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Zum 100. Geburtstag von John Russell / Clint Eastwood (XXVI): Pale Rider – Der namenlose Reiter: Prediger gegen Killer-Marshal

03 Jan

Pale Rider

Von Volker Schönenberger

Western // Eine Horde grimmiger Kerle reitet im Carbon Canyon Kaliforniens zügig drauflos. Ihr Ziel: das Camp einiger sanftmütiger Goldgräber und ihrer Familien, darunter der fromme Hull Barret (Michael Moriarty, „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“) und seine Verlobte Sarah Wheeler (Carrie Snodgrass, „Murphys Gesetz“). Die Schurken, Handlanger des Minenbesitzers Coy LaHood (Richard Dysart, „Das Ding aus einer anderen Welt“), schießen wild um sich, verwüsten das Lager und töten nicht nur ein Rind, sondern auch den Hund von Megan (Sydney Penny), Sarah Wheelers Tochter. Das Mädchen trägt sein Haustier zu Grabe und spricht dabei ein Gebet. Auch wenn ich wandere im tiefen Tal des Todes fürchte ich nichts Böses. Aber ich habe Angst! (…) Wir brauchen ein Wunder. (…) Wenn du uns nicht hilfst, gehen wir alle zugrunde. Bitte! Nur ein Wunder!

Der Mann mit dem Priesterkragen

Und wie aus dem Nichts erscheint ein einsamer Reiter (Clint Eastwood) auf einem fahlen Pferd. Er trägt keinen Namen, wird deshalb nur Prediger (im Original: Preacher) genannt, weil er einen Piuskragen trägt. Fortan unterstützt er die Goldsucher gegen LaHood. Dem ist das Camp ein Dorn im Auge, weil er vorhat, die gesamte Region mit industriellen Methoden auszubeuten. Weil er nach der Ankunft des Predigers keine andere Möglichkeit mehr sieht, dass seine Handlanger mit diesem fertig werden, heuert LaHood den berüchtigten Marshal Stockburn (John Russell) und dessen sechs Deputys an, für ihn die tödliche Drecksarbeit zu erledigen.

Der Beißer

Keine Frage: Clint Eastwood weiß, wie er Clint Eastwood inszeniert, obendrein hat er mit Kameramann Bruce Surtees einen Könner seines Fachs in der Crew, der dazu auch schon häufiger beigetragen hatte. Das wird bereits mit dem ersten Herannahen des Predigers deutlich, erst recht kurz darauf, als er erstmals mit LaHoods Männern fürs Grobe aneinandergerät, auch etwas später, als LaHoods Sohn Josh (Chris Penn, „Reservoir Dogs – Wilde Hunde“) mit dem Hünen Club (Richard Kiel) ins Camp reitet, um diesen sonderbaren Geistlichen unter die Lupe zu nehmen und im Optimalfall von Club in die Schranken weisen zu lassen – was erwartungsgemäß misslingt. Eine schöne kleine Rolle für Kiel übrigens, bekannt als Beißer aus „James Bond 007 – Moonraker – Streng geheim“. Der Prediger bleibt stoisch und wortkarg, gleichzeitig entschlossen, wie man Eastwoods Figuren kennt. Sein stahlharter Blick ist ihm naturgegeben, aber er setzt ihn perfekt ein. Sogar ein romantisches Moment gesellt sich dazu, es nimmt aber nie breiten Raum ein – das würde auch nicht passen.

Apokalyptischer Reiter?

Den Prediger umgibt eine geradezu mythische Aura. So recht wird nicht deutlich, ob er tatsächlich der Profession eines Priesters folgt, auch wenn er der Anrede Prediger nie widerspricht. Wo er herkommt und wo er hinwill, bleibt verborgen. Ein wenig erinnert dieses mythische Element an Eastwoods Titelhelden in „Ein Fremder ohne Namen“ („High Plains Drifter“, 1973), bei dem sogar ein paar deutliche Hinweise auf übernatürliche Elemente gesetzt wurden (die in der deutschen Synchronisation allerdings verwässert wurden). In „Pale Rider – Der namenlose Reiter“ ist es die christlich-religiöse Grundstimmung, die sich bereits in dem aus dem Neuen Testament entlehnten Filmtitel zeigt: Im 6. Kapitel der Offenbarung des Johannes heißt es: Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, heißt „der Tod“; und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde, Macht, zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde. Ist der Prediger gar der Tod höchstselbst? Einer der vier Reiter der Apokalypse? Jedenfalls bringt er den Tod. Dieser religiöse Unterton mag nicht jedem gefallen, übt aber eine gewisse Faszination aus, der man sich kaum entziehen kann – oder will. Als der Religion generell kritisch gegenüberstehender Mensch könnte ich das, will das aber bei Filmen wie diesem gar nicht.

Nebendarsteller John Russell

Mit dem eiskalten Marshal Stockburn hat der Prediger einen ebenbürtigen Gegner gefunden, nicht zuletzt aufgrund des ebenfalls stahlharten Blicks des Darstellers John Russell. Der am 3. Januar 1921 in Los Angeles geborene Russell nahm im Zweiten Weltkrieg als Lieutenant des United States Marine Corps an der Schlacht um Guadalcanal im Pazifik teil. Zum Film kam er 1945, etablierte sich im Kino vornehmlich als Nebendarsteller im Westerngenre. Zu seinen bekanntesten Rollen zählt die des Marshals Dan Troop in der Westernserie „Lawman“. Er verkörperte den Gesetzeshüter bis 1962 in allen 156 Folgen der vier Staffeln. In Howard Hawks’ Klassiker „Rio Bravo“ (1959) gab er den verbrecherischen Rancher Nathan Burdette, Antagonist des von John Wayne gespielten Marshal John T. Chance. Mit Clint Eastwood verband ihn eine Freundschaft, der Schauspieler und Regisseur besetzte Russell in drei seiner Filme: „Der Texaner“ (1976), „Honkytonk Man“ (1982) und eben „Pale Rider – Der namenlose Reiter“, seiner vorletzten Rolle. Sein letzter Film wurde die Actionkomödie „Geschäft mit dem Tod“ („Under the Gun“, 1988). John Russell starb am 19. Januar 1991 im Alter von 70 Jahren und wurde in seiner Heimatstadt Los Angeles beigesetzt.

Thema Umweltzerstörung

Bemerkenswert an „Pale Rider“ ist die Kritik an der industriellen Ausbeutung der Umwelt, zu bemerken am großen Kontrast zwischen dem Camp der Goldsucher, die mit ihren Pfannen und Hämmern der Natur sicher keinen Schaden zu fügen, und den großen Abbauhängen LaHoods, wo gewaltige Spritzdüsen mit enormem Wasserdruck große Wunden in den Boden schlagen. Es ist wie in der Hölle bemerkt Megan bei dem Anblick. Zwar bei Weitem nicht das Hauptmotiv des Films, gleichwohl ein interessanter Nebenaspekt, dass Eastwoods sich Mitte der 1980er-Jahre der Umweltzerstörung immerhin so bewusst war, dass er sie auf diese Weise thematisierte.

Wo steht das Werk in Eastwoods Filmografie?

Ich mag mich irren, aber „Pale Rider – Der namenlose Reiter“ wird nach meiner Wahrnehmung nicht zu den großen Werken Clint Eastwoods gezählt, läuft vielleicht sogar ein wenig unter dem Radar, obwohl sein einziger Western der 80er-Jahre als an den Kinokassen erfolgreichster Western jenes Jahrzehnts gilt. Selbst unsicher, wo ich den ironiefreien Western in einer persönlichen Rangliste von Eastwoods Regiearbeiten platzieren würde, hat mich doch die versierte Mischung aus klassischen Westernmotiven mit modernen Elementen bei meiner jüngsten Sitzung anlässlich dieser Rezension wieder vorzüglich unterhalten. Im Mai 1985 hatte der Film in Cannes seine Weltpremiere gefeiert, ich sah ihn kurz nach seiner Deutschlandpremiere im Oktober jenes Jahres. Die Wiederentdeckung hat sich „Pale Rider“ redlich verdient. Ein stilsicherer Western.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von oder mit Clint Eastwood haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit John Russell unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 14. Oktober 2011 als DVD, 19. September 2008 als Blu-ray, 14. September 2000 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Blu-ray auch Französisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Portugiesisch, Türkisch, Polnisch, Tschechisch, Griechisch, Ungarisch, Isländisch, Hebräisch, Kroatisch
Originaltitel: Pale Rider
USA 1985
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Michael Butler, Dennis Shryack
Besetzung: Clint Eastwood, Michael Moriarty, Carrie Snodgress, John Russell, Chris Penn,Sydney Penny, Richard Kiel, Doug McGrath, Charles Hallahan, Marvin J. McIntyre
Zusatzmaterial: US-Kinotrailer, US-Kinotrailer „Erbarmungslos“
Label/Vertrieb: Warner Home Video (2011: Süddeutsche Zeitung)

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Unterer Packshot: © 2008 Warner Home Video

 
 

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Eine Antwort zu “Zum 100. Geburtstag von John Russell / Clint Eastwood (XXVI): Pale Rider – Der namenlose Reiter: Prediger gegen Killer-Marshal

  1. SmileySmile77

    2021/01/11 at 21:35

    Die 80er waren für Eastwood sicherlich sein holprigstes Jahrzehnt. Auf Versuche persönlichere Filme zu drehen folgten dann wieder ambitionslos runtergekurbelte „Dirty Harry“-Sequels. Auf den vielschichtigen „Weisser Jäger,schwarzes Herz“ der umso plumpere „The Rookie“. „Pale Rider“ nimmt damit für mich eine Sonderstellung ein. Er bezieht sich deutlich auf Eastwoods Mythos ist darin aber noch nicht so reflektiert wie „Erbarmungslos“. Stellenweise wirkt es auch wie seine Version von „Shane“, nur das sein Charakter von einem Mädchen angehimmelt wird. Beide haben gemein, das sie seiner Hauptfigur keine Zukunft geben. Sie haben ihre Aufgabe getan und das einzige was auf sie warten wird ist der Tod.

     

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