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Der Soldat von Oranien – Verhoevens Aufarbeitung der Niederlande im Krieg

12 Jun

Soldaat van Oranje

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Das niederländische Leiden im Jahr 1938: Erik Lanshof (Rutger Hauer) und andere Studenten unterziehen sich dem so ausschweifenden wie demütigenden Aufnahmeritual einer Bruderschaft. Dabei zieht deren Vorsitzender Guus LeJeune (Jeroen Krabbé) Erik eine Suppenterrine über den Kopf, sodass der Burschenschafts-Aspirant eine blutende Verletzung erleidet. Kurz darauf bietet Guus dem Verletzten großzügig an, in seiner angenehm ausgestatteten Studentenbude ein Zimmer zu beziehen. Als der Zweite Weltkrieg über die Niederlande hereinbricht, werden die Kommilitonen auf unterschiedliche Weise in das tragische Geschehen hereingezogen.

Verfilmung der Autobiografie von Erik Hazelhoff Roelfzema

Regisseur Paul Verhoeven studierte selbst an der Universität Leiden. Bei „Der Soldat von Oranien“ handelt es sich um eine Verfilmung des autobiografischen Romans „Het hol van de ratelslang“ von Erik Hazelhoff Roelfzema, der in der gleichen studentischen Burschenschaft Mitglied war wie später Verhoeven. Der Widerstandskämpfer Hazelhoff Roelfzema wirkte bei den Dreharbeiten als Berater mit. Er starb 2007.

„Der Soldat von Oranien“ entwirft kein großes Schlachtengemälde, sondern legt den Fokus auf die Studenten, ihre Motive, ihr Handeln, ihr Schicksal. Da ist der Jude Jan Weinberg (Huib Rooymans), der beim Versuch, geheime Dokumente nach Großbritannien zu bringen, von den Deutschen gefangen genommen wird. Der von einer deutschen Mutter abstammende Alex (Derek de Lint) hingegen schließt sich nach der Besetzung der Niederlande durch die Wehrmacht der Waffen-SS an.

Die niederländische Gesellschaft unter deutscher Knute

Der Regisseur zeichnet anhand seiner Protagonisten und ihrer unterschiedlichen Wege ein detailverliebtes Bild der niederländischen Gesellschaft in den schweren Zeiten der deutschen Besatzung. Freundschaft ist Thema, aber Verhoeven zeigt auch Kollaboration und Verrat, was er auch im 2006 entstandenen „Black Book“ aufgriff – beide Kriegsdramen waren zu ihrer Entstehungszeit die bis dato teuersten niederländischen Kinoproduktionen.

Im Vergleich sieht man beiden Filmen an, dass Paul Verhoeven mit „Black Book“ weitaus mehr Erfahrung auf dem Regiestuhl einbringen konnte – zwischen deren Entstehung liegen schließlich auch 30 Jahre. „Black Book“ wirkt durchkomponierter, während bei „Der Soldat von Oranien“ ein paar Mal der Eindruck von Stückwerk aufkommt. Das mag aber auch an Hin und Her mit verschiedenen Schnittfassungen gelegen haben. Obwohl mir „Black Book“ etwas besser gefallen hat, reiht sich der „on location“ gedrehte „Der Soldat von Oranien“ doch ebenfalls in die Phalanx großartiger und empfehlenswerter europäischer Kinoproduktionen über den Zweiten Weltkrieg ein.

Vierteilige Langfassung nur im Heimatland erschienen

Fürs niederländische Fernsehen entstand 1979 eine 207 Minuten lange Fassung als Vierteiler, die aber nur im Heimatland auf DVD erschienen ist. Die deutsche DVD mit der Kinofassung enthält viele nicht synchronisierte Szenen, die mit deutschen Untertiteln unterlegt sind. Sie ist im Handel vergriffen, auf dem Gebrauchtmarkt aber noch nicht allzu teuer zu finden. Dennoch wird es höchste Zeit für eine Neuauflage in HD – offenbar ist „Der Soldat von Oranien“ weltweit noch nirgendwo auf Blu-ray erschienen. Verdient hat das beeindruckende Kriegsdrama es allemal.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Paul Verhoeven sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Rutger Hauer in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 6. November 2008 als DVD, 10. Mai 2007 als Teil der „Paul Verhoeven Klassiker Edition“ (4 DVDs, mit „Türkische Früchte“, Das Mädchen Keetje Tippel“ und „Der vierte Mann“)

Länge: 147 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine (niederländische Passagen deutsch untertitelt)
Originaltitel: Soldaat van Oranje
Alternativtitel: Soldiers
Internationaler Titel: Soldier of Orange
NL/BEL 1977
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: Kees Holierhoek, Gerard Soeteman, Paul Verhoeven, nach einer Vorlage von Erik Hazelhoff Roelfzema
Besetzung: Rutger Hauer, Jeroen Krabbé, Susan Penhaligon, Edward Fox, Lex van Delden, Derek de Lint, Huib Rooymans, Dolf de Vries, Eddy Habbema, Peter Faber
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Paul Verhoeven, Originaltrailer
Vertrieb: EuroVideo

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2008 EuroVideo

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