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Das Zeichen des Vampirs – Gute Horrorfilme brauchen keine Logik

24 Jan

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Mark of the Vampire

Von Ansgar Skulme

Horror // Ein mysteriöser Todesfall auf einem Schloss in der Tschechoslowakei: Sir Karel Borotyn wird tot an seinem Schreibtisch aufgefunden. Hinweise deuten auf das Einwirken von Vampiren hin. Inspektor Neumann (Lionel Atwill), extra aus Prag angereist, stößt bei dem Fall an seine Grenzen und bittet Professor Zelin (Lionel Barrymore) um Hilfe, einen ausgesprochenen Vampir-Fachmann. Bald tauchen schaurige Gestalten in der umliegenden Gegend auf, darunter ein Graf Mora (Bela Lugosi), der Graf Dracula wie ein Ei dem anderen gleicht …

Wie weit kann ein Plot gehen?

Stellt euch vor, Ihr seid Schauspieler in einem Film und als der Dreh fast abgeschlossen ist, kommt der Regisseur zu euch und legt offen, dass Ihr eigentlich eine ganz andere Rolle gespielt habt als Ihr dachtet und der Film mit einem entsprechenden Twist enden wird, den Ihr jetzt bitte schön noch drehen sollt. Ihr steht kurz entgeistert mit offenem Mund da, als Ihr plötzlich aus dem Off jemanden „Action!“ rufen hört – und weiter geht’s! So oder so ähnlich trug es sich am Set von „Das Zeichen des Vampirs“ zu, dessen Ende die Handlung des Films komplett auf den Kopf stellt und beinahe, wenn auch immerhin nicht gänzlich hoffnungslos in Widersprüche verstrickt.

Dem Vernehmen nach hielten die Schauspieler – nicht nur die, deren Rollen maßgeblich von dem Twist betroffen waren – wenig von dem Finale. Bemerkenswert jedoch: Trotzdem ist der Film auch bei wiederholtem Ansehen durchaus atmosphärisch und spannend, obwohl man nun weiß, wie alles enden wird und dass das alles keinen rechten Sinn ergibt. Horror scheint sich demnach vor allem über eine fesselnde Bildsprache sowie eine gruselige Tonkulisse zu definieren, die Story ist offenkundig eher sekundär. Zu danken ist das funktionierende Gesamtbild den schaurig in Szene gesetzten Studio-Kulissen und Tod Brownings gutem Gespür für die Einbindung von ungewöhnlichen Tieren – beispielsweise wurden eigens für den Dreh Riesenfledermäuse aus Südamerika importiert. Genannt sei vor allem auch Carroll Borland, die als Vampir-Dame Luna wahrhaftig wie ein wandelnder Leichnam erscheint und angeblich als Vorlage für die Figur Lily Munster aus der Serie „The Munsters“ (1964–1966) diente.

Wenn Carroll Borland über den Bildschirm spukt

Folgende Anekdote entspricht der Wahrheit: Ich erinnere mich gut, wie ich in jungen Jahren einmal des Nachts vor dem Fernseher eingeschlafen bin, und als ich wieder aufwachte, hatte bereits der nächste Film begonnen: Es war „Das Zeichen des Vampirs“ und just in dem Moment, als ich meine Augen öffnete, war auf dem Bildschirm eine Nahaufnahme von Carroll Borland zu sehen. Ich habe mich tatsächlich nur selten in meinem Leben so erschrocken, auch wenn ich heute natürlich herzhaft darüber lachen kann – und genau diese Begebenheit vergegenwärtigt mir bis heute immer wieder, was ich an Horrorfilmen des Classical Hollywood so mag. Da verzeihe ich dem Film auch gern sein absurdes Ende, das in seiner Dreistigkeit ohnehin schon wieder lustig ist.

Atwill mal anders

Nennenswert ist dieser Film auch, da Lionel Atwill hier zum ersten Mal bewies, dass er im Horrorgenre nicht nur als Verdächtiger oder Täter, sondern auch als ausgewiesener Verbrechensbekämpfer funktionierte. Atwill war der wahrscheinlich erste Horrorstar, der sich von vornherein nicht auf sein Image festnageln ließ. Während Bela Lugosi schon 1935 untrennbar mit seiner Rolle als Vampir verbunden war – wie unter anderem dieser Film samt des Trailers beweist, in dem der ewige Dracula mehr Dialog als im Film hat und sogar direkt mit dem Publikum spricht – und Boris Karloff gleichsam auf wortkarge Todesbringer festgelegt wurde, bewegte sich Atwill trittsicher auf beiden Seiten des Gesetzes, aber nie ins Übernatürliche. Und man nimmt ihm den Ermittler von Beginn an ab, hat nicht einen Moment einen Zweifel an seiner Integrität. Das ist angesichts seiner vorausgegangenen Horrorfilmrollen eine durchaus nennenswerte schauspielerische Leistung und im Zusammenspiel mit dem kauzig aufgelegten Lionel Barrymore zudem recht amüsant anzusehen.

Atwill war der schauspielerisch kompletteste, variantenreichste Horrorstar seiner Zeit, auch wenn er heute immer im Schatten von Lugosi und Karloff steht. Er spielte in „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ (1933) sogar eine durchaus ikonische Horrorfilmrolle, die mehr als ein Remake nach sich zog – man kann also noch nicht einmal behaupten, dass ihm die eine reißerische Rolle gefehlt habe, die ihn zur Legende machte, die für Lugosi Dracula und für Karloff Frankenstein war; jedoch war er wahrscheinlich zu wandlungsfähig und zu wenig daran interessiert, einen Horrorfilm nach dem anderen abzudrehen, um plakativ als Ikone des Genres angepriesen werden zu können. „Das Zeichen des Vampirs“ war Atwills letzter Auftritt in einem Horrofilm bis „Frankensteins Sohn“ (1939). Auch dort spielte er erneut eine positive Rolle und lieferte zudem das Vorbild für den Inspektor in Mel Brooks‘ „Frankenstein Junior“ (1974).

Wie Phönix aus der Asche

Überraschenderweise merkt man „Das Zeichen des Vampirs“ in seiner finalen Schnittfassung ästhetisch im Grunde nicht an, dass der Film bereits nach der ersten Preview um sage und schreibe ein Viertel gekürzt wurde – von 80 auf 60 Minuten. Es spricht für die Arbeit des Regisseurs, dass weder dieser Fakt noch der überraschende Twist am Ende die Gesamtwirkung des Streifens zunichtemachen. Und das obwohl die Kürzungen so knapp vor der letztendlichen Veröffentlichung erfolgten, dass sogar namentlich genannte Schauspieler im Film selbst nicht mehr zu sehen sind.

Normalerweise hätte ein Regisseur des Formats von Tod Browning in Hollywood ein Mitspracherecht bei solcherlei Entscheidungen gehabt, zumal er bereits „Um Mitternacht“ (1927) inszeniert hatte, der für „Das Zeichen des Vampirs“ als Vorlage diente. Jedoch war Brownings vorheriger Film „Freaks“ (1932) so heftig gefloppt, dass er seinen Bonus bereits verwirkt hatte: Wenn MGM entschied, dass der Film um 20 Minuten zu kürzen war, hatte dies zu geschehen. Was Browning jedoch verhinderte, war ein zweiter Twist, der das absurde Ende noch einmal auf den Kopf gestellt hätte. Offen gestanden hätte dieses Ende dem Film unter dem Strich aber zu mehr Glaubwürdigkeit verholfen, ohne dabei die notwendige Ironie zu verlieren. Schade, dass es nicht dazu kam!

Das alternative Ende

Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte jetzt schon zur Horror-Ausgabe von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ greifen und sich anderen Themen des klassischen Horrors widmen, denn nun wird das alternative Ende verraten: Eine Version sah vor, dass Professor Zelin, nachdem der Fall aufgeklärt wurde, ein Telegramm erhält, in dem sich die als Vampire engagierten Schauspieler dafür entschuldigen, ihren Zug verpasst zu haben. Sie sind demnach nie im Schloss angekommen und die im Film gezeigten Vampire wären somit doch echt gewesen.

Dieser erneute Twist hätte dem Werk durchaus zu Sinn verholfen, da somit erklärt worden wäre, warum sich die Vampire auch wie Vampire verhalten, wenn niemand sie sieht und warum sie fliegen können, obwohl sie schließlich als Schauspieler präsentiert werden, die nur zwecks der Überführung des Täters gebucht wurden. Da die Vampire im Film sowieso autonom zu agieren scheinen und nur beiläufig zur Lösung des Falls beitragen – hauptsächlich dadurch, dass sie den Täter in Angst und Schrecken versetzen, was aber auch bei echten Vampiren anstelle der von Zelin und Neumann engagierten Schauspieler der Fall gewesen wäre –, wäre dieses Ende noch nicht einmal sonderlich paradox gewesen.

Vampire oder Schauspieler?

Es hätte zudem den herrlich morbiden Beigeschmack hinterlassen, dass einige Figuren im Zuge der Aufklärung des Falls tatsächlich von Vampiren attackiert wurden, da der Professor und der Inspektor die Fledermauswesen für Schauspieler hielten. Somit hätten die Vampire ihren Blutdurst sogar unter Mithilfe der Polizei gestillt und wären am Ende ungestraft davongekommen – für Hollywood nach Einführung des Motion Picture Production Codes wahrscheinlich ein zu gemeines Ende. Es hätte allerdings lediglich eine Modifizierung des einzigen Dialogs von Bela Lugosi erfordert, mit dem er sich als Schauspieler outet und Carroll Borland dabei in der Maske „backstage“ ihre gespenstische Aura verloren hat – abgesehen davon würde dieses alternative Ende sich praktisch nahtlos an den Film fügen und hätte ihn cleverer gemacht.

Der Audiokommentar von Kim Newman & Stephen Jones, der sich auf Warners US-DVD in der „Hollywood Legends of Horror Collection“ findet, hält allerdings auch noch eine andere Erklärung für den Fakt parat, dass die Schauspieler sich auch wie Vampire verhalten, wenn niemand sie beobachtet: Sie könnten Method Actors im Geiste von Konstantin Stanislawski gewesen sein, die auch abseits ihres Auftritts in ihrer Rolle verbleiben. Da Stanislawskis Schauspiel-Methode bereits seit 1923 etabliert war, mag man sich mit diesem gelungenen Scherz, dass Lugosi und Borland im Film Anhänger seiner Lehren sind, sogar durchaus anfreunden können: Plötzlich ist die Handlung am Ende also doch logisch!

Bela Lugosi bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

White Zombie (1932)
Das Zeichen des Vampirs (1935)
Der Wolfsmensch (1941)
Der Leichendieb (1945)

Veröffentlichung (USA): 10. Oktober 2006 in der 3-DVD-Box „Hollywood Legends of Horror Collection“ (mit „Doctor X“, „The Return of Doctor X“, „Mad Love“, „The Devil Doll“, „The Mask of Fu Manchu“)

Länge: 60 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Englisch, Spanisch, Französisch
Originaltitel: Mark of the Vampire
USA 1935
Regie: Tod Browning
Drehbuch: Guy Endore & Bernard Schubert
Besetzung: Lionel Barrymore, Elizabeth Allan, Bela Lugosi, Lionel Atwill, Jean Hersholt, Donald Meek, Carroll Borland
Verleih: Metro-Goldwyn-Mayer
Vertrieb USA: Warner Home Video

Copyright 2015 by Ansgar Skulme
Packshot: © Warner Home Video

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