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Everything Everywhere All at Once – Mein sonderbarer Waschsalon und das Multiversum

29 Jul

Everything Everywhere All at Once

Von Volker Schönenberger

SF-Abenteuer // Die Waschsalonbesitzerin Evelyn Wang (Michelle Yeoh) ist im Stress: Ihr kleines kalifornisches Unternehmen läuft nicht so rund wie die Waschtrommeln, die es am Leben erhalten. Ihr gerade aus Hongkong eingetroffener Vater (James Hong) verlangt ihr einiges ab, und ihre Tochter Joy (Stephanie Hsu, „The Marvelous Mrs. Maisel“) möchte beim in Kürze anstehenden chinesischen Neujahrsfest der Familie gern ihre Freundin Becky (Tallie Medel) vorstellen – doch Evelyn hat Angst, ihr Vater könne eine lesbische Enkeltochter missbilligen. Noch hat die Kleinunternehmerin gar nicht wahrgenommen, dass ihr Ehemann Waymond (Ke Huy Quan) versucht, ihr Scheidungspapiere zu überreichen. Zu allem Überfluss sitzt ihr die US-Steuerbehörde IRS in Gestalt der unerbittlichen Steuerprüferin Deirdre Beaubeirdre (Jamie Lee Curtis) im Nacken, weil Evelyn versucht hat, in ihrer Steuererklärung obskure Kosten diverser ihrer privaten Leidenschaften als abzugsfähige Ausgaben unterzubringen.

Mit der richtigen Trainerin kann Evelyn in einer Welt ungeahnte Fähigkeiten entwickeln …

Als die Wangs die IRS aufsuchen, schlüpft unvermittelt ein alternativer Waymond in die Haut von Evelyns Ehemann. Er erklärt ihr das Unerklärliche: Evelyn lebt in einer von zahllosen Parallelwelten! Er selbst, der alternative Waymond, stamme aus dem „Alpha“-Universum, in welchem eine alternative Evelyn eine Methode entwickelt habe, in den Körper ihrer Pendants in den anderen Welten zu schlüpfen und sich deren Fähigkeiten anzueignen. Doch das Multiversum ist bedroht! Und es erweist sich als gar nicht so einfach, kontrolliert von einer Welt in die andere zu springen.

Vom „Swiss Army Man“-Regisseursduo

Ein Schiffbrüchiger auf einer Insel mit einem furzenden Leichnam als Gesellschaft – bereits mit ihrem ersten Langfilm „Swiss Army Man“ (2015) bewies das aus Dan Kwan und Daniel Scheinert bestehende Regisseursduo „The Daniels“ eine so skurrile wie überbordende Fantasie. Das überbordende Element steigerten die beiden in „Everything Everywhere All at Once“ (2022) mit der Entwicklung ihrer eigenen Version von Paralleluniversen, einem theoretischen Konstrukt, das seit der Antike diskutiert wird und Eingang in die Kosmologie gefunden hat. Bei dem 1988 in Massachusetts geborenen Kwan und dem 1987 in Alabama geborenen Scheinert entstehen die unterschiedlichen Parallelwelten offenbar am Scheideweg von Entscheidungen: Brennt die junge Evelyn mit ihrem jungen Freund Waymond durch oder lässt sie ihn allein ziehen, um bei ihren Eltern zu bleiben? Im letztgenannten Falle führt eine spätere Zufallsbegegnung dazu, dass sich Evelyn eine Spezialfähigkeit aneignet. Eine Fähigkeit, die die Evelyn aus der Welt der Entscheidung für Waymond später einmal brauchen könnte. All das ist sehr durchdacht inszeniert und visualisiert – jede Welt ist individuell genug gestaltet, sodass das Filmpublikum sie recht problemlos unterscheiden kann. Aufmerksamkeit ist gleichwohl gefragt!

… und diese in einer anderen Welt nutzbringend einsetzen

Auch die Evolution spielt eine Rolle und führt zu Parallelwelten, in denen die Menschen gar sonderbare körperliche Merkmale aufweisen können, wie wir in einer Szene lernen, die als zauberhafte Reverenz an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) erkennbar ist – genauer: an den „Aufbruch der Menschheit“ betitelten ersten Akt mit den haarigen Vormenschen. Und manchmal ist es hilfreich, wenn man in einem anderen Universum einfach mal ein Felsbrocken sein kann. Klingt unlogisch? Möglich. Aber die Parallelwelten erlauben das nun mal. Wenn erst ein Bagel wichtig wird, dürfte sich bei manchem Zuschauer und mancher Zuschauerin allerdings das Stirnrunzeln steigern.

In manchen Welten gefällt es ihr erst einmal ausgesprochen gut

Wie viele dieser Welten es gibt, bleibt offen. Denkt man es konsequent zu Ende, so müssten es unendlich viele Welten sein, da jeder Mensch Entscheidungen trifft, die Konsequenzen haben. Obendrein treffen wir permanent Entscheidungen mit Folgen, sie müssen ja keine so weitreichenden haben wie die Frage, ob wir mit dem oder der Liebsten durchbrennen oder ob wir ihr oder ihm den Laufpass geben. Ob wir morgens mit dem ersten Klingelton des Weckers aufstehen, kann andere Folgen haben als wenn wir uns noch einmal für zehn Minuten auf die Seite legen. Ob wir uns noch einmal für zehn Minuten auf die Seite legen, kann andere Folgen haben als wenn wir uns noch einmal für 20 Minuten auf die Seite legen. Insofern müssten selbst banale und banalste Entscheidungen neue Universen entstehen lassen. Und da nach der Entstehung eines Paralleluniversums in beiden Welten wiederum Entscheidungen anstehen, kommt es zum Schneeballeffekt der Weltenbildung, der zügig zum Lawineneffekt wird.

Michelle Yeoh und Jamie Lee Curtis

Aber beenden wir diesen kleinen kosmologischen Exkurs, da „Everything Everywhere All at Once“ lediglich eine begrenzte Zahl von Alternativwelten thematisiert: Von der verunsicherten Waschsalonbesitzerin zum glamourösen Filmstar – Michelle Yeoh („Gunpowder Milkshake“, „Tiger & Dragon“) spielt ihre ganze Vielseitigkeit aus und trägt den Film somit spielend durch die diversen Paralleluniversen. Das ist auch wichtig, da sie die Hauptfigur ist und das Geschehen stets ihr folgt. Gleichwohl zeigen auch die anderen Darstellerinnen und Darsteller Wandlungsfähigkeit, denn von ihnen treten ebenfalls mehrere Persönlichkeiten in Erscheinung. „Scream Queen“ Jamie Lee Curtis („Halloween“-Reihe) überrascht – als verhärmte Steuerprüferin haben wir sie noch nicht gesehen, und selbstverständlich ist es auch bei ihr nicht mit einer Personifizierung getan.

Ein Kinderstar und ein Vielfilmer

Eine interessante Personalie offenbart sich beim Blick auf Evelyns Ehemann Waymond: Ihn verkörpert Ke Huy Quan, der seine Kinolaufbahn Mitte der 80er-Jahre als Kinderstar in zwei großen Kinohits begann: In „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ (1984) trat er als Indys pfiffiger kleiner Helfer Short Round in Erscheinung, ein Jahr später war er als James-Bond-Fan Data Teil der titelgebenden Jugendclique in „Die Goonies“. Eine große Karriere wurde nicht draus, aber es ist schön, Quan nach so langer Zeit mal wieder zu sehen. Evelyn Wangs Vater wiederum wird von James Hong gespielt, der eine enorme Filmografie von mehr als 450 Einträgen vorweisen kann. Der 1929 als Sohn chinesischstämmiger Einwanderer in Minneapolis im US-Staat Minnesota Geborene wirkte in vielen Serien mit, aber auch in Filmklassikern wie Roman Polanskis „Chinatown“ (1974), Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982) und John Carpenters „Big Trouble in Little China“ (1986).

Die Ereignisse verwirren Familie Wang

Das Füllhorn der großen und kleinen Ideen von „Everything Everywhere All at Once“ lässt sich schwer in Worte fassen, hier gilt tatsächlich: Das muss man gesehen haben! Angesichts all dieses Chaos und der bizarren Details erweist sich Evelyn Wang als hilfreicher Fixpunkt, um den roten Faden nicht zu verlieren. Eine besondere Rolle spielen dabei ihre Tochter Joy und eine von Joys alternativen Persönlichkeiten. „Everything Everywhere All at Once“ ist dabei ein Plädoyer dafür, sein Potenzial zu erkennen und zu nutzen.

Auch Tochter Joy kann anders!

Das SF-Abenteuer von Dan Kwan und Daniel Scheinert spinnt den Gedanken der Paralleluniversen auf einer anderen Ebene weiter als Marvels etwas später in den Kinos gestarteter „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“. Bei aller fantasievollen Wucht, die das Marvel Cinematic Universe auszeichnet, hat in der Hinsicht der Einzelstoff ohne Anbindung an ein großes Franchise die Nase vorn. Der im Multiversum herumirrende Doctor Strange hat mich unterhalten, die im Multiversum herumirrende Evelyn Wang fasziniert, zumal wir mit solchen originellen Stoffen nicht rechnen. Sie kommen fast wie aus dem Nichts, während der nächste Marvel-Film erwartbar ist und erwartbar ausfällt. „Everything Everywhere All at Once“ – ganz wunderbar.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jamie Lee Curtis und Michelle Yeoh haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit James Hong unter Schauspieler.

Steuerprüferin Deirdre (l.) ist nicht immer Evelyns Nemesis

Veröffentlichung: 12. August 2022 als UHD Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 140 Min. (Blu-ray), 134 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Everything Everywhere All at Once
USA 2022
Regie: Dan Kwan, Daniel Scheinert
Drehbuch: Dan Kwan, Daniel Scheinert
Besetzung: Michelle Yeoh, Stephanie Hsu, Ke Huy Quan, James Hong, Jamie Lee Curtis, Tallie Medel, Jenny Slate, Harry Shum Jr., Randy Newman, Biff Wiff, Sunita Mani, Aaron Lazar
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Daniel Kwan und Daniel Scheinert (Regie, Drehbuch), Featurettes, Deleted Scenes mit Audiokommentar von Daniel Kwan & Daniel Scheinert, Outtakes, Music Visual
Label/Vertrieb: Leonine

Copyright 2022 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshots: © 2022 Leonine

 
 

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Eine Antwort zu “Everything Everywhere All at Once – Mein sonderbarer Waschsalon und das Multiversum

  1. Christoph Wolf

    2022/12/08 at 14:00

    Schöne Würdigung dieses tollen Films, der mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

     

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