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James Stewart (VII) / Zum 100. Geburtstag von Andrew V. McLaglen: Der Mann vom großen Fluss – Wenn der Krieg vor der Haustür aufschlägt

27 Jul

Shenandoah

Von Volker Schönenberger

Kriegs-Western // So groß ist der Fluss gar nicht: Gerade mal 241 Kilometer beträgt die Länge des dem Film seinen Originaltitel gebenden Shenandoah River, der durch die US-Staaten Virginia und West Virginia fließt. Im Soundtrack ist zudem der amerikanische Folksong „Oh Shenandoah“ zu hören, den später unter anderem auch Van Morrison und Bruce Springsteen eingespielt haben.

Charlie Anderson will mit dem Bürgerkrieg nichts zu tun haben

Vor 16 Jahren hat Charlie Anderson (James Stewart) seine Ehefrau auf der heimischen Farm beerdigt, seine sechs Söhne und eine Tochter seitdem allein großgezogen – mehr oder minder gottesfürchtig, dafür streng pazifistisch. Pflichtbewusst besucht er mit seinem Nachwuchs jeden Sonntag die Kirche, weil dies der letzte Wunsch seiner Frau war. Sklaven hält er keinen einzigen. Den Haushalt führen seine Tochter Jennie (Rosemary Forsyth) und Schwiegertochter Ann (Katharine Ross). Die Felder bestellt er mit seinen Söhnen.

Kann man sich aus dem Krieg heraushalten?

Aus dem seit drei Jahren andauernden Sezessionskrieg hält er sich und seine Lieben konsequent heraus. Das fällt im Kriegsjahr 1864 umso schwerer, als die Kämpfe immer näher kommen und speziell sein ältester Sohn Jacob (Glenn Corbett) die Ansicht äußert, die Familie könne sich nicht mehr lange heraushalten. In der Tat ist schon gelegentlicher Kanonendonner zu hören, unaufhaltsam nähern sich die Yankees von drei Seiten. Dem Südstaaten-Lieutenant Johnson (Tom Simcox) hält er einen flammenden pazifistischen Vortrag, und kurz darauf fallen der und seine Soldaten einem Hinterhalt der Nordstaaten zum Opfer.

Sein Schwiegersohn in spe hingegen muss ins Feld ziehen

Nachdem der junge Südstaaten-Offizier Sam (Doug McClure) bei Charlie um Jennies Hand angehalten hat, kommt es kurz darauf zur Hochzeit des jungen Paars. Doch noch in der Kirche erhält der frischgebackene Ehemann den Befehl, zu seiner Einheit zurückzukehren, weil die Yankees einen Durchbruch erzielt hätten. Familie Anderson ist nun auch mitten im Bürgerkrieg angekommen und wird ihn nicht unbeschadet überstehen.

James Stewart gewohnt aufrecht

„Der Mann vom großen Fluss“ ist keiner der ganz großen James-Stewart-Western, zeigt ihn aber in einer Paraderolle als aufrechten Mann, der seinen Prinzipien um jeden Preis treu bleiben will, dies aber irgendwann nicht mehr aufrechterhalten kann. Sein Charlie Anderson ist nicht unbedingt eine warmherzige Figur, der alle Herzen zufliegen, aber er flößt Respekt ein und hat diesen auch verdient.

Ein leerer Gefangenentransport wird angezündet

Als Nordstaaten-Colonel ist der spätere Oscar-Preisträger George Kennedy („Der Unbeugsame“) zu sehen. In schönen Bildern vom zweifach oscarnominierten Kameramann William H. Clothier („Alamo“, „Cheyenne“) fotografiert, verströmt der Film zu Beginn noch eine gewisse Leichtigkeit, die sich einmal sogar in einer für einen zünftigen Western typischen Prügelei Ausdruck verleiht. Auch der Besuch eines Gottesdienstes etwas früher zeugt von Humor, wenn auch für heutige Verhältnisse etwas altbacken. Andersons Skepsis gegenüber der Kirche und der Religion kommt darin gut zum Ausdruck, auch in seinem anschließenden Dialog mit dem Priester (Denver Pyle). Der Farmer scheint geradezu demonstrativ zu jedem Gottesdienst zu spät zu kommen.

Das falsche Käppi

Das Unbeschwerte weicht beizeiten einer Ernsthaftigkeit, die die pazifistische Botschaft des Films verdeutlicht. Das geschieht auf durchaus plakative Weise, aber eine gewichtige moralische Botschaft darf ruhig auch so verkündet werden. Wenn Charlie Anderson um seinen jüngsten Sohn „Boy“ (Phillip Alford) bangen muss, der von Nordstaatlern gefangen genommen wurde, weil er eine Konföderierten-Mütze trug, wird das wohl jeder verstehen, der sich in einen liebenden Vater hineinversetzen kann.

Heimkehr

Die Sinnlosigkeit des Krieges kommt in einer Szene gut zum Ausdruck, in der zwischen gefechtsbereiten Linien eine Kuh über die Wiese stapft, die zur Erheiterung beider Seiten von einem Südstaatler gejagt wird und sich hinter die Reihen der Nordstaatler rettet. Haben die Soldaten beider Seiten in diesem Moment noch fast gemeinsam gejuchzt, beginnt einen Augenblick später das Gemetzel, bei dem niemand weiß, worum es eigentlich gerade geht.

Andrew V. McLaglen – vom Western zum Kriegsfilm

Meine erste Sichtung von „Der Mann vom großen Fluss“ liegt viele Jahre zurück, damals war mir der Regisseur Andrew V. McLaglen (1920–2014) sicher noch nicht vertraut. Mit Filmen wie „McLintock!“, „Rancho River“, „Der Weg nach Westen“, „Bandolero“, „Die Unbesiegten“ und „Chisum“ war er in den 1960er-Jahren ein Western-Spezialist. Später fühlte er sich mit „Die Wildgänse kommen“, „Steiner – Das eiserne Kreuz, 2. Teil“ und „Das dreckige Dutzend Teil 2“ auch im Kriegsfilm-Genre zu Hause. McLaglen wäre am 28. Juli 2020 100 Jahre alt geworden. Seine 1965er-Regiearbeit „Der Mann vom großen Fluss“ kann als Mischung aus beiden Sujets angesehen werden und enthält eine für seine Filmografie ungewöhnlich klare Antikriegsbotschaft. Für einen Status als herausragender Western spielt er vielleicht etwas zu sehr auf der Gefühlsklaviatur, andererseits kann und will man sich den bewegenden Szenen des Films nicht entziehen, und das ist auch etwas wert. McLaglen wirft obendrein die Frage auf, ob wir dem Krieg überhaupt den Rücken kehren können, nur weil wir damit nichts zu tun haben wollen. Und er beantwortet sie denkbar deutlich: Das funktioniert nicht. Eine ernüchternde Erkenntnis, für Mitte der 1960er-Jahre – als der Vietnamkrieg langsam eskalierte – bemerkenswert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Andrew V. McLaglen haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit George Kennedy und James Stewart unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 31. Juli 2020 als Blu-ray im Steelbook, 24. November 2017 als Blu-ray und DVD, 9. Februar 2009, 2. August 2007 und 22. Juli 2004 als DVD

Länge: 105 Min. (Blu-ray), 101 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Shenandoah
USA 1965
Regie: Andrew V. McLaglen
Drehbuch: James Lee Barrett
Besetzung: James Stewart, Doug McClure, Glenn Corbett, Patrick Wayne, Rosemary Forsyth, Phillip Alford, Katharine Ross, Charles Robinson, Jim McMullan, Tim McIntire, Gene Jackson, George Kennedy, James Best, Denver Pyle
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Originaltrailer, Trailershow
Label 2020 & 2017: Spirit Media
Vertrieb 2020 & 2017: WVG Medien GmbH
Label/Vertrieb 2009, 2007 & 2004: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Steelbook-Packshot: © 2020 Spirit Media,
Packshot DVDs: © Universal Pictures Germany GmbH

 

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