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Horror für Halloween (XXIX): Draculas Rückkehr – Maigret fällt vom Dach

27 Okt

Dracula Has Risen from the Grave

Von Lars Johansen

Horror // 1958 hatten die Hammer-Studios den Vampirfürsten mit „Dracula“ zu neuem Leben erweckt. Christopher Lee war großartig, Peter Cushing als Van Helsing ebenso. Der kehrte schon 1960 zurück, in „Dracula und seine Bräute“, welcher aber ohne den echten Vampirgrafen auskommen musste. Dracula ruhte bis 1966, als ihn Terence Fisher in „Blut für Dracula“ auferstehen ließ. Lee hatte davor aber schon 1959 „Schlechte Zeiten für Vampire“ in Italien erlebt, 1961 im antiken Griechenland erneut, wo er in Mario Bavas „Vampire gegen Herakles“ einen bissigen König gegeben hatte. Nachdem Hammer ihm nach seinem ersten Tod als Vampir immerhin acht Jahre Ruhe zugebilligt hatte, musste er jetzt schon nach nur zwei Jahren wiederauferstehen und dann in immer kürzer werdenden Abständen bis 1973 noch viermal. Die erste dieser fast schon seriellen Produktionen war „Draculas Rückkehr“ von 1968.

Geläute(r)t

Die Handlung knüpft nahezu direkt an „Blut für Dracula“ an, wo Dracula in seinem Schloss in der Nähe von Karlsbad im Eis versunken und ertrunken ist. Können Vampire eigentlich ertrinken? Natürlich nicht, ein paar Tropfen Blut von der Hand des Dorfpfarrers reichen aus, um ihn erneut zu erwecken. Schuld daran ist eigentlich Monsignore Ernst Müller (Rupert Davies), der aus dem fernen Keinenberg angereist ist, um sich die Kirchen im Lande anzusehen. In Karlsbad (oder wie auch immer der Ort jetzt heißt) ist das Gotteshaus nicht nur leer, Pfarrer und Bevölkerung halten sich sogar während des Gottesdienstes im Wirtshaus auf. Schuld sei der Schatten Draculas, und so macht sich der Monsignore mit dem überforderten Priester auf zum Schloss, um das Gemäuer mit einem großen Kreuz für alle Zeiten für den Vampir zu versiegeln. Dabei kommt es während eines Unwetters zu dem besagten Unfall, der den Vampir wieder auferstehen lässt. Mit dem eher unwilligen Priester als Diener im Schlepptau folgt Dracula dem Monsignore bis nach Keinenberg, wo er sich an dessen Nichte (Veronica Carlson) labt. Nebenbei vampirisiert er die örtliche Kellnerin und tötet auch den Monsignore. Aber da ist ja auch noch Paul (Barry Andrews), der Freund der Nichte. An ihm ist es nun, den Vampir endgültig zu vernichten.

Vom Eise befreit

Die Handlung ist nicht wirklich überraschend und es ist klar, ohne groß zu spoilern, dass es für Dracula am Ende nicht gut ausgeht. Auch wenn er diesmal nach nur zwei Jahren gleich in zwei Filmen, „Wie schmeckt das Blut von Dracula?“ und „Dracula – Nächte des Entsetzens“, erneut sterben durfte. Man merkt „Draculas Rückkehr“ an, dass die guten alten Zeiten von Terence Fisher vorbei sind. Vieles hier wirkt standardisiert, wenn auch auf hohem Niveau. Es sind die Kleinigkeiten, die zeigen, dass anders gearbeitet wird. Wenn der Kirchendiener in der ersten Szene sein Fahrrad vor dem Kirchentor hinwirft, ist es verschwunden, wenn der Priester die Kirche kurz danach betritt. Entweder ist Karlsbad die Hauptstadt der Fahrraddiebe oder man hat ein wenig bei der Kontinuität geschlampt. Nun ist Freddie Francis beileibe kein schlechter Regisseur, als Kameramann hat er sogar zwei Oscars erhalten, und in den Vorjahren hatte er für Hammer ein paar schöne, altmodische, schwarz-weiße Thriller („Ein Toter sucht seinen Mörder“, „Haus des Grauens“ und „Der Satan mit den langen Wimpern“) gedreht, die alle unbedingt sehenswert sind. Dabei versuchte er, seinem großen Vorbild James Whale („Frankenstein“, „Der Unsichtbare“) nachzueifern. Und obwohl er eigentlich nur in Schwarz-Weiß filmt, auch wenn er in Farbe dreht, wie er selbst sagt, so ist er doch hier in der Farbgestaltung sehr originell und innovativ. Immer wenn Dracula erscheint, wird der Auftritt, der dadurch erst zum echten Auftritt wird, von fast schon psychedelischen Farbspielen begleitet, die trotzdem eine angenehme Dezenz ausstrahlen.

Trinkspiele

Ein wenig vermisst man Peter Cushing, der aber von Rupert Davies ausgezeichnet vertreten wird. Er und Lee waren sich im Vorjahr in „Die Pagode zum fünften Schrecken“ begegnet und hatten 1968 auch noch „Die Hexe des Grafen Dracula“ überstanden, wo aber von Dracula weit und breit nichts zu sehen war. Davies war Anfang der 60er-Jahre vor allem als „Kommissar Maigret“ in der gleichnamigen Fernsehserie bekannt geworden, einer Rolle, in der er sogar von Maigret-Erfinder Georges Simenon als ideale Besetzung gelobt wurde. Sein Monsignore Ernst Müller ist glaubwürdig als liebevoller Onkel und jovialer Kirchenmann, der trotzdem nach strengen Regeln lebt, handelt und von anderen erwartet, dass sie diese ebenfalls einhalten. Sein relativ früher Tod ist wirklich ein Verlust, denn Barry Andrews („In den Krallen des Hexenjägers“) als jugendlicher Held gewinnt nur wenig Profil. Ihm war dann auch keine große Karriere beschieden.

Bettspiele

Auch Veronica Carlson, die für Hammer noch zwei Frankenstein-Filme drehen würde, blieb eher farblos. Sie kommt leider nicht über die Rolle einer hübschen Dreingabe hinaus, ihre Seelenqual bleibt Behauptung. Der Priester, der am Ende im Angesicht der Not seinen Glauben wiederfindet, wird von Ewan Hooper eher unauffällig gestaltet. Bleibt also nur Christopher Lee, der wunderbar dämonisch wirkt, aber den charmanten Verführer völlig unter den Tisch fallen lässt. Eher spielt er seinen Dracula wie ein tollwütiges Tier, das sich nur mit den allernötigsten Dialogfetzen verständigt und alles andere über reine Gewalt regelt. Er macht wirklich Angst. Aber warum ihm die Frauen verfallen, bleibt letztlich unklar.

Falsches Zimmer, Herr Pfarrer

An all diesen Dingen ist das Drehbuch nicht ganz unschuldig. Das hatte Anthony Hinds routiniert unter seinem Standard-Hammer-Pseudonym John Elder verfasst. Hinds produzierte einen Großteil der Hammer-Produktionen mit, bis er sich Ende der 60er-Jahre auf Druck von außen von diesem Posten zurückziehen musste. In dieser Phase scheint das Drehbuch entstanden zu sein, dem eine gewisse Lustlosigkeit nicht ganz abzusprechen ist. Dazu kommen Unwahrscheinlichkeiten, die dem Ergebnis auch nicht bekommen sind. So kann sich Dracula auf einmal einen Pfahl aus seinem Herzen ziehen, weil beim Vorgang des Pfählens keine Gebete gesprochen wurden. Dafür stürzt er am Ende über die Mauerbrüstung seines Schlosses direkt auf das anscheinend nur dafür bereit stehende Kreuz. Und wenn der jugendliche Held erst ein langweiliges und unsinniges Trinkspiel über sich ergehen lassen muss und später seine Geliebte in dem doch eher übersichtlichen Keller der Gaststätte sucht, dann sieht man deutlich, dass Zeit geschunden werden soll, was dem Tempo des Films nicht bekommt.

Ein Mann sieht rot

Alles in allem bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Schöne Momente stehen neben eher öden, unsinnige Handlungelemente neben atmosphärisch sehr gelungenen und zwei exzellente Schauspieler vor einem farblosen Ensemble. Man spürt schon, dass hier eine Serie droht, der Erfolg stellte sich zwar noch einmal ein, aber die nachfolgenden Produktionen fanden nur noch schwer ihr Publikum. Kein Wunder, denn in einem Jahr, dass „2001 – Odysse im Weltraum“ und „Rosemarys Baby“ hervorgebracht hatte, aber mit Jean Rollins „Die Vergewaltigung des Vampirs“ und George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ auch eine ganz andere, neue Ästhetik des Schreckens, musste ein altmodischer Vampir wie das Relikt einer vergangenen Zeit wirken.

Zwei Männer sehen röter

Die Veröffentlichung von Anolis Entertainment beziehungsweise in der Neuauflage der Blu-ray Studio Hamburg Enterprises ist sehr solide geraten, wie man es vom Label gewohnt ist. Die Extras sind ordentlich, nur mit dem Audiokommentar tue ich mich mal wieder ein wenig schwer. Die Kompetenz von Uwe Sommerlad wird immer wieder durch wenig zielführende Fragen und Anmerkungen von Dr. Rolf Giesen unterlaufen. Wer sich mit Hammerfilmen auskennt, kann vielleicht zusätzlichen Nutzen daraus ziehen, alle anderen dürften eher ein wenig verwirrt werden.

Wem die Stunde schlägt

Das Mediabook von 2018 ist im Handel sogar noch zu finden, Sammler sollten aber nicht zu lange warten. Es enthält mehr Bonusmaterial und wie gewohnt ein informatives Booklet, wobei auch hier ein Kritikpunkt ins Auge fällt: Es erscheint suboptimal, dass Anolis fürs Booklet zwei Autoren verpflichtet, beiden aber außer „Schreibt mal etwas über den Film und die Entstehung“ anscheinend keine Vorgaben macht und die beiden sich offenbar auch nicht absprechen. Trotzdem lohnt ein Kauf unbedingt – ob im Amaray-Case oder dem etwas teureren Mediabook-Format sei jedem Sammler selbst überlassen. In besserer Qualität wird man „Draculas Rückkehr“ in Deutschland schwerlich zu Gesicht bekommen.

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Freddie Francis sind unter Regisseure zu finden, Filme mit Christopher Lee in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 27. September 2019 als Blu-ray, 31. Oktober 2018 als Blu-ray im limitierten Mediabook (drei Covervarianten) und Blu-ray, 24. September 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Dracula Has Risen from the Grave
GB 1968
Regie: Freddie Francis
Drehbuch: Anthony Hinds (als John Elder)
Besetzung: Christopher Lee, Rupert Davies, Veronica Carlson, Barry Andrews
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, Dokumentation „Dracula – The Antichrist“, Dokumentation „Composing for the Count“, britischer Kinotrailer, deutscher Kinotrailer, britische Ad Card, britischer und deutscher Werberatschlag, Filmprogramm, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Lars Dreyer-Winkelmann
Zusatzmaterial 2019: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, englischer und deutscher Trailer, Werberatschläge, Bildergalerie mit Musik
Label/Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises
Label 2018: Anolis Entertainment GmbH
Vertrieb 2018: Studio Hamburg Enterprises
Label/Vertrieb 2004: Warner Home Video

Copyright 2019 by Lars Johansen

Szenenfotos & Packshots: © Anolis Entertainment GmbH / Studio Hamburg Enterprises

 

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