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Horror für Halloween (XXXIV): Dellamorte Dellamore – Romantische Zombiemär von Liebe, Sex und Tod

29 Okt

Dellamorte Dellamore

Von Volker Schönenberger

Horror // Als Francesco Dellamorte (Rupert Everett) nur mit dem Handtuch bekleidet ans Telefon geht, klopft es an der Tür. Ein Mann mit arg grauem Gesicht begehrt Einlass – und erhält von Francesco umgehend eine Kugel in den Kopf. Der Blick aus der Tür heraus enthüllt, dass wir uns auf einem Friedhof befinden – dem der kleinen italienischen Stadt Buffalora. Mit seinem Gehilfen Gnaghi (François Hadji-Lazaro) macht sich Francesco daran, den Toten zu begraben – offenbar zum zweiten Mal. Hinter seinem Rücken öffnet sich plötzlich das Erdreich, und ein zweiter Toter platzt aus dem Boden, weniger tot, als er an sich sein sollte. Ein Spaten leistet Abhilfe, und dank Francescos Stimme aus dem Off erfahren wir nun auch, was es mit diesem Friedhof auf sich hat: Aus ungeklärten Gründen stehen die dort Begrabenen innerhalb von sieben Nächten wieder von den Toten auf. Franceso nennt die Untoten Wiederkehrer; als Friedhofswächter gehört es zu seinen Aufgaben, ihnen endgültig die ewige Ruhe zu bescheren. Das geschieht erfolgreich, indem er ihnen den Schädel zertrümmert.

Friedhofswächter Francesco Dellamorte …

„Dellamorte Dellamore“ durchlief seinerzeit einige Festivals, darunter das Toronto International Film Festival 1994 sowie 1996 das portugiesische Fantasporto und das deutsche Fantasy Filmfest, wo ich ihn in Hamburg zum ersten Mal sah. Schon damals erschloss sich mir sofort, dass es sich dabei um einen außergewöhnlichen Beitrag zum Zombiegenre handelte. Obwohl das Grundgerüst mit den üblichen Bestandteilen des modernen Untotenfilms aufwartet – Verstorbene kehren aus ihren Gräbern zurück, um hungrig über die Lebenden herzufallen, und können nur durch die Vernichtung des Gehirns endgültig ausgeschaltet werden –, hat „Dellamorte Dellamore“ doch viel mehr vorzuweisen und steht dabei dem Arthauskino viel näher als dem Trashfilm.

Der Friedhofswächter und die schöne Witwe

Bei einer Beerdigung eines Greises verliebt sich Francesco Hals über Kopf in dessen schöne junge Witwe (Anna Falchi). Nach einem ersten unbeholfenen und nicht von Erfolg gekrönten Annäherungsversuch seinerseits gibt sie sich dem Friedhofswächter doch hin – Beginn einer fatalen Amour fou. Liebe, Sex und Tod gehen hier eine so romantische wie bizarre Melange ein, die mit schwarzem Humor gespickt ist.

… muss mit lebenden Toten fertigwerden …

Zwischen Francesco und der Witwe Maria sprühen die Funken, die knisternde Erotik weicht bald knackigem Sex auf dem Friedhof. Rupert Everett („Die Hochzeit meines besten Freundes“) und Anna Falchi („Die falsche Prinzessin“) geben ein schönes Paar ab, auch wenn die Beziehung der von ihnen verkörperten Figuren unter keinem guten Stern steht. Francesco ist ein Eigenbrötler auf Sinnsuche. Mit seinem Gehilfen kann er nicht viel anfangen – Gnaghi ist geistig zurückgeblieben. Ansonsten pflegt er nur noch zu einer Person Kontakt: seinem Freund Franco, mit dem er gelegentlich telefoniert.

Es splattert

Romantik hin oder her – „Dellamorte Dellamore“ wartet auch mit handfesten Splattereinlagen auf. Als an einer serpentinenreichen Bergstraße einige übermütige Motorradfahrer und ein mit Pfadfindern vollbesetzter Reisebus aufeinanderprallen, gibt es für Francesco und Gnaghi wenige Tage nach der Beisetzung der Opfer alle Hände voll zu tun.

… und verliebt sich in eine trauernde Witwe

Diverse skurrile Ideen tun ein Übriges, das Publikum von „Dellamorte Dellamore“ in Verwirrung zu stürzen. Gevatter Tod persönlich gibt Francesco ein paar Denkanstöße mit auf den Weg, die dieser umgehend in die Tat umsetzt. Dann ist da noch eine – ebenfalls zum Scheitern verurteilte – Liebe zu einem sprechenden Kopf. Und wenn sich zum Finale ein Abgrund auftut, fragt man sich als Zuschauer endgültig, in welche Gedankenwelt man sich da begeben hat. Sind Francesco und Gnaghi am Ende nur zwei reglose Figuren in einer Schneekugel?

Einem kurzen Moment erotischer Glückseligkeit …

Regisseur Michele Soavi arbeitete als Regieassistent für so klangvolle Namen des italienischen Horrorkinos wie Dario Argento, Lamberto Bava und Joe D’Amato, später auch als „Second Unit Director“ für Terry Gilliams „Brothers Grimm“ (2005) mit Matt Damon und Heath Ledger. Schon seine vorherigen, ebenfalls sehenswerten Regiearbeiten „Aquarius – Theater des Todes“ („Deliria“, 1987), „The Church“ („La chiesa“, 1989) und „The Sect“ („La setta“, 1991) zeigen, wie sehr ihn speziell Argento und Bava inspiriert haben. Mit „Dellamorte Dellamore“ hat Soavi bewiesen, dass ihn seine Einflüsse zu einer ganz eigenen Ästhetik inspiriert haben, die Elemente des Film noir verarbeitet und sogar die bildende Kunst zitiert.

Komödienelemente und Romantik

Obwohl der Humor immer wieder deutlich durchscheint, habe ich darauf verzichtet, als Genre „Horrorkomödie“ auszuwählen. Zwar kann man „Dellamorte Dellamore“ durchaus im Fahrwasser der zwei Jahre zuvor entstandenen „Braindead“ von Peter Jackson und „Armee der Finsternis“ von Sam Raimi verorten, ohne dem Film Unrecht zu tun, aber er ist doch deutlich poetischer und romantischer angelegt als die beiden genannten Komödien, die an Irrwitz kaum zu überbieten sind.

… folgt das böse Erwachen

An deutschen Uncut-Veröffentlichungen mangelt es nicht, auch wenn die Titel variieren: „Cemetery Man“ und „Zombie Graveyard“ sind im Handel zu finden. Schönste Edition ist sicher das 3-Disc-Mediabook aus dem Hause 84 Entertainment mit der Sexszene auf dem Cover, das allerdings seit geraumer Zeit vergriffen und auf dem Sammlermarkt nur zu teuren Preisen zu erhalten ist. Wer Zombiefilme mag und „Dellamorte Dellamore“ noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen. Herausragend!

Wo die Liebe hinfällt

Veröffentlichung: 8. August 2016 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray 3D & Blu-ray), 31. Oktober 2014 als Blu-ray unter dem Titel „Cemetery Man“, 28. März 2014 als 3-Disc Ultimate Edition (Blu-ray 3D, Blu-ray & DVD), 13. Dezember 2013 als Blu-ray, 18. Mai 2012 als geschnittene DVD unter dem Titel „Zombie Graveyard“

Der Tod macht seine Aufwartung

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch (nur DVD)
Originaltitel: Dellamorte Dellamore
Internationaler Titel: Cemetery Man
Alternativer deutscher Titel: Zombie Graveyard
IT/F/D 1994
Regie: Michele Soavi
Drehbuch: Gianni Romoli, nach einem Roman von Tiziano Sclavi
Besetzung: Rupert Everett, François Hadji-Lazaro, Anna Falchi, Mickey Knox, Fabiana Formica, Barbara Cupisti, Anton Alexander
Zusatzmaterial Mediabook: Making-of (25 Min.), Originaltrailer, deutscher Trailer, Hintergrundinformationen, Bildergalerie, Poster mit Alternativmotiv auf der Rückseite, 12-seitiges Booklet, (34 Tracks auf DVD, 73 Min.)
Vertrieb: 8 Films, 84 Entertainment, Intergroove / TB Splatter Productions, Clipper Entertainment / Marketing / Laser Paradise

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 84 Entertainment, Intergroove / TB Splatter Productions

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