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Horror für Halloween (XIV): Schlafwandler – „Ich sehe tote Katzen!“

03 Okt

Sleepwalkers

Von Volker Schönenberger

Horror // Gemäß der 1884 erstveröffentlichten „Chillicoathe Encyclopaedia of Arcane Knowledge“ handelt es sich beim „Sleepwalker“ um einen nomadisch lebenden Gestaltwandler, der seinen Ursprung bei Menschen und Katzen hat. Er kann durch Kratzer von Katzen schwer verletzt oder getötet werden und nährt sich von der Lebenskraft von Jungfrauen. So erfahren wir es zumindest von einer Texteinblendung zu Beginn des Films – die genannte Enzyklopädie sucht man im wahren Leben vergeblich.

Mutter und Sohn sind entfleucht

Zur Handlung: Im kalifornischen Küstenörtchen Bodega Bay werden eine Mutter und ihr Sohn vermisst. Die Polizisten entdecken nicht nur zahlreiche getötete Katzen auf deren Grundstück, im Haus finden sie auch die Leiche eines jungen Mädchens mit grausig verzerrtem Gesicht.

Noch ahnt Tanya (l.) nicht, dass sie als Beute ins Visier der Bradys geraten ist

Die Vermissten sind in ihrem blauen Pontiac Firebird Trans Am nach Travis in Indiana abgehauen. Mary Brady (Alice Krige, „Star Trek – Der erste Kontakt“) hat umgehend Bärenfallen gegen die Katzen rund um ihr neues Domizil aufgestellt, ihr Sohn Charles (Brian Krause, „Charmed“) hat sich im Jahrbuch der örtlichen Schule mit Tanya Robertson (Mädchen Amick, „Twin Peaks“) sogleich ein Mädchen ausgeguckt. Wofür auch immer – mit seiner Mutter pflegt er eine inzestuöse Beziehung.

Der Lehrer mal wieder

Für ihr neues Dasein haben sich die Bradys eine Biografie ausgedacht, derzufolge sie aus Ohio hergezogen sind. Charles’ Lehrer Mr. Fallows (Glenn Shadix) findet den Betrug zügig heraus und bedrängt seinen Schüler auf offener Landstraße sexuell. Das bekommt dem Pauker alles andere als gut. Weil der junge Mann mit seinem Sportwagen gern die Geschwindigkeitsbegrenzung ignoriert, gerät er ins Visier des Polizisten Andy Simpson (Dan Martin). Tanya hingegen ist ganz angetan von ihrem neuen Mitschüler.

Doch sie weiß sich zu wehren

Katzenfreunde werden sich womöglich mit Grausen abwenden: Im Film sind außer etlichen lebenden auch zahlreiche tote Katzen zu sehen, einer wird sogar quasi live der Hals umgedreht. Für die eingangs erwähnte Szene mit den vielen toten Katzen auf dem Grundstück wurden nicht nur Modelle verwendet, sondern tatsächliche Katzenkadaver, die ein Tierpräparator zur Verfügung stellte – von der Stadtreinigung von Los Angeles tot aufgefundene Tiere.

Originaldrehbuch von Stephen King

Bei „Schlafwandler“ handelt es sich um die erste Verfilmung eines Originaldrehbuchs von Stephen King, nicht um eine Umsetzung einer seiner veröffentlichten Erzählungen. Ob er das Skript anhand einer unveröffentlichten Story verfasste, wie es einige Internetquellen behaupten, konnte ich nicht verifizieren. Jedenfalls bedient sich der Horror-Großmeister bei der Grundidee recht unverhohlen bei Jacques Tourneurs Klassiker „Katzenmenschen“ (1942) und dessen 1982er-Remake von Paul Schrader. Irgendwie fehlt mir bei „Schlafwandler“ aber jedweder Spannungsbogen. Ich habe kein Problem damit, das Geheimnis der Bradys von Anfang an zu kennen. Aber für die Eskalation des Szenarios hätte ich mir einen dramaturgischen Aufbau gewünscht, den ich hier komplett vermisse. Irgendwann legt Charles eben mit dem Töten los. Weder baute sich das vorher auf noch geschieht es aus heiterem Himmel auf schockierende Weise. Achselzuckend nimmt man es hin – so zumindest ging es mir. Ob King in puncto Spannungsaufbau besser bei der Belletristik aufgehoben ist als beim Drehbuchschreiben für einen Anderthalbstünder?

Eine Mutter bangt um ihren Sohn

Die Tricks sind grundsätzlich ganz in Ordnung, leiden aber sehr darunter, dass die ins Katzenhafte verzerrten Fratzen des Mutter-Sohn-Gespanns eher albern wirken. Da gefällt mir die etwas reptilienartige Urform der Kreaturen schon besser. Ein paar skurrile Einfälle garnieren das Ganze, etwa die Fähigkeit der Bradys, nicht nur sich selbst, sondern sogar ihr Auto unsichtbar zu machen. Charles kann sogar aus seinem blauen Trans Am einen roten Ford Mustang machen. Seltsam? Aber so steht’s geschrieben … Freunde blutigen Splatters kommen immerhin auf ihre Kosten, weshalb „Schlafwandler“ 1993 dann auch von der Bundesprüfstelle indiziert wurde. Turnusmäßig ein Vierteljahrhundert später folgte 2018 die Listenstreichung, ein Jahr später vergab die FSK sogar eine Altersfreigabe ab 16 Jahre.

Von wegen „Ready or Not“

Beim Score musste ich stutzen: Ist das nicht „Ready or Not“? Der Song ist doch jünger als der Film?! Tatsächlich hören wir „Boadicea“ von Enya, von dem die Fugees 1996 ein Sample für ihren Superhit verwendeten. Wieder was gelernt.

Die Metamorphose ist vollzogen

Cameos über Cameos! Mark Hamill („Star Wars“) in der Eingangsszene in Bodega Bay entdeckt man noch recht einfach. Auch Stephen King persönlich ließ es sich einmal mehr nicht nehmen, einen Gastauftritt hinzulegen. Und sogar die Horrorregie-Größen Clive Barker („Hellraiser – Das Tor zur Hölle“), Joe Dante („Piranhas“), Tobe Hooper („Blutgericht in Texas“) und John Landis („American Werewolf“) geben sich die Ehre. In einer Nebenrolle als Ordnungshüter ist obendrein Ron „Hellboy“ Perlman zu sehen. Der war zwar Anfang der 1990er noch kein so großer Star wie nach der Jahrtausendwende, hatte aber immerhin schon für die TV-Serie „Die Schöne und das Biest“ (1987–1990) einen Golden Globe erhalten und zuvor mit „Am Anfang war das Feuer“ (1981) und „Der Name der Rose“ (1986) auf sich aufmerksam gemacht.

Erste Kooperation von Mick Garris und Stephen King

„Schlafwandler“ markierte 1992 den Auftakt einer ganzen Reihe von Stephen-King-Verfilmungen des kalifornischen Regisseurs (und Autors) Mick Garris. Es folgten unter anderem die Miniserien „Stephen Kings The Stand – Das letzte Gefecht“ (1994) und „The Shining“ (1997) sowie „Riding the Bullet“ (2004) und „Stephen Kings Desperation“ (2006). Seine Entstehung Anfang der 1990er sieht man „Schlafwandler“ jederzeit an – die 80er mit ihrem recht eigentümlichen Stil bei Klamotten und Frisuren schimmern noch durch. „Schlafwandler“ wirkt dadurch nicht unbedingt gut gealtert (obwohl viele optisch klar in den 80ern stehende Horrorfilme auch heute noch hervorragend aussehen). Bei Kritik und Fans kam der Streifen zu Recht nicht unbedingt prachtvoll weg, er scheint aber im Lauf der Jahre seine Freunde gefunden zu haben. So erklärt sich zumindest zumindest die Veröffentlichungsflut an teuren limitierten Editionen, zum Teil sogar mit Büste, die seit 2019 hierzulande veröffentlicht worden sind. Ich gestehe: Mir reicht die einmalige Sichtung der DVD.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen sind in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet, Filme mit Ron Perlman unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 12. März 2020 als Ultimate Collector’s Fan Edition 2-Disc Mediabook (Blu-ray & DVD, mit Büste), Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD, 26. Juli 2019 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 4 Covervarianten à 444, 555, 333 & 222 Exemplare, Cover D mit Büste)

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 86 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Sleepwalkers
USA 1992
Regie: Mick Garris
Drehbuch: Stephen King
Besetzung: Brian Krause, Mädchen Amick, Alice Krige, Jim Haynie, Cindy Pickett, Ron Perlman, Lyman Ward, Dan Martin, Glenn Shadix, Cynthia Garris, Monty Bane, John Landis, Joe Dante, Stephen King, Clive Barker, Tobe Hooper, Frank Novak, Rusty Schwimmer
Zusatzmaterial: TV-Spots, Trailer, nur Ultimate Collector’s Fan Edition: handbemalte Büste mit Limitierungs-Zertifikat
Label/Vertrieb 2020: Sony Pictures Entertainment
Label/Vertrieb 2019: Nameless Media

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © Sony Pictures Entertainment / Nameless Media

 

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