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Jäger der Apokalypse – Von Coppola zu Margheriti

23 Aug

L’ultimo cacciatore

Von Volker Schönenberger

Kriegs-Action // „Jäger der Apokalypse“ – welch herrlicher, von kriegerischen Exzessen kündender Filmtitel. Der italienische Originaltitel „L’ultimo cacciatore“ – zu deutsch: „Der letzte Jäger“ – liest sich nicht ganz so spektakulär, aber der Name des Regisseurs verspricht sowieso politisch unkorrekten Kriegskrawall, serviert nach Italo-Machart: Einige der Filme von Antonio Margheriti habe ich bereits in den 1980er-Jahren im Kino geschaut, darunter „Geheimcode Wildgänse“ (1984) und „Kommando Leopard“ (1985)

Tod im Puff

„Jäger der Apokalypse“ setzt im Januar 1973 in der Nähe von Saigon ein. Ein paar GIs vergnügen sich in irgendeinem vietnamesischen Bumslokal. Der Soldat Steve (Gianfranco Moroni) allerdings steht unter enormer psychischer Belastung. Das kostet einen seiner Kameraden alsbald das Leben. Ein Überfall des Vietcong verstärkt die ohnehin eskalierte Situation …

Captain Henry Morris (David Warbeck) überlebt das Inferno und bricht bald darauf zu einem Sondereinsatz auf. Er lässt sich von einem Helikopter unter feindlichem Beschuss tief im Dschungel absetzen, wo ihn Sergeant George „Wash“ Washington (Tony King) in Empfang nimmt. In dessen kleinem Trupp befindet sich sogar eine Frau: Jane Foster (Tisa Farrow), Kriegsberichterstatterin der „Evening Post“. Im Urwald kann jeder Schritt der letzte sein, hat „Charlie“ doch ein paar üble Fallen gelegt, etwa mit Spießen gespickte Fallgruben. In jedem vietnamesischen Dorf kann ein Hinterhalt auf die US-Soldaten warten. Doch die Soldaten inklusive Reporterin erreichen um ein paar Männer reduziert den versteckten Stützpunkt von Major William Cash (John Steiner). Der entpuppt sich als vom Kriegsverlauf und seinen bekifften Untergebenen frustrierter Offizier, der statt Musik gern Tonbandaufnahmen von Schießereien hört. Die Überlebens-Chancen von Cashs Einheit in einer Höhle tief im Dschungel sind nicht sonderlich hoch.

Blut muss fließen

Wenn Antonio Margheriti von Regiestuhl aus „Action“ ruft, dann heißt das – genau! – Action! „Jäger der Apokalypse“ macht keine Gefangenen (ein paar schon, aber das werdet Ihr gewahr werden). Feinde werden niedergemäht, per Flammenwerfer angezündet, mit der Machete gespalten oder auf andere Weise niedergemetzelt. Kunstblut fließt reichlich, Augäpfel platzen, ein offener Unterschenkelbruch wird in ganzer Pracht gezeigt – bald darauf trennt ein Zufallstreffer den Fuß vollständig ab. Es überrascht dann auch nicht, dass „Jäger der Apokalypse“ in den 1980ern in der Bundesrepublik Deutschland zügig indiziert wurde. Aufgrund diverser Folgeindizierungen bis 2010 verharrt der Film bis heute in den Untiefen der deutschen Zensur. Im deutschen Handel kursierende Fassungen mit FSK-Freigabe sind somit geschnitten.

Antonio Margheriti = Anthony M. Dawson

Wie häufig drehte Antonio Margheriti unter dem Pseudonym Anthony M. Dawson, um dem Italo-Streifen internationales Flair zu verleihen. Der Regisseur hatte zuvor natürlich die beiden großen US-Produktionen geschaut: Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“ (1978) und Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ (1979). Ein Vergleich scheint mir aber nicht zielführend – zu unterschiedlich ist die Machart. Mit etwas gutem Willen kann man Margheritis Henry Morris zwar als Pendant zum von Martin Sheen verkörperten Captain Benjamin Willard in „Apocalypse Now“ sehen, doch die Trips der beiden ins Herz einer Finsternis sind doch sehr individuell, auch wenn beide auf den Philippinen gedreht worden sind. Am Ende hat Morris zwar ebenfalls eine Begegnung der besonderen Art, aber es ist kein Colonel Kurtz, der da auf ihn wartet. Als dreist kann bezeichnet werden, dass ein Hubschraubereinsatz zum Finale inklusive orchestralem Musikeinsatz arg an eine vergleichbare Szene mit Wagners „Walkürenritt“ in „Apocalypse Now“ erinnert. Und da ich nun doch ein paar Vergleiche angestellt habe, kann ich auch erwähnen, dass „Die durch die Hölle gehen“ seinerzeit in Italien unter dem Titel „Il cacciatore“ („Der Jäger“) in den Kinos gelaufen war und „Jäger der Apokalypse“ ursprünglich den Titel „Il cacciatore 2“ verpasst bekommen sollte. Vielleicht war das den Entscheidungsträgern dann aber doch zu unverschämt und sie bekamen kalte Füße, daher wurde Morris nicht zum zweiten Jäger, sondern zum letzten.

Margheriti drehte übrigens ganz gern mit seinem Hauptdarsteller David Warbeck: „Jäger der Apokalypse“ markierte die erste von vier Spielfilm-Kooperationen dieser Art bis 1984, hinzu kamen die ersten fünf Episoden der siebenteiligen Science-Fiction-Serie „Der Schatz im All“ (1987) mit immerhin Anthony Quinn und Ernest Borgnine sowie Klaus Löwitsch. Vielleicht kannten sich die beiden von den Dreharbeiten zu Sergio Leones „Todesmelodie“ (1971) – Warbeck hatte darin eine Nebenrolle, Margheriti war für die Spezialeffekte zuständig.

Euro-Kult

X-Rated hat „Jäger der Apokalypse“ als 50. Teil seiner „The EuroCult Collection“ im Mediabook veröffentlicht. Das Jubiläum der Reihe wird dem Status des Films als Klassiker der Italo-Exploitation durchaus gerecht. Die Bildqualität der mir vorliegenden Blu-ray im Mediabook schwankt stark, was am zur Verfügung stehenden Ausgangsmaterial liegen mag. Mal ist kaum Filmkorn zu sehen, mal über die Maßen viel. Bei diesen dreckigen kleinen Streifen kann ich darüber aber gut hinwegsehen. Das Booklet enthält einen informativen Text von Christoph N. Kellerbach, einem erfahrenen Texter und Filmkenner; seine Ausführungen über die Entstehung des Films fallen erwartungsgemäß lesenswert aus, hätten aber ein etwas sorgfältigeres Lektorat verdient gehabt. Als kleines Manko fällt auf, dass die englische Sprachfassung des Films fehlt, obwohl Christoph sie erwähnt. Bei diesen italienischen Produktionen wurde stets auf internationale Vermarktung geschielt, weshalb parallel zur italienischen Sprachfassung von vornherein auch eine englische erstellt wurde. Weshalb sie hier nicht enthalten ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Dafür gibt’s als Bonus auf einer Zusatz-DVD einen kompletten Film: den US-Horrorthriller „Todesschrei am Telefon“ („Don’t Answer the Phone“, 1980), einzige Regiearbeit eines gewissen Robert Hammer. Einen Bezug des Slashers zu „Jäger der Apokalypse“ sehe ich bis aufs Premierenjahr nicht, aber ein Bonusfilm ist ein Bonusfilm, auch wenn er willkürlich ausgesucht erscheint.

„Jäger der Apokalypse“ ist kein Werk für Feingeister, die etwas über die Abgründe des Krieges erfahren wollen (obwohl viel Abgründiges gezeigt wird). Antonio Margheriti zählt zu Recht zur Speerspitze der Italo-Kriegs-Exploitation, diesem Ruf wird der Streifen absolut gerecht. Fans dieses kleinen Randgebiets des Kriegsfilm-Genres sollten Margher… Verzeihung: Dawsons Regiearbeit kennen und – sofern sie Sammler sind – im Regal stehen haben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Antonio Margheriti haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 25. Februar 2020 als Blu-ray in kleiner Hartbox, 1. Dezember 2018 als Blu-ray im Mediabook (plus Bonus-DVD, 1 Covermotiv á 444 Exemplare, 2 Covermotive à 333 Exemplare)

Länge: 97 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: L’ultimo cacciatore
Internationaler Titel: The Last Hunter
IT 1980
Regie: Antonio Margheriti (als Anthony M. Dawson)
Drehbuch: Dardano Sacchetti
Besetzung: David Warbeck, Tisa Farrow, Tony King, Bobby Rhodes, Margie Newton, John Steiner, Massimo Vanni, Luciano Pigozzi, Gianfranco Moroni
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Pelle Felsch und Oliver Nöding, französischer Alternativanfang, deutsches Werbematerial, deutscher Kinotrailer, italienischer Trailer, US-Trailer, 16-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach, Bonusfilm „Todesschrei am Telefon“ auf DVD
Label/Vertrieb: X-Rated

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

 

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