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Die Nordmänner – Im Angesicht des Falken: Mal wieder gehörnte Wikinger

17 Mai

The Norseman

Von Volker Schönenberger

Historien-Abenteuer // Dieser Film basiert auf Fakten. Zumindest, wenn man einer Texttafel-Einblendung zu Beginn Glauben schenkt. Sie erwähnt immerhin das Jahr 793 n. Chr. als Auftakt der Heimsuchung Europas durch blonde Hünen aus Norwegen. Das entspricht sogar der Geschichtsschreibung, denn am 8. Juni jenes Jahres überfielen nordische Horden das Kloster von Lindisfarne auf einer zur heutigen Grafschaft Northumberland gehörenden Insel vor der Küste Nordost-Englands. Dieser Überfall gilt als Beginn der Wikingerzeit.

Auf der Suche nach dem verschollenen Wikingerkönig

Die Handlung von „Die Nordmänner – im Angesicht des Falken“ setzt im Jahr 1006 ein. Thorvald, der Kühne (Lee Majors) hat seine Getreuen versammelt, darunter den Bärentöter Ragnar (Cornel Wilde), und mit ihnen ein Boot bestiegen. Ein Jahr zuvor war Thorvalds Vater König Eurich (Mel Ferrer) von einer Reise gen Westen nicht zurückgekehrt. Ihm gilt die Suche. An Bord befinden sich auch Thorvalds zwölfjähriger Bruder Eric (Chuck Pierce, Sohn von Regisseur Charles B. Pierce) und der Hexenmeister, genannt Todesträumer (Jack Elam).

Die Nordmänner legen sich in die Ruder …

Die Männer erreichen die ferne Küste des heutigen Nordamerika, wo sie sogleich unliebsame Bekanntschaft mit den Ureinwohnern machen, die dem Wikinger Bjorn (Bill Lawler) mit Pfeil und Bogen den Garaus machen. Mit ihrem Drachenboot rudern und segeln die Nordmänner einen Fluss hinauf. Die nächste Begegnung mit dem Eingeborenen lässt nicht lange auf sich warten.

Im sonnigen Florida

Indianer gegen Wikinger – ein Culture Clash der besonderen Art, hier als unterhaltsamer folkloristischer Unfug inszeniert. Als Chronist der Reise fungiert der junge Eric, dessen Niederschrift wir gelegentlich als Stimme aus dem Off zu hören bekommen. Gedreht wurde im warmen Klima von Florida, was einige sonnige Panavision-Breitwandbilder mit sich bringt, die nicht recht dazu passen, dass die Wikinger tatsächlich viel weiter nördlich in Amerika an Land gegangen waren, vermutlich auf der windigen und rauen Insel Neufundland.

… und erreichen unter der Führung von Thorvald die fremde Küste

Dass Wikinger im Film gern mit Hörnerhelmen gezeigt werden, obwohl dies nicht den historischen Tatsachen entspricht, haken wir einfach ab (sie trugen sogenannte Vendelhelme oder Brillenhelme). Genauere Kenntnisse über nordische Krieger und amerikanische Ureinwohner, als ich sie habe, würden zweifellos weitere Ungenauigkeiten ans Licht befördern, aber belassen wir es bei einem Blick auf Lee Majors’ damals womöglich modischen Kurzhaarschnitt nebst akkurat gestutztem Oberlippenbart – der wirkt grob stümperhaft. Ob der Hauptdarsteller seinen Einfluss geltend machte, eher einem persönlichen Stylingberater folgen zu dürfen als Erkenntnissen über historische Haartrachten der Wikinger? Vielleicht war er zu eitel, um sich dem Frisurendiktat zu beugen, und sein dank der Erfolgsserie „Der sechs Millionen Dollar Mann“ (1974–1978) großer Starstatus erlaubte ihm dies. Majors’ Co-Star Cornel Wilde („Der Todesmutige“) trägt immerhin Rauschebart um die Illusion zu wahren, ebenso wie Mel Ferrer („Krieg und Frieden“) als König Eurich. Diese beiden ebenfalls namhaften Darsteller mühen sich redlich, können aber wenig retten. Western-Nebendarsteller-Ikone Jack Elam („Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“) ist in seiner Kutte völlig verschenkt, sein Hexenmeister Todesträumer darf ein paar Prophezeiungen zum Besten geben, die mehr schlecht als recht eintreffen, und den Falken aus dem deutschen Titelzusatz bei sich führen.

Eine Frau hilft den Wikingern

Charakterzeichnung ist Fehlanzeige, hier regiert die Schablone. Der Indianerhäuptling Kiwonga (Jerry Daniels) kommt als grinsender Fiesling daher, der aus Eifersucht auf grausame Ideen verfällt. Mit der aparten Squaw Winetta (Susie Coelho) tritt sogar eine starke Frau in Erscheinung, die den Nordmännern zu Hilfe eilt. Auch gekämpft wird immer mal wieder, und das stets in Zeitlupe, ein Effekt, der sich schnell abnutzt. Die Wikinger danken immer mal wieder ihrem obersten Gott Odin, wofür auch immer.

Dort müssen sie sogleich einen der Ihren betrauern

Regisseur und Drehbuchautor Charles B. Pierce agierte auch als Produzent, als Executive Producer standen ihm Hauptdarsteller Lee Majors und dessen damalige Ehefrau Farah Fawcett-Majors zur Seite, die damals die Produktionsfirma Fawcett-Majors Productions führten. Für die Haupt-Produktionsfirma AIP war deren Gründer Samuel Z. Arkoff als Associate Producer an Bord.

Vom Regisseur von „Der Umleger“

Pierce hat einen gewissen Status als unabhängiger Filmemacher der 70er- und 80er-Jahre. Sein Horrorthriller „Der Umleger“ (1976) hat Stil, wohingegen ich die Indianerwestern „Winterhawk“ (1975) und „Grauadler“ (1977) eher als bieder und oberflächlich empfunden habe. „The Norseman“ unterbietet das noch, erinnerte mich in seiner naiven Kostümierung und dem Herumgehampel fast schon an die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg, denen ich damit aber bitter Unrecht tue. So bleibt „Die Nordmänner – Im Angesicht des Falken“ ein kurioses Wikinger-Abenteuer, das nicht unbedingt motiviert, weitere Arbeiten aus Pierces Regisseurs-Filmografie anzutesten, obwohl einige es sicher verdient hätten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Charles B. Pierce haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jack Elam und Cornel Wilde unter Schauspieler.

Wikinger Ragnar kennt keine Furcht

Veröffentlichung: 9. April 2021 als DVD

Länge: 87 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Norseman
USA 1978
Regie: Charles B. Pierce
Drehbuch: Charles B. Pierce
Besetzung: Lee Majors, Cornel Wilde, Mel Ferrer, Jack Elam, Susie Coelho, Christopher Connelly, Jimmy Clem, Deacon Jones, Denny Miller, Fred Biletnikoff, Seamon Glass, Kathleen Freeman
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

 

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