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Delta Force – Aber wenn es doch Spaß macht?!

21 Sep

The Delta Force

Von Volker Schönenberger

Action // In der iranischen Wüste 200 Meilen südöstlich von Teheran explodiert am frühen Morgen des 25. April 1980 ein am Boden stehender Militärhubschrauber. US-Soldaten stürmen auf zwei wartende Flugzeuge zu. Captain Scott McCoy (Chuck Norris) rettet noch einen eingeklemmten Kameraden, dann heben die Flugzeuge ab. Die von Colonel Nick Alexander (Lee Marvin) geführte Operation Eagle Claw der Spezialeinheit Delta Force zur Befreiung der Geiseln von Teheran ist katastrophal missglückt: Die Delta Force hat acht Tote und 13 Verwundete zu beklagen. McCoy stinkt es, dass Politiker und vorgesetzte Mitglieder des Generalstabs den derart riskanten Einsatz befohlen haben, und kündigt an, die Delta Force zu verlassen.

Terroristen im Flugzeug

Zeitsprung: Im Flughafen von Athen bereiten sich Besatzung und Passagiere des aus Kairo kommenden Flugs 282 am 19. Juli 1985 auf den Weiterflug der American Travelways Airlines nach Rom und New York City vor. Doch die Maschine wird nicht in Rom eintreffen: Ein Arbeiter betritt eine der Toiletten der Boeing 707 und versteckt dort Handfeuerwaffen und Handgranaten. Libanesische Terroristen unter der Führung von Abdul (Robert Forster) entführen das Flugzeug. Kapitän Campbell (Bo Svenson) erhält Anweisung, nach Beirut zu fliegen. General Woodbridge (Robert Vaughn) informiert seine beigeordneten Offiziere im Pentagon darüber, der US-Präsident habe als Reaktion darauf angeordnet, die Delta Force in die Region zu entsenden. Colonel Alexander und seinen Männern steht ein brandgefährlicher Einsatz bevor. In letzter Sekunde stößt auch McCoy dazu, der seine Ex-Kameraden nicht im Stich lassen will. Alexander informiert ihn noch kurz, McCoy sei zum Major befördert worden, dann hebt das Flugzeug ab.

Vier Oscar-Preisträger in einer Cannon-Produktion

Potztausend, da haben die Produzenten Yoram Globus und Menahem Golan des berüchtigten Studios Cannon Films und von Golan-Globus Productions eine illustre Darstellerriege für ihr Action-Spektakel verpflichtet. Mit Chuck Norris kann man in einer solchen Produktion natürlich rechnen, auch Steve James („American Fighter“) als Delta-Foce-Soldat gehört zu den üblichen Verdächtigen. Oscar-Preisträger Lee Marvin („Cat Ballou – Hängen sollst du in Wyoming“) war sich für handfeste Action nie zu schade; „Delta Force“ wurde sein letzter Film – er starb im August 1987 im Alter von 63 Jahren. Unter den Passagieren des entführten Flugzeugs finden sich mit Shelley Winters („Das Tagebuch der Anne Frank“, „Träumende Lippen“), Martin Balsam („Tausend Clowns“) und George Kennedy („Der Unbeugsame“) drei weitere Oscar-Preisträger.

Als Stewardess Ingrid ist Fassbinder-Darstellerin und Silberner-Bär-Preisträgerin Hanna Schygulla („Die Ehe der Maria Braun“) zu sehen. Ohne Credits als Delta-Force-Mitglieder (schwer zu entdecken) noch: Kevin Dillon („Entourage“, „Platoon“) und Liam Neeson („Taken“-Reihe, „Tatsächlich … Liebe“).

Highlight des 80er-Actionkinos

Kurzes Vorweg-Fazit: „Delta Force“ ist großartig und lässt sich auch heute noch mit großem Vergnügen schauen, gehört meines Erachtens zur Speerspitze der launig produzierten Actionkrawallfilme der 80er. Um eine differenzierte Darstellung der in diesen Filmen skizzierten politischen Gemengelage scherte sich Cannon Films in der Regel nicht, so auch hier. Umso bemerkenswerter, dass in „Delta Force“ doch kurze, mal subtile, mal plakative Hinweise zu finden sind, die einigen Figuren mehr Profil verleihen als üblich. Da ist die Stewardess Ingrid, die es als Deutsche nicht hinnehmen will, dass die Entführer die Juden unter den Passagieren herauspicken wollen, weil sie dies mit den Selektionen in den Konzentrationslagern der Nazis verbindet. Einer der Entführer erzählt einem kleinen Mädchen unter den Geiseln, er habe auch einmal eine Tochter ihres Alters gehabt. Später berichtet er Ingrid, sie sei von amerikanischen Bomben getötet worden. Und wenn einer der Entführer seinen Geiseln eine Selbstmordmission „Eines Tages“ in den USA ankündigt, hat das geradezu prophetischen Charakter.

Das sind natürlich nur kleine Details, der Fokus liegt eindeutig auf: Action! Und die wird mit Schießereien, Verfolgungsjagden, Explosionen und anderem reichlich geboten – handgemacht, wie es im Zeitalter vor der Übernahme durch die Computer üblich war und Freunde des 80er-Radaus frohlocken lässt. So auch mich.

Synthie-Score von Alan Silvestri

Den Soundtrack schuf Alan Silvestri – seit Anfang der 70er und bis heute als Filmkomponist tätig und gern gebucht, 1995 für seinen Score zu „Forrest Gump“ und 2005 für den Filmsong „Believe“ aus „Polar Express“ jeweils für Golden Globe und Oscar nominiert. Für die Action-Sequenzen lieferte er die seinerzeit üblichen kernigen Synthie-Klänge – passt schon. Ein paar ruhige Sequenzen untermalte er trefflich, darunter die, in der Ingrid im Flugzeug die jüdischen Männer unter den Geiseln aufruft, um sie von den anderen zu trennen. Aufgrund von Silvestris Musikstück „The Selection“ gerät diese Szene denkbar intensiv. Mit Orchester wäre der Soundtrack womöglich noch gewaltiger ausgefallen, aber das gab Silvestris Honorar nicht her.

Die Entführung des TWA-Flugs 847

Der Film basiert in Grundzügen auf der Entführung des Flugs 847 der Trans World Airlines im Juni 1985. Einige Details der wahren Begebenheit wurden abgebildet, bei anderen Aspekten nahm sich Regisseur Menahem Golan Freiheiten. Zu einer Kommando-Aktion der Delta Force kam es beispielsweise nicht, sondern die Geiseln wurden freigelassen. Insofern mag das Schicksal von Flug 847 eher als Inspiration für die Story gedient haben. Als Vorlage für die Befreiungsaktion der Geiseln im Flugzeug diente die Operation Entebbe in Uganda durch israelische Sicherheitskräfte im Juli 1976.

Dreharbeiten in Israel

Gedreht wurde größenteils in Israel, einige Szenen entstanden sogar auf den Flughäfen von Athen und Tel Aviv. Ursprünglich sollte der Film offenbar die oben erwähnte, als „Operation Eagle Claw“ benannte Geiselbefreiungs-Mission von Teheran nachstellen, sie aber als Erfolg inszenieren. Charles Beckwith, der als Berater engagierte Gründer und ursprüngliche Kommandant der Delta Force, war davon überhaupt nicht angetan und warf die Brocken hin.

Zwei Sequels

Aufgrund des großen Erfolgs entstanden zwei Fortsetzungen: Chuck Norris’ jüngerer Bruder Aaron brachte als Regisseur 1990 „Delta Force 2 – The Columbian Connection“ in die Kinos, erneut mit Chuck in der Rolle des Scott McCoy. „Delta Force 3 – The Killing Game“ (1991) hingegen fand ohne Norris-Beteiligung statt. Beide dürften dem Erstling kaum das Wasser reichen können, aber da ich sie nie gesehen habe, spare ich mir weitere Kommentare zu ihnen.

Runter vom Index

Wie so viele gewalthaltige Filme der 70er und 80er landete auch „Delta Force“ auf dem Index der Bundesprüfstelle, zuletzt sogar noch 2004 die in jenem Jahr erschienene Uncut-DVD (siehe meinen eigenen Packshot oben). Aber wie das seit einigen Jahren vermehrt zu beobachten ist: 2011 erfolgte die Listenstreichung, woraufhin die FSK den Film sogar als älteren Jugendlichen zumutbar einstufte und ab 16 Jahren freigab – völlig zu Recht. Beim Kauf ist aber Vorsicht geboten: Dem Vernehmen nach kursiert auch eine gekürzte FSK-16-DVD des Labels MCP. Die Veröffentlichungen von MGM / Twentieth Century Fox hingegen sind zensurtechnisch unbedenklich. NSM Records hat in Österreich 2016 auch Mediabooks mit Blu-ray und DVD veröffentlicht. Weshalb nicht in Deutschland, ist mir nicht bekannt, weil der Film da ja schon nicht mehr indiziert war, aber die Editionen sind mittlerweile meines Wissens ohnehin bereits vergriffen. Das Mediabook mit dem ersten und dem zweiten Teil ist aktuell im Handel noch zu finden.

Nicht verschweigen will ich die teils vernichtenden Kritiken, die „Delta Force“ teilweise einheimste, wobei ausgerechnet Kritiker-Guru Roger Ebert von der Chicaco Sun Times lobende Worte fand: Er schrieb von einem gut gemachten Actionfilm, der mit seinen Parallelen zum wahren Leben reize. Das dem Exploitationkino ja oft skeptisch gegenüberstehende Lexikon des internationalen Films urteilte: Klischeehafter, dilettantischer Action-Reißer mit vorgeschobener moralischer Botschaft, der mit politischen Verzerrungen, Feindklischees und Racheinstinkten operiert. Dilettantismus vermag ich nicht zu erkennen, dem Rest kann ich zustimmen, aber, verdammt noch mal: Der Streifen macht einfach Spaß! Die Cinema schließlich schrieb: Nationalistische Rachefantasie … War es das? Das wissen wohl nur die Produzenten Yoram Globus und Menahem Golan. So oder so: „Delta Force“ ist einer dieser Filme, bei denen man das Kino damals breitbeiniger verließ, als man es betreten hatte. Mission erfüllt.

Die Reihe „Action Cult Uncut“ von Twentieth Century Fox Home Entertainment haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Shelley Winters sind unter Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Martin Balsam, Kevin Dillon, George Kennedy, Lee Marvin, Liam Neeson und Chuck Norris in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 29. Juni 2018 als Blu-ray und DVD, 4. Oktober 2013 als Blu-ray in der „Chuck Norris Collection“ (mit „Cusack – Der Schweigsame“, „McQuade, der Wolf“ & „Missing in Action“), 28. Juni 2013 als Blu-ray und DVD, 25. Januar 2012 als DVD (Action Cult Uncut), 30. März 2004 und 16. Juli 2001 als DVD

Länge: 129 Min. (Blu-ray), 124 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: unterschiedlich
Originaltitel: The Delta Force
USA/ISR 1986
Regie: Menahem Golan
Drehbuch: James Bruner, Menahem Golan
Besetzung: Chuck Norris, Lee Marvin, Martin Balsam, Joey Bishop, Robert Forster, George Kennedy, Shelley Winters, Hanna Schygulla, Susan Strasberg, Bo Svenson, Robert Vaughn, Lainie Kazan, William Wallace, Charles Grant, Steve James, Kevin Dillon, Liam Neeson
Zusatzmaterial: diverses
Label/Vertrieb 2018: NSM Records
Label/Vertrieb früher: MGM / Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Packshot: © NSM Records bzw. Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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