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Tides – Überlebenskampf im Wattenmeer

24 Aug

Tides

Kinostart: 26. August 2021

Von Andreas Eckenfels

SF-Endzeitdrama // Die höllischen Auswirkungen der globalen Erwärmung thematisierte Regisseur Tim Fehlbaum in seinem herausragenden und mehrfach ausgezeichneten Debütfilm „Hell“ (2011). Stolze zehn Jahre später präsentiert der Schweizer nun seinen Nachfolgefilm, bei dem die Erde in naher Zukunft durch Klimawandel, Pandemien und Kriege unbewohnbar geworden ist. „Tides“ feierte im Februar 2021 auf der pandemiebedingten Online-Ausgabe der Berlinale in der Kategorie „Berlinale Special“ seine Weltpremiere. Im Juli des gleichen Jahres wurde das Endzeitdrama auf dem Filmfest München erstmals vor Publikum vorgeführt.

Zurück auf der Erde

Die herrschende Elite hat sich von der sterbenden Erde in Richtung Kepler-209 verabschiedet. Doch es dauerte nicht lange bis die neuen Bewohner bemerkten: Die Atmosphäre des Planeten hat sie unfruchtbar gemacht. Aus diesem Grund wurde zwei Generationen später das Projekt „Ulysses“ ins Leben gerufen. Eine bemannte Mission sollte herausfinden, ob eine Rückkehr auf die Erde möglich ist. Kurz nach der Landung brach allerdings der Kontakt zu ihr ab.

Unendliche Weiten

Knapp 15 Jahre später rast die Raumkapsel „Ulysses 2“ mit einer dreiköpfigen Crew auf die Erde zu. Der Fallschirm kann die harte Landung im Wasser nur ansatzweise bremsen. Als Blake (Nora Arnezeder) erwacht, ist die Flut inzwischen der Ebbe gewichen. Ihre wichtigste erste Erkenntnis: Die Luft ist rein! Allerdings: Ihre Begleiterin Holden (Hong Indira Rieck) hat den Aufprall nicht überlebt, Kollege Tucker (Sope Dirisu) wurde schwer verletzt. Gerade als Blake einige Bodenproben aus dem matschigen Untergrund nimmt, um die Ergebnisse später zurück nach Kepler-209 zu senden, sieht sie in der Ferne, wie die Raumkapsel mit Tucker von einigen Personen mit einem großen Netz weggezogen wird.

Auch Blake wird von den „Muds“, wie die wild lebenden Bewohner offenbar genannt werden, überwältigt und gefangen genommen. Immerhin kann sie mit ihrer modernen Technologie einen Mud von einer Gesichtsverletzung heilen, was ihr ein wenig Vertrauen einbringt. Kurz darauf wird das Lager von einer anderen Gruppe überfallen. Dabei werden mehrere Kinder entführt – und auch Blakes Equipment, mit dem sie Kontakt zu ihrem Heimatplaneten aufnehmen kann, wird mitgenommen. Gemeinsam mit der Mutter Narvik (Sarah-Sofie Boussnina) verfolgt sie die Entführer und macht bald eine erstaunliche Entdeckung: „Ulysses 1“-Mitglied Gibson (Ian Glen) ist noch am Leben!

Internationales Kinoflair aus deutschen Landen

„Tides“ präsentiert uns gleich zu Beginn unendliche Weiten. Wir befinden uns aber nicht im Weltraum, sondern mitten im Wattenmeer. Darin stapft Nora Arnezeder („Army of the Dead“) in tiefen Schritten durch Schlamm und Pfützen. Am Horizont blendet das gleißende Sonnenlicht. Je weiter sich die Kamera von der französischen Hauptdarstellerin entfernt, desto kleiner wird sie, bis sie kaum noch zu erkennen ist.

Blake soll überprüfen, ob Leben auf der Erde wieder möglich ist

Mit diesen fantastischen Bildern, erneut aufgenommen vom preisgekrönten „Hell“-Kameramann Markus Förderer, erzeugt die deutsch-schweizerische Produktion sofort internationales Kinoflair. Dazu passt auch, dass Tim Fehlbaums zweiter Spielfilm in englischer Sprache und mit einem bunt gemischten Ensemble aus aller Welt gedreht wurde. Bekanntester Name ist Schauspielveteran Ian Glen („Game of Thrones“). Wie schon in seinem Debüt konnte Fehlbaum sich wieder auf die Unterstützung von Roland Emmerich verlassen, der als ausführender Produzent fungierte.

Nora Arnezeder gibt als Louise Blake vollen Körpereinsatz. Bei der Kälte und Nässe, die die Heldin während ihres Überlebenskampfes ständig umgeben, bibbert man auch als Zuschauer oder Zuschauerin mit. Hier wird das lebenswichtige Wasser, von der die Erde der Zukunft zeitweise fast vollständig bedeckt ist, zur Gefahr.

Blake macht eine erstaunliche Entdeckung

Die ersten drei Drehtage arbeitete die Filmcrew vor Ort, genauer gesagt auf der Insel Neuwerk in der Helgoländer Bucht. Ein Großteil der restlichen Wasseraufnahmen entstand in der größten Halle des Bavaria Film Studios. Dort musste man nicht die knappen Drehzeiten zwischen Ebbe und Flut oder den Naturschutz beachten. Auch die Arbeit der Schauspieler konnte im Studio sicherer gestaltet werden. Für die Nebelschwaden, die die Figuren aus der Ferne schemenhaft erscheinen lassen, und die peitschende Gischt wurden große Wind- und Nebelmaschinen genutzt. Was nicht passte, wurde mit umfangreicher Arbeit der visuellen Effektemacher passend gemacht.

Inspirationsquellen

Die Anleihen an „Waterworld“ (1995), die „Mad Max“-Reihe (1979–2015) und „Children of Men“ (2006) sind in „Tides“ klar zu erkennen. Doch als eigentliche Inspirationsquelle nennt Regisseur und Drehbuchautor Tim Fehlbaum den Dokumentarfilm „Workingman’s Death“ (2005) sowie den Fotoband „Keiko“ von Tomasz Gudzowaty. Beide behandeln die extremen Bedingungen, die Menschen in Kauf nehmen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Darunter etwa in „Keiko“ die so genannten Shipbreaker, Männer in Pakistan oder Bangladesch, die für einen Hungerlohn unter schlimmsten Arbeitsbedingungen ausrangierte Tanker ausschlachten. Ebenso diente „Beasts of the Southern Wild“ (2012) als Ideengeber für die schwimmenden Dörfer der „Muds“. Vor dem Hintergrund der Klimakrise und der zunehmenden Verunreinigung der Weltmeere ist es hier passend, dass das Nomadenvolk seine Bauten und Schwimmköper zum Teil aus alten Plastikflaschen zusammengebaut hat, also einem Material, welches zuhauf im Meer zu finden ist.

Preise für kreative Köpfe

Tim Fehlbaum und seine Filmcrew zaubern großartige Bilder, die eine gespenstisch-faszinierende Atmosphäre erzeugen. Das brachliegende Wattenmeer, welches in kürzester Zeit wieder von den Fluten überspült werden kann, ist als Schauplatz wie geschaffen für einen Science-Fiction-Film, da es wie eine fremdartige Welt wirkt, die man nicht jeden Tag sieht. Dazu gibt es einige beeindruckende Sets zu bestaunen. Im Gegensatz zum visuellen Genuss wirkt die eigentliche Geschichte altbekannt, die Wendungen sind frühzeitig vorhersehbar. Auch, wenn es im Genrekino nicht immer eine innovative Story geben muss, geht in diesem Fall nach einem rasanten Auftakt einiges an Spannung verloren. Da musste man bei „Hell“ im Finale mehr schwitzen!

Dennoch merkt man jederzeit, dass viele kreative Köpfe viele Ideen in „Tides“ gesteckt haben. Für die „Muds“ wurde sogar eine eigene Sprache entwickelt. Dazu gibt es eine aktuelle und wichtige Umweltbotschaft und Denkanstöße zum generellen gesellschaftlichen Leben. Für die ganze Arbeit gab es auch schon den ersten Lohn: In den Kategorien „Beste Regie“ und „Beste Kamera“ wurde „Tides“ mit dem Bayerischen Filmpreis prämiert. Auch beim Deutschen Filmpreis, der am 1. Oktober verliehen wird, können sich Tim Fehlbaum und seine Kollegen Chancen ausrechnen: Sechs Nominierungen stehen zu Buche.

Gibson von „Ulysses 1“ ist noch am Leben!

Warum allerdings für den internationalen Markt der alternative Filmtitel „The Colony“ gewählt wurde, ist mir nicht bekannt. Eigentlich schade, denn nach „Hell“ hat man mit „Tides“ erneut einen schönen passenden, zweideutigen Titel für Tim Fehlbaums Werk gefunden. Wie wohl sein nächster Film heißen wird?

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Tides
Internationaler Titel: The Colony
D/CH 2021
Regie: Tim Fehlbaum
Drehbuch: Tim Fehlbaum, Jo Rogers, Mariko Minoguchi
Besetzung: Nora Arnezeder, Sarah-Sofie Boussnina, Sope Dirisu, Ian Glen, Joel Basman, Sebastian Roché, Bella Bading, Hong Indira Rieck
Verleih: Constantin Film Verleih GmbH

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Filmplakat & Trailer: © 2021 Constantin Film Verleih GmbH
Szenenbilder: © 2021 Constantin Film Verleih GmbH / BerghausWöbke / Gordon Timpen, SMPSP

 

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