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Clint Eastwood (XIX): Ein Fremder ohne Namen – Mystischer Antiheld kommt aus dem Nichts

19 Jan

High Plains Drifter

Von Simon Kyprianou

Western // Ein namenloser Reiter (Clint Eastwood) kommt in dem abgelegenen, kargen Goldgräbernest Lago an. Es scheint, als schäle er sich aus den Hitzewellen heraus, geisterhaft taucht er plötzlich am Horizont auf. Kaum in dem Kaff angekommen, tötet er erst einmal eine Reihe Revolvermänner, die von den Bewohnern zum Schutz angeheuert wurden. Danach vergewaltigt er eine Frau (Marianna Hill).

Ein Fremder ohne Namen trifft ein …

Die Leute in der Stadt sind verängstigt, denn drei weitere Revolvermänner haben dem Ort und seinen Bewohnern Rache geschworen – sie hatten sich die Goldreserven der Stadt angeeignet und die Bevölkerung terrorisiert, bis es irgendwann gelang, sie ins Gefängnis zu verfrachten. Der namenlose Fremde wird, trotz oder gerade wegen seiner kaltblütigen Gewalttaten, schnell als neuer Beschützer eingestellt. Nun fängt er seinerseits an, die Bewohner zu demütigen und zu terrorisieren. Er lässt die Häuser rot streichen, den Ortsnamen in „Hell“ – also Hölle – ändern und will den drei Gangstern einen großen Empfang bereiten. Diejenigen Einwohner, die sich gegen ihn stellen, tötet er kaltblütig.

… und beginnt aufzuräumen

Clint Eastwood, so scheint es, wollte in diesem Film fortführen, was die italienischen Western schon angedeutet, beziehungsweise in weniger radikaler Form in sich getragen haben: mystische, geisterhafte Figuren unbekannter, möglicherweise spiritueller Herkunft und eine allgegenwärtige Amoralität. Das schlägt sich in einigen von Eastwoods US-Western nieder, besonders auch in dem ebenfalls sehr interessanten „Pale Rider – Der namenlose Reiter“ von 1985.

Im folgenden Absatz wird etwas gespoilert

Dabei inszeniert Eastwood den Namenlosen trotz dessen unmoralischen Tuns sehr faszinierend – und er versucht gar nicht erst, dessen Problematik zu umgehen. Sein Fremder ist eine Erlöser-Figur, Eastwood dichtet seinem Protagonisten kaum verhohlen einen jenseitigen Ursprung an, macht ihn zum Wiederauferstandenen oder Wiedergänger. Solche Erlöser-Figuren sind problematisch, weil sie immer auch faschistoid und diktatorisch sind, weil sie qua Definition allen anderen überlegen sind. Und so inszeniert Eastwood diese Figur dann auch hoch problematisch, nicht darum bemüht ihr Sympathien zukommen zu lassen, aber auch die Rezeption dieser Figur bei den Dorfbewohnern ist ambivalent. Das sieht man vor allem in der Vergewaltigungsszene, in der die Frau ihrer Vergewaltigung gegenüber uneindeutige Gefühle entwickelt – sie gibt nach kurzer Zeit ihre Gegenwehr auf, empfindet gar Lust. Man muss aber hier aufpassen: Eastwood verharmlost oder legitimiert diese Tat nicht, er inszeniert sie als brutalen Akt der Gewalt. Natürlich kann und soll man die Szene aufgrund des Lustempfindens der Frau trotzdem kritisch sehen beziehungsweise sie zum besonderen Gegenstand kritischer Rezeption machen.

Das bekommt einigen Personen weniger gut

„Ein Fremder ohne Namen“ ist als Western hervorragend, Eastwood inszeniert den Film elegant und findet viele gute Bilder. Das Dorf wurde als Set an einem See gebaut und nicht im Studio gedreht, und Eastwood nutzt dieses Set visuell sehr schön aus. Insbesondere am Ende, wenn es vollständig rot angestrichen ist, dann in Flammen steht und inmitten dieser Zerstörung die letzten Kämpfe ausgetragen werden, findet Eastwood groteske, brutale Bilder. Das erinnert ein wenig an Sam Fuller und dessen Film „Shock Korridor“ an dessen Ende Fuller sein Set flutet und zerstört und in diesem Chaos die letzten Filmminuten stattfinden.

Clint Eastwood bricht mit Genremustern

Es ist ein überaus sehenswerter, idiosynkratischer Film, der sich geschickt vielen bekannten Genremustern entzieht, wie es immer wieder in Eastwoods Werk zu bemerken ist, zum Beispiel in seinem Regiedebüt „Sadistico – Wunschkonzert für einen Toten“, oder später im erwähnten „Pale Rider“.
„Ein Fremder ohne Namen“ war in Deutschland bislang indiziert und somit nicht einfach zu erwerben, im Fernsehen ist nur eine gekürzte Fassung ausgestrahlt worden. Den Bemühungen von capelight pictures ist es zu verdanken, dass die Indizierung im letzten Jahr aufgehoben wurde und der Film in einer sehr schönen Edition nun endlich frei verkäuflich ist. Das Label hat den Film in einem schmucken Mediabook veröffentlicht, leider ohne Extras, abgesehen von einem informativen Booklettext von Marcus Stiglegger, den man in vielen neuen Veröffentlichungen als Bookletautor lesen oder als Audiokommentator hören kann. Im Mediabook liegt der Film sowohl als DVD als auch als Blu-ray vor.

Ist Lago die Hölle?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von oder mit Clint Eastwood sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Welche Absichten verfolgt der Namenlose?

Veröffentlichung: 19. Januar 2018 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD

Länge: 105 Min. (Blu-ray), 101 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: High Plains Drifter
USA 1973
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Ernest Tidyman
Besetzung: Clint Eastwood, Verena Bloom, Marianna Hill, Geoffrey Lewis, Jack Ging, Stefan Gierasch, Billy Curtis, Walter Barnes, Robert Donner, Paul Brinegar, Richard Bull, John Hillerman
Zusatzmaterial (nur Mediabook): Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2018 Al!ve AG / capelight pictures

 

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