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Ernest Borgnine (VIII): Die Wikinger – Raue Kerle oder Frauenfeinde?

03 Jun

The Vikings

Von Volker Schönenberger

Action-Abenteuer // Woher kommt eigentlich diese romantisierende Faszination für die Wikinger? Und seit wann wird sie gepflegt? Nicht erst seit Torfrock, so viel ist klar, auch „Wickie und die starken Männer“ kam erst später auf. In der Popkultur mag tatsächlich das von Richard Fleischer („Barrabas“, „Das Gesetz bin ich“) inszenierte Action-Abenteuer von 1958 ein Auslöser gewesen sein, dem weitere filmische Porträts der gewalttätigen Nordmänner folgten, darunter in jüngerer Vergangenheit „Northmen – A Viking Saga“ (2014), „„Escape – Vermächtnis der Wikinger“ (2012) und Nicolas Winding Refns „Walhalla Rising“ (2009).

Der Wille zur Authentizität

In der im Bonusmaterial der Neuveröffentlichung enthaltenen knapp halbstündigen 2002er-Doku „Eine Geschichte über Norwegen“ berichtet Regisseur Richard Fleischer, er und der den Film als „Executive Producer“ mit verantwortende Hauptdarsteller Kirk Douglas wollten „Die Wikinger“ so authentisch wie möglich inszenieren. Mangels Kenntnis der Historie der Nordmänner kann ich das nicht beurteilen, das Abenteuer dient aber zweifellos nicht dem Zweck einer Geschichtsstunde.

Sklave Eric (l.) macht sich beim …

Im 8. und 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung waren die Wikinger der Schrecken des Nordmeers, die Geißel der Menschheit. Sie verehrten Odin, einen heidnischen Kriegsgott, und nutzten ihre Geschicklichkeit als Schiffsbauer, um von der Enge des Fjords und ihrer schnee- und eisbedeckten Gletscher aus auf Raubzüge auszuziehen, die an Gewalt und Brutalität alles übertrafen, was die Geschichte bis dahin gekannt hatte. Der heiligste Wunsch eines jeden Wikingers war es, mit dem Schwert in der Hand zu sterben, um in Walhalla aufgenommen zu werden, wo Gott Odin ihn als Helden willkommen hieß.

Der Kompass war damals noch unbekannt, deshalb konnten sie sich bei ihren kühnen Seefahrten nur nach der Sonne oder den Sternen orientieren. Wenn sich Nebel bildete, waren sie blind und hilflos. Außerdem war die Erde nach der damaligen Vorstellung eine flache Scheibe. Wenn man zu weit vom Kurs abkam, so konnte man vom „schwarzen Wind“ gen Westen getrieben werden, wo das Giftmeer lag, und über den Rand der Welt hinabstürzen ins Totenreich der Göttin Hel.

Ihr höchstes Ziel war es, England zu erobern, das damals aus einer Anzahl kleinerer Königreiche bestand, von denen jedes der eifersüchtige Rivale des anderen war. Wenn die Wikinger zu ihren Raubzügen gen England aufbrachen, segelten sie immer in Sichtweite der Küste und beschränkten ihre Angriffe auf plötzliche nächtliche Überfälle. Es ist kein Zufall, dass das englische Gebetbuch jener Zeit den Satz enthielt: „Beschirme uns, oh Herr, vor dem Zorn der Nordmänner!“

Meuchelmörder und Vergewaltiger

Den Zorn des Nordmanns Ragnar (Ernest Borgnine) bekommt nach diesen einleitenden Worten aus dem Off König Edwin von Northumbria zu spüren, den der ruchlose Wikingerführer bei einem Raubzug dahinmeuchelt. Edwins Frau Enid (Maxine Audley) wird von Ragnar vergewaltigt. Weil sie bis dato keine Kinder hat, besteigt Edwins Cousin Ælle (Frank Thring) den Thron. Doch Enid bringt bald darauf einen Sohn zur Welt – Ragnars Sohn.

… Häuptlingssohn Einar unbeliebt

20 Jahre später lässt König Ælle seine bevorstehende Eheschließung mit der walisischen Prinzessin Morgana (Janet Leigh) verkünden. Gleichzeitig beschuldigt er seinen Cousin Lord Egbert (James Donald) des Hochverrats. Zu Recht, wie sich herausstellt – der englische Adlige hatte mit Ragnar gemeinsame Sache gemacht. Doch Egbert gelingt die Flucht aus Großbritannien, er rettet sich auf Ragnars Schiff und begleitet diesen in dessen Heimat. Dort wartet Ragnars legitimer Sohn Einar (Kirk Douglas) sehnlichst auf die Rückkehr seines Vaters.

Bei einem Jagdausflug mit Falken treffen Einar und Egbert auf den Sklaven Eric (Tony Curtis). Ein Wort gibt das andere, und plötzlich hat Erics Falke Einars linkes Auge ausgehackt. Nur das Eingreifen der Schamanin Kitala (Eileen Way) bewahrt den Sklaven vor dem sofortigen Tod, stattdessen soll ihn ein Gottesurteil richten. Er überlebt, und Egbert beansprucht ihn für sich. Ein Amulett um Erics Hals hatte dem Engländer enthüllt: Der junge Sklave ist Enids Sohn, somit Thronfolger von Northumbria, auch wenn er Ragnars Bastard ist. Seine Mutter hatte ihn aus Furcht vor Ælle nach Italien geschickt, doch das Schiff wurde von den Wikingern gekapert, Eric versklavt.

Frauen als Objekt der Begierde

Ob Nordmänner oder Engländer – ein sympathisches Bild der Männer zeichnet „Die Wikinger“ nicht gerade. Dafür sind die Frauen zu sehr Objekt. Bei den Briten dienen sie der Sicherung von Pfründen und Machtbündnissen in Form arrangierter Eheschließungen ohne jedes Mitspracherecht der Bräute, bei den Wikingern haben sie verfügbar zu sein, ob mit ihrem Willen oder dagegen. Und ist eine mal willig, aber mit einem anderen verheiratet, darf man ihr in einer kruden Form eines Gottesurteils per Axtwurf die Zöpfe abschneiden, um ihre Unschuld zu beweisen.

Fressen und saufen können sie, diese Wikinger. Als Gegenpol für die kraftstrotzende Virilität von Kirk Douglas’ Einar dient dessen ruhiger Halbbruder Eric, der vergleichsweise kultiviert auftritt. Da endet dann offenbar die von Richard Fleischer gewünschte Authentizität, zumal Eric zwar zeitlebens Sklave war, am Ende aber dennoch in der Schlacht Anweisungen geben darf und sich als versierter Schwertkämpfer entpuppt.

Prinzessin Morgana gerät …

Die altnordische Ragnarssona þáttr – zu deutsch: Geschichte von Ragnars Söhnen – mag dem Schriftsteller Edison Marshall als Inspiration zu seinem Roman gedient haben, der dem Drehbuch von „Die Wikinger“ als Vorlage diente. Mit der Handlung der Sage hat die Story des Films aber kaum etwas gemein. Im Vorspann sehen wir in animierter Darstellung Ausschnitte des Teppichs von Bayeux, der Abspann orientiert sich visuell ebenfalls daran. Die Stickarbeit entstand jedoch im 11. Jahrhundert n. Chr., während der Film einige Jahrhunderte früher spielt. So viel zum Thema Authentizität. Und einen „Fun Fact“ kann ich mir nicht verkneifen: Ernest Borgnine spielt zwar den Vater des von Kirk Douglas verkörperten Einar, wurde tatsächlich aber anderthalb Monate vor seinem Filmsohn geboren.

Mediabook von capelight pictures

Womöglich hat nicht zuletzt der Erfolg der Fernsehserie „Vikings“ capelight pictures motiviert, dem Abenteuer eine schmucke Veröffentlichung im Mediabook angedeihen zu lassen. Bild und Ton überzeugen, die Technicolor-Farben kommen auf der Blu-ray hervorragend zur Geltung. Das Booklet enthält Texte von Nicolai Bühnemann über Regisseur Richard Fleischer, Hauptdarsteller Kirk Douglas und den Film, wobei letztgenannte Zeilen erst nach dem erstmaligen Genuss von „Die Wikinger“ gelesen werden sollten. Da sich „Die Wikinger“ trotz aller Kritikpunkte als unterhaltsames Kostüm-Abenteuer gut anschauen lässt, fügt sich das Mediabook gut ins Filmregal der vermutlich vornehmlich männlichen Sammler ein. Allein schon die Starpower überzeugt ja, auch wenn einem Janet Leigh etwas leid tun kann. Das Charisma von Kirk Douglas passt jedenfalls gut zu dem, was wir uns unter den rauen Nordmännern vorstellen, und man sieht dem Guten den Spaß an seiner Rolle an. Die actionreiche Szenerie kommt ansprechend und bildgewaltig zur Geltung, wozu auch Technicolor beiträgt. Lassen wir „Die Wikinger“ also durchaus als Klassiker des Monumentalfilms aus der ganz langsam ausklingenden Goldenen Ära Hollywoods durchgehen. Für all jene, die auf eine Blu-ray keinen Wert legen oder die Investition ins Mediabook scheuen, hat das Label parallel auch eine neue DVD veröffentlicht, die die Bild- und Tonqualität der alten Veröffentlichungen übertreffen dürfte.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ernest Borgnine, Tony Curtis und Kirk Douglas sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

… in die Gewalt der Wikinger

Veröffentlichung: 1. März 2019 als 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 13. Juni 2008 und 27. März 2003 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Vikings
USA/BRD 1958
Regie: Richard Fleischer
Drehbuch: Calder Willingham, nach einem Roman von Edison Marshall
Besetzung: Kirk Douglas, Tony Curtis, Ernest Borgnine, Janet Leigh, James Donald, Alexander Knox, Maxine Audley, Frank Thring, Dandy Nichols, Eileen Way
Zusatzmaterial: Featurette mit Regisseur Richard Fleischer: „Eine Geschichte über Norwegen“ („A Tale of Norway“, 2002, 28:13), Originaltrailer, deutscher Kinotrailer, Trailershow, 24-seitiges Booklet mit einem Text von Nicolai Bühnemann
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2008: MGM Home Entertainment
Label/Vertrieb 2003: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot DVD: © 2019 capelight pictures

 
 

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Eine Antwort zu “Ernest Borgnine (VIII): Die Wikinger – Raue Kerle oder Frauenfeinde?

  1. Michael Kleu

    2019/06/07 at 09:21

    Den Film habe ich als Kind geliebt. Spartacus ebenso, der ja eine ähnliche Besetzung hat. Und Kirk Douglas als Odysseus ist für mein Studium der Alten Geschichte mindestens mitverantwortlich 😉

     

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