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Long Riders – Miniserie im Spielfilmformat

28 Dez

The Long Riders

Von Tonio Klein

Western // Nachdem ich hier die beiden Walter-Hill-Western „Geronimo – Eine amerikanische Legende“ (1993) und „Wild Bill“ (1995) enthusiastisch besprochen habe, kommt nun bei „Long Riders“ etwas Wasser in den Wein. Wenn auch nicht allzu viel. Das ist alles andere als ein schlechter Film. Aber mithalten mit dem Besten von Hill kann er eben auch nicht. Zunächst zur Handlung: Wie auch in den anderen Filmen hat sich Hill einer realen Geschichte angenommen, um die sich aber auch Legenden ranken und deren Protagonisten zu Legenden geworden sind. Diesmal gleich eine Vielzahl von Protagonisten, denn der Film befasst sich mit der James-Younger-Bande, bestehend aus den Brüdern Jesse und Frank James sowie Cole, Jim und Bob Younger. Zudem mischen die Brüder Ed und Clell Miller noch etwas mit, und am Ende wird noch auf Charlie und Robert „Bob“ Ford zu kommen sein. Alle Neune! Und es kommen noch verschiedene Verwandte und Frauen hinzu. Alles zu viel des Guten? Ja.

Erst Pose, dann Posse?

Es erfordert keine Meisterleistung des Recherchierens, um herauszubekommen, woran das liegt. Die Brüder James und Stacy Keach, im Film schließlich Jesse und Frank James, hatten die Geschichte als Herzensangelegenheit geschrieben und für die Verfilmung eher an eine Miniserie gedacht. Das hätte ein Meilenstein des heute so beliebten seriellen Erzählens werden können! Eine Vielzahl interessanter Charaktere, dazu noch ein kulturelles und gesellschaftliches Porträt von Zeit und Orten der Geschehnisse. Nebenhandlungen, die aber doch zusammengehalten werden durch eine Entwicklung: Jagd auf die und Niedergang der Banditen, und komplementär dazu ihren Aufstieg in Form ihrer Heroisierung.

Familien-Bande

Der vorliegende, von Universal zudem gekürzte Film möchte nun all das in die Wurstpelle einer handelsüblichen Spielfilmlänge pressen. Das kann nicht so ganz gut gehen. Im ersten Akt können sich die Figuren kaum profilieren und ist dies ein Ensemblefilm im negativen Sinne: von allen etwas, niemand richtig. Von ein paar Actionszenen unterbrochen, eher ein Porträt einer kleinstädtischen Gemeinschaft als erweiterter Familie, in der jeder jeden kennt. Zudem etabliert der Film, zu dessen Handlungszeit der Sezessionskrieg noch nicht allzu lange zurückliegt, das Thema des Südstaatler-Stolzes: Dieser war einer der Gründe, aus denen die Verbrecher als ehemalige Soldaten der Konföderierten einen großen Rückhalt in der Bevölkerung hatten und die Pinkerton-Detektive, die sie jagten, sich ein ums andere Mal blamierten. Hinzu kommt eine recht ausgedehnte, schön authentische, aber vielleicht doch etwas zu lange Einbindung traditioneller US-Volksmusik bei einer Feier. Schlagt mich Kulturbanausen tot, aber das war auch bei Michael Ciminos „Heaven’s Gate – Das Tor zum Himmel“ (1980) a touch too much.

Angetreten zum Abkassieren

Irgendwann muss mal wieder Geld in die Räuberkasse, und dann ist Schluss mit gemütlich. Bei den Actionszenen lässt Hill in seiner „Pferdeoper voller Blut und Blei“, wie mein lokales Programmkinomagazin einmal kommentierte, nichts anbrennen! Obschon ich nicht der große Hill-Experte bin, ist meine Einschätzung, dass der Regisseur sich später weiterentwickelt hat. „Geronimo“ versagt sich der der Schauwert-Action, „Last Man Standing“ (1996) legt mit Krawumm los, stellt aber das Prinzip, sich immer noch zu steigern, auf den Kopf. Hier hingegen sind Actionszenen Mätzchen, wenngleich virtuose Mätzchen. Wenn Hill recht häufig die Zeitlupe einsetzt, kommt mir dies nicht wie ein grausames, aber wahrhaftiges Freilegen dessen vor, was Waffen anrichten – bekannt vom Hauptwerk Sam Peckinpahs. Das Ganze ist immer auch Show. Hill hat oder hatte eine gelegentlich schon obsessiv wirkende Vorliebe für zersplitterndes Glas, am extremsten in der allgemein als plump-krawallig angesehenen Fortsetzung „Und wieder 48 Stunden“ (1990). Hier nun müssen Pferde in einem bewusst auf den Effekt inszenierten Höhepunkt durch eine Glasfront – und hinten wieder raus. Zeitlupe, Froschperspektive, der Wiederholungseffekt, das ist keine Szene, die mal eben reingerutscht ist. Als Ästhet des Actionkinos ist Hill natürlich ein Großer. Aber in seinen noch besseren Filmen war er immer auch mehr.

Frank und Jesse James sind aus härterem Holz

Der Film weist eine Besonderheit auf, welche nicht zu nennen Majestätsbeleidigung wäre, also voilà: Brüder spielen Brüder. James und Stacy Keach sind Jesse und Frank James. David, Keith und Robert Carradine sind Cole, Jim und Bob Younger. Dennis und Randy Quaid sind Ed und Clell Miller. Christopher und Nicholas Guest sind Charlie und Bob Ford. Es war schon eine Leistung, alle zum gleichen Zeitpunkt zusammenzubringen, es mag auch zu einem tieferen Verständnis für die Rolle geführt haben. Indes vermag ich den Gewinn auf der Leinwand dann doch nicht zu sehen. Hier halte ich es mit den Method Actors einerseits und mit dem Method-Verachter Laurence Olivier andererseits, die sich in einem entscheidenden Punkt einig waren: Schauspielern heißt, jemand zu sein (Method) oder jemanden zu spielen (Olivier), der man nicht in Wirklichkeit ist. Auch wenn es biografisch gewisse Hindernisse geben mag (man stelle sich Ava Gardner als Arbeiterin oder Robert Redford als von Frauen Zurückgewiesenen vor): Ein Schauspieler verkauft eine Illusion, und das ist gar nicht kritisch gemeint, das soll ja so sein. Ob die nun Brüder sind, ist egal – sie sind schließlich auch keine Bankräuber. Dass Film nicht Realität ist, hatte zuletzt die dänische „Dogma 95“-Bewegung nicht begriffen. Hill, der ja ohnehin trotz seiner manchmal realen Stoffe nicht realistisch inszeniert, hätte den Besetzungscoup (der aber schon vor Hills Hinzuziehung am Gären war) nicht gebraucht. Schaden tut er natürlich auch nicht.

Und wie war das nun mit dem Feigling Robert Ford?

Dem geneigten Leser wird bekannt sein, dass Jesse James von Robert (hier „Bob“) Ford erschossen wurde, auf die im Film- und offenbar auch Realwestern unverzeihlichste Art: von hinten. Wer sich mehr für psychologische Spekulationen interessiert und zudem mal Brad Pitt als ziemlich ungemütlichen und unheroischen Jesse James sehen möchte, dem sei „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (2007) empfohlen. Hills Film hat je nach Geschmack den Vor- oder Nachteil, kein sperriger, überlanger Antiwestern wie „Die Ermordung …“ zu sein. Recht geschickt haben die Ford-Brüder zu Beginn einen kurzen Auftritt, werden in die Wüste geschickt, und da (vor allem in den USA) jedes Kind die Geschichte kennt, weiß man: Die werden wiederkommen und Bob wird tun, was er eben tat. Wenn es dazu kommt, in einem letzten Akt, der eher schon Epilog nach einem krachend gescheiterten Banküberfall in Minnesota ist, geht indes alles wieder etwas schnell: Die Kerle lassen sich von den Pinkertons als Undercover-Banditen fürstlich für James’ Kopf entlohnen, das war’s.

Ist oder hat Minnesota eine sichere Bank?

Man kann dem Film natürlich nur bedingt vorwerfen, dass er sich für das Innenleben Bob Fords kaum interessiert und mit James’ Tod endet – da darf er frei auswählen, wie er will. Aber er hatte eben das Problem, drei Liter Wein in eine Ein-Liter-Flasche zu gießen, und er wollte auf keinen Tropfen verzichtet. „Kill your darlings“ nennt man die hohe Kunst des Kürzens im wissenschaftlichen Schreiben, in dem man eben auch mal ganze schöne Blöcke rauswerfen muss statt nur ein Füllwort hier, einen Nebensatz dort zu kürzen. Diese Übung ist bei „Long Riders“ nicht gelungen. Aber immer noch eine weitgehend authentische Darstellung mit Zeit-, Lokal- und Musikkolorit sowie sehr ansehnlichen Action-Feuerwerken. Das Bild der Blu-ray ist für einen Film dieses Alters bestechend scharf und farbsatt, der Ton klingt etwas dumpf.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Walter Hill haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Harry Carey, Stacy Keach und Dennis Quaid unter Schauspieler.

Die Gang ist mit Blut und Schießeisen geschmiedet

Veröffentlichung: 26. Januar 2018 als Blu-ray und DVD, 10. Juni 2011 als Blu-ray, 23. August 2001 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Long Riders
USA 1980
Regie: Walter Hill
Drehbuch: Bill Bryden, Steven Smith, Stacy Keach, James Keach
Besetzung: David Carradine, Keith Carradine, Robert Carradine, Stacy Keach, James Keach, Dennis Quaid, Randy Quaid, Christopher Guest, Nicholas Guest, Pamela Reed, Harry Carey Jr.
Zusatzmaterial: Wendecover, Bildergalerie, Originaltrailer
Label 2018: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb 2018: WVG Medien GmbH
Label/Vertrieb 2011 & 2001: MGM

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2018 Black Hill Pictures GmbH

 

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