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Rhea M – Es begann ohne Warnung: Lastwagen auf Koks

14 Jan

Maximum Overdrive

Von Andreas Eckenfels

Horror-Action // Eine Menge Leute haben bereits Stephen-King-Geschichten verfilmt. Nun habe ich entschieden: Wenn es richtig gemacht werden soll, muss man es eben selbst machen! Mit diesen Worten erklärt Stephen King im Kinotrailer zu „Rhea M – Es begann ohne Warnung“, warum er zum ersten Mal Regie führen würde. In dem Clip steht der Horrorautor vor dem legendären Truck mit dem riesigen Green-Goblin-Gesicht auf dem Kühlergrill, zeigt einige Szenen aus dem Film und verspricht den Zuschauern und Zuschauerinnen mit manischem Blick: Ich werde euch zu Tode erschrecken! Es kam anders …

Die Technik spielt verrückt

Zu Beginn erklärt eine Texttafel – in der deutschen Fassung parallel ein Sprecher aus dem Off –, dass die Erde am 19. Juni 1987 um 9.47 Uhr in den Schweif des Kometen „Rhea M“ eingedrungen ist. Nach astronomischen Berechnungen wird der Blaue Planet für die nächsten acht Tage, fünf Stunden, 29 Minuten und 23 Sekunden unter dem Einfluss des mysteriösen Himmelkörpers stehen.

Diesen Mann kennen wir doch?

Die Auswirkungen sind auch in North Carolina zu spüren – doch die Bewohner haben natürlich keine Ahnung davon, dass Rhea M der Grund für die seltsamen Ereignisse ist, welche sich in der Hafenstadt Wilmington nun zutragen werden. Im ganzen Ort geraten technische Gerätschaften komplett außer Kontrolle – einige Maschinen wenden sich gegen ihre Besitzer und greifen sie an. Bei einem Unfall auf einer Zugbrücke kommt es zu ersten Todesopfern.

Im „Dixie Boy Truck Stop“ verbarrikadiert sich schließlich eine Gruppe von Menschen, darunter der Ex-Knacki Bill (Emilio Estevez), die Anhalterin Brett (Laura Harrington) und das frisch verheiratete Pärchen Curtis (John Short) und Conny (Yeardley Smith). Einige Lastwagen haben ebenfalls ein Eigenleben entwickelt und umkurven ununterbrochen die Raststätte. Eine Flucht vor den aufmerksamen Maschinen scheint unmöglich.

Einmal und nie wieder!

„Rhea M – Es begann ohne Warnung“, im Original „Maximum Overdrive“, basiert auf Stephen Kings Kurzgeschichte „Trucks“, die erstmals im Juni 1973 im US-Herrenmagazin „Cavalier“ veröffentlicht wurde. King erhielt 500 Dollar – damals für ihn eine Rekordsumme. Hierzulande ist die Geschichte unter anderem in der Sammlung „Nachtschicht“ erschienen. Einen Grund, warum die Lastwagen verrücktspielen, liefert King darin allerdings nicht. Der legendäre italienische Filmproduzent Dino De Laurentiis (1919–2010) hatte sich die Rechte gesichert und wollte, dass King das Drehbuch schreiben und eine mögliche Erklärung einbauen sollte. So ersann der Autor den Kometen Rhea M als Ursache und ließ sich schließlich von dem Produzenten auch überreden, den Film selbst zu inszenieren.

Wie lange ist der „Dixie Boy Truck Stop“ sicher?

Ein Fehler, wie der Horrormeister einige Jahre später auch eingesehen hatte: Ich war während der Produktion völlig zugekokst und ich wusste wirklich nicht, was ich tue. „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ ist ein dämlicher Film, die schlechteste Adaption meiner Arbeit, brachte er als Entschuldigung zu Protokoll. Nach dieser Erfahrung saß Stephen King nie wieder auf einem Regiestuhl.

Purer Horror? Purer Slapstick!

Die Maschine hat mich gerade Arschloch genannt! Warum „Maximum Overdrive“ so schlecht geworden ist, wird gleich in den Anfangsminuten klar: In seinem Gastauftritt wird Stephen King von einem Bankautomaten beschimpft, als ein Tankschlauch nicht funktionieren will, schaut ein verdutzter Herr direkt in den scheinbar defekten Zapfhahn – und wird dann mit Benzin bespritzt. Dann ist da noch der Baseballtrainer, der sich ein Getränk aus einem Automaten holen will und von der Dose direkt in die Weichteile getroffen wird. Gute Güte! Das sind alles ausgelutschte, klassische Slapstickeinlagen, die wahrlich niemanden zu Tode erschrecken. Darauf folgen einige skurille, teils in Zeitlupe gedrehte Autounfälle, die besser in einen Ableger von „Auf dem Highway ist die Hölle los“ („The Cannonball Run“, 1981) gepasst hätten als in eine King-Verfilmung. Später wundert man sich auch nicht darüber, dass der Rastplatz-Besitzer Hendershot (Pat Hingle) zufällig im Keller ein Waffenlager hat und die bedrohlichen Lastwagen im beschaulichen Wilmington mit einer Panzerfaust beschossen werden.

Immerhin sind die Opfer der Maschinen vom Make-up-Team recht ordentlich mit dickem Kunstblut eingeschmiert worden und selbst Kinder bleiben nicht verschont, etwa in der Baseballszene. Eine bereits abgedrehte Szene, in der ein Kind von einem Mähdrescher überrollt wird, wurde auf Anraten eines engen Freundes von Stephen King nachträglich entschärft: Horrormeister George A. Romero (1940–2017) meinte, dass diese Sequenz der amerikanischen Filmbewertungsstelle MPAA sauer aufstoßen und dem Film ein „X-Rating“ einbringen würde. Beide hatten bereits bei „Knightriders – Ritter auf heißen Öfen“ („Knightriders“, 1981) und „Die unheimlich verrückte Geisterstunde“ („Creepshow“, 1982) zusammengearbeitet. Es gehen auch nicht bestätigte Gerüchte um, Romero habe einige Szenen von „Maximum Overdrive“ gedreht, während Stephen King etwas zu viel Kokain in der Nase hatte.

Der Dreh kostete ein Auge

Der überforderte King hatte Glück, dass er einige weitere erfahrene Filmemacher an der Seite hatte: Stunt-Koordinator Glenn Randall Jr. arbeitete zuvor bereits mit George Lucas und Steven Spielberg zusammen und war auch für die Stunts von „Der Feuerteufel“ („Firestarter“, 1984) zuständig. Der italienische Kameramann Armando Nannuzzi (1925–2001) gehörte zu den Besten seiner Zunft. Er drehte unter anderem die Miniserie „Jesus von Nazareth“ („Jesus of Nazareth“, 1977), „Ein Käfig voller Narren“ („La cage aux folles“, 1978) und „Werwolf von Tarker Mills“ („Silver Bullett“, 1986). Allerdings ereignete sich während des Drehs zu „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ ein böser Unfall: Nannuzzi wurde von herumfliegenden Holzsplittern getroffen. Er verlor dadurch sein rechtes Auge. 1987 verklagte der Italiener Stephen King deshalb auf 18 Millionen Dollar Schadensersatz. Die Klage wurde außergerichtlich geklärt. Nannuzzi konnte dennoch weiterarbeiten und drehte seinen letzten Film 1998, die Komödie „Incontri proibiti“, bevor er in den Ruhestand ging.

Entfesselte Lastwagen belagern die Raststätte

Ebenfalls gute Arbeit lieferten die Setdesigner ab. Laut Stephen King verschlang der Bau des Rastplatzes das meiste Geld des Budgets, was sich auf insgesamt etwa zehn Millionen Dollar belief. Der „Dixie Boy Truck Stop“ wirkte so real, dass echte Truckfahrer daran anhielten, um eine Pause einzulegen. Die örtliche Zeitung berichtete darüber, und ein Jahr nach den Dreharbeiten erhielt Wilmington seinen eigenen Rastplatz. Ein anderer Kollege hatte mit seinem eigenen Film genug zu tun, sodass er King keine Ratschläge geben konnte: David Lynch drehte zum gleichen Zeitpunkt in Wilmington „Blue Velvet“ (1986) – ebenfalls produziert von Dino De Laurentiis. Nach Feierabend sollen sich Darsteller und Crewmitglieder beider Filme häufig zu ein paar Getränken getroffen haben.

Der Meister der Spannung erzeugt keine Spannung

Stephen King gelingt es in seinem Regiedebüt nie, einen Hauch von Spannung aufzubauen. Wie man eine Belagerungssituation, in der eine Gruppe von Überlebenden in einem engen Raum festsitzt, fesselnd inszeniert, zeigte etwa Regisseur Frank Darabont mit seiner King-Adaption „Der Nebel“ („The Mist“, 2007). Als Horrorkomödie funktioniert „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ auch nicht, dafür sind die Gags einfach zu plump.

Die Darstellerriege um Emilio Estevez kann hier auch nichts retten. Die Romanze zwischen seiner Figur Bill mit der von Laura Harrington gespielten Anhalterin Brett wurde wohl nur ins Drehbuch hineingeschrieben, um eine kurze Bettszene zu zeigen. Eine Chemie ist auch wegen der üblen Liebesdialoge zwischen beiden nicht vorhanden. Wie Stephen King einmal erzählte, wollte er ursprünglich auch einen ganz anderen Hauptdarsteller als Bill haben: die Rocklegende Bruce Springsteen. Doch daraus wurde nichts. Dino De Laurentiis wusste angeblich überhaupt nicht, wer Springsteen ist.

Auch Curtis und Conny geraten in Gefahr

Wenigstens konnte sich Stephen King einen anderen Traum erfüllen: Er überzeugte die Rocker von AC/DC davon, den Soundtrack zu „Maximum Overdrive“ zu übernehmen. Angeblich outete er sich vor Angus Young und Kollegen als großer Fan und sang ihnen „Ain’t No Fun (Waiting Round to Be a Millionaire)“ mit voller Inbrunst vor. Die Band nahm das Angebot lachend an. Daraus entstand ihr Album „Who Made Who“.

Stephen King erwähnte später den Titelsong und die Band auch in seinem Epos „The Stand – Das letzte Gefecht“. Darin scherzt Fran Goldsmith anspielend auf die ausgebrochene Seuche „Flu Made Who“ – doch ihr Vater Peter versteht die Verbindung nicht, da er kein AC/DC-Fan sei, wie Fran dem Leser mitteilt.

Trash-Perle mit Top-Bonusmaterial

Nicht nur aufgrund des Soundtracks hat „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ eine kleine Fangemeinde um sich gescharrt – auch wegen des absurden Humors gilt der King-Film vielen als echte Trash-Perle. Das umfangreiche Bonusmaterial, welches Koch Films für seine Mediabook-Veröffentlichung von der US-Scheibe von Lionsgate lizenzieren konnte, bietet mit Interviews, Audiokommentaren und Featurettes, etwa zum „Goblin Project“, viele weitere Anekdoten und Hintergründe zum Dreh dieses Machwerks, welches wirklich nur auf Koks entstehen konnte. Allerdings: 1997 wurde für das kanadische Fernsehen ein Remake gedreht, welches in Deutschland unter dem Titel „Trucks – Out of Control“ auf DVD veröffentlicht wurde. Dem Vernehmen nach soll es noch schlechter als Kings Original sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Bill plant die Flucht

Veröffentlichung: 10. Oktober 2019 als 3-Disc Special Edition im Mediabook (Blu-ray, DVD & Bonus-DVD) in zwei limitierten Covervarianten, 22. September 2006 und 20. August 2002 als DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Maximum Overdrive
USA 1986
Regie: Stephen King
Drehbuch: Stephen King, nach seiner Kurzgeschichte „Trucks“
Besetzung: Emilo Estevez, Pat Hingle, Laura Harrington, Yeardley Smith, John Short, Christopher Murney, Ellen McElduff, J.C. Quinn, Frankie Faison
Zusatzmaterial: Audiokommentar von King-Biograf Tony Magistrale und Michael Felsher, Audiokommentar von den Darstellern Jonah Ray und John Turek, deutscher Kinotrailer, englischer Kinotrailer, TV-Spots, Bildergalerie, Interview mit Produzentin Martha De Laurentiis, Interview mit Darstellerin Laura Harrington, Interview mit Darsteller Holter Graham, Interview mit Make-up-Artist Dean Gates, Featurettes: „Der Wilmington-Faktor“, „AC/DC“, „Das Goblin-Projekt“, Audiointerview mit Stephen King, Hinter den Kulissen, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Uwe Anton
Label/Vertrieb Mediabooks: Koch Films
Label/Vertrieb DVDs: Kinowelt Home Entertainment

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Koch Films

 

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