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Draculas Bluthochzeit mit Frankenstein – Wenn Horror-Ikonen im Trash verheizt werden

04 Jun

Dracula vs. Frankenstein

Von Volker Schönenberger

Horror // Auf einem Friedhof holt des Nachts eine in einen dunklen Umhang gehüllte Gestalt eine monströse Kreatur von Mensch aus ihrem Sarg. Der Friedhofswärter bemerkt den Grabschänder, das kostet ihn das Leben: Graf Dracula (Zandor Vorkov) – wir erfahren später, dass es sich um den Vampirfürsten handelt – saugt ihm das Blut aus dem Leibe.

Der im Rollstuhl sitzende Dr. Durea (J. Carrol Naish) strebt danach, ein Serum aus Menschenblut zu gewinnen, das ihn heilen kann. Dazu entführt und ermordet er mithilfe seines stummen Dieners Grotum (Lon Chaney Jr.) junge Frauen, um mit ihren Körpern herumzuexperimentieren. Ein Gruselkabinett in Kalifornien dient ihm als Köder, das Opfer anlocken soll. Wie aus dem Nichts sucht ihn Graf Dracula auf, der Dureas Geheimnis kennt: Er ist das letzte lebende Mitglied der Familie Frankenstein. Und bei der Kreatur, die Dracula aus ihrem Grab geholt hat, handelt es sich um das Monster, das der berüchtigte Dr. Frankenstein seinerzeit erschaffen hatte. Dracula hofft, dass Dr. Dureas Serum ihn gegen das Sonnenlicht unempfindlich machen wird. Gemeinsam gelingt es dem Vampir und dem Wissenschaftler tatsächlich, das Monster wieder zum Leben zu erwecken.

Derweil sucht die Tänzerin Judith Fontaine (Regina Carrol) nach ihrer verschwundenen Schwester. Weil ihr die Polizei nicht weiterhilft, zieht sie auf eigene Faust los. In einer Bar wird ihr LSD verabreicht, glücklicherweise holen sie der Hippie Strange (Greydon Clark) und dessen Freundin Samantha (Anne Morrell) heraus und bringen sie zum Althippie Mike (Anthony Eisley). Der will ihr helfen, ihre Schwester zu finden. Im Gruselkabinett treffen die beiden auf Dr. Durea.

Lon Chaney Jr. und J. Carrol Naish demontieren sich

Lon Chaney Jr.? J. Carrol Naish? In diesem Trash-Machwerk? Ernsthaft? Für Chaney („Der Wolfsmensch“) war es der vorletzte (je nach Sichtweise vielleicht sogar letzte) Film seiner Laufbahn, für den zweifach Oscar-nominierten Naish („Sahara“) der letzte. Nicht unbedingt der angemessenste Karriereausklang, den man den beiden gewünscht hätte. Speziell Chaney taumelt als stummer, gelegentlich die Axt schwingender Gehilfe mehr schlecht als recht durch die Kulissen.

Bislang galt in meinen Augen Thomas Kretschmann als Kandidat für die schlechteste Dracula-Verkörperung der Filmgeschichte – er spielte den von Bram Stoker ersonnenen Vampirfürsten 2012 in „Dario Argentos Dracula“. Den Titel knöpft ihm aber Zandor Vorkov mit Leichtigkeit ab, der Mann konnte nun wirklich überhaupt nicht schauspielern. Er tat das zum Glück für die Filmwelt auch insgesamt nur zweimal, das erste Mal ebenfalls 1971 in „Brain of Blood“ vom selben Regisseur Al Adamson. Vorkovs Dracula lässt jede Würde vermissen, die die Figur an sich auszeichnet, von Charisma ganz zu schweigen. Der tatsächliche Name des Darstellers lautet Roger Engel, dem Vernehmen nach war er Börsenmakler und für den Produzenten Samuel M. Sherman mit der Finanzierung von dessen Filmen beschäftigt. Er kam also offenbar zur Schauspielerei wie die Jungfrau zum Kinde: „Jungs, Christopher Lee hat abgesagt, da wollte ich Bela Lugosi verpflichten, habe aber erfahren, dass der schon tot ist. Wir haben also keinen Dracula! Was nun?“ „Nimm doch deinen Börsenmakler, vor dem grusle ich mich immer!“ „Tolle Idee, das mache ich, aber man kann doch Dracula nicht mit einem Schauspieler namens Roger Engel besetzen. Hat jemand einen Vorschlag für ein tolles Pseudonym?“ So ähnlich oder ganz anders mag Zandor Vorkov auf der Leinwand erschienen sein.

Nur für Trash-Fans

Als Polizist Sergeant Martin ist ein gewisser Jim Davis zu sehen, den „Dallas“-Kenner noch aufgrund seiner Rolle als Jock Ewing in Erinnerung haben mögen. Das Aufeinandertreffen von Dracula und Frankenstein birgt Potenzial, das hier selbstverständlich überhaupt nicht ausgeschöpft wird. Was Dracula auf den Gedanken bringt, Frankenstein alias Durea könne ihm helfen, im Sonnenlicht zu lustwandeln, wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben. Als „Mad Scientist“ wirkt Dr. Durea seinerseits eher wie eine Witzfigur, da helfen auch der renommierte Darsteller und der Rollstuhl nicht. Von „Draculas Bluthochzeit mit Frankenstein“ werden sich viele Dracula- und Frankenstein-Fans mit Grausen abwenden, hartgesottene Trash-Allesgucker allerdings dürfen gern ein Auge risikieren und werden vielleicht sogar ihren Spaß an dem dilettantischen Treiben haben.

Grotum tut alles, was sein Boss ihm aufgibt

Ein anderes Label hat den Film vor einiger Zeit als DVD in Hartboxen mit zwei verschiedenen Covermotiven veröffentlicht, nun folgt eine recht schlicht aufgemachte DVD von Studio Hamburg Enterprises. Auf dem Backcover findet sich die Info: Erstmals uncut: neue Abtastung aus 2019 – die beste jemals erhältliche restaurierte Fassung. Nun ja, wenn das die beste Fassung ist, möchte ich miesere Fassungen schon mal gar nicht sehen. Aber man muss „Draculas Bluthochzeit mit Frankenstein“ auch nicht auf Hochglanz poliert schauen oder gar auf eine Blu-ray packen. Im Bonusmaterial findet sich eine 108 Sekunden lange Sequenz, die als „alternatives Ende“ bezeichnet wird, jedoch nichts weiter ist als eine in Super 8 gedrehte Ansicht einer verlassenen Kirche, ohne dass irgendwelche Menschen zu sehen sind. Zwar existiert offenbar tatsächlich eine alternative Endszene, bei der auf der DVD so betitelten Sequenz handelt es sich aber wohl lediglich um Aufnahmen, die der Produzent Samuel M. Sherman zur Anschauung machte, als er besagte Kirche bei einem Spaziergang zufällig entdeckte.

Ende in Beton

Ein Blick auf die Filmografie von Regisseur Al Adamson bringt aufschlussreiche Titel zum Vorschein: „Die Sadisten des Satans“, „Des Satans heiße Katzen“, „Lash of Lust“, „The Naughty Stewardesses“, „Liebe im Raumschiff Venus“, „Flotte Teens in Amerika“ – der Gute war also dem schlüpfrigen Trash zugeneigt, ob aus Überzeugung oder mangels Talent, sei dahingestellt. Ein Film ragt heraus: „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ (1969) mit Curd Jürgens, Heinz Reincke und Heidi Kabel. Hauptregisseur war allerdings Rolf Olsen, Adamson hat vielleicht etwas beigesteuert. Der 1929 in Hollywood geborene Regisseur wurde 1995 in seinem Haus ermordet und vom Täter – einem Handwerksunternehmer – an Ort und Stelle einbetoniert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lon Chaney Jr. sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 24. Mai 2019 als DVD

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Dracula vs. Frankenstein
USA 1971
Regie: Al Adamson, Samuel M. Sherman (ohne Credits)
Drehbuch: William Pugsley, Samuel M. Sherman
Besetzung: J. Carrol Naish, Lon Chaney Jr., Zandor Vorkov, Anthony Eisley, Regina Carrol, Russ Tamblyn, Jim Davis, Angelo Rossitto, Greydon Clark, Ann Morell, Forrest J. Ackerman, John Bloom, Shelly Weiss, Maria Lease
Zusatzmaterial: alternatives Ende (Super-8-Film, 1:48), geschnittene Szenen (18:41), Trailershow, Wendecover
Label/Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfoto: © 2019 Studio Hamburg Enterprises

 
 

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6 Antworten zu “Draculas Bluthochzeit mit Frankenstein – Wenn Horror-Ikonen im Trash verheizt werden

  1. Thomas Hortian

    2019/06/04 at 13:03

    Ach shit, Börsenmakler. Ich hatte irgendwie Zahnarzt im Kopf, keine Ahnung, warum… 😀

     
  2. Thomas Hortian

    2019/06/04 at 13:00

    Der ist sooo langweilig. Wahrscheinlich einer der schlechtesten von Adamson. Und sein Zahnarzt als Vampir ist zwar ulkig, aber reißt es auch nicht raus. Weiß der Teufel, warum er auch das viel bessere Ende mit Verfolgungsjagd durch das schnöde „Sonnenlicht und aus“ ersetzt hat.

     
    • V. Beautifulmountain

      2019/06/04 at 13:51

      Du kennst also weitere Regiearbeiten von Al Adamson. Respekt!

       
      • Thomas Hortian

        2019/06/04 at 16:03

        Ein paar Stück. Als Trash-Fan kommt man an dem halt nicht vorbei. „Dracula und seine Opfer“ oder „Astro-Vampire“ (ein Patchwork-Film) sind ganz nett. Das meiste ist aber eher unansehbarer Schrott. Da sollte man lieber zu Leuten wie Ted Mikels greifen. No-Budget-Filme sind eh eine Sache für sich…

         
      • V. Beautifulmountain

        2019/06/05 at 10:40

        Ich bin ja kein ausgewiesener Trash-Experte oder -Liebhaber, widme mich aber gern verschiedenen obskuren Bereichen, daher eben auch Trash. Der Titel DRACULAS BLUTHOCHZEIT MIT FRANKENSTEIN sprang mich in einem Newsletter der für den Publisher zuständigen Agentur an, da kam ich natürlich nicht dran vorbei. Der war schon schlecht, aber wenn ich zwecks Rezension einen Film schaue, kann ich damit gut umgehen und verbuche das nicht unter vergeudete Lebenszeit. Ted Mikels ist mir gar kein Begriff. Scheint in Deutschland kaum einmal auf DVD berücksichtigt worden zu sein.

         

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