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Wiegenlied für eine Leiche – Klassisches Hollywood mit klassischen Diven

01 Jul

Wiegenlied_fuer_eine_Leiche-Packshot

Hush…Hush, Sweet Charlotte

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Herzlichen Glückwunsch, Olivia de Havilland! Die in Paris lebende Hollywood-Diva feiert heute ihren 100. Geburtstag. Zwei Oscars erhielt die am 1. Juli 1916 in Tokio geborene Schauspielerin im Lauf ihrer großen Karriere: jeweils für ihre Hauptrollen in Mitchell Leisens „Mutterherz“ (1946) und in William Wylers „Die Erbin“ (1949) mit Montgomery Clift. Drei weitere Oscar-Nominierungen stehen zu Buche, darunter für ihre Nebenrolle in „Vom Winde verweht“ (1939). Mehrfach spielte sie unter Regisseur Michael Curtiz an der Seite von Errol Flynn, etwa in „Unter Piratenflagge“ (1935), „Die Abenteuer des Robin Hood“ (1938) und „Herr des Wilden Westens“ (1939).

Mit diesen eher eindimensionalen Rollen als junge Schönheit wurde Olivia de Havilland zum Star, ins dramatische Fach wechselte sie erst nach und nach, wovon auch die beiden Oscars in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre zeugen. In „Wiegenlied für eine Leiche“ von 1964 spielt sie gar eine durchtriebene und absolut bösartige Figur: Miriam Deering, die ihre Cousine Charlotte Hollis (Bette Davis) in den Wahnsinn treiben will, um an ihr Vermögen zu gelangen.

Der Geliebte wird ermordet

Der Prolog spielt im Jahr 1927: Die junge Charlotte will mit ihrem Liebhaber John Mayhew (frühe Rolle für Bruce Dern, „The Hateful Eight“, „Lautlos im Weltraum“) durchbrennen, doch ihr alleinerziehender Vater Big Sam Hollis (Victor Buono) nötigt den verheirateten John, der jungen Frau abzuschwören. Während eines Festes auf dem Anwesen der Hollis‘ wird John auf brutale Weise mit einem Fleischerbeil ermordet. Charlotte, mit Blut auf dem Kleid angetroffen, gilt als Hauptverdächtige, doch ihrem Vater gelingt es offenbar, den Fall zu vertuschen.

Die Handlung springt in die 60er-Jahre: Ein Jahr nach der Bluttat war Big Sam gestorben, seitdem lebt Charlotte zurückgezogen in der großen Villa und ist Bestandteil von Gruselgeschichten und Mutproben der örtlichen Jugend. Die Enteignung ihres Grundes zum Zweck des Straßenbaus ignoriert sie, vertreibt die Bauarbeiter (George Kennedy als Vormann) mit dem Gewehr. Auftritt Miriam Deering, die ihre Cousine gemeinsam mit dem Hausarzt Dr. Drew Bayliss (Joseph Cotten) zum Einlenken und Umzug bewegen soll. Miriams mürrische Haushälterin Velma (Agnes Moorehead) ist Miriam gegenüber von Anfang an misstrauisch eingestellt.

Brutale Gewalt kam nicht überall gut an

An sich eher Krimi- und Psychodrama, wird „Wiegenlied für eine Leiche“ dank des Einsatzes virtuoser Licht- und Schattenwechsel des Schwarz-Weiß-Bildes zum betörenden Gruselfilm, aufgrund einiger handfester und für die 60er-Jahre heftiger Effekte gar zum handfesten Horrorschocker. Das kam damals nicht überall gut an. „Berechnend und kaltherzig gezimmert“ urteilte der Kritiker der angesehenen „New York Times“ über Robert Aldrichs („Der Flug des Phönix“) Inszenierung, „grob gekünstelt , absichtlich sadistisch und brutal widerlich“, schließlich gar „grausig, prätentiös, widerlich und zutiefst ärgerlich“. Das verkennt völlig die wunderbare Arbeit von Kameramann Joseph F. Biroc, der dafür seine erste Oscar-Nominierung erhielt (den Oscar als bester Kameramann erhielt er aber erst 1975 für „Flammendes Inferno“). Mit brutaler Gewalt wusste die zeitgenössische Filmkritik offenbar noch nicht viel anzufangen. Ein solcher Kritiker-Fokus auf ein paar zugegeben harte Szenen ignoriert obendrein das beeindruckende Spiel der Akteure – bei der Besetzung nicht verwunderlich –, die feudale Südstaaten-Atmosphäre im Herrenhaus und die ebenso rätselhafte wie wendungsreiche Story, die Spannung erzeugt und die Zuschauer an den Bildschirm beziehungsweise die Leinwand fesselt.

Olivia de Havilland ersetzt Joan Crawford

Olivia de Havilland erhielt die Rolle erst, nachdem Joan Crawford mit womöglich vorgetäuschter Krankheit ausgeschieden war – die Dreharbeiten waren da schon im Gange und mussten für eine ganze Weile unterbrochen werden. Nach dem ebenfalls von Robert Aldrich inszenierten „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ (1962) wollte sich Crawford anscheinend nicht noch einmal von Bette Davis die Schau stehlen lassen. Die gegenseitige Abneigung der beiden Diven trug sicher ebenfalls dazu bei, die Dreharbeiten eher unangenehm zu gestalten. Olivia de Havilland lebte damals in der Schweiz, Regisseur Aldrich nahm die strapaziöse Reise auf sich, um sie zum Einspringen zu überreden. Es hat sich gelohnt.

Die deutsche DVD ist vergriffen und gesucht. Eine Referenz-Edition im angelsächsischen Sprachraum existiert nicht, ist aber in den USA vom kleinen Label „Twilight Time“ für Herbst angekündigt. Höchste Zeit, dass „Wiegenlied für eine Leiche“ bei uns wiederveröffentlicht wird – vorzugsweise mit anständigem HD-Transfer auch auf Blu-ray. Twentieth Century Fox Home Entertainment, übernehmen Sie!

Das De Havilland Law

Nach Olivia de Havilland ist sogar ein kalifornisches Gesetz benannt: das De Havviland Law, das seit Mitte der 40er-Jahre Verträge im Showgeschäft begrenzte, auf diese Weise die Macht der Hollywood-Studios über die Schauspieler einschränkte und bis heute gültig ist. Zuvor hatte sich Olivia de Havilland mit Warner Brothers einen erbitterten Rechtsstreit um ihre Autonomie als Schauspielerin geliefert.

Karriereausklang im Fernsehen

Für „Die Erbin“ hatte Olivia de Havilland 1950 auch ihren ersten Golden Globe erhalten. Der zweite folgte viele Jahre später: 1987 für ihre Nebenrolle im TV-Drama „Anastasia“. In den 80er-Jahren ließ die Schauspielerin ihre Karriere mit Engagements in einigen Fernsehserien und -filmen ausklingen. Von ihrem Filmdebüt in „Ein Sommernachtstraum“ (1935) bis zu ihrer letzten Rolle im TV-Drama „König ihres Herzens“ (1988) spielte Olivia de Havilland in etwa 60 Filmen.

Wer mehr über sie und andere große Hollywood-Diven erfahren will, lege sich Ausgabe 15 von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ zu. Unter dem Oberbegriff „Classic Beauties“ sind dort Beiträge über Marilyn Monroe, Jean Harlow, Marlene Dietrich, Louise Brooks und andere Film-Schönheiten erschienen. Auch Olivia de Havilland wird angemessen gewürdigt.

Wann kommt Olivia de Havillands Autobiografie?

Als eine der letzten Überlebenden der Goldenen Ära Hollywoods arbeitet sie seit Jahren an ihrer Autobiografie, wie sie 2015 in einem lesenswerten Gespräch mit „Entertainment Weekly“ offenbarte. Ob die nun Hundertjährige ihre Erinnerungen beendet? Interessant genug dürften sie für Fans des klassischen Hollywoods werden. Einige Jahre bei guter Gesundheit seien Ihr durchaus gewünscht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Aldrich sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, solche mit Olivia de Havilland in der Rubrik Schauspielerinnen.

Veröffentlichung: 31. Oktober 2005 als DVD

Länge: 127 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Schwedisch, Griechisch
Originaltitel: Hush…Hush, Sweet Charlotte
USA 1964
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: Henry Farrell, Lukas Heller
Besetzung: Bette Davis, Olivia de Havilland, Joseph Cotten, Agnes Moorehead, Bruce Dern, Victor Buono, George Kennedy
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2005 Twentieth Century Fox Home Entertainment

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