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Zum 65. Geburtstag von Amanda Plummer / Terry Gilliam (VI): König der Fischer – Der Heilige Gral in der Fifth Avenue

23 Mär

The Fisher King

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // Der New Yorker Jack Lucas (Jeff Bridges) ist der zynische Star unter den Radiomoderatoren. Sensibel geht anders, wenn ihn Hörer anrufen, die sich Lebenshilfe erhoffen. Eine Hörerin, die berichtet, ihr Ehemann treibe sie in den Wahnsinn, weil er sie stets unterbreche und ihre Sätze beende, unterbricht er und beendet ihre Sätze. Jacks schüchterner Stammhörer Edwin Malnick (Christian Clemenson) meldet sich mal wieder und erzählt dem Moderator davon, er habe in der angesagten Bar „Babbitt’s“ in Manhattan eine schöne Frau kennengelernt. Jacks Reaktion besteht aus abfälligen Bemerkungen über die Yuppies, die in der Bar ein und aus gehen. Die treiben es nur unter sich. Das ist die Yuppie-Inzucht, deswegen sind die auch alle degeneriert und tragen die gleichen Klamotten. Das sind keine Menschen. Sie empfinden keine Liebe. (…) Man muss sie aufhalten, bevor es zu spät ist. Sie oder wir überleben! Das nimmt sich Edwin zu Herzen: Er betritt eine angesagte Bar in Manhattan und schießt sieben Gäste über den Haufen, bevor er sich selbst mit einem Kopfschuss richtet. Das beendet Jacks Karriere von jetzt auf gleich.

Der obdachlose Retter

Drei Jahre später vegetiert Jack depressiv und dem Alkohol ergeben vor sich hin. Ohne seine Freundin Anne (Mercedes Ruehl) wäre er wohl schon tot. Die Videothekenbesitzerin lässt ihn in ihrem Laden jobben und erträgt seine Launen. Eines Nachts, als er sich wieder einmal volllaufen gelassen hat und dem Selbstmord nah glaubt, bemerken ihn zwei gewalttätige Typen, die kurzerhand beschließen, Jack anzuzünden. Die Rettung naht in Gestalt von Parry (Robin Williams), einem gar wunderlichen Obdachlosen, der sich der Suche nach dem Heiligen Gral verschrieben hat und immer wieder Visionen eines bedrohlichen roten Ritters erleidet.

Was hältst du eigentlich von der Todesstrafe, alter Mann?

Tod ist auf alle Fälle ’ne Strafe. ’n Scheiß Geschenk isser jedenfalls nicht.

Solche Weisheiten bekommt Jack bei den Obdachlosen zu hören, zu denen Parry gehört. Als der Ex-Moderator am nächsten Morgen in einem rumpeligen Kellerraum erwacht, in welchem Parry haust, erzählt der ihm alsbald einen vom Pferd: Ich saß gerade auf dem Donnerbalken und hatte wieder einen äußerst befriedigenden Stuhlgang. Du weißt, einen der schon fast mystisch ist. Solche Dialoge durchziehen „König der Fischer“. Schon bald wird Jack erfahren, dass ihn etwas mit Parry verbindet (wir erfahren es frühzeitig, ich lasse es dennoch außen vor).

Amanda Plummer!

Auftritt Amanda Plummer! Sie ist die Lydia, eine linkische und missmutige Buchhalterin, die täglich einsam ihren ungeliebten Bürojob antritt und während ihrer Mittagspause aus der Ferne von Parry angehimmelt wird. Fürwahr keine Sympathin, und lange Zeit fragen wir uns, was der Gute wohl an ihr findet. Aber wo die Liebe nun mal hinfällt! Nach und nach erwärmt sich auch das Filmpublikum für die spröde Lydia, und das ist natürlich ein Verdienst von Amanda Plummer. Wenn Parry Lydia vor ihrer Haustür diese wunderschöne Liebeserklärung macht (irgendwie enthüllt er ihr natürlich, ein Stalker zu sein), verliebt man sich gleich ein wenig in sie mit.

Honey Bunny

Amanda Plummer verkörpert gern abseitige, etwas neben der Spur stehende Figuren. Wer erinnert sich nicht gern an Yolanda alias Honey Bunny in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ (1994)? Any of you fucking pricks move, and I’ll execute every motherfucking last one of you! Als Tochter der Schauspielerin Tammy Grimes („Rendezvous mit Leiche“) und des Schauspielers Christopher Plummer („Knives Out – Mord ist Familiensache“) debütierte die am 23. März 1957 in New York Geborene 1981 im Western „Zwei Mädchen und die Doolin-Bande“ an der Seite von Burt Lancaster, Rod Steiger, Diane Lane und Scott Glenn auf der großen Leinwand. Neun Jahre vor „König der Fischer“ spielte sie in „Garp und wie er die Welt sah“ (1982) bereits mit Robin Williams in einem Film zusammen. Für die ganz großen Preise ist ihre Rollenwahl vielleicht zu speziell. Jedenfalls hatte die Academy sie bislang noch nicht für einen Oscar auf dem Zettel, und ihre einzige Golden-Globe-Nominierung datiert von 1993 für ihre Nebenrolle in dem Fernsehfilm „Miss Rose White“. Dafür sprechen drei Primetime Emmys für drei unterschiedliche Rollen eine deutliche Sprache: 1992 für die erwähnte Nebenrolle in „Miss Rose White“, 1996 für einen Gastauftritt in „Outer Limits – Die unbekannte Dimension“ und 2005 für ihren Auftritt in der Krimiserie „Law & Order – Special Victims Unit“.

Im deutschen Independentfilm aktiv

Die Gute hat sogar ein Herz für den deutschen Independentfilm bewiesen. Okay, vielleicht auch nur für den deutschen Independentfilmer Linus de Paioli, in dessen Thrillern „Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln“ (2011) und „A Young Man with High Potential“ (2018) sie tragende Nebenrollen übernahm. Am 23. März 2022 feiert Amanda Plummer ihren 65. Geburtstag. Kein Grund, in Rente zu gehen, meine Dame!

Ein famoses Quartett

Zurück zum „König der Fischer“: Amanda Plummer hier aufgrund ihres 65. hervorzuheben, ist das eine; dass sie in Terry Gilliams Tragikomödie Mitglied eines grandiosen vierköpfigen Ensembles ist, ist das andere. Zugegeben, der suizidale Zyniker mit der tiefen Schuld und der traumatisierte Gralsritter geben für Jeff Bridges und Robin Williams dankbare Rollen ab. Aber man muss sie auch erst mal derart intensiv ausfüllen, wie die beiden späteren Oscar-Preisträger (Bridges 2010 für „Crazy Heart“, Williams 1998 für „Good Will Hunting“) das gelingt. Im Falle von „König der Fischer“ wurden sie allerdings 1992 bei den Oscars von der Vierten im Bunde überflügelt: Mercedes Ruehl freute sich über den Academy Award als beste Nebendarsteller (Williams war immerhin als Hauptdarsteller nominiert, unterlag aber Anthony Hopkins in „Das Schweigen der Lämmer“). Ruehls Videothekenbesitzerin Anne ist zweifellos die Stärkste des Quartetts. Sie ist Geschäftsinhaberin und hält es mit einem versoffenen Stinkstiefel wie Jack aus, wobei man sich fragen darf, weshalb sie ihn nicht längst in den Wind geschossen hat und weshalb es sie überhaupt zu ihm hingezogen hat – kennengelernt haben sich die beiden offenbar erst, als er längst schon ein Wrack war. So oder so: Mercedes Ruehl ist hinreißend! Den Golden Globe hatte sie für ihre Rolle ebenfalls erhalten (Robin Williams übrigens auch). Wenn Jack Anne zwischenzeitlich den Laufpass gibt, weil er gerade mal wieder obenauf ist, leidet man mit ihr mit, und jeder Satz sitzt, den sie ihm sagt. Das ist Mercedes Ruehls Verdienst! Und wir nehmen es ihr auch ab, dass sie ihn später doch wieder zurücknimmt (man verzeihe mir den Spoiler). Bedauerlich, dass ihre Karriere im Anschluss nicht weiter Fahrt aufnahm. Immerhin ist sie bis heute gut beschäftigt, seit der Jahrtausendwende vornehmlich fürs US-Fernsehen.

Terry Gilliam dreht in den USA

Für Terry Gilliam lohnte es sich, für seine zweite Gralssuche nach „Die Ritter der Kokosnuss“ (1975) erstmals in den USA zu drehen, und das auch noch für ein großes Studio, und erstmals das Drehbuch eines anderen zu verfilmen: In Venedig, wo „König der Fischer“ am 10. September 1991 seine Weltpremiere feierte, gewann er zwar nicht den Goldenen, aber immerhin den Silbernen Löwen, dazu den Kleinen Goldenen Löwen (wofür auch immer es diesen gibt). Mercedes Ruehl erhielt dort übrigens den Pasinetti Award als beste Darstellerin. Drei Tage später wurde Gilliam beim Toronto International Film Festival mit dem People’s Choice Award prämiert.

Schweift „König der Fischer“ ab?

Roger Ebert war im September 1991 nicht angetan: „The Fisher King“ sei ein desorganisierter, weitläufiger und exzentrischer Film, der einige Momente der Wahrhaftigkeit enthalte, einige Momente des Humors und viele Momente des Abschweifens. Ob der Kritikerguru der Chicago Sun Times seine Meinung bei späteren Sichtungen des Films revidierte, ist nicht überliefert (zumindest mir nicht bekannt). Mit dem Attribut exzentrisch liegt er immerhin richtig. Dass Terry Gilliam häufig abschweift, ist mir hingegen bei meinen diversen Sichtungen nicht aufgefallen. Die vielen überbordenden Ideen dienen vielmehr stets dem großen Ganzen. Das Ex-Monty-Python-Mitglied Gilliam verarbeitet in seinem märchenhaften Werk große Themen wie Schuld und Sühne, Liebe und Freundschaft und auch Auferstehung zu einem fantasievollen, lebensbejahenden Ganzen. Das Finale gleitet dann fast schon in Wohlfühlgefilde ab. Hm – irgendwie tut es das tatsächlich, aber wer will das Terry Gilliam verdenken? Wir haben es diesem Quartett die ganze Zeit gewünscht!

Anfortas und der Gralsritter

Der Filmtitel bezieht sich im Übrigen auf Anfortas, eine Sagengestalt aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts entstandenen Versroman „Parzifal“ des Wolfram von Eschenbach. Anfortas ist in Buch fünf des Werks der Hüter der Gralsburg und wird Fischerkönig genannt, weil er fischen geht. Als Parzifal auf der Burg zu Gast ist, unterlässt er es, den siechen Anfortas nach seiner Verwundung zu fragen. Dies hätte den Burgherrn und sein Gefolge erlöst und Parzifal Ruhm und Ehre eingebracht. Parry erzählt Jack während eines nächtlichen Aufenthalts im Central Park eine Variation dieses Bestandteils der Gralslegende. Parry ist fürwahr Parzifal, der Erlöser von Jack, dem „König der Fischer“.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Amanda Plummer und Mercedes Ruehl unter Schauspielerinnen, Filme mit Jeff Bridges und Robin Williams in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 13. Juni 2013 als Blu-ray, 11. November 2003 als DVD

Länge: 138 Min. (Blu-ray), 132 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Fisher King
USA 1991
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Richard LaGravenese
Besetzung: Robin Williams, Jeff Bridges, Mercedes Ruehl, Amanda Plummer, Tom Waits, Michael Jeter, Christian Clemenson, David Hyde Pierce, John de Lancie
Zusatzmaterial: Trailershow
Label/Vertrieb Blu-ray: Sony Pictures Entertainment
Label/Vertrieb DVD: Columbia/TriStar

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Doppel-Packshot: © 2013 Sony Pictures Entertainment

 
 

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Eine Antwort zu “Zum 65. Geburtstag von Amanda Plummer / Terry Gilliam (VI): König der Fischer – Der Heilige Gral in der Fifth Avenue

  1. Christoph Wolf

    2022/03/28 at 06:57

    Ein wunderbarer Film!

     

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