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Ashanti – Einer wie keiner

03 Apr

Ashanti

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Dr. David Linderby (Michael Caine) reist gemeinsam mit seiner Frau Anansa (Beverly Johnson) im Dienst der Weltgesundheitsorganisation WHO durch Afrika, um Eingeborene in ihren Dörfern aufzusuchen und zu impfen. Bei einem ihrer Stopps wird die selbst aus Afrika stammende Anansa von Sklavenhändlern gekidnappt. Das Kommando hat der in die Jahre gekommene Suleiman (Peter Ustinov), für den es der letzte Raubzug ist, bei dem er deswegen noch einmal so richtig absahnen will. Ein langer Weg liegt vor der Karawane, um einen Ort zu erreichen, an dem man mit Sklaven das große Geld machen kann. Obwohl etliche Menschen nicht wahrhaben wollen, dass es überhaupt noch Sklaverei gibt, findet Linderby auf der Suche nach seiner Frau Hilfe bei denen, die es besser wissen, und schließlich auch Verbündete wie Brian Walker (Rex Harrison), Jim Sandell (William Holden) und den Nomaden Malik (Kabir Bedir), dessen ganze Familie Sklavenhändlern zum Opfer gefallen ist.

Linderby (l.) und Malik haben dasselbe Problem

„Ashanti“ ist ein Film der Extreme. Gedreht wurde in Kenia, Israel und auf Sizilien – es gibt viele wunderbare Landschaftsaufnahmen, aber auch ein paar schöne Eindrücke von Leben und Kulten der Ureinwohner zu sehen. Mit Michael Caine, Peter Ustinov und Rex Harrison sind gleich drei Schauspieler in der Besetzung zu finden, die später zum Ritter geschlagen wurden und somit den Titel „Sir“ führen durften beziehungsweise dürfen. Auch den immer noch aktuellen Sklavenhandel aufzugreifen – in den 70er-Jahren eine öfter einmal in Kino und Fernsehen anzutreffende Problematik –, zeugt von einem Bemühen um eine Geschichte mit Sinn und Verstand. Voraussetzungen, die es fast unmöglich scheinen lassen, dass die Dramaturgie des Films so sehr ins Trash-Fach abdriftet, wie sie es teils dann aber dennoch tut.

Es kann keine zwei Meinungen geben – mindestens drei

Was soll man von einem Film halten, den Michael Caine rückblickend als den schlechtesten seiner gesamten Karriere bezeichnete, verbunden mit dem Rat, dass man ihn sich möglichst niemals ansehen möge – der aber seiner Film-Ehefrau Beverly Johnson, die während des Drehs schwanger war, immerhin dazu taugte, ihre Tochter nach der von ihr im Film gespielten Rolle Anansa zu taufen? „Ashanti“ ist vor allen Dingen ein guter Beleg dafür, dass beliebte und berühmte Schauspieler absolut in der Lage sind, jedes noch so altbacken und/oder trivial gestrickte Drehbuch, das um keine Groschenheft-Krimi-Wendung verlegen ist, mit breiter Brust über die Ziellinie zu tragen. Vielleicht waren sich die Geldgeber auch im Klaren darüber, dass das Drehbuch nicht allzu viel taugt, und deswegen so darum bemüht, es mit einer erstaunlichen Menge an Stars vollzustopfen. Bevor man den, sobald es nach Arabien ging, oftmals anscheinend unverzichtbaren Omar Sharif, den Afrika-Liebhaber William Holden, der dort ein Anwesen besaß, und „Sandokan“-Star Kabir Bedi, der sich in Europa bereits einen Namen gemacht hatte, verpflichtete, waren auch Telly Savalas, James Coburn und Kirk Douglas für Rollen oder Cameos im Gespräch.

Man kann die Art und Weise wie die Story gestrickt ist, die Figurenkonstellation, die Art, wie Figuren in die Handlung eingeführt werden und wieder aus ihr verschwinden, sowie die Eigenheiten der Charaktere aber auch durchaus als angenehm nostalgische Referenz an klassische Hollywood-Abenteuerfilme und -Krimis 20 bis 40 Jahre älteren Datums verstehen. Das macht im Kontext der Altstars im Cast tatsächlich sogar irgendwie Sinn und wirkt aus diesem Blickwinkel geradezu ein wenig wie eine Verbeugung vor dem alten Hollywood. So wird eine Schwäche plötzlich zu einer angenehmen Besonderheit. Man sollte dabei allerdings nicht dem albernen Trugschluss unterliegen, das komplette Hollywood-Abenteuerkino der den 70ern vorausgegangenen Jahrzehnte sei vor allen Dingen banal gewesen, nur weil sich dieser Film mal mehr, mal weniger gelungen einiger Old-School-Erzähltechniken bedient und weil über triviale Dramaturgie im klassischen Hollywood ganz allgemein viel dahergeredet wird. Denn Klischees mit anderen Klischees zu kommentieren, ist letztlich wenig zielführend.

Chaotische Produktionsbedingungen

Am meisten enttäuscht „Ashanti“ eigentlich erst durch sein besonders lustlos wirkendes, schlecht geschnittenes Finale mit unpassenden Anschlüssen und einem letzten Schurken, der einfach auf Nimmerwiedersehen aus der Handlung verschwindet, indem er flugs eine Tür hinter sich zumacht, als würde er mal schnell auf Toilette müssen – womit er auch nicht die einzige sich gewissermaßen in Luft auflösende, von einem großen Schauspieler verkörperte Figur in dieser Story ist. Dazu ein irrsinnig gefühlsduseliges Schönwetter-Schlussbild, das die Tragik der vorausgegangenen Geschehnisse binnen Sekunden ziemlich verwässert. Zumal die deutlich von 70er-Jahre-James-Bond-Soundtracks inspiriert wirkende Musik von Michael Melvoin sowieso schon den ganzen Film über weniger das Leid als die Bond-Girl-Qualitäten der gekidnappten Protagonistin zu unterstreichen scheint – und wenn man dann die letzten Bilder des Films sieht und die Musik dazu hört, möchte man wirklich glauben, das genauso schon einmal bei 007 gesehen zu haben. Nicht zuletzt wäre der Film aber vielleicht vor allem dann insgesamt glaubwürdiger, fiele es Michael Caine nicht schon zu Beginn recht schwer, die Sorge um seine Frau glaubwürdig zu spielen. Stattdessen wirkt er recht gelassen und zeigt erst später glaubhafte Emotionen, als einer Reihe von Kindern der Tod in der Wüste droht. Vielleicht schiene die Bedrohung auch größer, wäre Peter Ustinov nicht selbst als Schuft – durch seine augenzwinkernde Interpretation der Rolle – immer noch so verdammt sympathisch. Einmal ganz davon abgesehen, dass Beverly Johnson absolute Schwierigkeiten hat, den Niedergang ihrer Figur nachvollziehbar zu spielen, was sich spätestens in der wirklich schwach umgesetzten Szene zeigt, in der sie schließlich übermüdet zum Verkauf steht.

Wenn Suleiman Gefangene macht, werden es Sklaven

Kuriose Anekdoten wie die, dass es beim Dreh teils so heiß war, dass sogar ein Kamel über Michael Caine zusammenbrach und ihn unter sich begrub, woraufhin dieser zu bedenken gab, ob es nicht etwas viel verlangt gewesen sei, von ihm zu erwarten, in dieser Hitze als Schauspieler tätig zu sein, wenn selbst ein Kamel schon aufgrund von Hitze kollabierte, komplettieren das Bild. Dem Regisseur Richard Fleischer („Sensation am Sonnabend“), der früh in der Produktionsphase seinen Kollegen Richard C. Sarafian ersetzt hatte, machte die Hitze schließlich gar so sehr zu schaffen, dass er ins Krankenhaus musste. Die Tatsache, dass der durchaus korpulente Peter Ustinov sich hingegen weder vor diesen Drehorten scheute noch ein paar Monate früher vor seinem ersten Einsatz als Hercule Poirot in „Tod auf dem Nil“ (1978), nachdem sein Vorgänger Albert Finney – unter anderem aus Unbehagen, aufwendig geschminkt und kostümiert in der Hitze drehen zu müssen – abgelehnt hatte, zeigt den Weltmenschen Ustinov. Darauf, dass es bei der Produktion teilweise ziemlich drunter und drüber gegangen sein dürfte, weist außerdem eine Anekdote um Rex Harrison hin, der zu einem Dreh in Israel anreiste und am Flughafen, buchstäblich bestellt und nicht abgeholt, schließlich entschied, wieder nach Amerika zurückzufliegen.

Sei cool, sei wie Malik!

Angesichts aller Widrigkeiten und angesichts des großen Staraufgebots, hat es etwas Erfreuliches, dass am Ende vor allem die Figur des Malik positiv im Gedächtnis bleibt, denn der wurde inmitten vieler etablierter Stars von einem gespielt, dessen internationale Karriere erst am Anfang stand: Kabir Bedi hatte sich in seiner Heimat Indien bereits einen Namen erarbeitet und war durch die Sandokan-Miniserie „Der Tiger von Malaysia“ (1976) auch in Europa bekannt geworden. „Ashanti“ war einer seiner ersten Versuche, an der Seite großer Hollywood-Stars zu landen, wenngleich der Film streng genommen keine Hollywood-Produktion ist, sondern offenbar mit europäischen Geldern finanziert wurde, durch die Besetzung aber natürlich dennoch in wesentlichen Belangen Hollywood atmet. Bedi spielt in seinen Szenen nicht nur Michael Caine an die Wand, sondern stiehlt letztlich regelrecht den Film, da seine Figur den konsequentesten und vor allem konsistentesten Eindruck macht. Dieser Malik hat etwas Aufrichtiges an sich, etwas, das abgesehen von den afrikanischen Nebendarstellern und Statisten, einfach am ehrlichsten inmitten der oft reichlich konstruierten Story wirkt. 1979 – im Jahr des Erscheinens von „Ashanti“ – wurde Kabir Bedi aus verständlichen Gründen in Deutschland mit dem „Bravo Otto“ ausgezeichnet; er zeigt in diesem Film einmal mehr, dass er große Star-Qualitäten hatte und auch in den USA diverse richtige Hauptrollen im Kino verdient gehabt hätte. Zunächst war Omar Sharif für die Rolle des Malik vorgesehen, der dann aus terminlichen Gründen in einer kleineren Rolle besetzt wurde, die man dafür allerdings etwas erweitern musste, damit sie einem Weltstar dieses Formats wenigstens einigermaßen gerecht wurde. Leider sieht man im finalen Film, dass dies recht notdürftig vonstattenging.

Die Meisterhaftigkeit der Routine von Legenden

Die deutsche Synchronfassung hinterlässt einen durch und durch guten Eindruck. Der mittlerweile 91-jährige Jürgen Thormann tritt heute noch als Stammsprecher von Michael Caine in Erscheinung – wie schon damals in „Ashanti“ und noch früher. Zudem macht es Freude zu hören, wie viel Spaß Horst Niendorf offenkundig damit hatte, mit den vielen Nuancen und Manierismen des Peter Ustinov stimmlich zu spielen. Auch, dass hier nach relativ langen Unterbrechungen mit Heinz Engelmann und Friedrich Schoenfelder noch einmal die früheren Stammsprecher von William Holden und Rex Harrison reaktiviert wurden, zeugt von besonderer Liebe zum Detail.

Belohnungsknochen für erzwungene Liebesdienste

Auf DVD erscheint der Film nun mittlerweile zum wiederholten Male in Deutschland, wenngleich die Zeiten der „Letterbox“ nun der Vergangenheit angehören, von Pidax allerdings zum ersten Mal. Was nun gegenüber der letzten Veröffentlichung in den USA noch fehlt, ist das Blu-ray-Format und das ausführliche Interview mit Beverly Johnson im Bonusmaterial. Auch die vorherige deutsche DVD aus dem Hause EuroVideo hatte an Bonus nichts zu bieten, dieselben Sprachfassungen und ebenfalls keine Untertitel – wie die jetzige Pidax-Version.

Unter dem Strich bleibt ein Film, den ich mir trotz all seiner offensichtlichen Mängel aufgrund der Schauspieler immer wieder gern ansehe und der trotz aller trashigen Elemente doch auch den einen oder anderen Moment der Tragik und Aufrichtigkeit hat, der im Gedächtnis bleibt. Zwar wird „Ashanti“ der Brisanz des Themas inhaltlich nicht gerecht, das Abenteuer genügt aber aufgrund der großen Namen allemal, um die Aufmerksamkeit in die richtige Richtung zu lenken, und hat außerdem ein paar gute schauspielerische Statements zum Thema Doppelmoral im Gepäck. Und was die Musik anbelangt, ist immerhin nicht zu verleugnen, dass sie gut ins Ohr geht, auch wenn man sich spätestens am Ende dann doch fragt, ob man im richtigen oder im falschen Film war. „Ashanti“ mag vieles fehlen, aber der Film besitzt eine Kernkompetenz, die vielen anderen, teils viel höher trabenden Filmen fehlt: die Fähigkeit, schnörkellos zu unterhalten, eine Story ohne Längen, recht zügig vorangehend zu erzählen – mögen die Mittel auch nicht die besten sein. Der Film ist von einer ständigen Vorwärtsbewegung gekennzeichnet und kommt dabei über fast zwei Stunden hinweg sogar weitestgehend ohne das Nachheizen mit dem Gaspedal reißerischer, wilder Actionszenen aus. Es gibt da so einige mit Anlauf oder wichtigtuerischer künstlerischer Attitüde gescheiterte Produkte der Filmgeschichte, deren Machern man „Ashanti“ gern einmal vorführen würde, nur um zu sagen: „Schaut euch das an … dieser Film macht unglaublich viel falsch und trotzdem versteht er es wenigstens viel besser, das Publikum abzuholen und nicht hoffnungslos kaputt zu langweilen als ihr.“ Ob das mit der Erfahrung des hier aufgefahrenen Schauspielerensembles im Gepäck nun eine Kunst ist oder nicht, wenn zumindest noch der Kameramann einen ordentlichen Job macht – wie hier Aldo Tonti –, steht auf einem anderen Blatt. Aber spielt es eine Rolle, ob es Kunst ist oder nicht?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Richard Fleischer haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Michael Caine und Peter Ustinov unter Schauspieler.

Kann man mit Kamelen in der Wüste in den Sonnenuntergang reiten?

Veröffentlichung: 5. April 2019 als DVD, 28. Oktober 2010 als DVD, 1. Oktober 2001 als DVD

Länge: 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Ashanti
CH 1979
Regie: Richard Fleischer
Drehbuch: Stephen Geller, nach einem Roman von Alberto Vázquez-Figueroa
Besetzung: Michael Caine, Peter Ustinov, Kabir Bedi, Beverly Johnson, Rex Harrison, Zia Mohyeddin, William Holden, Omar Sharif, Marne Maitland, Eric Pohlmann
Zusatzmaterial: keins
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2019 Pidax Film

 

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