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Mario Bava (II): Hatchet for the Honeymoon – Wenn das rote Zeichen des Wahnsinns durchscheint

24 Aug

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Il rosso segno della follia

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Arme kleine Fliege. Warum bist du so unvorsichtig? Du bist so zart und zerbrechlich … John Harrington (Stephen Forsyth) kann keiner Fliege etwas zu Leide tun, rettet sie aus einem Wasserglas, wenn sich eine darin verirrt hat. Mit diesem offenkundigen Verweis auf Norman Bates aus „Psycho“ beginnt Mario Bavas „Hatchet for the Honeymoon“, der nach einer lange zurückliegenden VHS-Auswertung – damaliger Titel: „Red Wedding Night“ – nun den Weg auf eine Blu-ray des jungen Labels Wicked-Vision Media gefunden hat. Harrington führt sich den Zuschauern mittels charmanter Stimme aus dem Off ein. Fliegen und anderes Getier mögen vor ihm sicher sein, für Menschen gilt das keineswegs, wie er nonchalant verrät: Ich habe inzwischen fünf junge Frauen getötet. Drei von ihnen hab‘ ich im Ofen unseres Treibhauses verbrannt: Carol, Mary, Margaret. Sie waren sehr nett – und sehr attraktiv.

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John weiß, dass er krank ist

Sein Geschäft für Brautausstattung führt Harrington seine Opfer zu, seien es Kundinnen oder Models. Wir erfahren, dass seine Mutter das Modehaus 1948 eröffnet hat. Er habe sie verehrt und ihre Arbeit fortgesetzt. Seine kruden Gedankengänge bleiben uns nicht verborgen: Eine Frau sollte nur bis zu ihrer Hochzeitsnacht leben, einmal lieben und dann sterben. Wenn John eins seiner ein Brautkleid tragenden Opfer nach vollzogener Tat zum Ofen trägt, wirkt es, als würde er seine Braut über die Schwelle tragen. Verheiratet ist er tatsächlich, doch impotent und daher unfähig, die Ehe mit Mildred (Laura Betti) zu vollziehen: Aber mein Mann bist du niemals gewesen. Dennoch verweigert ihm die Zicke die Scheidung. Das Model Helen Wood (Dagmar Lassander) weckt seine Begierde.

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Seine bevorzugte Waffe

„Hatchet for the Honeymoon“ ist ein Porträt, ein Psychogramm einer kranken Seele, in durchdacht zusammengestellten, romantischen Bildern inszeniert und mit lieblichem Score trefflich untermalt. Ein übernatürliches Element mag sich im Kopf des Protagonisten abspielen; es bleibt letztlich der Interpretation des Filmguckers überlassen, soll aber hier nicht weiter ausgeführt werden, um einen Spoiler zu vermeiden. Trotz seiner überdeutlichen Verweise auf Hitchcocks „Psycho“ findet Regisseur – und Kameramann in Personalunion – Mario Bava eine ganz eigenständige Bildsprache. In der Rezeption hat „Das rote Zeichen des Wahnsinns“, so die Übersetzung des italienischen Originaltitels, nie zu Bavas Glanzstücken „Die Stunde wenn Dracula kommt“ (1963), „Die drei Gesichter der Furcht“ (1963) und „Im Blutrausch des Satans“ (1971) aufgeschlossen. Dabei ist der souverän komponierte Film mit seinen schönen Farben als Melange aus Horror- und Psychothriller eine Perle des Giallos geworden.

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Der Tod wartet

Umso erfreulicher, das „Hatchet for the Honeymoon“ nun eine HD-Veröffentlichung erfahren hat, die ihn angemessen würdigt. Das vom 35-mm-Negativ transferierte Bild ist hervorragend gemastert, alle vorliegenden Tonspuren sind sorgfältig abgemischt worden. Dazu ein eigens produzierter, fachkundiger Audiokommentar und attraktives Bonusmaterial mit einem 25-minütigen Interview mit Nebendarstellerin Dagmar Lassander und einer zehnminütigen Einführung von Filmwissenschaftler Dr. Marcus Stiglegger als Herzstücken – fertig ist die Referenz-Edition. Es zahlt sich eben aus, wenn man sich als Independent-Label auf eine begrenzte Zahl von Veröffentlichungen konzentriert und diese dann sorgsam und mit Augenmerk auf Details produziert, statt einen lieblosen Repack nach dem anderen auf den Markt zu schmeißen, um den derzeit unter Filmfans grassierenden Wahn nach Mediabooks auszuschlachten.

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Zärtlich-brutal entsorgt John die Leichen seiner Opfer

Mario Bava bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Die Stunde wenn Dracula kommt (1960)
Der Dämon und die Jungfrau (1963, geplant)
Die drei Gesichter der Furcht (1963, geplant)
Blutige Seide (1964, geplant)
Eine Handvoll blanker Messer (1966, geplant)
Hatchet for the Honeymoon (1970)
Die toten Augen des Dr. Dracula (1971, geplant)
Baron Blood (1972, geplant)
Lisa und der Teufel (1973)

Veröffentlichung: 25. März 2016 als Mediabook (Blu-ray & DVD, 2 Covervarianten á 888 bzw. 444 Exemplare) sowie als limitierte Blu-ray, 18. Februar 2004 als DVD (Koch Media)

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch zum Audiokommentar
Originaltitel: Il rosso segno della follia
IT/SP 1970
Regie: Mario Bava
Drehbuch: Santiago Moncada
Besetzung: Stephen Forsyth, Dagmar Lassander, Laura Betti, Jesús Puente, Femi Benussi, Antonia Mas, Luciano Pigozzi, Gérard Tichy, Verónica Llimerá
Zusatzmaterial: deutscher Audiokommentar von Pelle Felsch, Vorwort von Dagmar Lassander (Deutsch & Englisch), „A Hatchet for Dagmar“ – Interview mit Dagmar Lassander, „My Dying Bride“ – Dr. Marcus Stiglegger über den Film (10 Min.), deutsche Anfangssequenz, deutsche Endsequenz, italienische Anfangssequenz, italienische Endesequenz, Originaltrailer, Artwork-Galerie, italienischer Aushang (Fotobüste), spanischer Werberatschlag, Trailershow, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem Essay von Prof. Dr. Marcus Stiglegger
Vertrieb: Wicked-Vision Media

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshots: © 2016 Wicked-Vision Media

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