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Geronimo – Eine amerikanische Legende: Macht und Ohnmacht der „Kraft“

24 Nov

Geronimo – An American Legend

Von Tonio Klein

Western // Zunächst war da „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990). Nicht der erste größere Western auf Seiten und mit Binnenperspektive der Indianer (mein früherer Favorit: „Chatos Land“, 1972). Aber ein so großer Erfolg, dass er Walter Hills schon früher gehegtes „Geronimo“-Projekt finanzierbar machte. Und das ist auch gut so, wenngleich man sich von gewissen Genre-Erwartungen verabschieden muss. Ähnlich dem ungleich populäreren „Erbarmungslos“ (1992) von und mit Clint Eastwood ist „Geronimo“ Western und Anti-Western zugleich. Er lässt die Pracht scheinbar (und bildlich nicht nur scheinbar) noch einmal aufleben, um die Erwartungen an einen actionreichen Unterhaltungs-Western gleichzeitig zu schüren und zu zerstören. Erstaunlicherweise, indem er sie sogar bedient, aber ganz anders als erwartet.

Geronimo: immer gravitätisch

Doch nähern wir uns Film und Mythos ganz allmählich. Regisseur Walter Hill und sein Co-Drehbuchautor John Milius sind für ruppige Action bekannt, waren aber an der Wirklichkeit und am Mythos mehr als am Knalleffekt interessiert. Die Figuren basieren auf realen Personen. Soweit bekannt, hat der Film deutlich weniger Veränderungen vorgenommen als Hills späterer „Wild Bill“ (1995). In einem Spielfilm den „wilden Westen“ zu zeigen, wie er (wohl) wirklich war, das ist eine Herkulesaufgabe, an der schon viele gescheitert sind, falls sie es überhaupt ernsthaft versucht haben. „Geronimo“ ist da Beachtliches gelungen, und zwar auf die einzige Weise, in der dies in Spielfilmform möglich ist: indem er gar nicht daran denkt, das notwendig Künstlerische und Künstliche des Mediums zu verleugnen. Stattdessen macht er es sich zunutze. Farb- und Bildkompositionen, Montage, Symbole, Erzählperspektive, Schnittfolgen – alles ist bis ins Letzte durchkomponiert. Und damit legt er etwas frei, statt es zuzukleistern, das muss man erst einmal hinbekommen.

Der grüne Junge und der ältere weise Mann

Während in „Wild Bill“ der Ich-Erzähler fast zum gesichtslosen Chronisten zu verkommen droht, hat Hill hier einen Erzähler, der zwar auch nicht die Hauptrolle, aber eine Entwicklung durchzumachen hat. Scheinbar archetypisch und schon oft verwendet: Der frischgebackene Jungoffizier Britton Davis (ein ganz junger Matt Damon!) kommt von der Militärakademie West Point zur 6. Kavallerie nach Arizona, um unter First Lieutenant Gatewood (Jason Patric) die Apachen-Leitfigur Geronimo (der übrigens nie „Häuptling“ war) nach dessen erster Kapitulation in ein Reservat zu eskortieren. Davis’ Perspektive ist klug gewählt, denn wir kommen mit ihm in eine unbekannte Welt, und wir lernen mit ihm. Die Tatsache, dass fiese Indianerhasser eher nur am Rande auftreten, gerät dem Film zum enormen Gewinn, denn wir können uns nicht darauf zurückziehen, diese zu verdammen. Stattdessen werden viel grundsätzlichere Probleme verhandelt. Nicht obwohl, sondern WEIL viele Männer der Armee als im Wesentlichen human präsentiert werden (hier gibt es großartige Rollen für Gene Hackman und Robert Duvall), muss man einen Widerspruch aushalten: Wie lässt sich eine indianerfreundliche Haltung bloß mit dem Ansinnen vereinbaren, diese Völker in Reservate zu verpflanzen, in denen sie nicht nur den überwiegenden Teil ihres angestammten Landes, sondern vor allem ihre Lebensweise und damit ihre Kultur aufgeben müssen? Hier ist der Film sozusagen radikal, indem er nicht barbarische Auswüchse, sondern die Indianerpolitik als Ganzes in Frage stellt. Und damit den einen oder anderen Mythos der Besiedelung des wilden Westens durch die Weißen, der doch in so vielen Western verklärt worden war.

Noch ist der gezielte Schuss nicht tödlich

Der Darstellung der Apachen (in den Rollen sind amerikanische Ureinwohner zu sehen) krankt höchstens minimal daran, dass ihre Dialoge ständig zu gravitätisch daherkommen, sodass sie eben doch nicht wie Menschen wie du und ich wirken. Immerhin wird die indianische Kultur zelebriert, aber nicht romantisiert. Und Geronimo (Wes Studi) ist alles andere als das Klischee des „edlen Wilden“; der Mann ist ein Krieger und hat jede Menge Menschenleben auf dem Gewissen! Zunächst führt der Film den Mann ehrfurchtgebietend ein und betont auch dabei die Lern-Perspektive Davis’ – der grüne Junge und der ältere weise Mann. Letzterer scheint nicht besonders gewalttätig, und als er erstmals präzise ein Gewehr einsetzt, geschieht dies höchst effektvoll, um eine „Posse“ ohne Blutvergießen zu vertreiben.

Ordnung, Chaos und Anti-Action

Doch dabei wird es nicht bleiben, und nun sei einmal auf Bildgestaltung und Erzähltechnik zu sprechen gekommen. Hills Film ist schön. Sehr schön. Unglaublich schön. Zu schön, um gut zu sein? Nein – der Mann scheint sehr genau zu wissen, was er da tut. Natürlich haben viele Regisseure die Originallandschaften traumhaft eingefangen, John Ford das Monument Valley, Raoul Walsh (mit düsteren Untertönen) Arizona. Dort und im angrenzenden Mexiko spielt auch „Geronimo“. Hill schafft beeindruckend arrangierte Panoramen vor statischer Kamera, in denen er nicht einfach draufhalten lässt und alles in ein (manchmal etwas übertriebenes) Rotgoldbraun taucht. Er achtet sehr genau, fast wie ein Maler, auf die Bildkomposition: Da gibt es Linien, die in der Horizontalen kontrastierende Streifen von Himmel, Bergen (teils schneebedeckt, also blau, grau, weiß), näheren Felsen und dem Wüstenboden (rötlich) bilden. Aber genau diese Bilder sind so erhaben schön wie trügerisch. Das ist nämlich kein Schlachtenepos, sondern ein Film, in den die Aktion wie ein brutaler Fremdkörper hereinbricht – durch schnelle, schroffe „Inserts“, Nahaufnahmen, die das Chaos in die scheinbare Ordnung bringen. „Geronimo“ scheint immer wieder große Actionszenen anzukündigen, also solche, die choreografierte und ästhetisierte Schauwerte über viele Minuten verheißen. Aber die Zeiten sind vorbei, in denen es daraufhin bleihaltige, doch immer noch prächtige Pferdeopern zu sehen gab – „Der Verrat des Surat Khan“ (1936, deutscher DVD-Titel: „Der Angriff der leichten Brigade“) und „Sein letztes Kommando“ (1941) kommen in den Sinn. Hill würgt die Action durchweg schnell ab und geht mit raschen Schnitten und oft mit Nahaufnahmen vor. Gewalt ist nichts Durchgeplantes, sie ist eine so plötzliche wie heftige Eruption, die schnell vorbei ist. Aber sie hinterlässt blutige Spuren (über FSK 12 ließe sich streiten).

Gatewood wird nicht auf Distanz bleiben

Und vor allem hat sie Folgen! Als ähnlich wie oben beschrieben eine Konfrontation aus dem Ruder läuft und ein Medizinmann unnötigerweise erschossen wird, entschließt sich Geronimo zur Flucht und zum Leben eines (aus US-Sicht) Gesetzlosen in den Bergen Mexikos. Seine Schüsse werden jetzt auch tödlich sein. Gemäß den realen Geschehnissen hat er der Getreuen nur wenige, aber hält erstaunlich lange stand, schließlich mit seinen Leuten ausgehungert. Eine Selbstbehauptung, die ihm seinen Stolz zurückgibt, die aber nicht in einen glorreichen letzten Kampf führen kann, nicht einmal in eine actionreiche Selbstaufopferung: Hill hat die Chuzpe, das Finale geradezu antiklimaktisch zu erzählen; es ist ein actionloses Fatum. Gut, wer Hill kennt, weiß, dass man sich bei ihm nicht immer auf einen traditionellen Erzählbogen verlassen kann. Beispielsweise ist sein „Last Man Standing“ (1996) eine noch hinterhältigere finale Action-Verweigerung, da – anders als hier – Ballereien zuvor regelrecht zelebriert worden waren.

Die Tragik des Unvermeidlichen

Hinterhältig ist in „Geronimo“ indes nichts, sondern konsequent. Der Mann und sein Volk können nur verlieren. Da nützt es auch nichts, dass Geronimo und Lieutenant Gatewood einander immer weiter annähern und einander sogar anvertrauen, was in ihrer Religion das Heiligste ist. Denn das Kreuz, dessen Friedensbotschaft Gatewood ernst nimmt, diente bekanntermaßen allzu oft dem glatten Gegenteil, gerade bei der „Eroberung des gelobten Landes“ im Westen. Und das Spirituelle, was die Apachen ihre „Kraft“ nennen, nützt ihnen nichts. Am Ende wird sie Ohnmacht statt Macht. Eine bittere Pointe in einem sich mit gegensätzlicher Bedeutung wiederholenden Bild einer Eisenbahn sei nicht verraten. How the West was lost. Koch Films präsentiert den Film in hervorragender Bild- und Tonqualität.

Gatewood gebietet (Ein-)Halt

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Walter Hill haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Matt Damon, Robert Duvall und Gene Hackman unter Schauspieler.

Schönheit vor dem Chaos und der Gewalt

Veröffentlichung: 20. Juni 2019 als Blu-ray, 9. Oktober 2001 als DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Geronimo – An American Legend
Alternativtitel: Geronimo – Das Blut der Apachen
USA 1993
Regie: Walter Hill
Drehbuch: John Milius, Larry Gross
Besetzung: Wes Studi, Jason Patric, Gene Hackman, Robert Duvall, Matt Damon, Rodney A. Grant, Kevin Tighe, Steve Reevis, Stephen McHattie, Victor Aaron, John Finn
Zusatzmaterial: Trailer, nur Blu-ray: Bildergalerie, isolierte Musiktonspur, Booklet, Vertikalschuber, nur DVD: Filmografien
Label Blu-ray: explosive media
Vertrieb Blu-ray: Koch Films
Label/Vertrieb DVD: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2019 explosive media,
Packshot DVD: © 2001 Sony Pictures Entertainment

 

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