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Mit Blut geschrieben – Sinnloses Sterben auf koreanischem Hügel

15 Apr

Pork Chop Hill

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Lev Milstein – je von gehört? Dieser bedeutende Regisseur wurde 1895 als Sohn einer begüterten jüdischen Familie im heutigen Moldawien geboren. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wanderte er in die USA aus. Gefördert vom bedeutenden Produzenten Howard Hughes, konnte er ab 1918 als Regisseur arbeiten – und das mit Erfolg: Bei der ersten Oscar-Verleihung 1929 wurde er mit dem Academy Award als bester Regisseur einer Komödie ausgezeichnet – für „Schlachtenbummler“ („Two Arabian Knights“), eine im Ersten Weltkrieg in Afrika angesiedelte Stummfilm-Abenteuerkomödie. In jenem Jahr wurden die Regie-Oscars zum einzigen Mal in den zwei Kategorien Drama und Komödie vergeben. Den Oscar als bester Drama-Regisseur erhielt Frank Borzage für „Das Glück in der Mansarde“ („7th Heaven“).

Oscar für „Im Westen nichts Neues“

Noch nicht auf den Namen gekommen? Nun aber: Nur ein Jahr später erhielt Milstein gleich seinen zweiten Regie-Oscar – für „Im Westen nichts Neues“ („All Quiet on the Western Front“). Seinen Namen hatte er schon viele Jahre zuvor anglisiert, nannte sich Lewis Milestone. Es war übrigens die dritte Oscar-Verleihung, die zweite des Jahres 1930. Dies war erforderlich geworden, weil bei künftigen Verleihungen die Filme des jeweils vorherigen Jahres ausgezeichnet werden sollten.

Lieutenant Clemons steht vor einer schweren Mission

Erich Maria Remarques 1928/1929 erstveröffentlichte Buchvorlage „Im Westen nichts Neues“ gilt als einer der bedeutendsten Antikriegsromane überhaupt. Milestones Regiearbeit wiederum gilt als einer der bedeutendsten Antikriegsfilme überhaupt, hatte 1930 auch den Oscar als bester Film erhalten. Der Regisseur widmete sich im Lauf seiner Karriere verschiedenen Genres, kehrte aber ein paar Mal zum Kriegsfilm zurück, so 1944 mit „The Purple Heart“ und 1951 mit „Okinawa“. An den Status und die Bekannheit von „Im Westen nichts Neues“ kommen beide nicht heran. Das gilt auch für „Mit Blut geschrieben“, Originaltitel: „Pork Chop Hill“, gleichwohl hat das Kriegsdrama von 1959 hohe Qualität.

Die Schlacht vom Schweinekotelett-Hügel

Als „Battle of Pork Chop Hill“ (Schlacht vom Schweinekotelett-Hügel) werden zwei Infanteriegefechte bezeichnet, die im April und Juli 1953 im Koreakrieg ausgetragen worden sind. Dabei kämpften US-Truppen gegen nordkoreanische Streitkräfte und deren chinesische Verbündete. Die besondere Tragik dieser verlustreichen Auseinandersetzung resultiert daraus, dass zum einen um strategisch bedeutungslosen Raumgewinn gekämpft wurde; zum anderen waren parallel bereits die Waffenstillstandsverhandlungen im Gange, die zum Ende des Koreakriegs am 27. Juli 1953 führten.

Zu Beginn von „Mit Blut geschrieben“ sehen wir GIs in ihren befestigten Stellungen bei der Morgenroutine. Ein nordkoreanischer Propagandist beschallt sie von den nahe gelegenen feindlichen Linien über Lautsprecher mit seinem Sermon über Frieden – das wird er im weiteren Verlauf mehrfach wiederholen. Am Abend erhält Lieutenant Joe Clemons (Gregory Peck) einen Anruf seines vorgesetzten Colonels. Statt der Nachricht vom Waffenstillstand, den sich die Soldaten erhoffen, erhält er die Order, seine Kompanie auf einen möglichen Gegenangriff auf den Pork Chop Hill vorzubereiten. Und tatsächlich erobern die feindlichen Truppen kurz darauf den strategisch unwichtigen Hügel. Clemons und seine Männer setzen sich in Bewegung. Als die GIs den Hügel emporstapfen, werden sie bereits von feindlichen Soldaten erwartet – der Auftakt zu einem beispiellosen Gemetzel.

Des Nachts rückt er mit seiner Einheit vor

Hauptdarsteller Gregory Peck war auch als Executive Producer beteiligt. Dem Vernehmen nach holte er Lewis Milestone an Bord, weil ihn „Im Westen nichts Neues“ sehr beeindruckt hatte. Gedreht wurde ab Mai 1958 knapp zwei Monate lang in Arizona und Kalifornien, wobei Milestone und Peck bisweilen über die Ausrichtung von Pecks Rolle uneins waren. Angeblich entstanden sogar einige Szenen unter der Regie des Schauspielers.

Soldaten als Bauernopfer

Milestones nüchterne Inszenierung passt gut zu der Sinnlosigkeit, einen Hügel zu erstürmen, der für beide Seiten keinerlei praktischen Nutzen hat. Die meisten US-Soldaten fügen sich klaglos – was sollten sie sonst auch tun? Nach etwas mehr als zwei Dritteln des Films zeigt eine Szene bei den Waffenstillstandsgesprächen in Panmunjeom in der späteren Demilitarisierten Zone Koreas, dass die Eroberung lediglich als taktischer Zug dient, um in den Verhandlungen die eigene Position zu stärken. Ein geradezu zynisches Gebaren, das mehr Raum verdient hätte. Milestone hatte wohl auch mehr Szenen mit den Verhandelnden gedreht, konnte sie aber nicht in der letzten Schnittfassung unterbringen. So liegt der Fokus mehr auf den Kampfhandlungen selbst und insbesondere auf Pecks Figur des gradlinigen Lieutenant Clemons. Das geht schon in Ordnung, „Mit Blut geschrieben“ hat hohe Qualität bei der Inszenierung des so sinnlosen wie verlustreichen Angriffs den Hügel hinauf – in eine solche Situation will sich kein Mensch freiwillig begeben; gleichwohl hätte Milestones Director’s Cut das Kriegsdrama vielleicht in ganz andere Anerkennungssphären gehoben. Aber es war nun mal die Ära des Studiosystems in Hollywood, bei dem Regisseure abliefern mussten und kaum einmal über den Final Cut mitbestimmen durften.

Der Sturm auf den Hügel erweist sich als verlustreich

Stoisch nehmen es die Soldaten hin, in einem sinnlosen Einsatz als Kanonenfutter verheizt zu werden. Einer schert aus: Private Franklin (Woody Strode) täuscht beim Sturm auf die Anhöhe eine Fußverletzung vor, um sich zurückfallen zu lassen, wird aber von Lieutenant Clemons entlarvt. In Todesangst versucht er wiederholt, dem Kampf zu entgehen. Weil Darsteller Woody Strode Schwarzer ist, kamen vereinzelt Rassismus-Vorwürfe auf. Die Inszenierung der Szenen gibt mir darauf keinen Hinweis, daher halte ich mich an „Im Zweifel für den Angeklagten“ und interpretiere die Hautfarbe des Schauspielers als Zufall, zumal Franklins inneres Ringen deutlich wird und er sich später berappelt.

Kriegsheld Joseph G. Clemons

Den von Gregory Peck verkörperten Offizier gab es wirklich: Joseph G. Clemons (1928–2018) wurde für seinen Einsatz im Koreakrieg mehrfach ausgezeichnet. Sein Agieren in der „Battle of Pork Chop Hill“ fand Eingang in das Buch „Pork Chop Hill: The American Fighting Man in Action“ von S. L. A. Marshall, auf dem der Film beruht.

Was die Antikriegsbotschaft angeht, kommt „Mit Blut geschrieben“ nicht ganz an Milestones Klassiker „Im Westen nichts Neues“ heran. Zwar wird jederzeit deutlich, dass die Soldaten auf beiden Seiten schlicht verheizt werden, gleichwohl verrichten die meisten von ihnen weiter unbeirrt ihren Dienst. Gregory Peck verleiht seinem Lieutenant Clemons die Aura eines tapferen Offiziers, der Befehlen von oben gehorcht, da hätten ein paar Zweifel vielleicht noch mehr herausgeholt. Auch in der Hinsicht hatte Milestone wohl etwas anderes vorgeschwebt. „Mit Blut geschrieben“ bietet außerdem einigen später namhaften Darstellern frühe Kinorollen, darunter Martin Landau, George Peppard, Rip Torn und Harry Guardiono. Schauspielerisch ist das Kriegsdrama damit über jeden Zweifel erhaben, was in gleichem Maße für Pecks Interpretation seiner Rolle gilt, auch wenn ich sie mir etwas differenzierter angelegt gewünscht hätte.

Koreakriegsfilme aus Hollywood

Nach zwei DVD-Editionen ist der Film nun auch als Blu-ray sowie in DVD-Neuauflage erhältlich. Das Label explosive media hat leider kein nennenswertes Bonusmaterial auf die Discs gepackt, dafür fallen Bild- und Tonqualität anständig aus. Mit Samuel Fullers „Die Hölle von Korea“ („The Steel Helmet“, 1951), dem ebenfalls von Fuller inszenierten „Der letzte Angriff“ („Fixed Bayonets!“, 1952), „Korea“ („One Minute to Zero“, 1952) mit Robert Mitchum sowie „Arzt im Zwielicht“ („Battle Circus“, 1953) mit Humphrey Bogart entstanden die ersten Filme über den Koreakrieg bereits noch während der Konflikt andauerte. Das bekannteste Werk dürfte Robert Altmans Satire „M.A.S.H.“ („MASH“, 1970) sein. Zusammen mit Fullers „Die Hölle von Korea“ und Anthony Manns „Tag ohne Ende“ („Men in War“, 1957) gehört „Mit Blut geschrieben“ für mich zu den besten ernsten Koreakriegsdramen, die Hollywood hervorgebracht hat, wobei ich zugegeben keinen vollständigen Überblick habe. Fullers „Der letzte Angriff“ erscheint mir ebenfalls einen intensiven Blick wert und hat hierzulande eine Wiederveröffentlichung verdient. Von koreanischen Dramen über den Konflikt fange ich gar nicht erst an; derer gibt es einige auf hohem Niveau inszenierte, aber das hebe ich mir für eine anderen Text auf. Welche hier nicht genannten US-Koreakriegsfilme könnt Ihr empfehlen?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Lewis Milestone haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Gregory Peck und Woody Strode unter Schauspieler.

Unverhoffter Besuch mitten im Gefecht

Veröffentlichung: 16. Januar 2020 als Blu-ray und DVD, 13. März 2009 und 19. April 2004 als DVD

Länge: 97 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Pork Chop Hill
USA 1959
Regie: Lewis Milestone
Drehbuch: James R. Webb, nach einer Vorlage von S. L. A. Marshall
Besetzung: Gregory Peck, Harry Guardino, Rip Torn, George Peppard, Carl Benton Reid, James Edwards, Bob Steele, Woody Strode, George Shibata, Norman Fell, Lew Gallo, Robert Blake, Biff Elliot, Charles Aidman
Zusatzmaterial: US-Kinotrailer, Bildergalerie, Wendecover
Label 2020: explosive media
Vertrieb 2020: Koch Films
Label/Vertrieb 2004/2009: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2020 explosive media, Packshots DVDs: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

 
 

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12 Antworten zu “Mit Blut geschrieben – Sinnloses Sterben auf koreanischem Hügel

  1. Thomas Oeller

    2020/05/09 at 14:56

    „Inchon“ würde mir einfallen, oder auch „MacArthur – Held des Pazifik“ (da kommt er zumindest vor)

     
  2. Alexandra Jotter

    2020/05/03 at 15:27

    Ein richtig guter ist z.b – Brotherhood (2004 )
    Oder auch
    Opium War ( 2008 )

     
  3. Björn 8 Kramer

    2020/05/02 at 15:37

    sayonara! von 1957

     
  4. Michael Behr

    2020/05/01 at 09:55

    Mir fallen da leider auch nur die schon genannten „Brücken von Toko-Ri“ ein. Der Koreakrieg ist nicht ganz so mein Interessensgebiet.

     
  5. Jens

    2020/05/01 at 09:27

    Puh, gar nicht mein Bereich…

     
  6. Markus Tump

    2020/05/01 at 08:23

    RED SCARF von 1964.

     
    • V. Beautifulmountain

      2020/05/03 at 16:29

      Den kenne ich gar nicht. Guter Tipp, auch wenn er belegt, dass du die Frage nur überflogen hast. 😉

       
  7. Andreas H.

    2020/05/01 at 07:21

    „Die Brücken von Toko-Ri“ würde mir da noch einfallen.

     
  8. Frank Warnking

    2020/05/01 at 07:10

    Prisoners of War

     
    • V. Beautifulmountain

      2020/05/03 at 16:28

      Der ist klasse, gehört zu den besten Koreakriegsdramen. Die Frage hast du aber nur oberflächlich gelesen, oder?

       
  9. Horst Becker

    2020/05/01 at 05:50

    Sayonara mit Marlon Brando. Eher ein Liebesdrama als ein Kriegsfilm zu Zeiten des Koreakrieges.
    1958 für 10 Oscars nominiert u.a. Bester Film, Regie, Hauptdarsteller.
    Bekommen hat er dann 4, keinen in den Topkategorien, aber u.a. einen für Red Buttons („Pockets“ aus Hatari) für den besten Nebendarsteller.
    Teilweise ne richtige Schmonzette, aber ich seh den ganz gern.
    Ach ja, ein noch recht junger James Garner ist da auch dabei.

     

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