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Ghost in the Shell – Visionäre, auch und gerade heute aktuelle Anime-Dystopie

28 Mrz

Kôkaku Kidôtai

Von Volker Schönenberger

Anime-Science-Fiction // „Akira“ markierte 1988 den Startschuss, dem Anime über Japan hinaus weltweit Geltung zu verschaffen. Ins deutsche Fernsehen hatten es zwar seit 1971 beginnend mit „Speed Racer“ zahlreiche Anime-Serien geschafft, darunter „Wickie und die starken Männer“, „Die Biene Maja“, „Kimba, der weiße Löwe“, „Heidi“ und „Captain Future“, sie wurden jedoch vom Publikum nicht unbedingt als japanischer Herkunft wahrgenommen, zumal es sich zum Teil um internationale Koproduktionen handelte. Fürs internationale Kino und ein jugendliches bis erwachsenes Publikum setzte jedenfalls „Akira“ das erste Schlaglicht, wenige Jahre später gefolgt von „Ghost in the Shell“ (1995) und „Prinzessin Mononoke“ (1997).

Während das Studio Ghibli mit Filmen wie „Prinzessin Mononoke“ und „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001) sehr aufs Fantasy-Genre setzte, trat die Manga-Verfilmung „Ghost in the Shell“ in die Fußstapfen von „Akira“ – dystopische Science-Fiction bildet seit jeher eins der Kern-Genres des Animes.

Das Jahr 2029: Japan dank Hochtechnologie als Großmacht

Sein Setting erläutert „Ghost in the Shell“ zu Beginn per Texttafel: In naher Zukunft – Netzwerke streben zu den Sternen, Elektronen und Licht durchströmen das Universum. Noch hat die fortschreitende Computerisierung Nationen und ethnische Gruppen nicht ausgelöscht. Die nahe Zukunft – das ist das Jahr 2029, in dem nach dem Zerfall der USA in drei Teile eine neue Weltordnung Japan dank technischer Innovationen zu einem bedeutenden Machtfaktor gemacht hat.

Der technische Fortschritt hat es ermöglicht, Bestandteile des menschlichen Körpers durch künstliche Komponenten zu ersetzen, was die Personen zu Cyborgs macht. Das macht selbst vor dem Gehirn nicht Halt, das teilweise durch ein sogenanntes Cyberbrain ersetzt werden kann. Dabei werden die als Ghost bezeichneten identitätsbildenden Bestandteile – quasi die Seele – in einer Kapsel bewahrt, die Shell genannt wird.

Der Hacker Puppet Master übernimmt reihenweise Ghosts

Die Technik erweist sich als hochproblematisch, als ein Hacker namens Puppet Master auf den Plan tritt, der in der Lage ist, die Shell zu durchdringen und so die Kontrolle über den Ghost zu übernehmen. Die so manipulierten Cyborgs begehen nun Verbrechen. Dass der Puppet Master auch Staatsbedienstete und Politiker attackiert, ruft die für Cyberkriminalität zuständige Sektion 9 auf den Plan, eine dem japanischen Innenministerium unterstellte Abteilung des Geheimdienstes.

Protagonistin der Cyberpunk-Story ist Sektion-9-Agentin Major Motoko Kusanagi, deren Körper fast vollständig aus Ersatzteilen besteht und die dadurch über übermenschliche Kräfte verfügt. Motoko hinterfragt ihr Dasein. Ist sie überhaupt noch ein Mensch? Ist ihr Bewusstsein noch menschlich zu nennen? Diese Fragen nach menschlicher Existenz und Identität ziehen sich durch den gesamten Film. Bei derlei tiefgründigen philosophischen Gedanken spreche noch mal jemand Animes die Ernsthaftigkeit ab. Und die Bedeutung sowieso: Die „Matrix“-Trilogie der Wachowski-Brüder – zwischenzeitlich -Geschwister, mittlerweile Schwestern – würde es ohne „Ghost in the Shell“ womöglich nicht oder sicher nicht in der Form geben.

Wie weit ist die Technik in zwölf Jahren?

Ob die Technik in zwölf Jahren wirklich so weit vorangeschritten ist wie im Film skizziert, vermag heute sicher niemand zu sagen. Zu konstatieren ist aber, dass sich die Forschung in den Bereichen Medizin und Digitalisierung genau in diese Richtung bewegt. Wohlgemerkt: „Ghost in the Shell“ entstand 1995, und Masamune Shirows Manga, auf dem der Anime basiert, wurde sogar schon 1989 veröffentlicht. Gerade aus heutiger Sicht ist eine derartige Vision vor der Jahrtausendwende umso bemerkenswerter.

Der Choralgesang des Soundtracks bildet einen reizvollen Kontrast zum Science-Fiction- und Cyberpunkt-Setting von „Ghost in the Shell“. Die Anime-Optik ist für Genre-Unbeleckte wie mich natürlich gewöhnungsbedürftig, erst recht, da unsere westlichen Sehgewohnheiten beim Animationsfilm mittlerweile doch arg durch die großen Studios wie Disney/Pixar und DreamWorks beeinflusst sind. Wer das abschalten kann, den erwartet ein visuell betörendes Werk in detailgenauen, gleichwohl ruhigen Bildern, die mit gelegentlichen Action- und auch Gewalteruptionen gespickt sind. Etwas Nacktheit gibt es ebenfalls zu sehen.

Das „Ghost in the Shell“-Franchise

In der Folge entstanden unter anderem die Fortsetzung „Ghost in the Shell 2 – Innocence“ (2004), ab 2002 die Serie „Ghost in the Shell – Stand Alone Complex“ und 2008 eine überarbeitete Version des Films unter dem Titel „Ghost in the Shell 2.0“. Dafür wurden die Animationen mithilfe von CGI digital modernisiert, auch die Tonspur erhielt eine Frischzellenkur verpasst. Bei uns ist „Ghost in the Shell“ seit 2005 auf DVD erhältlich. Ende 2014 erschien die „25 Jahre Jubiläums Edition“ als Blu-ray und DVD, eine anständige Veröffentlichung im Format eines Mini-Mediabooks mit Booklet, die mit beiden deutschen Synchronisationen aufwartet – für Fans sicher unerlässlich. Auch „Ghost in the Shell 2.0“ ist in Deutschland auf Blu-ray und DVD lieferbar.

Im ersten Anime erfahren wir nichts über die Vergangenheit der Hauptfigur Motoko Kusanagi. Diese Lücke schließen die späteren Teile des Franchises. Ersten kurzen Inhaltsangaben zufolge wird die aktuelle Realverfilmung mit Scarlett Johansson darauf einen stärkeren Fokus legen. Wie auch immer die Version von Rupert Sanders („Snow White and the Huntsman“) ausfallen wird, am Status von „Ghost in the Shell“ als visionäres Meisterwerk wird das nichts ändern.

Veröffentlichung: 12. Dezember 2014 als Blu-ray und DVD im Mediabook (25 Jahre Jubiläums-Edition), 1. August 2005 als Ultimate Edition DVD

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch (zwei Synchronisationen wählbar), Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Kôkaku Kidôtai
JAP 1995
Regie: Mamoru Oshii
Drehbuch: Kazunori Itô, nach einem Manga von Masamune Shirow
Zusatzmaterial: Making-of, Originaltrailer, Booklet
Vertrieb: Nipponart

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

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