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Subconscious Cruelty – Morbide Anthologie getreu dem Motto: „If It Bleeds, It Leads.“

27 Nov

Subconscious Cruelty

Von Lucas Knabe

Horror // Mitch Davis’ und Karim Hussains Vision vom Kino ist jene einer bewussten Grenzüberschreitung, die eine „innere Erfahrung“ im Zuschauer hervorrufen möchte. So Prof. Dr. Marcus Stiglegger über die Maximen des Produzenten und Regisseurs, die „Subconscious Cruelty“ bereits während der 1990er-Jahre im jungen Erwachsenenalter produzierten und zu Beginn des aktuellen Millenniums veröffentlichten. Doch kann die angepriesene Grenzüberschreitung in „Subconscious Cruelty“ fast 20 Jahre nach der Veröffentlichung tatsächlich die innere Erfahrung und die damit verbundene Tiefenpsychologie seines Publikums in exzentrischer Weise aufarbeiten oder handelt es sich dabei lediglich um einen mit Kunstblut aufgeblasenen Popanz, der allein durch reißerische Gedanken und abstrakte Bilder schocken möchte?

Experimentierfreudiger Exploitation-Film an den Grenzen des Menschseins

Erst einmal will ich erneut hervorheben und honorieren, dass Regisseur Karim Hussain und Produzent Mitch Davis zu Beginn der Produktion 18 beziehungsweise 19 Jahre alt sind, was in jedem und ganz besonders in diesem Fall eine beneidenswerte und bravouröse Leistung darstellt, die meine persönliche Wertung des Films vorerst in die Schranken weist. Erst recht, wenn man betrachtet, mit welchem Budget und unter welchen Faktoren ein 80-minütiger Film entstand, der auf der inszenatorischen Ebene lediglich durch seine sehr intensive Darstellung abschrecken kann. Daher möchte ich in dieser kurzen Besprechung überwiegend auf die künstlerischen Prozesse und Wirkungen eingehen, die in ihrer technischen Darstellung der Visualität und Tonalität dem lobenden Wort perfektionistisch nahekommen. Aber die, wie schon in der Teilüberschrift signalisiert, in ihrer moralischen Methodik durchaus Grenzen überschreiten, ja sogar Kunst und Tabu in die Nähe eines Konflikts treiben können.

Schwere Kost

Bereits die Struktur der Erzählung offeriert, dass man mit stereotypischen Sehgewohnten populärer Filme nicht weit kommen wird. „Subconscious Cruelty“ ist in drei autonome Kapitel untergliedert: „Human Larvae“, „Rebirth“ sowie „Rightbrain/Martyrdom“, die nach einer kurzen, aber skurrilen Exposition ihren Hass in die Welt senden. Zu Anfang des Films wird auf eine bereits veraltete medizinische Ansicht rekurriert, die besagt, die linke Hirnhälfte sei für rationales und analytisches Denken verantwortlich, wogegen die rechte Hälfte der Sitz des Instinkts sei. Um den Erkenntnissen des Films zu folgen, solle man die linke Hirnhälfte „abschalten“ – ein interessanter Schachzug. Vor Beginn der eigentlichen Handlungen greift der Film also in die Wahrnehmung seiner Zuschauer ein und versucht somit für das geeignete Mindset zu sorgen. Das Sujet der Kapitel besteht, wie Hussain selbst äußert, aus Themen, die ihn zu jener Zeit stark beschäftigten und emotionalisierten. Daher handelt es sich, wie er selbst sagt, bei „Subconscious Cruelty“ um einen von Hass erfüllten und naiven Film, der in der heißblütigen Aversion seiner selbst Probleme wie Frauenhass, Religion und Umwelt in einem eigenwilligen Narrativ verbalisiert und visualisiert.

Im Zentrum von Hussains Regiearbeit steht dabei erwartungsgemäß der Mensch selbst. Nach seiner einführenden Äußerung bieten sich nun zig Herangehensweisen an, um sein Werk inhaltlich, moralisch, ethisch, philosophisch oder symbolisch aufzudröseln und zu interpretieren, wovon ich allerdings Abstand nehmen möchte, da gerade bei diesem Film eine inhaltliche Nüchternheit wichtig ist, da man sonst schnell in einen unendlichen Strudel aberwitziger Sinnfragen hineingeraten könnte, deren jetzige Artikulierung nur unnötig einnorden, beeinflussen oder verwirren würde. Wichtiger und als Schlüssel zum Film erachte ich ohnehin dessen unbedarfte Erstsichtung, da krampfhaftes Deuten und Orakeln das Seherlebnis entscheidend mindern kann.

Zurück zum Mensch im Film: Das menschliche Individuum dient lediglich als fleischgewordener Gedanke und führt die Gedanken auf einen nicht immer greifbaren, aber immerhin kunstvoll visualisierten Sachverhalt. Ungewöhnlich ist dies insofern, als die Figuren keinerlei Worte nutzen. Man könnte sagen, dass Hussain lebendige Gemälde zeichnet und zusammenfügt, sodass Szene für Szene, also Gemälde für Gemälde, als sinnstiftende und symbolkräftige Arrangements ineinandergreifen, die mit Figurenzeichnungen sowie Charakter- und Kommunikationsmodellen konventioneller Filme nichts gemein haben.

Kultstatus im Underground

Das aufreibende Moment daran ist dabei die Verarbeitung und Darstellung von Hussains Gedanken und Intentionen. Hierbei werden zutiefst menschliche Motive durch eine selten gesehene filmische Exzentrik visualisiert, die über das Gros durchschnittlicher Sehgewohnheiten hinaus gehen dürfte – eine Visualisierung, die dem Film sehr wahrscheinlich seinen Kult-Status im Underground-Segment eingebracht hat. Andersrum könnte man mit Schärfe behaupten, dass ohne die Form der enttabuisierten menschlichen Gewalt und Brutalität, die auf ein destruktives und auflösendes Niveau gehoben wird, sich wohl weitaus weniger Menschen für die wilden und rebellierenden Gedanken eines 18- oder 19-Jährigen interessieren würden, was die künstlerische Leistung dieses Films keinesfalls schmälern soll. Die Intensität des Films und explizit der Gore-Effekte sind aber wahrscheinlich die Qualitäten, die ihn auszeichnen und die womöglich viele Interessierte letztlich zum Kauf anregen, in der Hoffnung, eine cineastische Grenzerfahrung zu erleben, die die wenigsten Filme bieten können. Der Erfolg von „Subconscious Cruelty“ scheint dies zu bestätigen.

Aus persönlicher Sicht teile ich die Lobeshymnen um den Film nur bedingt, obgleich ich den Mut und die äußerst anspruchsvolle künstlerische und audiovisuelle Verarbeitung sowie Erschließung des Inhalts zu großen Teilen beeindruckend finde, was ich mit allem Nachdruck betone. Die minutenlangen und eskalierenden Folter-Orgien, die sich Kapitel für Kapitel in anderen Gewändern mit gleicher Roheit zeigen, sodass Liter um Liter Kunstblut aus den sich windenden Opfern rausschießen, überspannen den Bogen jedoch. Was im ersten Kapitel noch atemstockend und abscheulich wirkt, verliert in in der Folge an Sprengkraft. Extreme Gore-Effekte als inszenatorischer Brandbeschleuniger funktionieren hier nur bedingt, da diese in hohem Maße inflationär genutzt werden, um ein eigentlich längst auf den Punkt gebrachtes Thema durch kannibalische Gewalt nochmals zu illustrieren, sodass man etwa verekelt oder gelangweilt fragen kann: „War das nötig?“ Gore mit noch mehr Gore zu steigern, das erweist sich hier leider als wirkungslos und wenn man keine Faszination an den morbiden Gedankenspielen Hussains findet, kann es passieren, dass man nach den ersten 40 Minuten gleichgültig und empathielos dreinschaut. Weniger flapsig formuliert: Hussains bewusst herbeigeführte Grenzüberschreitung ist Fluch und Segen zugleich.

Drei Cover der „Cinestrange Extreme Edition“

Das Mediabook der „Cinestrange Extreme Edition“ ist ansprechend aufgemacht und kommt in drei Covervarianten mit unterschiedlicher Auflagenhöhe daher, von denen Cover C dank nur 222 Exemplaren bereits vergriffen ist und auf dem Sammlermarkt im Preis steigt. 888 (Cover A) und 444 (B) Exemplare der beiden anderen Motive erscheinen üppig bemessen und auch noch lieferbar sind. Der Film ist von der FSK nicht geprüft worden, wird also im Handel so behandelt wie ein indizierter: mit Bewerbungsverbot inklusive Verbot öffentlicher Auslage. Sammler von Uncut-Filmen werden die einschlägigen Händler kennen.

Booklettext von Prof. Dr. Marcus Stiglegger

Das Bonusmaterial ist üppig ausgefallen: Außer einem viertelstündigen Intro von Regisseur Karim Hussain und einem 77-minütigen Making-of finden sich Davis’ und Hussains Kurzfilme „Divided into Zero“ (34 Minuten lang) von 1999 und „God’s Little Girl“ (16 Minuten) von 2004. Transgressives Kino der Grausamkeit nennt Prof. Dr. Marcus Stiglegger das Werk der beiden in seinem Essay „Film als Kunst der Überschreitung – Anmerkungen zum transgressiven Kino von Mitch Davis und Karim Hussain“ im Booklet des Cinestrange-Mediabooks, aus dem ich auch das diesen Text einleitende Zitat entnommen habe. Ein inhaltlich identischer, aber anders strukturierter Essay mit dem Titel „Überschreitung und Erlösung? Anmerkungen zum transgressiven Kino von Mitch Davis und Karim Hussain“ findet sich im Übrigen auch in Stigleggers 2018 veröffentlichten Buch „Grenzüberschreitungen – Exkursionen in den Abgrund der Filmgeschichte“, dem zweiten Band seiner „Grenz-Trilogie“ – nach „Grenzkontakte – Exkursionen ins Abseits der Filmgeschichte“ (2016) und vor „Jenseits der Grenze – „Im Abseits der Filmgeschichte“ (2019). Die drei Taschenbücher sind im Martin Schmitz Verlag erschienen und versammeln zahlreiche essayistische Gedanken des profilierten Film- und Kulturwissenschaftlers. Wer sich mit dem Verständnis filmischer Randerscheinungen wie „Subconscious Cruelty“ schwertut, erhält von Stiglegger einige lesenswerte Hilfestellungen mit auf den Weg.

Veröffentlichung: 21. Oktober 2019 als Blu-ray, 21. Dezember 2018 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 3 Covermotive à 888, 444 und 222 Exemplare)

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Subconscious Cruelty
KAN 2000
Regie: Karim Hussain
Drehbuch: Karim Hussain
Besetzung: Sophie Lauzière, Anne-Marie Belley, Brea Asher, Ivaylo Founev, Eric Levasseur, Janis Higgins, Nadia Simaani, Anna Berlyn, Nancy Simard, Sean Spuruey, Scott Noonan, Mitch Davis, Christopher Piggins, Martin Sauvageau, Annette Pankrac
Zusatzmaterial: Kurzfilm „Divided Into Zero“ (Englisch mit deutschen Untertiteln, 34 Min.); Kurzfilm „Gods Litte Girl“ (Englisch mit deutschen Untertiteln, 16 Min.), exklusives Intro von Regisseur Karim Hussain (Englisch mit deutschen Untertiteln, 16 Min.), Bildergalerie, Trailer; Making-of (Englisch, 77 Min.), 12-seitiges Booklet mit dem Essay „Film als Kunst der Überschreitung – Anmerkungen zum transgressiven Kino von Mitch Davis und Karim Hussain“ von Prof. Dr. Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb: Cinestrange Extreme

Copyright 2019 by Lucas Knabe
Packshot Blu-ray & Mediabook-Covervariante C: © Cinestrange Extreme

 

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