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Zum 100. Geburtstag von Charles Bronson: Der Liquidator (1984) – CIA-Killer jagt Folterarzt

04 Nov

The Evil That Men Do

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Im lateinamerikanischen Surinam demonstriert der Arzt Clement Molloch (Joseph Maher) einigen Offizieren der dortigen Militärjunta seine Foltertechniken. Am lebenden Objekt, versteht sich. Der kritische Journalist Jorge Hidalgo (Jorge Humberto Robles) überlebt die Tortur nicht. Rebellen haben Molloch bereits im Visier, doch er entkommt in Begleitung seiner Schwester Claire (Antoinette Bower).

Von den Kaimaninseln zurück in den alten Job

Hector Lomelin (José Ferrer), ein Freund Hidalgos, reist auf die Kaimaninseln, um den ehemaligen CIA-Agenten und Profikiller Holland zu treffen, der dort seinen Ruhestand genießt. Er will ihn beauftragen, Molloch zu töten, und hat zur Unterstützung seiner Argumentation Videokassetten mit Aussagen von Folteropfern des Arztes mitgebracht, der in ganz Lateinamerika als „der Doktor“ gefürchtet ist. Holland lehnt zunächst ab, doch bald befindet er sich mit Hidalgos Witwe Rhiana (Theresa Saldana) und ihrer kleinen Tochter Sarah (Amanda Nicole Thomas) auf dem Weg nach Guatemala, wo Molloch lebt – die Frau und ihre Kleine dienen Holland zur Tarnung als Familienvater. Die Zeit drängt, denn die guatemaltekische Führung hat dem Folterarzt mitgeteilt, er möge das Land verlassen, weil seine Anwesenheit in dem Land politisch nicht mehr opportun ist.

Der Ex-Killer greift wieder zur Waffe

„Der Liquidator“ ist der einzige Charles-Bronson-Film der 1980er-Jahre, der nicht von der berüchtigten Actionschmiede Cannon Films produziert wurde. Ursprünglich war dies anders geplant, aber aufgrund von Finanzierungsproblemen wechselte das Studio. Den ersten Drehbuchentwurf schrieb Romanautor R. Lance Hill selbst, doch ihm fehlte offenbar das Gefühl für kinotaugliche Szenen, weshalb John Crowther („Braddock – Missing in Action“) Hills Skript aufwendig überarbeitete oder sogar fast vollständig umschrieb. Heraus kam ein knallharter Reißer, der mit einer übel anzuschauenden Elektroschock-Folter zu Beginn aufwartet und in der Folge auch keine Gefangenen macht. Da der von Bronson verkörperte Holland als positive Figur skizziert wird, malträtiert oder tötet er selbstredend einzig Schurken, die so mies sind, dass das Publikum die von Holland vollzogenen Taten gern als gerechtfertigt abnickt. So wird ein Killer zur Identifikationsfigur, das Motiv gab es schon vor Bronson. Der Star konnte durchaus mehr als derlei eindimensionale Charaktere verkörpern, und so war auch diese Rolle für ihn wohl mehr eine Fingerübung in einer Zeit, als der Ruhm langsam verblasste und Bronson jüngeren Actionstars weichen musste.

Showdown in der Opalmine

Einen hervorragenden Antagonisten gibt der Ire Joseph Maher als eiskalter Folterarzt ab. Für seine Opfer hat Molloch keinerlei Gefühlsregungen übrig, sein schändliches Tun rechtfertigt er vor sich selbst damit, es diene der Sicherheit der Länder, die ihn engagieren. Ein cleverer Drehbucheinfall ist es, nach der expliziten Folterszene zu Beginn auf das Zeigen weiterer Torturen weitgehend zu verzichten und sie lediglich in den erwähnten Aussagen von Folteropfern auf Video beschreiben zu lassen. Das entfaltet mehr Wirkung, als wenn sich „Der Liquidator“ zu einem Torture Porn entwickelt hätte. Der heftige Showdown auf dem Gelände einer Opalmine samt so bitterarmer wie verbitterter Arbeiter hebt das Werk zusätzlich deutlich über den Durchschnitt.

Holland hat Mollochs Schwester in seine Gewalt gebracht

Gedreht in Mexiko, übt „Der Liquidator“ sogar recht unverhohlen Kritik an der Haltung der USA, sich in innere Angelegenheiten lateinamerikanischer Staaten einzumischen und sogar Militärdiktaturen zu unterstützen, wenn es politisch genehm erscheint. Das von einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg gepeinigte Guatemala ist insofern ein sehr gut gewählter Handlungsort. Letztlich bleibt das Werk aber ein Actionthriller, dessen politischer Hintergrund zwar eine Rolle spielt, jedoch keinen breiten Raum einnimmt.

Charles Bronson und J. Lee Thompson

Ein Einzelkämpfer, der nicht lange fackelt und Selbstjustiz jeder ordentlichen Gerichtsverhandlung vorzieht – „Der Liquidator“ gehört zu der langen Reihe von Filmen, die im Fahrwasser von „Ein Mann sieht rot“ (1974) mit Bronson in einander ähnelnden Rollen entstanden. Und es ist der fünfte von neun Filmen, die der Actionstar unter Regisseur J. Lee Thompson („Die Kanonen von Navarone“, 1961) drehte. Kurz zuvor war beispielsweise „10 to Midnight – Ein Mann wie Dynamit“ (1983) entstanden, zwei Jahre nach „Der Liquidator“ folgte „Murphys Gesetz“ (1986), der sogar ein paar humorige Elemente enthält. 1989 endete mit dem Actionkrimi „Kinjite – Tödliches Tabu“ diese fruchtbare Zusammenarbeit.

Auf eine Bluttat Hollands reagiert Rhiana schockiert

Der am 30. August 2003 im Alter von 81 Jahren verstorbene Charles Bronson wäre am 3. November 2021 100 Jahre alt geworden. Zu seiner Würdigung hat „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Lars Johansen einen Beitrag über Sergio Leones großen Westernklassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“ verfasst, in welchem er auch Bronsons Karriere Revue passieren lässt.

R-Rated und Unrated

„The Evil That Men Do“, so der Originaltitel des Films und des ihm zugrundeliegenden Romans, ist ein Zitat aus William Shakespeares Drama „Julius Caesar“. Der Actionthriller wurde in der Bundesrepublik Deutschland zügig nach seiner Veröffentlichung indiziert. 2018 erfolgte nach Antrag des Labels Nameless Media die Listenstreichung. Das Label veröffentlichte hierzulande in jenem Jahr weltweit erstmals die Unrated-Fassung von „Der Liquidator“. Dabei handelt es sich allerdings gegenüber der mit der US-Freigabe R-Rating versehenen Fassung keineswegs um eine längere Version, vielmehr weist sie in vier Szenen alternatives, etwas brutaleres Bildmaterial auf (siehe dazu den Schnittbericht). Ob das ausreicht, der Unrated-Fassung den Vorzug zu geben, möge jeder für sich selbst entscheiden. Die etwas entschärfte Fassung ist immer noch hart genug und weist immerhin keine zensurbedingt stümperhaften Schnitte auf. Meinen Genuss der DVD von 2003 hat das Wissen um die Existenz der härteren Version nicht getrübt. Wer knallharte Actionthriller mag, wird an „Der Liquidator“ seine Freude haben, Charles-Bronson-Fans muss ich das Werk vermutlich sowieso nicht nahebringen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von J. Lee Thompson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Charles Bronson unter Schauspieler.

Für den Profikiller wird es brenzlig

Veröffentlichung: 31. Mai 2019 als Blu-ray und DVD, 14. Februar 2018 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 3 Covermotive à 500, 555 und 666 Exemplare), 2-Disc Vintage Edition (Mediabook Cover A mit Blu-ray & DVD sowie VHS, limitiert auf 55 Exemplare) und Blu-ray in Hartbox (limitiert auf 55 Exemplare), 9. April 2002 als DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Evil That Men Do
MEX/USA/GB 1984
Regie: J. Lee Thompson
Drehbuch: John Crowther, nach einem Roman von R. Lance Hill
Besetzung: Charles Bronson, Theresa Saldana, Joseph Maher, José Ferrer, René Enriquez, John Glover, Raymond St. Jacques, Antoinette Bower, Amanda Nicole Thomas, Enrique Lucero, Jorge Luke, Mischa Hausserman, Roger cudney, Constanza Hool, Joe Seneca, Angélica Aragón, Jorge Humberto Robles
Zusatzmaterial Mediabooks: 24-seitiges Booklet mit einem Text von Mike Blankenburg
Zusatzmaterial DVD: Trailershow
Label 2018/2019: Nameless Media
Vertrieb 2018/2019: WVG Medien GmbH
Label/Vertrieb 2002: Columbia TriStar

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Blu-ray-Packshot: © 2019 Nameless Media

 

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