besitzerin Ella (Isabelle Huppert) verliebt. Averill bleibt, und das obwohl er die zentrale Figur ist, stets verschlossen und unerreichbar, Cimino kann ihm nicht nahekommen wie er den anderen Figuren nahekommt, und auch Ella kann nicht zu ihm durchdringen, so wie er nicht fähig ist, seine Gefühle für sie in Worte zu formen. Auf der anderen Seite steht Nathan, eine der vielen unerträglich ambivalenten Figuren in Ciminos Filmen, zärtlich in seiner Liebe zu Ella und kaltblütig als Mörder für die Viehzüchter. Und diese innere Erschütterung spielt Walken auch immer mit, da schwingt immer eine Unsicherheit bei ihm mit, eine Traurigkeit.

Die Liebe in Zeiten des Klassenkampfs

Die ganze Gigantomanie, die beeindruckenden Sets, durch die Vilmos Zsigmonds wunderbare Kamera schwebt, die detailversessne Ausstattung, all das ist zweitrangig, es bildet den Rahmen für Cimino, der darin seine Liebesgeschichte erzählt. Und diese Liebesgeschichte verzweigt Cimino mit seiner Erzählung über den Klassenkampf, sodass man ihre Zusammengehörigkeit begreift, die Versuche der Liebe und das tödliche Voranschreiten des amerikanischen Kapitalismus: „It’s getting dangerous to be poor these days.“

Er ist in Ella verliebt, die ein gut laufendes Bordell betreibt

In eben jenem Klassenkampf – den die Einwanderer natürlich verlieren – liegt das Scheitern einer ganzen Nation, das Cimino nur beobachten kann, immer auf Distanz zu den Mächtigen, immer hilflos wirkend. Es ist genau das Scheitern, das er am Anfang schon in diesem harten Schnitt ankündigt, von den tanzenden Studenten, zu desillusionierten, schweigenden, betrunken torkelnden Männern, die auch nur hilflos dabeistehen, während um sie herum das Projekt Zivilisation in sich zusammenfällt.

Porträt des Scheiterns Amerikas

Das mag auch der Grund sein, warum „Heaven’s Gate“ so groß gescheitert ist wie vielleicht kein Film jemals davor und danach, weil er so groß und ausführlich das Scheitern von Amerika porträtiert, das am Ende des Films ja auch selbst das titelgebende Himmelstor erreicht, weiterbestehen tut nur ein Schatten der einstigen Ideale, für immer entstellt durch die Verbrechen der Herrschenden und die zerstörte Liebe. Hier erweist sich Cimino wieder als Chronist der Vereinigten Staaten, von der Entstehung in „Heaven’s Gate“ bis hin zum Vietnamkrieg in „Die durch die Hölle gehen“ und dessen gesellschaftliche Nachbeben in „Die Letzten beißen die Hunde“ und „Im Jahr des Drachen“.

Auch Killer Nathan ist in Ella verliebt, steht aber auf der Seite der Viehzüchter

Sicherlich war dieses wunderbar wahnsinnige Projekt nur möglich, weil Cimino zuvor mit „Die durch die Hölle gehen“ einen so großen Erfolg hatte und daher auch einen Vertrauensvorschuss des Studios bekam. Diese Produktion, mit verlängerter Drehzeit, hohen Mehrkosten, Gerüchten, Cimino sei am Set verrückt geworden, und schließlich den hohen Verlusten an den Kinokassen – auch wenn das Gerücht, „Heaven’s Gate“ habe ein ganzes Studio in den Ruin getrieben nicht stimmt – endet auch eine Ära. „Heaven’s Gate“ markiert vielleicht den endgültigen Schlusspunkt des New Hollywood und für lange Zeit auch einen Schlusspunkt für das Westerngenre.

Mediabook mit Director’s Cut und Kinofassung

Im Mediabook von capelight pictures erscheint der Film endlich auch hierzulande in allen Ausführungen in hervorragender Bildqualität, im 219-minütigen Director’s Cut und in der stark verkürzten amerikanischen Kinofassung, die nur 154 Minuten läuft und deutsch untertitelt vorliegt. Letztgenannte ist aber ebenfalls unter der Leitung Ciminos entstanden und ebenfalls gelungen, hier findet Cimino zu einem etwas dynamischeren Erzählrhythmus. Ich habe für die Rezension die kurze Fassung geschaut, kannte die Langfassung aber ebenfalls und möchte nicht zwischen den Fassungen urteilen, sie haben beide ihre Vorzüge. Ebenfalls enthalten sind viele Extras, darunter ein sehr interessantes Interview mit Kameramann Vilmos Zsigmond.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Michael Cimino sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jeff Bridges, Joseph Cotten, Willem Dafoe (in seinem Debüt – wer entdeckt ihn?) und Christopher Walken in der Rubrik Schauspieler.

Mit denen kommt es zum blutigen Kampf

Veröffentlichung: 23. März 2018 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (2 Blu-rays & DVD) und DVD, 8. Januar 2007 als DVD (Twentieth Century Fox Home Entertainment), 23. August 2001 als DVD (MGM)

Länge: 221 Min. (Blu-ray), 154 Min. (Blu-ray, Kinofassung Recut), 210 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Heaven’s Gate
USA 1980
Regie: Michael Cimino
Drehbuch: Michael Cimino
Besetzung: Kris Kristofferson, Christopher Walken, Isabelle Huppert, Jeff Bridges, John Hurt, Sam Waterston, Brad Dourif, Joseph Cotten, Ronnie Hawkins, Paul Koslo, Geoffrey Lewis, Richard Masur, Willem Dafoe
Zusatzmaterial Mediabook: US-Kinofassung (Recut, OmU), „True Gate“ (Interview mit Jeff Bridges), „Painting Johnson County“ (Interview mit Vilmos Zsigmond), Audiokommentar, Featurette „Die Filmrestauration“, Trailer, 24-seitiges Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2018 capelight pictures /Al!ve AG

 

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