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Zum 100. Geburtstag von Jack Elam: Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe – Unterstützt euren örtlichen Ordnungshüter!

13 Nov

Support Your Local Sheriff!

Von Volker Schönenberger

Westernkomödie // Er will doch nur nach Australien! Zumindest behauptet Jason McCullough (James Garner) das ständig, wenn er nach seinen Absichten gefragt wird oder wenn er meint, sein Reiseziel als Argument für irgendetwas heranziehen zu müssen. Um die für den Trip notwendigen Barmittel zu beschaffen, begibt er sich nach Calendar in Colorado, weil er gehört hat, dort sei Gold gefunden worden. In dem Örtchen herrschen – im Goldrausch nicht unüblich – Chaos und Anarchie, und die nicht gerade gesetzestreue Familie Danby unter dem Patriarchen Pa Danby (Walter Brennan) kontrolliert die Frachtrouten nach außerhalb und hat auch ansonsten viel zu sagen. Kaum eingetroffen, beobachtet McCullough, wie Joe Danby (Bruce Dern) im Saloon eiskalt einen Mann niederschießt. Geradezu nonchalant äußert er gegenüber dem Schützen, es sei Mord gewesen, und verlässt den Ort der Tat.

Vom Dorfdepp zum Hilfssheriff

Weil die ungeheure Teuerungsrate in Calendar den Plan der Geldbeschaffung in die Länge zu ziehen droht, nimmt McCullough den Job des Sheriffs an, den ihm der Bürgermeister Olly Perkins (Harry Morgan) und die Stadträte Henry Jackson (Henry Jones) und Fred Johnson (Walter Burke) andienen. Seine erste Amtshandlung: die Auflösung einer handfesten Massenkeilerei auf der schlammigen Hauptstraße von Calendar. Daran beteiligt ist auch des Bürgermeisters hitzköpfige Tochter Prudy Perkins (Joan Hackett) – bei ihr und ihrem Vater bekommt er als neuer Sheriff Kost und Logis. Kurzerhand rekrutiert McCullough zudem den Dorftrottel Jake (Jack Elam) als Hilfssheriff, und nötigt diesen, ihm bei der Verhaftung von Joe Danby zur Seite zu stehen. Das gelingt sogar ohne Blutvergießen, aber das neue Gefängnis des Orts stellt McCullough vor ein Problem: Es hat noch keine Gitter.

Vom Regisseur von „Die Gewaltigen“

Wie es dem Sheriff gelingt, den Delinquenten nicht nur in das gitterlose Gefängnis zu verfrachten, sondern ihn auch noch immer wieder an der Flucht zu hindern, gehört zu den vielen schreiend komischen Einfällen von „Support Your Local Sheriff!“, so der Originaltitel der Westernkomödie. Wohin die humorige Reise geht, wird gleich zu Beginn deutlich, wenn eine Beerdigung aus dem Ruder läuft, weil Prudy in der frisch ausgehobenen Grube Gold findet. Ganz wunderbar auch die Szene, in der sich McCullough aus verschiedenen ramponierten Sheriffsternen einen aussucht, der noch am akzeptabelsten aussieht, aber auch eine Delle von einer Revolverkugel aufweist: Auf seine Bemerkung, der Stern habe seinem Träger wohl das Leben gerettet, erwidert sein Gegenüber: Das hätte er wohl, wären die Kugeln in dem Moment nicht von allen Seiten gekommen. Der gesamte Film strotzt vor köstlichen Dialogen wie diesen. Wer ein Genre auf derart liebevolle Weise durch den Kakao ziehen kann, wie es in diesem Fall zu beobachten ist, muss es zum einen sehr gut kennen und zum anderen sehr schätzen. Beides lässt sich zweifellos für Burt Kennedy konstatieren, der zwar nicht zu den ganz großen Western-Regisseuren zählt, aber in seiner von 1961 bis 2000 währenden Karriere immer wieder annehmbare Genrebeiträge abgeliefert hat. Dabei drehte er auch mit großen Stars, etwa für „Nebraska“ (1965) mit Henry Fonda und Glenn Ford, „Die Rückkehr der glorreichen Sieben“ (1966) mit Yul Brynner, „Die Gewaltigen“ (1967) mit John Wayne und Kirk Douglas, „In einem Sattel mit dem Tod“ (1971) mit Ernest Borgnine, Christopher Lee, Robert Culp und Raquel Welch sowie „Dreckiges Gold“ (1973) mit Rod Taylor und erneut John Wayne.

„Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ erweist einigen Genreklassikern seine Reverenz. Eine städtische Versammlung erinnert sicher nicht zufällig an eine ebensolche Zusammenkunft in Fred Zinnemanns „12 Uhr mittags“ (1952). Und Walter Brennan verkörpert Pa Danby als wunderbare Parodie seiner Rolle des Patriarchen „Old Man“ Clanton im Wyatt-Earp-Film „Faustrecht der Prärie“ (1946) von John Ford.

Nachfolger: „Latigo“

Zwei Jahre nach „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ entstand mit „Latigo“ (1971) eine ganz ähnliche Westernkomödie, was kein Zufall war, da sich unter Cast und Crew diverse Beteiligte des Vorgängers befanden, darunter Regisseur Kennedy und Hauptdarsteller Garner. An den mitreißenden Schwung des Vorgängers kommt der Nachfolger, wie so oft, nicht heran, hat sich aber immerhin das Attribut launig verdient.

Jack Elam!

In beiden Filmen als skurriler Sidekick mit von der Partie: Jack Elam (1920–2003), der am 13. November 2020 100 Jahre alt geworden wäre. Seine markanten Gesichtszüge prädestinierten ihn für kauzige Rollen als Sonderling, oft verkörperte er Schurken. Sein schiefer Blick unter den buschigen Augenbrauen resultiert aus einer Auseinandersetzung mit zwölf Jahren: Bei einem Streit im Pfadfinderlager (!) stach ihm ein anderer Junge einen Bleistift ins Auge. Autsch! Fortan hatte er keinerlei Kontrolle mehr darüber, was das blinde Auge anstellte: It does whatever the hell it wants. Auch wenn ihn das rollentechnisch limitierte, konnte er am Ende seiner 1944 gestarteten Schauspieler-Laufbahn Mitte der 1990er-Jahre auf eine stattliche Zahl an Auftritten auf der großen Leinwand und im Fernsehen zurückblicken.

Unter Elams vielen Serien-Gastspielen: „Westlich von Santa Fe“, „Tausend Meilen Staub“ (Clint Eastwood!), „Have Gun – Will Travel“, „Lawman“, „Die Leute von der Shiloh Ranch“ und „Bonanza“. Im Kino spielte er an der Seite vieler Stars und unter großen Regisseuren, etwa mit Ernest Borgnine, Charles Bronson, Gary Cooper und Burt Lancaster in „Vera Cruz“ (1954) von Robert Aldrich, mit John Wayne in „Die Comancheros“ (1961) von Michael Curtiz, mit James Stewart unter anderem in „Rancho River“ (1966) von Andrew V. McLaglen und mit Kirk Douglas, Robert Mitchum und Richard Widmark in „Der Weg nach Westen“ (1967), ebenfalls von McLaglen. In „12 Uhr mittags“ absolvierte er 1952 eine kurze Einlage als Besoffener im Knast, für den er keine Abspann-Nennung erhielt. Einen seiner berühmtesten Auftritte stellt zweifelsohne sein kurzer Part als Revolverschwinger im Prolog von Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ dar, als er mit zwei Spießgesellen auf einen Zug wartet und sich die Zeit damit vertreibt, eine lästige Fliege zu beobachten und schließlich mit dem Lauf seiner Pistole zu fangen. Unmittelbar nach Eintreffen des Zuges rafft ihn eine Kugel aus dem Revolver von Charles Bronson dahin. Jack Elam starb am 20. Oktober 2003 im Alter von 82 Jahren in Oregon.

Jakes Schlussworte ans Publikum

Am Ende von „Support Your Local Sheriff!“ durchbricht Jake die vierte Wand und informiert uns, das Filmpublikum, darüber, was in der Folge aus dem Sheriff, Prudy Perkins und ihm selbst geworden ist. Ein Happy End, wie es im Buche steht – verzeiht mir diesen Spoiler, aber man kann es sich denken. Mehr Wohlfühlfilm als „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ kann ein Western kaum sein. Und das ist rein positiv gemeint.

Auf Blu-ray hat es „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ hierzulande noch nicht geschafft, in den USA offenbar ebenfalls nicht. Nur im Vereinigten Königreich wurde der Westernkomödie ein HD-Transfer zuteil. Da Black Hill Pictures immerhin von „Latigo“ 2018 eine deutsche Blu-ray veröffentlicht hat, besteht Hoffnung, dass sich dieses oder ein anderes Label auch des Vorgängers annimmt. Verdient hätte es „Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe“ allemal.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Burt Kennedy haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Walter Brennan, Bruce Dern, Jack Elam und James Garner haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 30. Oktober 2006 und 13. Juni 2008 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Französisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Rumänisch
Originaltitel: Support Your Local Sheriff!
USA 1969
Regie: Burt Kennedy
Drehbuch: William Bowers
Besetzung: James Garner, Joan Hackett, Walter Brennan, Harry Morgan, Jack Elam, Bruce Dern, Henry Jones, Willis Bouchey, Gene Evans, Walter Burke, Chubby Johnson, Kathleen Freeman
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: MGM / Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Packshots: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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